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Bundeswehr im Einsatz

2015-06-01 17:36
von Redaktion
Band-5
Generalleutnant Rainer Glatz
Generalleutnant Rainer Glatz

Generalleutnant Glatz, Befehlshaber des Einsatzführungskommandos aus Potsdam, informierte die rund 200 hochrangigen Gäste im Rahmen des "Tages der Panzertruppen" am Ausbildungszentrum MUNSTER über die aktuelle Lage in den Einsatzgebieten der Bundeswehr.Zu Beginn seines Vortrages brachte der General seine Freude darüber zum Ausdruck als "gelernter" Panzergrenadier, (KpChef im PzGrenBtlt 72 und Kommandeur PzGrenBtl 12), an der Alma Mater der Panzertruppen zu den Einsätzen, die ja in ganz besonderem Maße die Kampftruppen fordern, vor diesem Gremium sprechen zu dürfen.

Einsatzplanung und Führung

Zu Beginn erläuterte Generalleutnant Glatz den allgemeinen Auftrag des Einsatzführungskommandos, die Nationale Einsatzplanung und Führung auf operativer Ebene."Wir kümmern uns um alle Führungsangelegenheiten auf nationaler Ebene", so der Generalleutnant.

Einleitung Vortrag Befehlshaber
Vortrag Befehlshaber

In diesem Zusammenhang ging er auf die Organisation des Einsatzführungskommandos ein und erläuterte dem Auditorium, dass zusätzlich zu den tatsächlich im Einsatz befindlichen Soldaten noch fast zweimal so viel Personal mit der Einsatzvorbereitung-, Nachbereitung und Unterstützung beschäftigt sei. Es handele sich um: "... fast 32.000 Soldaten, die durch Einsatz oder Einsatzunterstützung gebunden sind". Im Anschluss ging Generalleutnant Glatz auf die verschiedenen Einsatzgebiete der Bundeswehr näher ein.

KOSOVO - Eine europäische Angelegenheit

Die Befehlsstruktur der Bundeswehr
Die Befehlsstruktur der Bundeswehr

Die deutschen Einsatzkontingente auf dem BAlKAN umfassen derzeit knapp 2.250 Soldatinnen und Soldaten. Zudem "Bundeswehr im Einsatz " stellt DEU zusammen mit AUT ein Reservebataillon in Stärke von 650 Soldatinnen und Soldaten bereit, welches kurzfristig in die Einsatzgebiete verlegt werden kann.Die Bundeswehr ist hier seit 1999 im Einsatz. Im KOSOVO stellt DEU mit ca. 2.100 Soldatinnen und Soldaten das größte Kontingent vor ITALIEN (1.900) und den USA (1.400). Im Einzelnen führte er dazu aus: Grundsätzlich hat sich nach der Unabhängigkeitserklärung vom 17. Februar 2008 die Lage im KOSOVO positiv entwickelt. Dennoch zeigen jüngste, zum Teil auch gewaltsame, Auseinandersetzungen im Norden des Landes, dass das KOSOVO weiterhin auf die Unterstützung durch die Internationale Gemeinschaft angewiesen bleibt.

Insbesondere KFOR bleibt unverändert ein wichtiger Garant für Frieden und Stabilität im KOSOVO und der Region. Als militärische Säule im System des vernetzten Ansatzes (comprehensive approach) zum Aufbau und zur Festigung eigenstaatlicher Strukturen sichert KFOR das dazu erforderliche sichere Umfeld. Die generell positive Sicherheitslage im Kosovo, die bereits erzielten Fortschritte beim Aufbau der europäischen Polizeitruppe EULEX und der fortschreitende Aufbau der kosovarischen Sicherheitsstrukturen erlauben auch nach DEU Bewertung nunmehr den Übergang von KFOR in ein reduziertes Einsatzprofil noch in diesem Jahr.

