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Bewegte Zeiten

15.12.2017 14:37
von Marco Pracht
Band-7
Wappen Kommando Heer
Wappen Kommando Heer

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kameraden und Kameradinnen, liebe Freunde der deutschen Panzertruppe,

meinen letzten Wortbeitrag hatte ich mit einer Feststellung begonnen: Wir leben in bewegten Zeiten. Daran hat sich nichts geändert. Mehr denn je gilt es heute, den Kernauftrag des Heeres nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei ist die Ausgangslage nicht leicht.

In diesem Jahr schließen wir die Umgliederung in das „Heer 2011“ ab. Die Rahmenbedingungen zu seiner Planung waren andere als die, denen wir heute gegenüberstehen. Ganz einfach zusammengefasst: Die Einsatzrealität des Jahres 2011 hat die Heeresstruktur geprägt, das Thema Landes- und Bündnisverteidigung spielte keine Rolle.

Abkehr von der Vollausstattung, Erhöhung der infanteristischen Fähigkeiten, Durchhaltefähigkeit in Kontingenten mit einer geplanten Routine von 4 Monaten Einsatz – 20 Monaten Dienst in der Heimat, sowie der Verzicht auf ganze Fähigkeiten waren Bestimmungsgrößen, zusammengefasst in dem Begriff „Tiefe geht vor Breite“. Die ABC Abwehrtruppe wechselte in die Streitkräftebasis, die Heeresflugabwehrtruppe wurde aufgelöst, die Heeresflieger verloren entscheidende Fähigkeiten. Die Pioniere verloren die Sperr- und weitgehend die Sperrräumfähigkeit. Unsere Panzerbataillone verloren ihre Gefechtsstände.

All diese Reduzierungen waren umfassend. Die Ausbildungskapazitäten wurden schon frühzeitig heruntergefahren, freiwerdende Infrastruktur wurde rasch abgegeben, auf viele größere Übungsflächen verzichtet. In langen Diskussionen wurde die Sinnhaftigkeit von Führungsebenen hinterfragt, die Divisionsstäbe überlebten nur, weil sie als Leitkommando für die Einsatzgestellung benötigt wurden. Dies alles ist nur ein Teil der neuen Struktur, alles war den Realitäten der Zeit geschuldet und ist aus diesen Rahmenbedingungen erklärlich.

Diese Rahmenbedingungen haben sich entscheidend geändert, wie sie das in sicherheitspolitischen Fragen immer wieder tun. Der britische Historiker Professor Sir Michael Howard hat es so zusammengefasst:

„Egal wie klar man denkt, es ist unmöglich, den Charakter eines kommenden Konfliktes vorauszusehen. Der Schlüssel ist, dass man nicht so weit daneben liegt, dass es unmöglich wird sich anzupassen, wenn sich dieser Charakter offenbart.“

Der Weckruf von Krim und Ostukraine, die berechtigten Ängste und Sorgen unserer neuen Bündnispartner im Osten und Südosten, aber auch der sorgenvolle Blick auf russische konventionelle Fähigkeiten kamen noch zur rechten Zeit.

In den 25 Jahren, in denen sich der Westen zunehmend auf Stabilisierungsoperationen aller Art optimierte, hat Russland seine konventionelle Kriegsfähigkeit verbessert, neue Waffen entwickelt und beschafft, Konzepte entworfen und erprobt, und alles unternommen, die konventionelle Überlegenheit des Westens zum Ende des Kalten Krieges aufzuheben. In Teilen ist ihm dies gelungen. Die Welt ist unsicherer geworden. Die wesentliche Leistung des Heeres, neben der Sicherstellung aller laufenden Einsätze und einsatzgleichen Verpflichtungen, ist die materielle, personelle und handwerkliche Wiedererlangung der Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung, um gegen einen technologisch gleichwertigen, zahlenmäßig eventuell sogar überlegenen Gegner im Gefecht bestehen zu können.

Dazu müssen wir uns auf das abstützen, was wir heute haben, und neues dazugewinnen. Es geht nicht nur um die Beschaffung von Systemen – es gilt auch, Neues zu integrieren, Vorschriften und Konzepte zu überarbeiten, Stäbe und Truppe zu beüben. Die Zeit der „kleinen Zahlen“ ist vorbei, wir brauchen in den kommenden Jahren einen klaren und spürbaren Zulauf von Material, mit dem wir den anwachsenden Personalkörper ausrüsten können.

