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Die HTW ist wieder zurück

2020-10-10 15:20
von Redaktion
Band-7

Die Heereseinheitlich Taktische Weiterbildung (HTW) von 1977 bis zur Wiedereinführung in 2019

Autor: Major i.G. Stefan Köppe
Autor: Major i.G. Stefan Köppe

Die Heereseinheitliche Taktische Weiterbildung (HTW) ist keine neue Erfindung, da sie bereits 1977 durch den damaligen Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Horst Hildebrandt, eingeführt wurde. Ziel war es, Truppenoffiziere in der Lehre von der Führung von Truppen und von deren Zusammenwirken im Gefecht einheitlich aus- und weiterzubilden. Den inhaltlichen Rahmen für diese taktische Weiterbildung bildete der Ost-West-Konflikt. Damit stand die Landesverteidigung als Bündnisverteidigung im Fokus. Nach Beendigung des Kalten Krieges und der zunehmenden Verstetigung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr änderten sich ab den 1990er Jahren zunehmend auch die Inhalte der taktischen Aus- und Weiterbildung, und damit auch der HTW, hin zu Szenarien von Stabilisierungsoperationen.

Neuauflage der Heereseinheitlichen Taktischen Weiterbildung. Im Taktikzentrum des Heeres erarbeiten Stabsoffiziere und Truppenfachlehrer Grundlagendokumente und Pläne für die Durchführung einer fiktiven militärischen Operation Foto: (Bundeswehr/Kelm)
Neuauflage der Heereseinheitlichen Taktischen Weiterbildung. Im Taktikzentrum des Heeres erarbeiten Stabsoffiziere und Truppenfachlehrer Grundlagendokumente und Pläne für die Durchführung einer fiktiven militärischen Operation Foto: (Bundeswehr/Kelm)

2005 fand dann vorerst zum letzten Mal die HTW statt, insbesondere die organisatorischen Rahmenbedingungen für die Durchführung waren in ihren Umfängen nicht mehr zu leisten. An die Stelle der HTW, in erster Linie der sogenannten Zusammenziehungen, traten lehrgangsgebundene Aus- und Weiterbildungen an der Offizierschule des Heeres. In den Folgejahren konnte im Rahmen der taktischen Ausbildung junger Offiziere das Fehlen an Gefechtsbildern von Angriff, Verteidigung und Verzögerung, festgestellt werden. Um der Verschiedenartigkeit der Aufgaben und Erfahrungen der Offiziere in den ersten Verwendungen gerecht zu werden und die kontinuierliche Weiterentwicklung von Führungs- und Einsatzgrundsätzen im Heer zu berücksichtigen, war es erforderlich die taktische Ausbildung heereseinheitlich weiterzuführen. Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Jörg Vollmer, hat am 24. August 2018 befohlen, eine jährliche HTW, in Ergänzung der taktischen Weiterbildung der Verbände und Großverbände, durchzuführen. Gemäß dem Befehl Nr.1 zur Wiedereinführung der HTW vom 31. Januar 2019 ist die Absicht wie folgt formuliert:

„Kommando Heer führt durch HTW beginnend mit drei Phasen (Phase I Vorbereitung, Phase II Fernaufgabe, Phase III Zusammenziehung einschließlich Geländebesprechung) in Durchführungsverantwortung der Divisionen, des Ausbildungskommandos und des Amtes für Heeresentwicklung, um ein gemeinsames taktisches Verständnis und einen einheitlichen Ausbildungsstand der Offiziere auf dem Gebiet der „Taktik“ sicherzustellen beziehungsweise weiter zu vertiefen. Die Lehrgangsteilnehmer erhalten ein Lehrgangszeugnis. Der erste Durchgang wird als Pilotdurchgang durchgeführt.“

Kommando Heer hat sich bei der Umsetzung dieser Absicht grundsätzlich an den Grundzügen aus 1977 leiten lassen:

