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Die Panzertruppe von ihrer besten Seite

08.06.2015 17:35
von Marco Pracht
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Band-6

7. Informations Wehrübung, 21.-26. Juni 2010 in Munster

Ein sehr persönlicher Rückblick
Autor: OLt d.Res Dr. Alexander Barti

Anekdoten zur Vorgeschichte:

OLt d.Res Dr. Alexander Barti
Alexander Barti

Entschuldigen Sie, dass ich mitgelauscht habe, ich raten Ihnen dringend davon ab, jetzt zur Bundeswehr zu gehen, ich weiß wovon ich rede, ich arbeite da" – das war irgendwann 1990 in der Kasseler Straßenbahn und der gutgekleidete Mann mittleren Alters hatte mich gemeint, als ich einem Kumpel gerade erzählt hatte, dass ich vielleicht doch zum Bund gehen wolle. Denn zum Bund gingen nur diejenigen, die "zu blöd" waren, eine adäquate Verweigerung schreiben zu können.

Davon waren wir Gymnasiasten – nicht nur in der Waldorfschule – felsenfest überzeugt. Der berühmte I-Punkt mag noch das Aufbegehren gegen meinen Vater gewesen sein, für den Ungediente keine echten Männer waren. Ich wollte ihm schon zeigen, dass er Unrecht hatte... Und überhaupt, schien die Geschichte nicht "zu Ende" zu sein, damals, als der Ostblock implodierte?

Die Skrupel stellten sich sehr schnell ein. Bereits während meiner Zeit als "Zivi" überlegte ich mir, diesen "Blödsinn" zu beenden. Aber wer gibt schon gerne zu, dass er einen kapitalen Fehler begangen hatte? Was für eine Blamage vor allen Freunden und Bekannten... geht nicht! Zumal die 15 Monate schnell vorbei waren und ich mich schon sehr auf das Studium in München freute, das sich nahtlos anschloss. Doch der Makel blieb. Daher entschloss ich mich, zumindest formal, wieder für Ordnung zu sorgen: Ich nahm meine "Verweigerung" offiziell zurück. Der Bescheid von 1997 beinhaltete den Hinweis, dass der Wehrdienst eventuell nachzuholen sei. Aber es kam nichts mehr – leider.

Nach dem Studium stellte ich mehrfach den Antrag zum Reserveoffizier, verständlicherweise ohne Erfolg, denn gleichzeitig hatte ich mich nicht um einen möglichen Dienstposten gekümmert. Und warum sollte man ausgerechnet einen "Zivilunken" aufnehmen? Umso erfreuter war ich, als ich von der Möglichkeit hörte, über eine Info-Wehrübung zumindest symbolisch Teil der Streitkräfte werden zu können. Da ich inzwischen geheiratet und eine Familie gegründet hatte und beruflich nach Österreich verzogen war, tat sich hier die letzte Chance für mich auf.

Unvergessliche Tage in Munster

Im Herbst 2009 reichte ich die Bewerbungsunterlagen ein, ohne, dass meine Frau etwas davon wusste. Im Februar 2010 hatte ich die Einladung im Briefkasten und traute meinen Augen kaum. Immer wieder las ich die paar Zeilen aus dem Heeresamt, in denen mir viel Erfolg für die Info-Wehrübung gewünscht wurde. Ich beantrage bei meinem Arbeitgeber sofort Urlaub. Es ist mir fast peinlich – ich war überglücklich! Jetzt musste ich meiner Frau "beichten". Später in Munster, hörte ich auch von anderen Kameraden, dass sie ganz ähnliches durchstehen mussten: Wie erklärt man seiner Gattin, dass man als erwachsener Mensch und Vater kleiner Kinder im Sommer alleine und für eine Woche Urlaub nimmt, um "Krieg zu spielen"? Ich musste versprechen, dass ich damit endgültig meine "Zivi-Komplexe" geheilt habe. Kopfschüttelnd gab sie mir ihre Absolution.