Aktuell im Einsatz befindliche Soldaten
Aktuell im Einsatz befindliche Soldaten

Vor dem geschilderten Hintergrund der verbesserten Gesamtlage und einer durchaus positiven Prognose für die weitere Entwicklung, hat auch DEU im Rahmen der NATO für die Einleitung einer ersten Reduzierung von KFOR zugestimmt. Dieser Anpassungsprozess bedeutet im Kern eine signifikante Reduzierung der präsenten Einsatzkräfte bei gleichzeitiger Verdichtung des Netzes zur Bestimmung eines aktuellen Lagebildes im Sinne eines Frühwarnsystems, um auf mögliche krisenhafte Entwicklungen gezielt reagieren zu können. KFOR rückt damit nach der KOSOVO Police (KP) und EULEX insgesamt weiter deutlich in den Hintergrund (third responder).

Die Truppenstärke von derzeit ca. 14.000 Soldatinnen und Soldaten soll in einem ersten Schritt bis Ende Januar 2010 auf unter 10.000 zurückgeführt werden. Bezogen allein auf deutsche Soldaten hieße dies, die Truppe vor Ort von ca. 2.100 auf ca. 1.400 Mann zu verkleinern Allerdings betonte der General, dass sowohl der jetzt durch die NATO entschiedene Übergang in ein reduziertes Einsatzprofil für KFOR als auch mögliche weitere Anpassungsschritte in Richtung einer abschließenden Beendigung des militärischen Einsatzes ausschließlich auf Grundlage einer politischen Entscheidung erfolgen. Vor weiteren Zwischenschritten sollen gemäß einhelliger Entscheidung der NATO klare Bedingungen erfüllt werden, die sich an gemeinsam zwischen den Partnern klar definierten Kriterien orientieren, die den vernetzten Ansatz berücksichtigen. Jede weitere Reduzierung ist daher nach Erfüllung der jeweiligen Bedingungen durch den NATO-Rat zu autorisieren.

Abschließend bekräftige der Vortragende, dass Deutschland unverändert zu seinen eingegangenen Verpflichtungen stehen wird. Dies wird durch den breiten parlamentarischen Konsens zum neuen nationalen KFOR-Mandat deutlich unterstrichen. Am 08. September 2009 hat DEU zum nunmehr vierten Mal die Führungsverantwortung über die KFOR Kräfte übernommen. Auch dies unterstreicht das starke DEU Interesse und die Verantwortung für die weitere positive Entwicklung des KOSOVO, aber auch der Region insgesamt. DEU wird sich auch in Zukunft mit einem sichtbaren Kräftebeitrag an KFOR beteiligen. Die Entwicklung und Zukunft des Kosovo ist eine zutiefst europäische Angelegenheit. Sicherheit und Stabilität sind mit militärischen Mitteln allein nicht dauerhaft zu gewährleisten.

Die International Gemeinschaft muss bereit sein, alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente einzusetzen, um die Republik Kosovo bei der Verwirklichung seiner europäischen Perspektive zu unterstützen.

  • "Blueprint KOSOVO" basiert auf der Geberkonferenz 2008 und soll u.a. sämtliche Maßnahmen unter Einbindung der Institutionen im KOSOVO koordinieren. Nicht nur Finanzmittel für die sozioökonomische Entwicklung im Kosovo müssen mobilisiert werden. Die Förderung von Wachstum und Wohlstand im ärmsten Teil Europas wird zur Sicherung der Stabilität im westlichen Balkan beitragen. Die Behörden des Kosovo haben ihr eigenes Programm zur Förderung der sozioökonomischen Entwicklung erstellt, das u.a. auf folgende prioritäre Ziele ausgerichtet ist:
  • Ausbau der Infrastruktur, um den Kosovo besser an den Rest der Region anzubinden,
  • Verbesserung der Bildungsbedingungen für die sehr junge Bevölkerung des Kosovo (in manchen Schulen erfolgt der Unterricht in drei Schichten am Tag) sowie
  • Festigung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in einer multiethnischen Gesellschaft durch den weiteren Ausbau der Institutionen des Kosovo

Entsprechend des "vernetzten" Ansatzes sind zahlreiche Organe ziviler Organisationen und Institutionen im Kosovo tätig. Bereits am 14.12.2007 hatten sich die EUMitgliedstaaten bereit erklärt, das Kosovo aktiv beim Aufbau rechtsstaatlicher Institutionen zu unterstützen und zu diesem Zweck eine Rechtsstaatlichkeitsmission (EULEX Kosovo) zu entsenden. Im Kosovo stabilisiere sich die Lage zusehends, sodass die NATO entschied, die Einsatzstärke des KFOR Kontingents dort in drei Schritten zu reduzieren. Im ersten Schritt solle bis ende Januar 2010 die Stärke des Gesamtkontingents von ca.14.000 auf 10.000 Mann verringert werden. Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass die Entwicklung der Region eine "zutiefst europäische Angelegenheit" sei.