  • Zielgruppe und Teilnehmende sind Offiziere im 5. und 6. Offizierjahr bzw. im 8. und 9. Dienstjahr, die vollständig ausgebildet sind und in der Regel bereits eine zwei- bis dreijährige Erfahrung in ihrer jeweiligen Truppengattung gesammelt haben,
  • die Verantwortung für die Durchführung liegt bei den Großverbänden und Kommandos des Heeres (1. Panzerdivision, 10. Panzerdivision, Division Schnelle Kräfte, Amt für Heeresentwicklung, Ausbildungskommando),
  • die HTW besteht unverändert aus Fernaufgabe und Zusammenziehung, wenngleich diese nur noch einmal durchgeführt werden,
  • Schwerpunkt der Zusammenziehung ist der Blick ins Gelände (Geländebesprechung),
  • Durchführende sind taktisch geschulte Stabsoffiziere (Tutoren), die entweder über den Generalstabsdienstlehrgang verfügen oder den Taktik-Logistik- Lehrgang absolviert haben,
  • die Verantwortung für die inhaltliche Vorbereitung, also die Bereitstellung der erforderlichen Ausbildungsunterlagen, liegt beim Taktikzentrum des Heeres (TZH),
  • abweichend zur ursprünglichen HTW wurden, auch um der zunehmenden Digitalisierung Rechnung zu tragen, Lernunterlagen über das Intranet bereitgestellt. Dies ermöglichte den Teilnehmenden sich zielgerichtet auf die taktischen Aufgaben und Themen der Fernaufgabe vorbereiten zu können.

Wie entsteht eine taktische Lage für die Ausbildung?

Das Ausbildungskommando (AusbKdo) hatte das TZH mit der Vorbereitung der HTW beauftragt, was im Umkehrschluss bedeutete die taktische Lage und die Ausbildungsunterlagen bis zum 31. März 2019 zu erarbeiten und den Druck sowie die Verteilung der Materialien an die durchführenden Großverbände und Kommandos sicherzustellen. Darüber hinaus galt es, die Ausbilder (Tutoren) der jungen militärischen Führer, gemeinsam einzuweisen. Der reale Ort dieser Einweisung war deckungsgleich mit dem Gelände der taktischen Lage. Des Weiteren sollte ein digitales Informationspaket mit Lernunterlagen den Teilnehmenden zur Verfügung gestellt werden.

Für die Erstellung der Ausbildungsunterlagen wurden dem TZH unter anderem folgende Auflagen vorgegeben: Für die Ausbildungslage sollte das Gelände im Raum Bremen – Hannover – Munster gewählt werden und die Charakteristika eines Verzögerungsgefechts im Fokus stehen. Diese zu entwickelnde taktische Lage beinhaltet mehrere Phasen. In ausgewählten Abschnitten galt es, die Thematik Gegenangriff von Einheiten sowie die Verteidigung an einem Gewässer auszubilden. Vorgabe war es die oben skizzierten Arbeitsschritte (Erstellung der Ausbildungsunterlagen, Druck und Verteilung, Einweisung des Lehrpersonals) in enger Abstimmung mit dem AusbKdo durchzuführen. TZH hat auf dieser Grundlage die Auswertung des Auftrages durchgeführt und anschließend mit der Umsetzung des Auftrages begonnen.

Konzeption der taktischen Lage inklusive der Ausbildungsunterlagen

Experten unterschiedlicher Truppengattungen erarbeiten im Taktikzentrum des Heeres gemeinsam die Grundlagendokumente für die Heereseinheitliche Taktische Weiterbildung. Foto (Bundeswehr/Kelm)
Experten unterschiedlicher Truppengattungen erarbeiten im Taktikzentrum des Heeres gemeinsam die Grundlagendokumente für die Heereseinheitliche Taktische Weiterbildung. Foto (Bundeswehr/Kelm)

In der ersten Phase wurde der taktische Grundgedanke für die Planungsaufgabe entwickelt. Im Kern ging es dabei um die Führung eines Panzertruppenbataillons in einer Verzögerungsoperation. Daneben wurden die Grundideen für die Lagefortschreibung und des Ausbildungsanteils mit dem Schwerpunkt einer Geländebesprechung erarbeitet. Bis zur 4. Kalenderwoche 2019 wurden Grundzüge der Beurteilung des Geländes erarbeitet. Der Blick in den Gefechtsstreifen ist bei der Bearbeitung von Lagen zwingend notwendig, um reale Gegebenheiten (Gewässerbreite, Bodenbeschaffenheit) in die Lagekarte zu übertragen.

