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Herausforderungen des Heeres

2015-06-01 16:58
von Redaktion
Band-5

Einsätze bestehen, die Zukunft gestalten, attraktiv bleiben

Von Generalleutnant Hans-Otto Budde, Inspekteur des Heeres

Rede beim Tag der Panzertruppen am 13. November 2009 in MUNSTER (gekürzte Fassung zum Abdruck im " Das Schwarze Barett")

Generalleutnant Hans Otto Budde
H-O Budde

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Köthe, meine sehr geehrten Herrn Generale, meine sehr verehrten Damen und Herren, Kameraden und Freunde der Panzertruppen! (...). Mit Blick auf dieses ereignisreiche Jahr gibt es guten Grund, gerade jetzt mit den Kampftruppen des Heeres einen engen Austausch zu führen: mit den Soldaten der Infanterie, bei denen ich im Oktober war – und jetzt mit Ihnen, den gepanzerten Kampftruppen, und damit unverändert mit dem Hauptträger beweglich geführter Landoperationen.(...) Für alle Soldaten des Heeres gilt, dass ihre Truppengattungen nicht bloß ein beliebiges organisatorisches Element der Streitkräfte sind. Vielmehr sind die Truppengattungen auch als Rahmen der gemeinsamen Identitätsstiftung, der Prägung und des Korpsgeistes – aber auch der Traditionsbildung und -pflege von großer Bedeutung für unser Heer. (...)

Aktuell hat eine Betrachtung der Lage des Heeres unter anderem nachfolgende Rahmenbedingungen zu berücksichtigen:

  • Auf dem Balkan ringen Vertreter der EU derzeit mit den Spitzenpolitikern der Entitäten in Bosnien-Herzegowina, wie die auf dem Dayton-Abkommen von 1995 basierende Verfassung des Landes so angepasst werden kann, dass dieser Staat endlich selbständig politisch handlungsfähig wird. Ob dies gelingt, wird großen Einfluss auf das zukünftige Engagement der internationalen Gemeinschaft mit und ohne Soldaten auf dem Balkan haben. An anderer Stelle auf dem Balkan, im Kosovo, ernten wir derzeit die Früchte unserer jahrelangen erfolgreichen Arbeit und werden dort unsere Kräfte auch weiter reduzieren können.
  • In Afghanistan hingegen haben sich die Ereignisse in den letzten Monaten geradezu überschlagen:
    • Die Zahl der Anschläge gegen die Bevölkerung und die ISAF-Truppen hat sich stark erhöht – auch bei uns in der Nordregion;
    • o der amerikanische COM-ISAF, mein Freund McKiernan, wurde kurzfristig abgelöst – seit dem wird in den USA ebenso wie in der NATO und in Europa um die zukünftige Strategie für Afghanistan gerungen;
    • o und die Präsidentschaftswahlen wurden am 20. August unter schwierigsten Sicherheitsbedingungen durchgeführt – mit einer sehr vagen Legitimierung des bestätigten Amtsinhabers Karsai.
  • Und auch die Ergebnisse der Bundestagswahl werden mittelfristig erhebliche Auswirkungen auf das Heer haben - als Hauptträger der Einsätze und der Wehrpflicht sowie als größte Teilstreitkraft der Bundeswehr werden wir erneut in besonderem Maße von den noch ausstehenden Veränderungen betroffen sein. Aufgrund des Regierungsprogramms und besonders des Tagesbefehls unseres Ministers sind diese vor allem zu erwarten
    • o bei der Gestaltung der Wehrpflicht,
    • bei der Weiterentwicklung und einsatzorientierten Anpassung der Organisationsstrukturen,
    • aber auch bei der Frage, wie die absehbar knappen Ressourcen zukünftig für die Streitkräfte und innerhalb der Streitkräfte zu priorisieren sind.(...) Ich bewerte das Heer als bestens aufgestellt, wenn die Entscheidungen zur Zukunft der Bundeswehr konsequent an dem Kriterium "Einsatzrelevanz" ausgerichtet werden. (...)