LIBANON – Unterbindung des Waffenschmuggels durch maritime Sicherheit Aufgabe dort sei der Küstenschutz, sowie eine Blockade des Waffenschmuggels und die Ausbildung der Libanesischen Seestreitkräfte. Zu den kritischen Stimmen der Fachwelt, die einwenden, dass der Waffenschmuggel problemlos auf dem Landweg abgewickelt werden könne und der Erfolg der Operationen dort somit fraglich wäre, sagte der Generalleutnant, dass zwar der Waffenschmuggel nicht völlig unterbunden werden könne, dennoch aber "durch den Schutz der Küstenlinie und der Seewege ganz klar ein mittelbarer Effekt ausgehe". Ohne maritime Sicherheit wäre in einem Land wie dem Libanon, dessen Wirtschaft zum großen Teil auf den Seehandel angewiesen sei, keine Entwicklung hin zu mehr wirtschaftlicher Stabilität möglich, sagte Glatz.

Operation ATALANTA am HORN von AFRIKA

"Im Juni 2008 wurde das Projekt ATALANTA aus der Taufe gehoben." Auftrag der durch die EU geführten Operation sei der Schutz von Schiffen, im Speziellen des World Food Programms, welches sich um die humanitäre Versorgung der somalischen Bevölkerung kümmere, sowie Maßnahmen zur Verhinderung von Piraterie, verkündete Generalleutnant Rainer Glatz. Im Großen und Ganzen könne man sagen diese Operation verlaufe erfolgreich. Zwar seien die Überfälle zahlenmäßig nicht weniger geworden, jedoch aber verliefen sie nicht annähernd mehr so erfolgreich für die Piraten, wie vor dem Einsatz.

ISAF-Kontingent in AFGHANISTAN

Deutsche Beteiligung in Afghanistan
Deutsche Beteiligung in Afghanistan

Der eindeutige Schwerpunkt der Ausführungen von Generalleutnant Rainer Glatz bezog sich aber auf das deutsche(DEU) Engagement in Afghanistan (AFG). Am heutigen Tag befinden sich etwa 4.500 Soldatinnen und Soldaten unter Führung des Einsatzführungskommandos im Deutschen Einsatzkontingent ISAF. Die personelle Obergrenze wird aufgrund des derzeitigen Kontingentwechsels mandatskonform leicht überschritten. Der Trend der vergangenen Jahre mit einem jährlichen Zuwachs an sicherheitsrelevanten Zwischenfällen setzt sich weiter fort. Allerdings müssen wir seit Mitte 2008 eine Beschleunigung dieses Prozesses konstatieren, die sich in 2009 verstetigte und – auch wahlbedingt – in den vergangenen Monaten bedenkliche Ausmaße angenommen hat.

Der Blick in den Verantwortungsbereich des Regionalkommandos Nord (RC N)hinein zeigt grundsätzlich den gleichen Trend wie der für Gesamt AFG. Dabei ragen die Provinzen FARYAB und KUNDUZ heraus, in denen eine signifikante Lageverschärfung eingetreten ist.

Während in FARYAB der Negativtrend insbesondere auf die Übernahme der Verantwortung für den Distrikt GHOWRMACH mit Beginn dieses Jahres zurückgeführt werden kann, ist die Lage in KUNDUZ, der ehemaligen TALEBAN-Hochburg im Norden, deutlich vielschichtiger und n.B. des EinsFüKdos auch deutlich kritischer. Neben einer quantitativen Vervielfachung der Zwischenfälle ist für den Großraum KUNDUZ seit Ende April dieses Jahres auch eine qualitative Lageänderung zu konstatieren.

