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Aufgabenspektrum LEOPARD 2

2015-05-25 11:10
von Redaktion
Band-5

Einsatz des Kampfpanzers LEOPARD 2 im gesamten Aufgabenspektrum

Fähigkeiten und Forderungen der Panzertruppe

Von Matthias Knabe
Matthias Knabe
Matthias Knabe

Mit der deutschen Wiedervereinigung verfügte das Heer über 5.200 Kampfpanzer. Im Heer der Zukunft werden es mit 350 weniger als 7 Prozent davon sein. Das berechtigt zu fragen, wie diese Zahl abgeleitet wurde und ob sie immer noch zu hoch oder nach den jüngsten Erkenntnissen sogar schon zu gering ist. Hat der Kampfpanzer nach dem Ende der Blockkonfrontation ausgedient oder kann er auch in Zukunft noch einen Beitrag zum Fähigkeitsspektrum der Streitkräfte leisten? Bietet er vielleicht sogar wesentliche, für aktuelle und zukünftige Aufgaben unentbehrliche Fähigkeiten und welche Anpassungen sind erforderlich, um sie bestmöglich zur Wirkung bringen zu können? [Bild 1]

Zwei Kampfpanzer Leopard 2 beim scharfen Schuss
Bild 1

Die Erkenntnis, dass wir uns gegen einen massiven Angriff aus dem Osten nicht mehr wappnen müssen, ist längst Allgemeingut geworden. Die Reduzierung mechanisierter Großverbände war eine logische Konsequenz dieser Entwicklung. Dass die Risiken und Gefahren für die Sicherheit global geworden sind, ist zwar ebenfalls eine Binsenweisheit, jedoch tritt diese nur allmählich zutage. Was weltumfassende Unsicherheit bedeutet, hat der 11. September 2001 überdeutlich offenbart: Im fernen AFGHANISTAN ausgebildete und von einem internationalen Netzwerk gesteuerte und finanzierte Terroristen führten einen militärischen Schlag gegen das politische und finanzielle Zentrum der westlichen Welt. Spätestens jetzt war es unübersehbar, dass nicht nur Wirtschaft, Kapital und Kommunikation global operieren, sondern eben auch organisierte Kriminalität und Terror. Geografie bietet keinen Schutz mehr. Was in den Krisengebieten dieser Welt geschieht, kann Europa und die Bundesrepublik Deutschland genauso unmittelbar berühren, wie es das bisher als unverwundbar geltende Amerika schockiert hat. Die deutsche Sicherheitspolitik hat sich darauf eingestellt und erkannt, dass Deutschland eben "auch am Hindukusch" verteidigt werden muss; will heißen: dort, von wo aus Risiken und Gefahren für die Sicherheit zu erwarten sind.

Die verteidigungspolitischen Richtlinien aus dem Jahr 2003 wurden an diese neuen Risiken angepasst und zielen auf die Vorbeugung und Begrenzung von Krisen und Konflikten am Entstehungsort ab. Dies ließ die Verlegbarkeit von Kräften und leichte Waffen in den Fokus des Interesses rücken. In der Annahme, mit leichten Kräften möglichst flexibel auf Krisen und Konflikte reagieren zu können, flossen Rüstungsgelder und vor allem Schöpfungsgeist in ihre Entwicklung. Die Komplexität möglicher Szenarien und die in unterschiedlichen Intensitäten ablaufenden Gefechtshandlungen innerhalb eines Einsatzes sind hingegen unzureichend betrachtet worden, obwohl es bereits Erfahrungen unserer alliierten Freunde, u.a. in MOGADISHU, gab, die den Einsatz von nur leichten Kräften in Frage stellten. Überdeutlich wurden die tatsächlichen Anforderungen an die Streitkräfte dann im IRAK-Krieg, in dem die mechanisierten Verbände, also Kampf- und Schützenpanzer, sowohl in der Anfangsoperation wie auch in der nachfolgenden Stabilisierungsoperation eine Hauptlast der Gefechte zu tragen hatten und haben. Ihr Schutz, ihre Beweglichkeit und ihre überlegene Feuerkraft erwiesen sich als unverzichtbare Komponenten.