I. Einsätze bestehen

Das gesamte Denken und Handeln im Heer ist auf den Einsatz ausgerichtet, denn das Heer trägt in Quantität und Qualität die Hauptlast der Einsätze. Dies wird am Beispiel AFG wie in einem Brennglas deutlich. Es ist der Heeressoldat – es sind die Boots on the Ground – die im Einsatz nachhaltigen Erfolg herbeiführen. (...)

Die wichtigste und zugleich gute Nachricht lautet: Unsere Kameraden bewähren sich in den wohlorganisierten Angriffen und Hinterhalten in AFG hervorragend – auch im Kampf. Es sind unsere Soldaten des Heeres, die diese Belastungen des Einsatzes tragen – Auge in Auge mit der Zivilbevölkerung vor Ort, aber auch mit dem gegnerischen Kämpfer. Mehrfach habe ich vor Ort überzeugende Leistungen unserer Frauen und Männer erlebt – auch unter höchstem Druck, insbesondere bei meinem Besuch kurz nach dem "Luftschlag" vom 4. September 2009.

Und lassen Sie mich zum Zweck jener Reise im September klipp und klar sagen: Ich habe unserer Truppe meine Anerkennung ausgesprochen für das, was sie dort – gerade im Raum KUNDUZ – unter schwierigsten Bedingungen leistet. Und ich habe zugehört, wie die Sicht der Truppe und die Beurteilung der Lage der Führer vor Ort ist. Und ich habe Führern und Soldaten klar gesagt, dass sie unserer Unterstützung, Solidarität und Kameradschaft uneingeschränkt sicher sein können – gleichgültig, was da gerade so unmittelbar nach dem Luftschlag alles gesagt und geschrieben wurde. Und ich danke unserem Minister, dass er Klartext gesprochen hat – voll in diesem Sinne.

Besonders hervorheben will ich die Leistungen auf Ebene der Feldwebel des Heeres, die ganz entscheidenden Einfluss auf den Erfolg unserer Soldaten im Einsatz haben. Wenn wir uns vor Augen halten, welche Verantwortung unsere jungen Haupt- und Stabsfeldwebel als Führer im Einsatz tragen, wie sehr sie die kleinen Kampfgemeinschaften prägen – und wie sehr ihre Untergebenen gerade in Belastungssituationen des Gefechts auf sie schauen, ihnen vertrauen – dann kann ich nur sagen: Chapeau!

Dabei hat sich unser Selbstverständnis des Heeres mit den vier Heeresverben "Kämpfen – Schützen – Vermitteln – Helfen" als richtig herausgestellt – obwohl manch Einer offenbar schon den Eindruck gewonnen hatte, das mit dem "Kämpfen" sei von gestern und könne man getrost vergessen. Ich denke, die Erkenntnis, dass die Befähigung zum Kampf für alle Soldaten des Heeres das entscheidende Merkmal sein muss – auch in Stabilisierungsoperationen – diese Erkenntnis hat sich nun allgemein durchgesetzt. Bei uns stand der Kampf immer an erster Stelle der vier Heeresverben – und dort gehört er auch hin: Kampf ist nun einmal unser Alleinstellungsmerkmal als Soldaten.

"Kampf ist nun einmal unser Alleinstellungsmerkmal als Soldaten."

Darüber hinaus hat sich auch die Kampfweise der Aufständischen in den zurückliegenden Monaten gewandelt: Stand früher der isolierte Sprengstoffanschlag (IED) im Vordergrund, so sind es seit einigen Monaten militärisch organisierte, komplexe Hinterhalte, in denen IED mit dem konzentrierten Feuer aus zahlreichen Handwaffen und Panzerabwehrwaffen taktisch geschickt und unter Ausnutzung der besonderen Geländegegebenheiten kombiniert werden.

Auch hat sich die Art und Weise, wie wir in AFG operieren, orientiert an der veränderten Bedrohungslage geändert: Heute stellen wir uns dem Gefecht und nutzen die taktische Überlegenheit der Führer – aber auch die Fähigkeiten unserer Kämpfer und die überlegene Qualität an Waffen und Gerät. Hauptträger der Gefechte auf unserer Seite sind an vorderster Front Soldaten der Kampftruppe, aber auch Aufklärer – eng dabei Sanitätssoldaten und Minenbeseitiger.