Allein im Großraum KUNDUZ treffen unsere Kräfte auf das gesamte Spektrum des asymmetrischen Kampfes vom altgewohnten "Hit & Run" über improvisierte Sprengsätze, Raketenangriffe, Selbstmordanschläge und seit Frühjahr diesen Jahres auch sogenannte komplexe Angriffe. Gerade diese komplexen Angriffe stellen nach Bewertung EinsFüKdos die neue Qualität im RC N dar. Diese neue Qualität ist gekennzeichnet durch sorgsam vorbereitete Angriffe mit mehreren Dutzend Kämpfern, welche taktisch geordnet vorgehen, die verschiedene Kampfmittel kombinieren (z.B. IED, RPB, Mrs, RAK), denen rasch Verstärkungskräfte zugeführt werden, und die zu Kampfhandlungen über mehrere Stunden befähigt sind. Ursache dieser Entwicklung ist u.a. eine recht erfolgreich aus Pakistan gesteuerte Kooperation der lokalen Militanten in Verbindung mit einem zunehmenden Einfluss der IMU (Islamic Movement of UZB), welche im Raum KDZ bereits vormals eine bedeutende Rolle spielten und welche nunmehr mittels ausländischer Kämpfer die lokalen Aufständischen zunehmend professionalisieren.

Die örtlichen Wiederaufbauteams, die PROVINCAL RECONSTRUCTION TEAMs, PRTs, wurden auf Grundlage des sogenannten "comprehensive approach" geschaffen. Ziel dieses umfassenden, vernetzten Ansatzes ist es, militärische, politische und entwicklungspolitische Komponenten miteinander zu verbinden, um Afghanistan schnellstmöglich in die Lage zu versetzen, die Verantwortung für das Land in eigene Hände zu nehmen. Der interministerielle Ansatz des deutschen Afghanistan Konzepts manifestiert sich in den örtlichen Wiederaufbauteams in KUNDUZ und FEYZABAD. In bisher weniger berücksichtigten Provinzhauptstädten der Provinzen im Norden Afghanistans, ohne örtliche Wiederaufbauteams, ist es dennoch Ziel eines durch Deutschland entwickelten Konzeptes, eine dauerhafte Präsenz sicherzustellen. Ein erstes dieser sogenannten örtlichen Unterstützungsteams, den Provincial Advisory Teams, PAT, ist in TALOQAN, der Hauptstadt der Provinz TAKHAR, durch das örtlichen Wiederaufbauteam KUNDUZ im Februar 2008 aufgestellt worden.

Eines der besten Beispiele für eine wirksame ressortgemeinsame Unterstützung in AFG ist der sogenannte Provincial Development Fund (PDF). Dieser wurde im Dezember 2006 für den Norden AFG eingerichtet und ist derzeit - für Ausgaben im Jahr 2009 – durch die DEU Regierung mit 1.5 Millionen EURO befüllt. Der Fund finanziert Projekte, die entweder durch DEU, vor allem aber auch durch AFG Entscheidungsträger, wie das AFG Provincial Department of Rehabilitation and Rural Development, Community Development Committees oder auch Dorfälteste, vorgeschlagen werden. Über die Finanzierung und Realisierung der Projekte wird in einem gemeinsamen Gremium (Decision Board, bestehend aus 4 DEU und 4 AFG Mitgliedern) beraten und entschieden. Die Durchführung von Projekten erfolgt grundsätzlich durch AFG Auftragnehmer und wird durch DEU Experten beratend unterstützt.

Der Aufbau der nationalen afghanischen Sicherheitskräfte geht weiter voran und wird auch unverändert Schwerpunkt der internationalen und damit auch unserer Anstrengungen sein. Die Unterstützung der nationalen afghanischen Sicherheitskräfte bei dem Aufbau funktionstüchtiger Sicherheitskräfte bleibt Schwerpunktauftrag im Regionalkommando Nord. Hier werden alle bereits aufgestellten nationalen afghanischen Armee Kandaks durch operative Mentoren- und Verbindungsteams begleitet. Hier werden nicht – wie oft missverstanden – Afghanische Truppen ausgebildet, sondern es werden afghanische Ausbilder ausgebildet. Zu diesem Zweck ist die Teilnahme deutscher Ausbilder an Operationen der Afghanischen Nationalen Armee erforderlich. "Da stoßen Kulturen aufeinander, die afghanischen Militärführer legen bei ihren Operationen eine für deutsche zum Teil sehr überraschende Spontaneität an den Tag", so der General.