Skizze der Bevölkerung in Prozent in städtischen Gebieten
Bild 2

Mit den "neuen Kriegen" änderte sich auch das Einsatzumfeld grundlegend. War es in der Vergangenheit das bewegungsgünstige Gelände, fernab von Bebauung und Bewuchs, so lässt sich seit Jahren zunehmend feststellen, dass den Operationen in urbanem Umfeld eine immer größer werdende Bedeutung zukommt. Untersuchungen zur demografischen Entwicklung prognostizieren, dass bis zum Jahr 2020 bis zu 75% der Weltbevölkerung in Städten leben wird. Auch die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentren von Staaten konzentrieren sich in urbanem Umfeld. Das extreme Bevölkerungswachstum, insbesondere in ressourcenschwachen und wirtschaftlich wenig entwickelten Gebieten, sowie die allgemeine Abkehr von der traditionellen Agrarwirtschaft bei gleichzeitig zunehmender Industrialisierung und Migration der Landbevölkerung in urbane Ballungsräume birgt ein Konfliktpotential, welches Operationen in urbanem Umfeld immer wahrscheinlicher macht. [Bild 2]

Das urbane Umfeld unterscheidet sich jedoch augenfällig vom einst klassischem Gefechtsfeld. Es reicht von Metropolen mit hoch entwickelter und vernetzter Infrastruktur bis hin zu ausgedehnten, extrem unübersichtlichen Elendsvierteln mit hoher Bevölkerungsdichte und nur rudimentär vorhandener Infrastruktur. Das urbane Umfeld besitzt auch für bodengebundene Kräfte eine dreidimensionale Charakteristik. Die geringen Sichtstrecken sowie eine erschwerte Aufklärung und Identifizierung des Gegners führen zu geringen Reaktionszeiten, insbesondere in Duellsituationen. Darüber hinaus ist hier Zivilbevölkerung aller kultureller, ethnischer und sozialer Gruppen anzutreffen, die nicht Ziel eigener Operationsführung ist. Dies und die oft unübersichtliche Informationsinfrastruktur erhöhen die Gefahr von Kollateralschäden. Die Bedrohungslage in urbanem Umfeld ist häufig von asymmetrisch kämpfenden Gegnern geprägt, die mit Handwaffen und Panzerabwehrhandwaffen, Minen und Sprengfallen sowie terroristischen Sabotageakten wirken. In urbanem Umfeld finden sie Deckung, Untertauchmöglichkeiten und optimale Kampfentfernungen für ihre Hauptwaffensysteme. Nicht zu vernachlässigen ist auch die Bedrohung, die von biologischen und chemischen Stoffen ausgehen kann, insbesondere im Umfeld industrieller Produktionsanlagen oder durch den Ausbruch von Krankheiten und Seuchen.

Obwohl jahrzehntelang nahezu ausgeblendet, ist der Einsatz von Streitkräften in urbanem Umfeld nicht neu. Bereits 1944 entwickelten die amerikanischen Streitkräfte einen "Leitfaden MOUT" (Military Operations in Urban Terrain), der die Erfahrungen der Gefechte um die Stadt AACHEN zusammenfasste. Ähnliche Leitfäden wurden auch während des KOREA-Krieges (SEOUL, 1951) und des VIETNAM-Krieges (HUE, 1968) erstellt. Den hier genannten Konflikten ist gemein, dass urbane Operationen die Ausnahme der Gefechtshandlungen darstellten. Waren sie dennoch nötig, bewährten sich die Taktiken und Techniken der sonst vorherrschenden Kampfweise (z.B. Dschungelkampf) nicht, so dass reagiert werden musste. Immer hat sich dabei ein enges Zusammenwirken zwischen Panzertruppen und Infanteriekräften als besonders zweckmäßig herausgestellt.

Panzer und Soldaten in einer zerstörten Ortschaft
Bild 3

Jedoch fanden diese Einsatzgrundsätze für urbane Operationen nie Eingang in die Führungsvorschriften der Streitkräfte. Auch andere Armeen machten in der Vergangenheit Erfahrungen mit militärischen Operationen in urbanem Umfeld. So hat sich für die israelischen Streitkräfte, u.a. in GAZA, gezeigt, dass die Intensität der Auseinandersetzungen in urbanem Umfeld von einer auf die andere Sekunde wechseln kann. Auch ISRAEL setzt seine Panzertruppen in urbanen Operationen ein und hat den MERKAVA, das Hauptwaffensystem der israelischen Panzertruppe, seit 1990 gezielt auf die besonderen Gefährdungen und Risiken in urbanen Konflikten optimiert. Weitere Beispiele kennen wir aus GROSNY, aus den jüngeren Konflikten im IRAK, in AFGHANISTAN und auch die Bundeswehr setzte den Kampfpanzer bereits in Stabilisierungsoperationen (KFOR) ein. [Bild 3]