Feierliches Gelöbnis
Feierliches Gelöbnis

Bei der ärztlichen Musterung in Berlin lag exakt der gleiche Personalkarton auf dem Tisch, wie 1990 in Kassel. Ich war beeindruckt, denn dieses alte Dokument hatte in den vergangenen 20 Jahren unterschiedliche Behörden und Verwahrstellen durchwandert und war doch nicht verloren gegangen. Der Anblick war wie eine Zeitreise. Sogar mein Gewicht war identisch. "Das kommt nicht oft vor – nach 20 Jahren", bemerkte lachend die Ärztin. Am Sonntag, den 20. Juni 2010 war es endlich soweit: Ich hatte von Eisenstadt (Österreich) rund 1.200 km vor mir und hoffte nur, dass nicht ausgerechnet jetzt ein Panne passiert. Irgendwann gegen 2 Uhr nachts kam ich in Munster an und fuhr völlig unbehelligt und ohne Kontrolle vor das Kasino Kornett. `Ist das nicht ein bisschen leichtsinnig`, dachte ich, `schließlich befinden wir uns im Krieg, der auch mit Sprengsätzen weitab der Front geführt wird`. Ich parkte mein Auto mit ausländischem Kennzeichen (!), ging zwischen den Offizierstuben umher, klingelte am Kasino – keine Wachen, Nichts! Alles schlief.

Später erfuhr ich, dass dort auch die Kanadier untergebracht waren, die sich für ihren Einsatz in Afghanistan vorbereiteten... Nur gut, dass der Feind nicht weiß, wie leicht man das deutsche Offizierlager "besuchen" kann. Inzwischen war es 3 Uhr geworden und ich beschloss, direkt im Auto zu schlafen.

Die nun folgenden Tage waren für mich ein nicht enden wollendes Feuerwerk. Ein Höhepunkt folgte dem anderen. Der erste Tag stand ganz im Zeichen der "Ernennung" und des "Gelöbnisses". Ich wurde in die Gruppe 6 zu Hauptmann Nico Müller eingeteilt; er war ein tadelloser Vorgesetzter. Frisch eingekleidet im Feldanzug war ich am Ziel angelangt, und es fielen mir diese abgedroschenen Managementweisheiten ein, die ich bereits in so vielen Reden gehört und gesagt hatte: Wenn du ein "echtes" Ziel hast, wirst du es erreichen; nur wer aufgibt, hat verloren; frage nach dem "warum" – und erst dann nach dem "wie", etc. etc. So banal!

Was mir sofort auffiel: Ausnahmslos alle verantwortlichen Soldaten waren von einer Offenheit geprägt und strahlten eine Geradlinigkeit aus, wie ich es in einer solchen Menge nur selten erlebt habe. Diesen Charakter kann man nicht spielen, man ist so. Die brillanten Vorträge und Vortragenden, die von General Feldmann so treffend anmoderiert wurden, kreisten letztlich immer um zwei zentrale Fragen: Was passiert in Afghanistan und wie sieht die Zukunft der Bundeswehr aus?

Beide Themenkomplexe, die nicht zuletzt aufgrund der Fragen aus dem Lehrgang zentral waren, wurden von Seiten der Bundeswehr sehr offen und kritisch angesprochen. Mein Eindruck war, dass "Afghanistan" aus militärischer Sicht kein besonderes Problem darstellt. Ladehemmung verursachte hauptsächlich die deutsche Innenpolitik. Ganz anders wurde die Zukunft der Bundeswehr beurteilt. Hier sprach man von eher düsteren Szenarien. Natürlich immer "machbar" – Soldatenethos: man kämpft immer mit der Armee, die man zur Verfügung hat – aber doch bedenklich. Immer weniger Geld, immer die Reform der Reform im Nacken und immer heute schon alles Gestern zu erledigen. Zumindest in dieser Hinsicht war die Bundeswehr tatsächlich wie eine große Firma im internationalen Wettbewerb: Von Beamtengemütlichkeit keine Spur!

Besonderer Höhepunkte ergaben sich per Zufall. Zum Beispiel, indem wir der feierlichen Verabschiedung von Oberst Rake beiwohnen konnten, samt der Kommandoübergabe des Ausbildungszentrums Panzertruppen an Oberst Schwitalla. Oder die Teilnahme an der Informationslehrübung der Panzerlehrbrigade 93 (s. SB Nr. 44, Seite 71). Sehr gut in Erinnerung blieb mir das Wettschießen mit G36, P8 und MP2 und der Orientierungsmarsch, der allerdings eher einem Sparziergang glich und daher vor allem dazu diente, den Gruppenzusammenhalt mit gemeinsamen Gesängen zu festigen (die Tiere des Waldes dürften vor den interessanten Tonfolgen geflohen sein...).