Zur Zeit engagiert sich Deutschland in insgesamt 8 operative Mentoren- und Verbindungsteams. Kurz- und mittelfristig wird dieses Engagement um 4 operative Mentoren- und Verbindungsteams erhöht. Gleichzeitig wird dem Wunsch Schwedens entsprochen und ein operatives Mentoren- und Verbindungsteam an Schweden abgegeben. Somit wird sich das Engagement Deutschlands auf insgesamt 11 operative Mentoren- und Verbindungsteams erhöhen.

Die Logistikschule der nationalen afghanischen Armee wird unverändert weiter unter deutscher Führung ausgebaut. Der Lehrbetrieb konnte Anfang des Jahres aufgenommen werden. Mit Beginn des 3. Quartals wird Deutschland seine Anzahl der Mentoren weiter, auf dann 35 Dienstposten, erhöhen und den Ausbau des Lehrbetriebes sicherstellen. Seit Oktober 2009 beginnt der Aufbau der Pionierschule in Mazar-e Sharif. DEU hat die Übernahme der Führungsverantwortung gegenüber der NATO angezeigt und stellt mit 8 Partnernationen aus dem RC North das Mentorenteam auf. Deutschland beteiligt sich hier mit etwa 30 Soldaten.

Zusätzlich beteiligt sich Deutschland mit Mentoren an der afghanischen Verteidigungsakademie, an dem von Kanada geführten Junior Staff Officers Course und dem unter französischer Führung stehenden Higher Command Staff Course. Im April 2009 begann ebenfalls die Unterstützung des nationalen afghanischen Armee Musik Corps. Um zusätzlich Einfluß auf den Aufbau der nationalen afghanischen Sicherheitskräfte, hier insbesondere der nationalen afghanischen Armee zu erhöhen, wird Deutschland sich bei dem Kommando für die Transformation der verbundenen Sicherheit in Afghanistan beteiligen.

Dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr kommt es im Laufe dieses Jahres insbesondere darauf an, die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass die Einsatzkontingente die operative Initiative behalten und, wo erforderlich, zurückgewinnen. Der Aufbau der nationalen afghanischen Sicherheitskräfte geht voran; der Ansatz von "partnering" mit ISAF-Einheiten und "mentoring" durch operative Mentorenund Verbindungsteams haben sich bestens bewährt. Nur durch gemeinsame Operationen, sowie durch die Unterstützung von Aufbau und Ausbildung, können die afghanischen Sicherheitskräfte zur eigenständigen und selbstbewussten Wahrnehmung von Sicherheitsaufgaben befähigt werden. Die Menschen in Afghanistan müssen "ihre" Sicherheitskräfte positiv erleben und Sicherheit als eine Herausforderung für alle begreifen. Operationen zur Verbesserung der Sicherheit müssen daher zunehmend ein "Afghan Face" erhalten. Allerdings sei es ein großes Problem, dass nach erfolgreich abgeschlossenen Operationen unsererseits nicht genug Afghanische Polizeikräfte vorhanden seien, um die jeweiligen Gebiete ausreichend zu sichern und Schutz durch Präsenz zu gewährleisten.

Die Unterstützung von Aufbau und Ausbildung der nationalen afghanischen Armee ist und bleibt damit Schwerpunktaufgabe des deutschen Einsatzkontingent ISAF. Eine positive Entwicklung insgesamt ist jedoch nur möglich im Rahmen eines umfassenden, kohärenten Vorgehens unter Verzahnung aller vorhandenen Instrumente. Dieses Ziel konsequent zu verfolgen, ist eine der größten Herausforderungen des deutschen Afghanistan Engagements.