Leopard 2 A6M in einer Ortschaft beim freinräumen einer Strasse
Bild 4

Bei konsequenter Auswertung aller Erfahrungswerte aus urbanen Operationen wird überdeutlich, dass Panzertruppen in urbanem Umfeld einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen von Operationen jedweder Intensität leisten können und beim Kampf in und um Städte und Ortschaften unverzichtbar sind. Ein Einsatz von nur leichten Kräften in urbanem Umfeld würde ohne Unterstützung durch Panzertruppen, wie in MOGADISHU, verlustreich und nicht Erfolg versprechend sein. Er ist deshalb grundsätzlich auszuschließen. Die Panzertruppe als Teil der Panzertruppen (Panzer- /Panzergrenadiertruppe) muss als Hauptträger des beweglich geführten Gefechts ihre Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung erhalten. Das wahrscheinlichere Einsatzspektrum in der absehbaren Zukunft reicht jedoch von Hilfseinsätzen über Friedensmissionen mit unterschiedlicher Bedrohungs- und Konfliktintensität bis hin zu friedenserzwingenden Maßnahmen im weltweiten Einsatz, auch unter schwierigen Gelände-, Sicht- und Klimabedingungen. Die hohe Überlebensfähigkeit der Besatzung und die Durchsetzungsfähigkeit des Kampfpanzers gegenüber modernen gegnerischen Waffensystemen ist dabei neben der psychologisch erheblich einzuschätzenden Abschreckungswirkung im Vorfeld von Konflikten eine entscheidende Voraussetzung für die schnelle Konfliktbewältigung und – beendigung. Der Auftrag der Panzertruppe in diesen Einsätzen ist es, friedenskonsolidierende Maßnahmen eskalationsfähig durchzusetzen. Mit dem Kampfpanzer LEOPARD 2 verfügt der militärische Führer vor Ort über ein überaus leistungsfähiges und abschreckendes Mittel zur Erhaltung und Wiedergewinnung seiner Handlungsfreiheit unter bestmöglichem Schutz der Besatzung. Seine elementaren Stärken: Schutz, Feuerkraft und Beweglichkeit, waren bisher auf Stoßkraft und Durchsetzungsfähigkeit im Kampf gegen feindliche Kampfpanzer ausgerichtet. Vor dem Hintergrund der beschriebenen hauptsächlich zu erwartenden Einsatzszenarien in überwiegend bebautem und bewohntem Gebiet sind seine Fähigkeiten in den Kategorien Überlebensfähigkeit und Schutz, Wirksamkeit im Einsatz, Führungsfähigkeit, Unterstützung und Durchhaltefähigkeit, Mobilität sowie Nachrichtengewinnung und Aufklärung jedoch eingehend zu prüfen und etwaige Fähigkeitslücken zu schließen. Die sich daraus ableitbaren Kernforderungen für die technische Weiterentwicklung des Kampfpanzers LEOPARD 2 sollen nachfolgend erläutert werden. Ein durch die Firma KRAUSS-MAFFEI WEGMANN gebauter Demonstrator des Kampfpanzers LEOPARD 2 PSO (Peace Support Operations), der bereits viele der geforderten Funktionalitäten erfüllt, wurde erstmals am 19. und 20. Juni 2007 in MUNSTER während der Informationslehrübung "Das Heer im Einsatz" dem Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages und der nationalen Presse vorgestellt. [Bild 4]

360 Grad Rundumschutz
Bild 5

Überlebensfähigkeit und Schutz von eigenen Kräften haben in den Einsätzen der Bundeswehr höchste Priorität. Die Panzerung des Kampfpanzers LEOPARD 2 wurde frontal am stärksten ausgelegt und ist gegen die Bedrohung durch feindliche Kampfpanzer optimiert worden. Sie umfasst derzeit ausschließlich passive Maßnahmen. Darüber hinaus ist der Kampfpanzer LEOPARD 2 in der Version A6M auf den Schutz gegen Minen im Wannenbereich optimiert worden. Gegen die horizontale und dreidimensionale Bedrohung in urbanem Umfeld, z.B. durch Richtminen, Panzerabwehrhandwaffen, Sprengfallen (Improvised Explosive Devices/IED) oder Scharfschützen ist der Kampfpanzer mit seiner unterschiedlich starken Panzerung (geringerer Seiten-, Dach- und Heckschutz) bei langsamen Bewegungen oder im statischen Einsatz derzeit nicht optimal gepanzert, um das Leben der Besatzung wirkungsvoll vor der Wirkung dieser Waffen zu schützen. Das Niveau der Seiten- und Heckpanzerung sowie, in einem zweiten Schritt, des Dachschutzes, muss deshalb mit höchster Priorität angepasst werden. Für diesen Zweck kommen passive und aktive Systeme in Betracht, wobei zurzeit allerdings nur der passive Schutz serienreif ist. Neue Technologien der aktiven Systeme, die sich derzeit noch im Entwicklungsstadium befinden, könnten jedoch vor allem aufgrund des im Gegensatz zu passiven Systemen geringen Gewichtsaufwuchses entscheidende Vorteile bringen. Darüber hinaus müssen die durch gegnerische Scharfschützen bzw. Splitter leicht zu beschädigenden Optiken besser geschützt werden. Weiterhin muss die Besatzung befähigt werden, aus dem gepanzerten Kampfraum heraus eine wirkungsvolle Sekundärbewaffnung zum Einsatz bringen zu können, die auch in höher gelegene Stockwerke sowie in den toten Winkel der Hauptwaffe wirken kann. Dieses könnte durch eine Ladeschützenwaffenstation, die unabhängig von der Hauptbewaffnung durch den Ladeschützen bedienbar ist, ermöglicht werden. Die bereits querschnittlich qualifizierten Waffenstationen für geschützte Transportfahrzeuge eignen sich als Basis und bedürfen lediglich einer Anpassung an das System. Eine permanente Rundumsicht ist in urbanen Einsätzen anzustreben, um die vorhandenen toten Bereiche von Optiken und Winkelspiegeln abzudecken. Um "Friendly Fire" zu vermeiden ist eine automatische Zielerkennung Freund/Feind (ZEFF) zu integrieren. Um den zunehmend zu verzeichnenden Einsatz von Lasern auf dem Gefechtsfeld zu begegnen, ist die Integration einer Warnungs- und Richtungsanzeige erforderlich. Die Zuverlässigkeit der Warnung vor ABCStoffen ist zu erhöhen. [Bild 5]