Das gesamte Spektrum ist zu bedenken, die Rolle der Reserve ist neu zu definieren, Heimatschutz zu planen, die Unterstützung ausländischer Verstärkungskräfte vorzubereiten. Vor allem aber müssen die Organisationsbereiche abgestimmt vorgehen – eine Brigade, für die nicht hinreichend Sanität zur Verfügung steht, und deren Versorgung über weite Entfernung nicht sichergestellt ist, ist nicht einsatzbereit. Führungsfähigkeit, Munitionsbevorratung, Rettungsketten und Instandsetzungsleistungen sind entscheidende Faktoren, und auch gesicherter Eisenbahntransport hat strategische Bedeutung.

Es gilt, Übungsplätze zu erhalten und Infrastruktur zu sichern. Die Kapazitäten der Ausbildungsorganisation müssen aufgestockt werden. Und wir müssen üben, in Stabsarbeit und mit Volltruppe.

Unsere Männer und Frauen leisten Hervorragendes, wenn sie gefordert werden. Bei der Aufstellung eines einsatzbereiten Gefechtsverbandes in Litauen brauchten wir uns vor niemandem zu verstecken, waren im Gleichschritt mit den Amerikanern. Es war beeindruckend, im Mai den Übergang des Panzergrenadierbataillons 122 über einen Nebenarm der Memel, die Neris, nach Abschluss eines Verzögerungsgefechtes zu beobachten. Für unsere Kampftruppenbataillone werden derartige Übungen mit Volltruppe im Rahmen der Enhanced Forward Presence in Litauen einen erheblichen Ausbildungsgewinn erbringen.

Lassen Sie mich schließen mit ein paar Gedanken zu einem anderen aktuellen Thema, das viele von uns berührt – natürlich auch mich. Wir stehen heute erneut in einer Traditionsdiskussion, der bestehende Traditionserlass wird überarbeitet werden. Viele von uns denken an die Traditionsdiskussion um den Volkstrauertag in Munster zurück. Die Reaktionen sind teilweise sehr emotional, sie reichen bis zur indirekten Aufforderung zum Ungehorsam. Dies kann so nicht richtig sein.

In der Folge einiger durch die Medien getragenen Ereignisse zum Jahresbeginn hat sich zur Jahresmitte Druck aufgebaut, auf den zum Teil übereilt und unter zu hohem Zeitdruck reagiert wurde. Das war nicht hilfreich, und es sind auch Fehler gemacht worden. Aber Klagen hilft hier nicht. Es ist nun wichtig, die Diskussion wieder in sachgerechte Bahnen zu lenken und Verantwortung da anzusiedeln, wo sie hingehört. Sie muss dort allerdings auch wahrgenommen werden !

Es ist richtig, den Traditionserlass zu überarbeiten. Er stammt in seiner gültigen Form aus der Zeit vor der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes. Die Rolle der alten und der neuen Bundeswehr, die Entwicklungen in und um Deutschland und das Verhältnis zu DDR und NVA müssen geklärt werden, hier brauchen wir Antworten für die Erziehung unserer jungen Soldaten.

Bei all dem dürfen wir nicht vergessen, dass zwischen Geschichte und Tradition ein gewaltiger Unterschied besteht. Geschichte ist da, sie verändert sich nicht, sie hat ihre guten und natürlich auch schlechten Seiten. Sie wird interpretiert, verfälscht, überbetont, aber sie kann nicht verändert werden. Es ist immer wieder die Aufgabe, die Lehren aus ihr zu ziehen, damit Gutes erhalten und Fehler nicht wiederholt werden. Hier entsteht Tradition. Richtungsweisendes, Bewahrenswertes und Wertvolles zu identifizieren ist eine fortwährende Aufgabe. Denn Tradition darf nicht versteinern, sie gehört immer wieder auf den Prüfstand. Das hat mit Zeitgeist nichts zu tun – und wo es das doch tut, muss angemessen gegengehalten werden.

Traditionen sind aber nur bewertbar, wenn Geschichte beherrscht wird. Und hier fehlt mir beizeiten der kritische Dialog. Allzu oft wird leider aus der Geschichte herausgenommen, was der eigenen Argumentation dient. Und allzu oft erlebe ich gerade bei jungen Deutschen eine erschreckende Unkenntnis der eigenen Geschichte. Das sieht bei unseren Nachbarn anders aus. Ich bitte Sie alle, an dieser Diskussion ohne Emotion und ohne Pauschalurteile teilzuhaben. Traditionen sollen ein Beispiel geben, sie sollen leiten und lehren. Nur so können sie helfen, Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen

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