Im Anschluss an den Vortrag stellte sich Generalleutnant Glatz der Diskussion, die sich im Schwerpunkt um die Frage rankte, wie im DEU-Verantwortungsbereich die operative Initiative gewonnen und gehalten werden könne und welche Kräfte dazu erforderlich wären. Eindrucksvoll machte der Befehlshaber klar, dass das Gelände entscheidenden Einfluss auf die Operationsführung nähme und der Einsatz schwerer Waffen nur sehr bedingt Erfolg versprechen würde. Der SPz Marder hätte sich insgesamt bewährt, aber eine große operative Bedeutung könne er durch seine begrenzten Bewegungs- und Wirkungsmöglichkeiten auch nicht zugesprochen bekommen, obwohl eine moderate Verstärkung durchaus sinnvoll sei. Auch seine psychologische Wirkung dürfe nicht außer Acht gelassen werden. Abzulehnen sei aber zum Beispiel der Einsatz der PzH 2000, die nur sehr eingeschränkt überhaupt zur Wirkung gebracht werden könne und dann, wenn sie überhaupt zum Einsatz käme, voraussichtlich größeren Kollateralschaden bewirken würde, was wiederum der politisch/ militärischen Absicht eindeutig widerspräche. Auch der Einsatz von KPz kommt aufgrund der Geländegegebenheiten nicht in Betracht. Der Hinweis auf den Einsatz deratiger Waffensysteme bei den allierten Kräften ist hier nicht erfolgversprechend, da dort die Gegebenheiten völlig anders sind.Helmand z.B. ist eben nicht Kunduz. Allerdings räumte General Glatz ein, dass die DEU-Kräfte hinsichtlich ihrer Konfiguration für das Gefecht nicht immer optimal ausgerichtet seien. So habe man sich möglicherweise in einer früheren Phase des Einsatzes zu sehr auf "Schutz" und nicht ausreichend auf "Bewaffnung" konzentriert, was sich nun nachteilig bemerkbar mache. Aber derzeit werde mit Hochdruck an der Beseitigung dieses "Handycaps" gearbeitet. Hinsichtlich der taktisch-operativen Fähigkeiten bei den Operationen der verbundenen Kräfte war der General allerdings voll des Lobes über die Führungsfähigkeiten der Zugführer und Kp- Chefs. Hier hat sich unsere Ausbildung nachhaltig bestätigt.

Fazit: Ein klasse Vortrag und eine hochinterssante Diskussion, die allen Teilnehmer die gegenwärtige Situation und Problematik des Einsatzes in AFG verdeutlichte. Ein Teilnehmer im Range eines aktiven Obersten bemerkte am Rande: Das hat mich voll überzeugt. Herr General, ein bemerkenswertes Lob, dem sich die Redaktion vollumfänglich anschließt. Oberst Bernd-Günter Köpcke

Zwischenruf

Alle sind sich einig: Der Bundesminister des BMVg ebenso wie die militärische Führung, die operativen Befehlshaber und die Kommandeure vor Ort. " In der Nordregion in Afghanistan, herrschen, ebenso wie in weiten Teilen des Landes, für unsere Soldaten in deren subjektiver Wahrnehmung kriegsähnliche Zustände. Der Inspekteur des Heeres führte u.a. aus: "In Afghanistan, auch in unserem Zuständigkeitsbereich im Norden des Landes, werden unsere Soldaten durch aufständische Kämpfer in regelrechte Gefechte verwickelt – der Umfang und die Art der Zwischenfälle dort gehen weit über die Herausforderungen der Vergangenheit hinaus. …Dort sind es vor allem die Soldaten des Heeres, die einerseits in direktem Kontakt mit der Bevölkerung stehen, andererseits aber auch unmittelbar durch gegnerische Kämpfer – ohne schützende Distanz – bedroht sind. Die Lage scheint einhellig beurteilt zu werden, jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob mit dem gegenwärtigen Kräftedispositiv unsere Soldaten noch in der Lage sind, ihren Auftrag durchzuführen ohne dabei übermäßigen Gefahren ausgesetzt zu werden. Die beiden letzten COM RC NOTH, (zuständige Kommandeure für die Nordregion), Deutsche Brigadegenerale, beurteilen die Lage übereinstimmende dahingehend, dass eine sofortige und raumgreifende Lageverbesserung mit den derzeitigen Kräften nicht zu erreichen ist. Es droht die operative Handlungsfähigkeit verloren zu gehen, was den Auftrag gefährdet und die Bedrohung für das deutsche Kontingent deutlich erhöht.