Unsere Ausbildung ist und bleibt gut; unser Ausbildungssystem kann rasch auf diese Lageanpassungen reagieren – dazu trägt auch diese Schule wesentlich bei. In den vergangenen Monaten hat sich die erhöhte Kohäsion der Männer und Frauen bewährt – ein Ergebnis der neuen Einsatzsystematik, die mit der 13. PzGrenDiv erstmals angewendet wird. Gerade im Heer haben wir einen wirklich guten Stand erreicht und das muss auch so sein, denn im Gefecht müssen wir uns wirklich aufeinander verlassen können. Dazu muss man sich kennen – persönlich kennen. Das braucht Zeit und erfordert gemeinsame Ausbildung vorab. Es lohnt sich daher, einmal zu überprüfen, ob wir mit unserer gemeinsamen, integrativen Vorbereitung auch diejenigen Mitglieder der kleinen Kampfgemeinschaft ausreichend erreichen, die nicht zum Organisationsbereich Heer gehören.

Meine Damen und Herren! Wir haben im Einsatz Gefallene, die uns sehr schmerzen und die Grund zur Trauer sind. Ich weiß, wovon ich dabei rede, denn ich war bei den Trauerfeiern dabei – in Zweibrücken ebenso wie in Bad Salzungen. Das lässt niemanden von uns kalt. Und ohne jetzt "Body-Counting" betreiben zu wollen: wir haben unseren buchstäblich hinterhältig operierenden Gegnern auch empfindliche Verluste zugefügt – ob im Kampf Mann gegen Mann oder durch einen Luftschlag. (...)

Juli und September im Schulterschluss mit durch uns ausgebildeten afghanischen Soldaten im Rahmen der Operationen ADLER und ARAGON. Aber wir müssen den Angreifern dauerhaft die Initiative entreißen und genommene Gebiete auch halten können als Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung (Char Darreh!). Das ist der Weg.

"Wir müssen den Angreifern dauerhaft die Initiative entreißen..."

Die derzeitigen Bedrohungen, Belastungen und Leistungen unserer Männer und Frauen dort im Raum Kunduz sind nicht vergleichbar mit dem, was in der Vergangenheit in AFG abgefordert wurde. Dafür verdient die Truppe unsere uneingeschränkte Anerkennung. Die Medien berichten infolge der Ereignisse der letzten Monate intensiv zum Einsatz in AFG – teilweise kritisch, mitunter unangenehm, oft aber auch mit sehr viel Anerkennung und Respekt für unsere Arbeit. Im politischen Bereich und auch in der Bevölkerung wird zunehmend über diesen Einsatz gesprochen – auch mit den richtigen Vokabeln – und nachgedacht. Vor einigen Monaten herrschte noch die berechtigte Klage vor, dass man sich für diesen Einsatz unserer Soldaten kaum interessiere – unser Herr Bundespräsident sprach von "freundlichem Desinteresse". Dies hat sich geändert und ist auch eine Chance. Die damit verbundenen Kontroversen sollten wir mit möglichst gelassener Aufmerksamkeit verfolgen.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nach einem einsatzbedingten Schusswaffengebrauch oder nach einem Luftangriff gegen Personen mit Toten und Verletzten sind zweifelsohne eine rechtsstaatliche Notwendigkeit. Aber: Wer unmittelbar zuvor im Gefecht gestanden hat, bringt nur schwer Verständnis für sofortige Ermittlungsmaßnahmen auf. Die Truppe, die betroffenen Soldaten im Einsatz erwarten, dass wir sie in solchen für sie schwierigen Situationen aus dem tiefsten Frieden hier in Deutschland heraus unterstützen. Und nicht, dass wir ihnen ständig mit Untersuchungen drohen, wenn sie das tun, was ihnen als Auftrag durch unser Parlament erteilt wurde.