Bei allen Überlegungen zur Verbesserung des Panzerschutzes darf die persönliche Ausrüstung der Besatzung nicht unberücksichtigt bleiben. Da auch die Verwendung modernster Sensorik und Kamerasysteme den Blick ins Gelände nicht ersetzen können aber und auch aufgrund der Bestrebungen, mit der Zivilbevölkerung in Kontakt zu treten, wird es immer wieder notwendig werden, dass Kommandant und/oder Ladeschütze sich über Luke exponieren. Die mehr als 20 Jahre alte und von den Panzerbesatzungen ungeliebte Sprechhaube bietet dabei weder ausreichenden Schutz noch Tragekomfort. Höchste Priorität hat deshalb die Ausstattung der Panzerbesatzungen mit ballistischen Helmen und Schutzkragen. Modelle dafür sind bereits vorhanden und werden zurzeit auf Tauglichkeit überprüft.

Wirkasamkeit Munition
Bild 6

Die Wirksamkeit im Einsatz umfasst Bewaffnung, Wirkmittel und Mittel zur Zielaufklärung. Die Hauptbewaffnung des Kampfpanzers ist optimiert auf den Kampf gegen feindliche Kampfpanzer modernster Bauart. Der Einsatz des Blendenmaschinengewehrs ist gegen weiche und leicht oder ungepanzerte Ziele, der Einsatz des Fliegerabwehrmaschinengewehrs gegen Flugziele und Bodenziele im Nahbereich vorgesehen. Ziele in urbanem Umfeld, die sich in Häuserzeilen, z.B. in höher gelegenen Stockwerken aufhalten können, kann der Kampfpanzer aufgrund der eingeschränkten Elevierbarkeit mit seinen derzeit verfügbaren Waffen unter Schutz allerdings nicht wirkungsvoll und abgestuft bekämpfen. Für den Einsatz in urbanem Umfeld fehlen dem Kampfpanzer Waffen und Wirkmittel, die unter Luke in alle Richtungen bei Tag und Nacht abgestuft von letal bis nichtletal eingesetzt werden können. Die bereits in der Fähigkeitskategorie Überlebensfähigkeit und Schutz angesprochene Ladeschützenwaffenstation ist natürlich auch hier zu berücksichtigen. Es ist anzustreben, verschiedene Waffen für diese Waffenstation verfügbar zu machen, die vom Maschinengewehr bis hin zur Abschusseinrichtung für nichtletale Wirkmittel reichen können. Für die Bordkanone wird an der Einführung einer HE-Munition (High Explosive) 120 mm festgehalten, um u.a. wirkungsvoll gegen Infrastruktur wirken zu können. [Bild 6]