Wenn es denn politisch gewollt ist, dass die Region stabilisiert werden soll (übrigens Voraussetzung für einen zivilen Wiederaufbau) und dazu die Niederringung von "Aufständischen" erforderlich ist, dann drängen sich doch ganz elementare Fragen auf. Wie kann eine Verbesserung des Schutzes unserer Kräfte durch passive und aktive Maßnahmen erreicht werden und muss nicht genauso dringlich eine neue operative/ taktische Strategie/Vorgehensweise angewendet werden und benötigen wir dazu nicht ein anderes Kräftedispositiv?. Man kann getrost davon ausgehen, dass die Deutungs- und Handlungshoheit in Fragen der Truppenerhöhung und der möglichen neuen Strategie durch die Politik vorgegeben wird. Aber eine Erhöhung der Kampftruppenanteile ist ja wohl das Mindeste. In Fragen der Zusammensetzung der Kräfte ergeben sich für die militärische Führung durchaus Gestaltungsmöglichkeiten. Der Zwischenruf will die Faktoren Wirksamkeit im Einsatz, Durchsetzungsfähigkeit und Überlebensfähigkeit vorrangig betrachten.

Personal der Panzertruppen wird neben der Infanterie und Heeresaufklärungskräften in Afghanistan vorrangig bei den "Manöverelementen" eingesetzt, also den ca. 12-19 % des dort eingesetzten Personals, das außerhalb der Feldlager operiert, um zu kämpfen, zu schützen, zu vermitteln und zu helfen, wie es der Inspekteur des Heeres mit den vier "Heeresverben" erklärt. Und gerade diese Kräfte bedürfen des besonderen Schutzes.

Dann fragt man sich doch, warum leistungsfähige Waffensysteme, die Abstandsfähigkeit (z.B. beim Ausschalten eines möglichen Gegners) ermöglichen und signifikant höheren Schutz für unsere Soldaten bedeuten würden, nicht zum Einsatz kommen.

Der SPz Marder hat sich im Einsatz bewährt, unterstütz den Feuerkampf mittels "fleckschießender" Waffen äußerst wirkungsvoll, gewährt deutlich höheren Schutz, ist taktisch mobiler als alle RadKfz und verursacht mit seinen Waffen keinen Kollateralschaden. Aussage eines der letzen Kommandeure: "Ein paar mehr wären schon hilfreich". Das immer wieder gehörte Argument der eingeschränkten Nutzbarkeit im Gelände sollte nicht überstrapaziert werden, gilt es doch ohne Abstriche auch für die im Einsatz befindlichen RadKfz. Wo z.Z. fünf Marder eingesetzt werden können, könnten doch auch mehr operieren? Der KPz Leopard 2 A 6 M ist nicht sehr viel breiter als ein SPz, Fuchs oder GTF. Ein SPz ist nur unwesentlich breiter als der Dingo. Die Radfahrzeuge können in bestimmtem Gelände nicht oder nur sehr langsam fahren, in dem aber Kettenfahrzeuge – vor allem bei Feindberührung – mit hinreichender Geschwindigkeit fahren können. Im Focus 39/09 wurden die letzten Kommandeure des RCN dahingehend zitiert, dass Dingo, Fuchs und ähnliche oder größere, längere Fahrzeuge nur auf der Hälfte der Straßen in Afghanistan einzusetzen seien – mindestens dort könnten sich auch die Gefechtsfahrzeuge gut bewegen. Die taktische Durchsetzungsfähigkeit, Beweglichkeit und Wirküberlegenheit für das Gefecht, würde sich dadurch deutlich verbessern. Die gepanzerten Kräfte könnten für den Nahbereich Kundus als gep. Reserve oder zusammengefasst im Verbund besonders wirkungsvoll zum Einsatz kommen. Für das Freihalten der Route Jupiter von Kundus nach Tadschikistan (ein entsprechender Auftrag führte zu der Operation Argon im September 2009), könnten in bestimmten Bereichen KPz und SPz auf Grund ihrer Durchsetzungskraft und Abstandsfähigkeit gute Dienste leisten.