"Wer unmittelbar zuvor im Gefecht gestanden hat, bringt nur schwer Verständnis für sofortige Ermittlungsmaßnahmen (der Staatsanwaltschaften) auf."

Es bleibt zu prüfen, wie der besonderen Lage im Einsatz eine solide rechtliche Basis – zwischen Frieden und Krieg – gegeben werden kann. Hier begrüße ich ohne jede Einschränkungen die aktuellen Überlegungen, unseren Einsatz in Afghanistan als einen "nationalen bewaffneten Konflikt" zu bewerten. Denn dies beschreibt die dortige "Bürgerkriegssituation" zutreffend und hat im übrigen die Rechtsfolge, das militärisches Handeln nach den Folgen des Kriegsvölkerrechts zu bewerten ist. Dies wäre ein wichtiger Fortschritt für die Handlungssicherheit unserer Soldaten – auch derjenigen Soldaten, die schwierige Entscheidungen treffen und anschließend öffentlich an den Pranger gestellt werden sollen, noch bevor überhaupt die Fakten klar auf dem Tisch liegen. Auch muss die Einrichtung einer Leitstaatsanwaltschaft/ Leitgerichtsbarkeit unbedingt weiter verfolgt werden – dies zeigen auch die derzeit laufenden Prüfungen im Vorfeld von Vorermittlungen zum Luftschlag. Denn nur Juristen, die unser Handeln als Soldaten im Gefecht beurteilen können, können letztendlich auch eine angemessene rechtliche Würdigung vornehmen. (...)

" .. unseren Einsatz in Afghanistan als einen nationalen bewaffneten Konflikt bewerten"...

Aber, um Einsätze – auch den in Afghanistan – wirklich zum Erfolg zu führen, müssen wir ohne wenn und aber eine Armee im Einsatz werden. Es gibt noch immer Angehörige der Bundeswehr, für die die Einsätze störend sind. Wir quälen uns im Einsatz noch immer mit Vorschriften und Bestimmungen ab, die vielleicht im Friedensdienst ihre Berechtigung haben – nicht aber im Einsatz! Aber wir arbeiten daran!

Wir müssen auch darauf eingestellt sein, je nach Lageentwicklung kurzfristig zusätzliche Fähigkeiten in den Einsatz zu bringen, wenn es die militärische Analyse der Lage vor Ort gebietet. Im Sommer – auf dem Höhepunkt der politischen Diskussion – wurden schon im Geiste mancher Köpfe ganze Panzer- und Panzergrenadierbataillone mit dem LEOPARD II A 6 M und dem SPZ MARDER nach Nordafghanistan verlegt. Aber Achtung: Nordafghanistan ist eben nicht Helmand – wo gerade der LEOPARD II A 6 das Rückgrat der Operationen unserer kanadischen Kameraden ist. Die sind übrigens voll des Lobes für diesen Kampfpanzer – aber seien wir mal ehrlich: Wir wussten doch schon immer, was für ein vorzügliches Gerät das ist und auch noch auf absehbare Zeit sein wird. Wir haben aber in der Taktikausbildung gelernt, dass das Gelände ein ganz wesentlicher Faktor dafür ist, der den Einsatzwert von Gerät im Einsatz bestimmt. Und da muss man nüchtern sagen: In den Hot-spots sind Bewegungen schwerer gepanzerter Fahrzeuge kaum möglich. Da, wo unser SPz zweckmäßig eingesetzt werden konnte, hat sich der MARDER in den vergangenen Monaten im Gefecht bewährt – im Feuerkampf mit der Bordmaschinenkanone (BMK) ebenso wie mit dem Lenkflugkörper (LFK) MILAN. Und ich prognostiziere, dass wir auf diesem Weg noch nicht am Ende sind.

Meine Damen und Herren, meine Kameraden der Panzertruppen! Damit ist es an der Zeit, ein erstes Mal von der Karte zurückzutreten, auf die großen Linien zu schauen, ein Zwischenfazit zu ziehen: Im Rahmen der derzeitigen Einsätze trägt das Heer an vorderster Stelle die Hauptlast und erfüllt seine Verpflichtungen in allen Einsatzgebieten. Dabei ist und bleibt für uns als Heeressoldaten die Befähigung zum Kampf unverzichtbar.