Die Gruppe Taktik des TZH hat anschließend auf Basis der bis dahin entwickelten taktischen Überlegungen Ende Januar 2019 eine Geländeerkundung im Einsatzraum Bremen – Hannover – Munster, durchgeführt. Unterstützt wurde das TZH durch die Truppenfachlehrer des Ausbildungszentrums Munster, die insbesondere durch ihre Ortskenntnisse beraten konnten.

Oberst i.G. Stefan Hendrich (links.), Leiter des Taktikzentrums des Heeres, informierte Generalleutnant Alfons Mais (rechts), Inspekteur des Heeres, am 20. Februar 2020 über den aktuellen Sachstand zur Heereseinheitlichen Taktischen Weiterbildung (Bundesw
Oberst i.G. Stefan Hendrich (links.), Leiter des Taktikzentrums des Heeres, informierte Generalleutnant Alfons Mais (rechts), Inspekteur des Heeres, am 20. Februar 2020 über den aktuellen Sachstand zur Heereseinheitlichen Taktischen Weiterbildung (Bundesw

Diese Erkundung war die Basis für die Erarbeitung der Ausbildungsunterlagen, einschließlich Lösungsvorschlägen für die einzelnen Lageteile. In Zwischenschritten wurden dem AusbKdo Teilergebnisse vorgestellt. Bevor alle Dokumente zur Billigung beim Kommandeur AusbKdo vorgelegt wurden, fanden interne und externe Maßnahmen zur Qualitätssicherung (Lektorat) statt. Nach Billigung fand am 4. April 2019 eine durch Herrn Generalmajor Norbert Wagner persönlich durchgeführte Weiterbildung und Einweisung in die wichtigsten Geländeabschnitte im Einsatzraum statt. Der Kommandeur AusbKdo erklärte am Fluss Wümme die Besonderheiten der Verteidigung eines Gewässers. In einem anderen Geländeabschnitt wurde dann das Thema Gegenangriff praxisnah vermittelt und insbesondere die Notwendigkeit von detaillierten Absprachen der Kampftruppe (Panzer, Panzergrenadiere) und der Kampfunterstützung (Pioniere, Artillerie) unterstrichen. Darüber hinaus wurde der Einsatz von Wurfminenund Verlegminensperren und dessen Besonderheiten besprochen. Dabei wurden inhaltlich notwendige Änderungen an der Lage identifiziert sowie Vorgaben für die Einweisung der Tutoren gemacht. Die Anpassungen wurden dann bis Mitte April durch das TZH umgesetzt.

Drucklegung und Verteilung

Auch in Sachen Druck und Legung der erstellten Ausbildungsunterlagen wurde deutlich, dass es sich bei der HTW 2019 um eine Neuauflage handelte. Der Druck von mehr als 120.000 Blättern und circa 11.200 Karten sowie die Verteilung dieser Ausbildungsunterlagen stellte für das TZH eine besondere Herausforderung dar, insbesondere auch aufgrund des knappen Zeitfensters.

War es bis 2005 gut organisierte Praxis diese Themen fast vollständig in der eigenen Teilstreitkraft Heer zu handhaben, bedurfte es speziell für die Erstellung von Kartensonderdrucken der Beteiligung von Fachleuten des Geoinformationsdienstes der Bundeswehr. Aufgrund verlorengegangener Erfahrungen innerhalb der Bundeswehr bezüglich des Druckes der HTW-Unterlagen in den letzten 15 Jahren hat sich das TZH für eine zivile Druckerei entschieden. Das Auswahlverfahren fand nach intensiver Prüfung des TZH, der Beratung und Empfehlung durch den Geoinformationsdienst der Bundeswehr sowie nach Rücksprache mit den vorgesetzten Dienststellen statt. Notwendige Feinabsprachen über Form und Inhalt fanden bei der zivilen Druckerei vor Ort statt und es wurde in einem nächsten Schritt ein Probedruck für die Qualitätssichtung erstellt. Der Druck und die Vervielfältigung der gesamten Unterlagen der HTW 2019 erfolgte im Mai. Ab Mitte Juni wurden die Druckerzeugnisse an die durchführenden Großverbände und Kommandos ausgeliefert. Im gleichen Zeitraum wurden im TZH die Einweisungen der Tutoren methodisch und didaktisch vorbereitet.