Um der Bedrohung von allen Seiten in urbanem Umfeld gerecht zu werden und z.B. die Ladeschützenwaffenstation zeitgerecht zum Einsatz bringen zu können, ist, wie bereits erwähnt, eine permanente Rundumsicht erforderlich. Ziel ist es, die Besatzung durch elektronische Hilfsmittel bei ihrem Auftrag zu entlasten und frühzeitigen Ermüdungserscheinungen vorzubeugen. Die Minimierung der Reaktionszeit und damit der Zeit bis zur Bekämpfung des Ziels trägt auch wesentlich zum Schutz der Besatzung bei. Für eine permanente Überwachung des Ortsbereiches wird deshalb eine weitgehend automatisierte Zielerkennung und –verfolgung angestrebt. Ein erster Schritt für die Fähigkeit, Personen und Waffen im Orts- und Nächstbereich bei Tag, Nacht und eingeschränkter Sicht automatisch zu identifizieren ist mit dem Studienprojekt AZEV (automatische Zielerkennung und –verfolgung), welches sich auch außerhalb der Panzertruppe querschnittlich mit der Thematik befasst, bereits gemacht. Eine Weiterentwicklung der bisher verwendeten Wärmebildgeräte erster Generation, die von der Auflösung zu grob sind, um Fahrzeuge auf weite Entfernung und Personen im Nahbereich eindeutig identifizieren zu können, rundet den Forderungskatalog im Bereich Wirksamkeit im Einsatz ab.

Die Führungsfähigkeit umfasst alle Mittel zur Informationsversorgung und Hilfsmittel zur Führung und Feuerleitung des Kampfpanzers. Die Führung gleichzeitiger Operationen unterschiedlicher Intensität sowie das verzugslose und präzise Zusammenwirken insbesondere mit abgesessenen Kräften und anderen Gefechtsfahrzeugen, aber auch mit anderen militärischen Organisationsbereichen sowie mit alliierten Kräften kennzeichnen künftige Einsätze. Führungsorganisationen, Führungsverfahren und insbesondere Führungsmittel müssen danach ausgerichtet sein. Für die Effektivität der Panzertruppe im Einsatz ist eine bedarfsgerechte Informationsversorgung in nahezu Echtzeit vor allem auf der untersten Führungsebene bzw. die Informationsvermittlung in entgegengesetzter Richtung erforderlich. Uneingeschränkte Orientierungsfähigkeit, die Feststellung und Übermittlung von Standort- und Zielkoordinaten parallel zum Sprechfunkbetrieb, die Übermittlung von Daten zur Ortung und Identifizierung eigener und gegnerischer Kräfte sowie Hilfsmittel zur Automatisierung von Bedienungsabläufen ist zur Führung aller eingesetzten Kräfte, ob im Verbund oder als Einzelpanzer, sowie zur Vermeidung von "Friendly Fire" zwingende Voraussetzung. Darüber hinaus kommt in den zukünftig wahrscheinlichen Einsätzen der Kommunikation zwischen auf- und abgesessenen Kräften aufgrund erhöhter Information und des gemeinsamen Vorgehens in einer Feuereinheit eine sehr hohe Bedeutung zu.

Die derzeit vorhandenen Informationsmittel sind auf den Informationsaustausch mit anderen, vor allem mechanisierten, Kräften und Gefechtsständen ausgelegt. Diese werden den zukünftig zu erwartenden Erfordernissen unter Berücksichtigung einer vernetzten Operationsführung in überdehnten Einsatzräumen nicht mehr gerecht. Für die Kommunikation zwischen Panzerbesatzungen und Infanteriekräften (z.B. IdZ) stehen keine geeigneten interoperablen Mittel zur Informationsübertragung am und im Kampfpanzer zur Verfügung. Die erforderliche Schnittstelle ist so auszulegen, dass abgesessene Kräfte bei deren Nutzung lageabhängig den Kampfpanzer zum eigenen Schutz nutzen können.

Führungssystem im Kampfpanzer
Bild 7

Um Wirkungsüberlegenheit zu erreichen und "Friendly Fire" zu vermeiden ist die Anbindung der Gefechtsstände und der Gefechtsfahrzeuge an ein netzwerkgestütztes Informationssystem für einen geschützten Datenaustausch mittels Führungs- und Waffeneinsatzsysteme in nahezu Echtzeit, parallel zum Sprechfunk, erforderlich. Zum einen soll das enge Zusammenwirken mit anderen (besonders abgesessenen) Kräften in urbanem Umfeld, aber auch im Verbund von Aufklärung und Wirkung auf weite Kampfentfernungen sowie der Zugriff auf Datenbanken ermöglicht werden. Hierzu müssen sowohl die auf diesen Führungsebenen eingesetzten Informationssysteme (FüInfoSys H, Fü(W)ES) als auch die genutzten Fernmeldemittel eine verzugsarme Verarbeitung bzw. Übertragung von Daten gewährleisten und auch zur Verfügung stehen. Die derzeitige Funkgerätegeneration ist dazu nur sehr eingeschränkt bis gar nicht in der Lage. Die erforderlichen Anpassungen der Mittel zur Führungsunterstützung sollen mit der Realisierung der noch in der Erarbeitung befindlichen Projekte "Integriertes Führungs- und Waffeneinsatzsystem der Kampftruppen / IFIS" und einer leistungsfähigen IP-gestützten (Internet Protocol) Funkanlage (z.B. Streitkräftegemeinsame Verbundfähige Funkgeräteausstattung / SVFuA) erfolgen. [Bild 7]