"Dabei ist und bleibt für uns Heeressoldaten die Befähigung zum Kampf unverzichtbar.."

Wenn es darum geht, sich gegen einen hinterhältig kämpfenden Feind durchzusetzen, dann sind vor allen unsere "Fachmänner" dafür gefragt: unsere Kampftruppenkameraden. Denn die sind dafür am besten ausgebildet und haben auch die ausgeprägteste Erziehung dazu. Und wenn Sie auswerten, wie der Kompaniechef der QRF oder einer Schutzkompanie mit seinen Zügen mit MARDER, DINGO, FUCHS, verstärkt mit Pionieren, FAC und unterstützt durch Mörserfeuer und Sanitäter operiert – wie er Feuer und Bewegung seiner Teileinheiten und Unterstützungskräfte koordiniert – dann ist dies genau dass, was gerade die Panzertruppen seit Jahrzehnten, früher unter dem Begriff "das Gefecht der verbundenen Waffen", nunmehr unter dem Begriff "Operation der verbundenen Kräfte" geübt haben und üben. Wir können es auch mit Clausewitz ausdrücken: "Der Krieg ist eine Chimäre, die häufig ihr Antlitz wechselt." Und lassen Sie mich hinzufügen: Eine Chimäre, die jedoch in ihren Grundzügen und Gesetzmäßigkeiten gleich bleibt. Unser Blick muss daher unverändert über Afghanistan hinaus gehen, um als handlungsfähiges Instrument deutscher Sicherheitspolitik für alle Bewährungsproben zur Verfügung zu stehen.(...)

II. Weiterentwicklung - die Zukunft gestalten

Kampfhubschrauber Tiger
Kampfhubschrauber Tiger

Meine Damen und Herren, Kameraden, der Umbau des Heeres ist mit Blick auf die Einnahme der Struktur 2010 annähernd abgeschlossen. (...) Um in den Einsätzen bestehen zu können, sind wir zur Weiterentwicklung gezwungen. Entwicklungen und Beschaffungen, die wir vor einigen Jahren angeschoben haben, ermöglichen uns, heute im Einsatz zu bestehen. Stellen Sie sich die Lage in Afghanistan vor

  • ohne geschützte Kfz wie DINGO, MUNGO, TPz Fuchs A8,
  • ohne die Möglichkeiten der Freiwilliglängerdienenden Wehrpflichtigen (FLW) 100,
  • ohne den MARDER 1 A5
  • und ohne die Luftaufklärung von Marschstrecken und Räumen durch Kleinzielobjekte (KZO).
Boxer im Gelände
Boxer

Als Männern der Panzertruppen brauche ich Ihnen nicht zu erklären, wie die Erfolgsaussichten für ein beweglich geführtes Gefecht ohne ausreichenden Panzerschutz und ohne Feuerkraft – und damit ohne Stoßkraft wären. Gäbe es dann auch noch keine zureichende Aufklärung den eigenen Operationen voraus – Sie alle wüssten, wie es um solche Operationen bestellt wäre. Der Zulauf von TIGER und BOXER, ihre Nutzung im Einsatz ab voraussichtlich 2011 werden Quantensprünge für unsere Fähigkeiten im Einsatz bedeuten. Und wir werden auch unsere Fähigkeiten im Auge behalten, die derzeit nicht oder noch nicht im Fokus stehen, aber jederzeit von uns gefordert sein könnten wie

  • der Wirkverbund Artillerie
  • oder ein auf den Einsatz im Rahmen der heutigen Einsatzrealität optimierter Kampfpanzer Leop 2 – auch in urbanem Gelände – im engen Schulterschluss mit seinem "Bruder", dem Schützenpanzer PUMA
TPz Fuchs 1 A8 mit Räumschild
TPz Fuchs 1 A8 mit Räumschild

Meine Damen und Herren, die drei letztgenannten Komponenten zeigen ihnen, wie viel Kapazität auch heute noch in den "schnellen Truppen" steckt, die dereinst der "schnelle Heinz" konzipiert hat.