Am Ollershof
Am Ollershof

Ein ganz besonderes Schmankerl war natürlich die Fahrt im Leo 2. Das Brüllen der Aggregate war wie eine Impfung: Nach dem Absitzen war die Frage nach dem Waffenstolz kein Thema mehr. Die Zeit verging rasend schnell. Uns allen war bewusst, dass wir hier keinen Alltag der Panzertruppe erlebt hatten. Das Ziel der Übung wurde dennoch erreicht: Die Bundeswehr intensiv erleben und danach, wieder als Zivilist, auch emotional für sie und ihre Aufgaben einstehen. Ein ganz besonderes Moment war die Auskleidung. Nach einer Woche Feldanzug stand man sich plötzlich in seinen zivilen Klamotten gegenüber. Betretene Gesichter. Einige reisten schnell, fast hastig ab, andere – ich zählte zu ihnen – blieben noch im Kornett und reizten jede Sekunde aus. Das Wetter hatte sich die gesamte Woche von seiner besten Seite gezeigt, so auch an unserem letzten Tag. Ich hatte keine Eile.

Nachwirkungen

Wieder zu Hause angelangt musste ich ausführlich berichten. Besonders meine beiden großen Söhne waren ganz gespannt. Ich zeigte die Fotos und erklärte fachmännisch die Funktion des weltbesten Kampfpanzers und wie man schießen muss. Die Kinder nickten mit ernster Mine; meine Frau war aber deutlich geringer beeindruckt. Spöttische Bemerkungen über den "Wochenendkrieger" konnte sie sich nicht verkneifen. In den folgenden Wochen sah man auf den meisten Malblättern der Kinder einen Panzer. Was gut war, war "panzer", so zum Beispiel die Riesenwasserrutsche im Schwimmbad: Für meine Kinder wurde sie zur "Panzerrutsche". Im Kindergarten erzählte unser Fünfjährige stolz, "Papa fährt Panzer", worauf ich von der Kindergärtnerin fragende Blicke erntete; ich klärte das Missverständnis nicht auf, schließlich fühlte ich mich geschmeichelt. In der Faschingszeit verlangte unser Großer (6 Jahre) eine Uniform, er wollte diesmal als "Soldat" verkleidet werden, was wiederum bei meiner Frau für Kopfschütteln sorgte. In Munster hatte ich erfahren, dass es eine Partnerschaft mit der Österreichischen Heerestruppenschule Eisenstadt gibt. Über diese Verbindung stieß ich auf das Panzerbataillon 33 in Zwölfaxing bei Wien. Gemeinsam mit meinen Jungs besuchten wir die Kaserne am Tag der Offenen Tür im November, schließlich wollten wir "mal wieder echte Panzer" sehen.

Es dauerte auch nicht allzu lange, bis ich Mitglied des Freundeskreises (FOP) wurde und zumindest mittels "SB" regen Anteil an meinen Kameraden nehme. Persönliche Teilnahmen an Veranstaltungen in Munster stehen für die kommende Zeit leider nicht auf dem Plan. Unsere erfreuliche Nachwuchslage und vor allem die Entfernung lassen für solche "Hobbys" keinen Platz. Nachrichten über die Bundeswehr nehme ich mit großem Interesse und auch ein bisschen wehmütig zur Kenntnis. Angesichts der weniger erfreulichen Nachwuchslage bei der Truppe, die sich mit der Aussetzung des Wehrdienstes dramatisch verschlechtern wird, bedauere ich sehr, nicht 10 Jahre jünger zu sein. Allen Soldaten, die für das tadellose Gelingen der Wehrübung beigetragen haben, möchte ich hiermit meinen herzlichen Dank aussprechen! Weitere Verwendungsmöglichkeiten werden gerne entgegen genommen.

Autor:

Biografische Angaben

  • Geboren 1971 in Kassel als Sohn eines Beamten im höheren Dienst
  • 1991 Abitur Waldorfschule Kassel
  • 1991/92 Zivildienst
  • 1997 Rücknahme der "Verweigerung", Studium in München, Budapest, Berlin zum Dipl.-Pol., Dr. phil., Erste Staatsprüfung (Lehramt), Stipendiat der Robert- Bosch- Stiftung
  • seit 2010 "Associate" der Bank Austria (Wien)
  • verh. 4 Kinder

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Generalleutnant Jacobson
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