Einweisung der Tutoren

Das TZH führte zwei Einweisungsveranstaltungen für die Tutoren durch. Die erste Einweisung in die Lage und in den Übungsraum fand Anfang Juli, die Zweite Anfang August 2019 statt. Diese gliederte sich in eine halbtägige theoretische Einweisung in die Lageteile. Dabei wurden den Tutoren die verschiedenen Lageteile erläutert. Das Ganze wurde in der Lent-Kaserne in Rotenburg/Wümme durchgeführt. Das dort ansässige Jägerbataillon 91 unterstützte mit der Bereitstellung der Infrastruktur und Personal. Am nächsten Tag erfolgte eine halbtägige Einweisung im Gelände im Stationswechsel. Ziel der Einweisung im Gelände war es, sich mit dem Einsatzraum vertraut zu machen und Möglichkeiten zur methodischen Durchführung der Geländebesprechung aufzuzeigen.

Aus Sicht TZH ist eine Einweisung in die Lage als auch in die dahinterliegenden Gedanken („Narrativ“) zweckmäßig und wurde von den Tutoren auch positiv bewertet. Fragen und die taktischen Diskussionen allgemeiner Art, aber auch mit konkretem Lagebezug waren für alle Seiten gewinnbringend. Eine Einweisung im Raum der HTW hat sich aus Sicht des TZH bewährt, da dadurch der Blick ins Gelände erfolgte, der die Voraussetzung für eine praxisnahe, lebendige Aus- und Weiterbildung ist.

Ausblick und Weiterentwicklung

Die HTW ist, neben der lehrgangsgebundenen Aus- und Weiterbildung, „das geeignete Mittel um taktisches Denken zu entwickeln“, bewertete Generalleutnant Stephan Thomas, Kommandeur Deutscher Anteil Multinationale Korps und Militärische Grundorganisation und stellvertretender Inspekteur Heer, am 27. Juni 2019 im Gespräch mit dem Leiter des TZH. Dies wurde durch den neuen Inspekteur des Heeres, Herrn Generalleutnant Alfons Mais, im Rahmen des Besuches an der Offizierschule des Heeres am 20. Februar 2020, deutlich unterstrichen. Die Unterstützung der taktischen Weiterbildung der Offiziere durch die Wiedereinführung der HTW ist die richtige Wahl. Dass das Ergebnis einer solchen Weiterbildung zu großen Teilen von der Qualität der Vorbereitung, hier im Besonderen von der Qualität der Ausbildungsunterlagen abhängig ist, ist unverändert der Anspruch, dem sich das TZH stellt.

Genau für diesen Zweck wurde das TZH 1980 aufgestellt und mit Auftrag vom 10. Oktober 2018 nach 15 Jahren Abstinenz wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt. Das dieser Neustart nicht ohne Friktionen und einer Vielzahl von Herausforderungen zu meistern war, überrascht in Anbetracht des Stellenwertes der HTW und der damit verbundenen Erwartungshaltung an das TZH sicherlich nicht. Der Kernauftrag TZH für die HTW 2019 endete letztendlich mit dem Abschluss der Einweisungsveranstaltungen für die Tutoren.

Vor dem Hintergrund, dass jede Lage im Lichte ihrer Zeit und ihrer jeweiligen Rahmenbedingungen entwickelt wird, muss auf die Entwicklungen der Jahre 2014 fortfolgend und der Gleichrangigkeit von Landes- und Bündnisverteidigung und Stabilisierungsoperationen, wie auch im Weißbuch beschrieben, hingewiesen werden. Gemäß dem Motto „Nach der HTW ist vor der HTW“, ging es für das TZH unmittelbar weiter mit den ersten Überlegungen für eine Folge-HTW. Nach der Erstellung des Konzeptes für die HTW 2020 und einer sich anschließenden Geländeerkundung, befindet sich das TZH mitten in der Erarbeitungsphase der Ausbildungsunterlagen, die bis Ende April 2020 finalisiert werden. Daran werden turnusmäßig der Druck und die Verteilung der Ausbildungsunterlagen folgen, bevor im Herbst 2020 die Tutoren in die neue Lage eingewiesen werden. Die HTW wird dann im Süden Deutschlands stattfinden. Für das TZH besteht der Anspruch unverändert die taktische Aus- und Weiterbildung junger Offiziere im Deutschen Heer zu prägen und somit einen Beitrag zur personellen Einsatzbereitschaft zu leisten.

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