III. Attraktiv bleiben

Meine Herren, um im Einsatz zu bestehen, ist das richtige Material wichtig – viel wichtiger aber noch ist das richtige Personal. Noch ist unsere Personallage gut – aber in Kürze trifft uns das, was als der "demografische Wandel" bezeichnet wird, mit voller Wucht. Für uns heisst das, dass wir trotz geburtenschwacher Jahrgänge unseren jährlichen Ergänzungsbedarf an SaZ (ca. 20.000) decken müssen – obwohl 20 % weniger junge Männer und Frauen als Potenzial zur Verfügung stehen. Wir müssen im verschärften Wettbewerb mit der Wirtschaft die hellsten Köpfe und die flinksten Hände gewinnen und dauerhaft an uns binden. Nur mit den richtigen Männern und Frauen werden wir künftig im Einsatz bestehen können: fachlich professionell, körperlich robust trotz "Fastfood- Gesellschaft" und charakterfest. Der Wettbewerb um Nachwuchs geht über monetäre Anreize hinaus. Die Kernfrage lautet: Warum lohnt es sich im Heer zu dienen? Dabei spielt nicht nur moderne Technik eine Rolle, sondern auch eine positive Führungskultur und ein ehrliches Bild vom Soldatenberuf.

Gesellschaftliche Anerkennung ist wichtig, gerade vor dem Hintergrund der Einsätze: Öffentliche Gelöbnisse vor dem Reichstag und die Einführung der Medaille für Tapferkeit sind ebenso bedeutsame Schritte wie die Einrichtung des zentralen Ehrenmals. Dies sind wichtige Signale der Wertschätzung unseres Dienstes aus dem politischen und gesellschaftlichen Bereich. Wenn unsere Soldaten aus dem tiefsten Frieden kommend im Einsatz kämpfen, das Risiko von Verwundung und Tod auf sich nehmen, dann erwarten sie zu Recht, dass dies auch anerkannt wird – und nicht nur verschämt erduldet wird. Mein Eindruck ist, dass die gesellschaftliche und auch die politische Sensibilität hierfür steigt.

Unser gemeinsames Selbstverständnis Heer im Heer als Kämpfer, Schützer, Vermittler und Helfer ist richtig – weil es die Wirklichkeit im Einsatz in ihrer gesamten Bandbreite ehrlich widerspiegelt. Professionelle Ausbildung sowie bedrohungsgerechte moderne Ausrüstung sind ebenfalls Attraktivitätsfaktoren. In beiden Bereichen gibt es ständigen Anpassungsund Verbesserungsbedarf – wir müssen hier keinen Vergleich mit unseren Verbündeten scheuen. In den Bereichen der Höherdotierung in den Laufbahnen, attraktiver zivilberuflicher Aus- und Weiterbildung, Erhöhung der Soldat auf Zeit (SaZ)-Quoten, Stärkung der Dienstpostenausstattungen in den Einheiten und Bataillonen haben wir bereits einige Erfolge erzielt. Kurzum: Trotz mancher Nadelstiche, die wir gerade im monetären Bereich und im Bereich der Zusatzleistungen hinnehmen mussten (Streichung Urlaubsgeld, Verschärfung Dienstreisebestimmungen, Verschärfung Bestimmungen Truppenverpflegung) - wir sind attraktiv.

Aber es gibt noch viel zu tun, damit wir künftig im verschärften Wettbewerb attraktiv bleiben – einige Beispiele (...): Die Umsetzung neuer Unterkunftsstandards (ab 2010, flächendeckend) ist nur langfristig möglich, aber ein wesentlicher Schritt mit Blick auf die Laufbahn längerdienender Mannschaften und Unteroffiziere. Die alte 8-Mann-Stube kann hier nicht mehr der Standard sein. Bitte werben Sie für dieses Konzept – auch wenn die Trennung von Funktions- und Unterkunftsbereichen in manchen Köpfen noch immer als unüberwindliche Hürde gesehen wird. Wir müssen hier weit voraus denken. Im übrigen sind hier die Entscheidungen nach reiflichem Abstimmungsprozess gefallen. Im engen Zusammenhang dazu stehen "Pendlerproblematik" und die Fürsorge für nichtunterkunftspflichtige Soldaten. Flexible Regelungen beim Umzugsrecht und beim Trennungsgeld müssen mehr noch als bisher finanzielle Belastungen, die sich auch auf die Motivation auswirken, mindern.