Auch über artilleristische Unterstützung sollte dringlich nachgedacht werden. Wenn schon nicht die Panzerhaubitze 2000 (PzH 2000) , die von der militärischen Führung aus taktischen Erwägungen nicht vorgesehen ist, weil durch die Munitionsart bedingt zu hohe Kollateralschäden befürchtet werden und darüber hinaus eine zu geringe Aufklärungsfähigkeit gegeben ist, um die PzH wirkungsvoll und effektiv einsetzen zu können, sollte zumindest das bewegliche MrsKampfsystem mit höchster Priorität in den Einsatz gebracht werden. Im Verbund mit KZO und sonstigen Aufklärungsmittel könnte hier ein wirkungsvolles Mittel zur Erringung der Feuerüberlegenheit und Steigerung des Gefechtswertes für unsere Kräfte zur Verfügung gestellt werden.

Der Schutz der PRT, (wir erinnern uns, der Luftschlag am 04.September wurde maßgeblich deshalb geführt, weil man befürchtete, dass die gestohlenen Tanklaster als rollende Bomben mit Zielrichtung PRT eingesetzt werden könnten), würde sich deutlich erhöhen, wenn in den PRT gepanzerte Kräfte mit hoher Abstandsfähigkeit verfügbar wären, um als mobiler Lagerschutz eingesetzt zu werden oder aus überhöhten teilgedeckten Stellungen (auf Rampen o.ä.) aus den Lagern treffsicher wirken zu können.

Nur Wolf und Eagle IV mit ihrer erheblich geringeren Breite und Höhe können in viel mehr Fällen effektiv eingesetzt werden. Diese sollten für ihre Einsätze in ganzen Teileinheiten als "System Patrouille" optimal ausgerüstet werden, um effektiv agieren und sich behaupten zu können – auch bei längerer Standzeit im Zielgebiet und damit Abwesenheit von den Feldlagern. Hierzu wird im nächsten Heft berichtet. Natürlich müssen im "System Patrouille" so bald als möglich bessere Aufklärungssensoren, noch größere Durchsetzungsfähigkeit sowie um Kollateralschäden noch besser vermeiden zu können, ergänzende Sensoren eingesetzt werden um damit eine nahezu echtzeitfähige "innere Vernetzung" der eingesetzten Fahrzeuge zu erreichen. Dies bedeutet, dass die Module innerhalb der Fahrzeuge optimal miteinander verbunden werden, u.a. um die gute Beobachtung, Zielaufklärung und - Zuweisung - u.a. mit Treckern, reaktionsschnelle Einsatzführung mit Feuerleitung, effektive Waffenwirkung, sehr schnelle graphisch unterstütze Informationsverarbeitung und - übermittlung sowie indirekte Gefechtsfeldkennung ("Blue Force Trecking") zu ermöglichen bzw. zu unterstützen. Die nahezu echtzeitfähige "innere Vernetzung" innerhalb der operierenden Teileinheiten (z.B. für Patrouillen) ist gleichzeitig zu realisieren und schließt die Verbindung zu den in einem Gebiet möglicherweise gemeinsam operierenden anderen Teileinheiten mit ein. Die Forderung muss lauten: bessere Beobachtungs- und Wirkungsmöglichkeiten im Vergleich zum Gegner, innere Vernetzung im Fahrzeug und für den horizontalen Infoaustausch innerhalb der Teileinheit bzw. zwischen diesen. Diese Maßnahmen können wesentlich dazu beitragen, dass Überraschungsmomente der Gegner und damit deren Wirkung wesentlich reduziert werden und damit der Schutz der eigenen Kräfte erheblich verbessert wird. Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden.

Die Streitkräfte verfügen bereits heute über eine Vielzahl von Mitteln, um unsere Soldaten besser auszustatten und technisch sind die aufgezeigten Möglichkeiten schnell zu realisieren. Man muss es nur wollen. Auf Deeskalation wurde lange gesetzt, damit ist unseren Soldaten aber nicht mehr geholfen, sie brauchen jetzt die Mittel, um sich behaupten zu können. Ansonsten sollte man sie abziehen, denn mit den momentanen Mitteln ist ein weiterer Einsatz nicht verantwortbar. Ein bisschen Krieg geht eben nicht! Redaktionsteam

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Generalleutnant Jacobson
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