Geräusche des Kampfpanzers, Gefechtslärm und Umwelteinflüsse beeinträchtigen die Besatzung bei der Führung und Bedienung des Kampfpanzers. Daher sind bestehende Hilfsmittel zur Reduzierung dieser Beeinträchtigungen durch neue Technologien (z.B. Geräuschunterdrückung in der Sprechfunk- /Bordverständigungs-Anlage) zu optimieren. Die in urbanem Umfeld anzunehmende dreidimensionale 360° Bedrohung sowie die Möglichkeit simultaner Bedrohung aus mehreren Richtungen erfordern einen höheren Überwachungsaufwand der Besatzung. Um diese nicht zu überfordern, sind technische Hilfsmittel vorzusehen, die die Besatzung durch Automatisierung der Beobachtung sowie Einleitung der Bekämpfung unterstützen (z.B. Zieltracker). Alle Hilfsmittel zur Führung und Feuerleitung des Kampfpanzers müssen grundsätzlich bei Tag, Nacht und eingeschränkter Sicht nutzbar sein.

Kampfpanzer Leopard 2 Seitenansicht
Bild 8

Voraussetzung für die Unterstützung und Durchhaltefähigkeit und den Erfolg aller Kräfte im Einsatz ist eine zeitgerechte Bereitstellung von Kräften und Mitteln in erforderlichem Umfang sowie die Fähigkeit, für eine längere Zeitdauer auch unter ABC-Schutz und akuter Minenbedrohung sowie erschwerten klimatischen Bedingungen eingesetzt werden zu können. Darüber hinaus sind benötigte Wasservorräte, basierend auf der Teilkonzeption Wasserversorgung im Einsatz, sowie benötigte Utensilien zur Verrichtung der Notdurft und der Körperpflege bereitzustellen. Ein Verstauraum hierfür auf Basis der für die Panzertruppe erforderlichen Durchhaltefähigkeit von 48 Stunden ist auszuweisen. Der Kampfpanzer LEOPARD 2 ist für die gemäßigten Klimazonen ausgelegt. Einsätze in heißen Klimazonen werden für die Besatzung bei Innentemperaturen bis über 60°C unmöglich. Der Verbesserung der klimatischen Verhältnisse im Kampfpanzer kommt daher eine besondere Bedeutung zu, um die Einsatzbereitschaft der Besatzung zu verlängern und technische Ausfälle zu vermeiden. Die Bundeswehr wird mit dem Projekt Energie- und Kampfraumkühlanlage (EKKA) eine leistungsfähige Kühlung der Besatzung realisieren. Weiterhin soll mit der separaten Energieversorgung die Voraussetzung für weitere Adaptionen geschaffen werden. Bis zur Implementierung dieser Systeme können Kühlanzüge, wie sie z.B. KANADA für seine Panzerbesatzungen in AFGHANISTAN beschafft hat, eine Übergangslösung darstellen. Darüber hinaus zeigen Untersuchungen, dass mit modernen Tarnkits neben einer optimalen Signaturreduzierung ebenfalls eine vorteilhafte Isolierung gegen Wärmeeinstrahlung erreicht werden kann. Doch nicht nur die Wärmereduzierung ist eine Herausforderung in heißen Klimazonen. Die Erfahrungen zeigen, dass die Besatzungen während des Einsatzes in heißen Klimazonen einen vielfach höheren Wasserbedarf haben, so dass über neue Verstaukonzepte im Kampfraum nachgedacht werden muss, um dieses Wasser transportieren zu können. [Bild 8]

In den zukünftig zu erwartenden Einsatzszenarien erhält die Einsatzunterstützung aufgrund • überdehnter Einsatzräume,

  • Eigenständigkeit in der Sicherung
  • urbaner Einsatzräume der zu versorgenden Truppe und der z.T. bestehenden Parallelität im "Three Block War" und
  • neben der Versorgung eigener Kräfte eventuell die Versorgung von Zivilbevölkerung in einem noch nicht befriedeten Bereich einen erweiterten Aufgabenbereich unter gleichzeitiger Erhöhung der Bedrohung. Für die Panzertruppe steht für die Versorgungsdienste der Bataillone kein geschützter Transportraum in erforderlichem Umfang zur Verfügung, um ununterbrochen den Versorgungsbedarf zu decken