Konzepte zur Modernisierung des UKVund Trennungsgeld-Recht liegen den Ressorts vor. Hier warten wir auf Entscheidungen. Und je besser es gelingt, Beruf und Familie zu verbinden, desto eher werden Härten – auch in Phasen des Einsatzes – getragen. Das Einsatzversorgungsgesetz und das Einsatz-Weiterverwendungsgesetz sind wichtige Schritte zur angemessenen sozialen Absicherung von Soldaten und deren Familien. Dies sollten wir anerkennen. Ich denke, die Bundeswehr kann aber auch zum Dienstzeitende ihrer Soldaten noch viel tun. Was spricht dagegen, die unterschiedlichen Ansprüche, wie Berufsförderung oder Übergangsgelder wahlweise als eine Summe auszubezahlen? Oder den Bildungsträger durch die ausscheidenden Soldaten frei wählen zu lassen? Oder die Berufsförderung nach Ende der Verpflichtungszeit beginnen zu lassen?

Mit diesen Vorschlägen will ich nicht den ausscheidenden Soldaten sich selbst überlassen oder überfordern. Ich will vielmehr demjenigen, der ein klares Ziel vor Augen hat, die Möglichkeit einräumen, dieses auch auf seinem Weg zu erreichen. Der Feldwebel oder junge Offizier, der sich als Patrouillenführer in Afghanistan bewährt, ist auch selbständig genug, über seine Zukunft zu entscheiden – davon bin ich überzeugt. Hier gilt es, alte Verkrustungen im System aufzubrechen und flexibler zu werden.

Wenn ich zum Zwischenfazit Attraktivität von der imaginären Karte zurücktrete, dann stelle ich fest: Attraktivität ist kein "Luxusproblem", sondern die Herausforderung schlechthin zur Sicherung unserer (personellen) Zukunft. Wir suchen und werben um diejenigen Männer und Frauen, denen wir zutrauen, dass sie gemeinsam mit uns in Lagen bestehen, wie ich sie eingangs geschildert habe. (...) Und Es ist ein Erfolg auch gerade unserer Arbeit im Heer, dass die oben genannten Hauptforderungen auch in die Agenda der Bundesregierung übernommen wurden.Aber hier müssen wir dranbleiben – um die nunmehr gesteigerte politische Aufmerksamkeit auch im Sinne unserer Soldaten zu nutzen. (...)

Meine Damen und Herren, Kameraden und Freunde der Panzertruppen! Soweit zur Lage und Perspektive des Heeres, dem Hauptträger der Einsätze. Eingangs meines Vortrages sprach ich von den Truppengattungen des Heeres, ihrer Identitätsstiftung, ihrer Prägung und ihrem Korpsgeist. Lassen sie mich diesen Gedanken noch ein wenig weiter verfolgen. Egal welche Anforderungen der Einsatz stellt: Letztendlich ist es der Mensch, ist es die Qualität des einzelnen Soldaten, die den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht.

Unsere Panzermänner und Panzergrenadiere – sie mischen mit an vorderster Front, im Brennpunkt der Einsätze und auch der Gefechte. Welche Identität haben sie, welcher Geist erfüllt sie, wie sind sie geprägt? Sie sind es gewohnt, Kräfte in Zeit und Raum zu koordinieren – sich auf wechselnde Lagen flexibel einzustellen. Und wenn ihnen ein Gegner im Einsatz die Stirn bietet, dann kämpfen sie und ringen ihn durch die Koordination von Feuer und Bewegung aller ihrer Kräfte nieder. So wurden sie ausgebildet – so wurden sie auch erzogen.