Den hohen Ansprüchen von taktischer Beweglichkeit am Boden im Rahmen der Mobilität genügt die Panzertruppe mit ihrem Hauptwaffensystem bis heute. Die taktische Beweglichkeit des Kampfpanzers ist eine seiner wesentlichen Stärken, die entscheidend zur Überlebensfähigkeit der Besatzung beiträgt. Aufgrund seines gewaltigen Aufwuchspotentials, das im wesentlichen auf dem exzellenten Triebwerk in Verbindung mit dem bewährten Fahrwerk beruht, wurde der Kampfpanzer LEOPARD 2 immer wieder an neue Erfordernisse angepasst. Die Adaptierung von Schutz- und Wirkkomponenten am KPz hat jedoch zur Gewichtserhöhung und damit zum Erreichen der Gewichtsobergrenze in der MLC 70 geführt. Die taktische Beweglichkeit des KPz ist eine wesentliche Stärke und trägt entscheidend zur Überlebensfähigkeit bei. Die Adaptierung von Schutz- und Wirkkomponenten am KPz darf nicht zu Einschränkungen der strategischen und operativen Verlegefähigkeit sowie der taktischen Beweglichkeit führen. Die derzeit vorhandene Lufttransportfähigkeit des KPz LEOPARD 2 (z.B. mit Antonov AN-124-100 oder Galaxy) muss beibehalten werden. Dies muss schon bei der Entwicklung berücksichtigt werden. Ein modulartiger Aufbau mit adaptierbaren Einzelkomponenten scheint ein erfolgversprechender Ansatz zu sein.

In urbanen Operationen können unter anderem Barrikaden, Trümmer oder eingestürzte Häuser die taktische Beweglichkeit des Kampfpanzers einschränken. Deshalb ist die Fähigkeit zum Räumen von Hindernissen, z.B. durch die Adaptierung eines Räumschildes, herzustellen. Dabei ist die Fähigkeit zum selbstständigen Räumen von Barrikaden und Hindernissen keineswegs reiner Selbstzweck, sondern kombiniert im Kampfpanzer LEOPARD 2 UrbOp Waffenwirkung mit Mobilität. Dies wiederum ermöglicht nachfolgenden Kräften erst das Vorgehen mit Panzerunterstützung, da derzeit noch keine minengeschützte Räumkapazität zur Verfügung steht.

Die vorhandene Tag-Rückfahrsicht des Kraftfahrers ist auch für den Einsatz bei eingeschränkter Sicht zu ergänzen. Seine strategische Verlegefähigkeit hat der Kampfpanzer LEOPARD 2 A6M bereits mehrfach bewiesen. Sowohl KANADA als auch DÄNEMARK nutzen das Waffensystem in AFGHANISTAN, wohin es mit der auch von DEUTSCHLAND nutzbaren Antonov AN 124-100 im Lufttransport verlegt wurde. [Bild 9]

Kampfpanzer Leopard bei der Luftverladung
Bild 9

Im Rahmen der Nachrichtengewinnung und Aufklärung (NG&A) ist die Erringung eigener Informationsüberlegenheit Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz der Panzertruppe. Sie ist entscheidender Faktor sowohl zur Erreichung von Führungs- und Wirkungsüberlegenheit für die eigene Truppengattung als auch im Verbund mit anderen Kräften. Die Aufklärungsfähigkeit und der Schutz vor feindlicher Aufklärung müssen dieser Forderung künftig gerecht werden. Für die Weiterentwicklung des Kampfpanzers ist die weitere Verbesserung der vorhandenen eigenen Zielaufklärungsfähigkeit bei Tag, Nacht und eingeschränkter Sicht sowie die Einführung zusätzlicher Beobachtungs- bzw. Zielaufklärungsmittel (z.B. Aufzeichnungsmöglichkeit im friedensstabilisierenden Einsatz) erforderlich. Künftig müssen leistungsfähige Sensoren und Detektoren sowohl die Panzerbesatzung als auch den Verbund im Falle feindlicher Aufklärung oder vor Beschuss, z.B. durch Scharfschützen, warnen. Darüber hinaus kommt es darauf an, dass alle Aufklärungsergebnisse aus dem Verantwortungs- und Interessensbereich, die von dritter Stelle gewonnen werden, den Panzerbesatzungen echtzeitnah zur Verfügung gestellt werden können. Um bei den erforderlichen Anpassungen die größtmögliche Flexibilität gewährleisten zu können und somit den KPz den Erfordernissen des jeweiligen Einsatzes anpassen zu können, soll ein modulares Konzept der Türme und / oder einzelner Komponenten dienen.

Skizze Wanne und mehrere Türme Leopard 2
Bild 10

Hierbei werden zwei Lösungsansätze im Rahmen weiterer Untersuchungen verfolgt, auf Grundlage derer dann eine Auswahlentscheidung herbeigeführt werden soll. Beide Lösungsansätze beinhalten als gemeinsame Schnittstelle das Fahrgestell mit dem höchsten Schutzniveaus, das des A6M, das entsprechend mit einem Rundumschutz gegen PzAbwH und IED auszustatten ist. Bei den Türmen gibt es zwei Möglichkeiten der Anpassung dieser an die UrbOp-Fähigkeiten: Um die exzellenten, auf Duellfähigkeit gegen feindliche Kampfpanzer optimierten Türme des A6M nicht verändern zu müssen, könnte man extra füfür diesen Zweck bereitstehende Türme des KPz LEOPARD 2 A4 ("großmodulare Lösung") umrüsten und somit zwei Türme für den Kampfpanzer zur Verfügung stellen. Einen UrbOpTurm und den duellfähigen A6M Turm. [Bild 10]

Die zweite Möglichkeit würde die Adaption einzelner Module ("kleinmodulare Lösung") an den Turm A 6M vorsehen. Generell soll die Umrüstung der KPz LEOPARD 2 A6M zum KPz LEOPARD 2 UrbOp und umgekehrt im Einsatzland mit Truppenmitteln erfolgen können. Insgesamt würde der Kampfpanzer mit den beschriebenen Adaptierungen bei Erhalt seiner klassischen Stärken Schutz, Durchsetzungsfähigkeit und Mobilität, evolutionär weiterentwickelt werden. Dies befähigt die Panzertruppe in besonderer Weise zu einem flexiblen Einsatz im gesamten Aufgabenspektrum bis hin zur robusten Mandatsdurchsetzung, auch in urbanem Umfeld. Der Panzertruppe kommt somit in beiden Kräftekategorien, den Eingreif- und Stabilisierungskräften, auch in Zukunft eine besondere Bedeutung zu. Sie bleibt nach wie vor Träger von beweglich geführten Operationen im gesamten Einsatzspektrum. Die im Hinblick auf die Komplexität von Operationen in urbanem Umfeld und der damit verbundenen dreidimensionalen, asymmetrischen Bedrohung aufgezeigten Fähigkeitslücken müssen kurz- und mittelfristig technisch kompensiert werden. Mittel- und langfristig müssen die technischen Veränderungen und Weiterentwicklungen aber auch dazu genutzt werden, Einzelfähigkeiten der Waffensysteme zu trennen und ein modular aufgebautes, mehrrollenfähiges und vernetztes "Neues Gefechtssystem/System Kampf" zu konzipieren. Dies könnte mit einem ballistischen Grundschutz modular so ausgelegt werden, dass in einem ersten Schritt neueste Technologien aus Sensoren (Optiken/Optroniken), Effektoren (Waffen- und Wirksysteme), Antriebskonzepte und Führungsmittel in bestehende Fahrzeuge integriert und die erforderlichen Schutzstufen im Einsatzland gegen jede Form der Bedrohung bei gleichzeitiger strategischer Verlegefähigkeit erreicht werden. In einem zweiten Schritt könnte dann die Bildung eines Netzwerkes aus Systemen und Robotern erfolgen, welche die erforderlichen Aufgaben autonom, teilautonom oder ferngesteuert erfüllen können. Der Panzersoldat der Zukunft (PdZ) gewinnt dadurch Freiräume, um als Entscheider vor Ort und Koordinator innerhalb dieses Netzwerkes zu fungieren und den Verbund von Aufklärung und Wirkung zum Einsatz zu bringen. Soldaten werden dann nur noch dort eingesetzt, wo es unbedingt erforderlich ist. [Bild 11]

Skizze Schnittstellen Kommandant zum System Leopard 2
Bild 11

Bis dahin, und wir sprechen vom Jahr 2030 ff, bleibt die Panzertruppe mit dem Kampfpanzer LEOPARD 2 Träger eines jeden beweglich geführten Gefechts am Boden. Damit ist die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Panzertruppen bzw. des Kampfpanzers beantwortet.

Major Matthias Knabe war vom 01.04.07 – 31. 03.2008 als PzOffz und AusbOffz im Dez Ausb des Ber WEntwg am AusbZ PzTr (AusbZ MUNSTER) eingesetzt. Er wirkte als Dezernent bei der Bearbeitung von Ausbildungsgrundlagen, Weisungen und Vorschriften der Panzertruppe mit und war CUA -Beauftragter AusbZ MUNSTER, Delegierter des Heeres in der Master Gunner Conference und Sekretär LEOBEN AG Weiterentwicklung. Seit dem 01.04.2008 ist Major Knabe im Lehrgang Generalstabs / Admiralstabsdienst National (LGAN 2008) an der Führungsakademie der Bundeswehr.

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