Der Wille, sich im Kampf zu behaupten, ist für die Soldaten der Panzertruppen eine Selbstverständlichkeit. Daran gilt es festzuhalten – sie müssen weiterhin konsequent geschult und ausgebildet werden. "Breit fahren, schmal denken – Gras fressen" – so werden sie manchmal ein wenig durch die übrigen Truppengattungen verspottet. Aber dahinter verborgen liegt auch heimlicher Respekt – vor ihrem Willen, im schnellen beweglich geführten Gefecht sich gegen einen Gegner durchzusetzen. Panzertruppen sind und bleiben "schnelle Truppen" – auch in ihren Köpfen Wo sehe ich Raum einer zukünftig besonderen Betrachtung durch die Panzertruppen? Beide Truppengattungen müssen seit Beginn der Einsätze damit leben, dass sie nicht oder kaum mit ihrem Hauptwaffensystem im Einsatz sind – dass sie dadurch einen Teil ihrer Erfahrung auf dem LEOPARD und auf dem MARDER zu verlieren drohen. Vielleicht ist es auch zur Lösung dieses Problems hilfreich, gemeinsam von der "imaginären Karte" an der Wand zurücktreten. Grundlage aller Einsätze – auch in einer Stabilisierungsoperation – ist die Befähigung, sich im beweglich geführten Gefecht durchzusetzen – durch geschickte Koordination von Feuer und Bewegung aller Kräfte im Raum. Um den Widerspruch oder die Differenz, zwischen dem Einsatz einerseits vom MARDER oder vom LEOPARD II, anderseits vom DINGO oder TPz FUCHS zu bewältigen, ist es möglicherweise hilfreich, die Gemeinsamkeiten dieses Einsatzes hervorzuheben und zielgerichtet in der Ausbildung zu schulen.

gemischter Panzerzug
gemischter Panzerzug

Operationen wie derzeit in Afghanistan bestätigen unser Verständnis vom Begriff "Operation verbundener Kräfte" – ein Begriff, der militärische Operationen im gesamten Spektrum beschreibt. Er impliziert, dass Kernpunkte militärischen Handelns fast zeitlosen Bestand haben – dass viele Grundsätze einander ähneln: Eine kampfkräftige Patrouille und eine Gefechtsaufklärung alter Art sind viel ähnlicher, als so manch einer vermutet. Und auch ein Checkpoint einerseits und ein Feldposten andererseits weisen eine Vielzahl gemeinsamer Grundsätze auf – die rechtlichen Grundlagen einmal vernachlässigt. Vielleicht geht es ja viel weniger um ein solches "einerseits ... und andererseits", sondern mehr darum, den gemeinsamen Kern der Befähigung zu all diesem zu suchen. Vielleicht müssen wir die Ausbildung – gerade auch unserer Panzertruppen – mehr noch auf diesen allen Operationen gemeinsamen Kernbestand an Fähigkeiten und Fertigkeiten konzentrieren. Vielleicht ist dieser zuvor beschriebene Widerspruch nur das, was bei Michael Ende der "Scheinriese" war – wenn man sich ihm beherzt näherte, schrumpfte er auf Normalgröße. Und daneben denken wir auch über Afghanistan hinaus: Wir müssen unverändert bereit und in der Lage sein, auch das mehr konventionelle Gefecht zu gewinnen. Was liegt näher, als dafür die jahrzehntelange Erfahrung dieses Ausbildungszentrums in Munster zu nutzen – ganz im Sinne eines "Centre of Excellence".

Das Wichtigste jedoch, meine Kameraden der Panzertruppen, ist und bleibt für alle Optionen der gemeinsame Geist – der vielbeschworene "Panzergeist". Schnelligkeit, Beweglichkeit und die Flexibilität, sich rasch auf neue Lagen einzustellen, haben allesamt an derselben Stelle ihren Ursprung: In den Köpfen der Panzermänner und Panzergrenadiere! In diesem Sinne:

"Antennen hoch, Luken dicht, Panzer marsch!" – oder eben doch ganz schlicht: "D'ran, dr'rauf und d'rüber!"

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Generalleutnant Jacobson
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