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Ein Markenzeichen für Multinationalität

2018-11-19 22:00
von Marco Pracht
Band-7

Sehr geehrter Herr General, wie setzt sich die Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) der NATO zusammen?

Wappen PzLBrig 9
Wappen PzLBrig 9

Zunächst einmal muss man wissen, dass die NATO auf ihrem Treffen der Staats- und Regierungschefs in 2014 als Reaktion auf die militärische Annexion der Krim durch die Russische Föderation einen Aktionsplan, den sogenannten „Readiness Action Plan“ beschlossen hat. Dieser sieht unter anderem eine Fähigkeitserweiterung und -verbesserung der NATO Response Force (NRF) vor. Diese so genannte Enhanced NRF (eNRF) umfasst drei Brigaden, in der Regel multinational und angeführt von einer Framework Nation. Es beginnt immer mit einer Brigade, die in einem Stand Up – Jahr ist. Das sind wir seit dem 1. Januar 2018. Wir haben eine Abmarschbereitschaft – Notice to Move – von 45 Tagen. Die zweite Brigade ist die im sogenannten Stand By – Jahr. Die ersten Elemente dieser Brigade, das Spearhead – Bataillon, müssen als Vorausverband innerhalb von zwei bis drei Tagen, die Hauptkräfte innerhalb von fünf bis sieben Tagen verlegen können. Das ist 2018 eine italienische Brigade. Eine weitere dritte Brigade ist in der Stand Down – Phase mit einem Bereitschaftsgrad von 30 Tagen. Sie wird dieses Jahr von den Briten gestellt. Die NATO hat somit jedes Jahr eine Brigade im Stand Up, eine im Stand By und eine im Stand Down. Die Stand Up und die Stand Down Brigaden bilden die Initial Follow on Forces Group, die ersten Folgekräfte für die Stand By VJTF Brigade.

Eine durch und durch multinationale, auf die Fähigkeiten der Nationen abgestimmte Maßnahme der Allianz, die ergänzt wird insbesondere in den baltischen Staaten und Polen durch die Etablierung der NATO Force Integration Units (NFIU). Dabei handelt es sich um Aufnahmekräfte, die vor allem dafür da sind, um mit der Host Nation, also zum Beispiel Lettland oder Litauen, die VJTF und die Folgekräfte aufzunehmen. Auch die NFIU sind multinational, wenn man so will nach dem klaren Prinzip „29 for 29“ aufgestellt. Das ist die Grundidee. Die ist uns Deutschen bestens bekannt, waren es doch wir, die bis 1990 von der Bündnissolidarität primär profitiert haben. Nun ist es auch an uns, genau diese Bündnissolidarität zu zeigen. Das machen wir unter anderem dadurch, dass wir angezeigt haben, als Rahmennation – konkret mit der Panzerlehrbrigade 9 – für 2019 die Führung der schnellen Eingreiftruppe zu übernehmen.

Und die Führung der drei Brigaden?

Über diesen drei Brigaden wird grundsätzlich ein Land Component Command (LCC) sein. Die Führungsstruktur wird lageabhängig entschieden. Weil die VJTF sich nicht nur auf das Baltikum und Polen konzentriert, sondern grundsätzlich der NATO gewissermaßen zu 360 Grad und damit grundsätzlich auch für Stabilisierungsoperationen zur Verfügung steht, wird dann im Einzelfall festgelegt, wer die Führung auf der Ebene LCC übernimmt.

Deutschland und die Niederlande haben für 2019 angezeigt, dass das I. Deutsch- Niederländische Korps als LCC auch in einer Abrufbereitschaft von 30 Tagen zur Verfügung steht. Daher arbeiten wir sehr eng mit dem Korpsstab in Münster zusammen, aber auch von Anfang an ebenfalls sehr eng mit dem Multinationalen Korps Nordost in Stettin.

Sehr frühzeitig, bereits im August des vergangenen Jahres, haben wir mit den Führern der multinationalen VJTF Brigade eine Reise nach Polen durchgeführt und uns vom MNC NE sowie von der NFIU in Polen einweisen lassen. Anschließend waren wir in Litauen, um uns mit dem Gelände und den Besonderheiten des Terrains vertraut zu machen. Ein sichtbares Zeichen, dass wir den Auftrag sehr ernst nehmen.

Und wie gliedert sich die VJTF 2019?

An der VJTF 2019 sind insgesamt neun Nationen beteiligt. Sie besteht aus vier Battlegroups: ein deutsches Panzerbataillon, ein norwegisches und ein niederländisches Panzergrenadierbataillon sowie ein französisches Infanteriebataillon. Hinzu kommen fünf Verbände auf Bataillonsebene, die uns unterstützen: ein multinationales Artilleriebataillon, ein multinationales Pionierbataillon, ein multinationales Aufklärungsbataillon, ein multinationales Versorgungsbataillon sowie eine bewegliche Medical Task Force. Bis auf die Medical Task Force wird der Nukleus dieser Verbände durch die entsprechenden Bataillone der Lehrbrigade gestellt.

Der Stab der VJTF wird im Kern durch den Stab der Panzerlehrbrigade 9 abgebildet. Er wird um 60 multinationale Kameraden auf rund 170 Soldaten verstärkt. Die gesamte VJTF wird dann rund 8.000 Soldatinnen und Soldaten umfassen. Das Ganze ist ein Markenzeichen für Multinationalität und steht für die enge Zusammenarbeit mit unseren Partnern im Bündnis.

Sie betonen die Multinationalität…

Ja. Was die VJTF angeht, bauen wir auf die Erfahrungen bei Enhanced Forward Presence auf, aber auch auf die Erfahrungen, die wir in der sogenannten Initial VJTF 2015 hatten, wo Deutschland bereits mit Norwegen und den Niederlanden zusammengearbeitet hatte. Und mit ihnen, genauso wie mit den Franzosen, arbeiten wir ja auch bei Enhanced Forward Presence in Litauen zusammen. Wenn man so will, jetzt alles einen Aggregatzustand höher auf der Ebene der Brigade. Wir praktizieren Multinationalität nicht nur vertikal sondern auch horizontal. Zum Beispiel das multinationale Artilleriebataillon mit einer deutschen, einer niederländischen, einer norwegischen und einer belgischen schießenden Batterie. Diese werden zudem durch deutsche Raketenartillerie ergänzt. Also durch und durch multinational, wie Sie sehen. Und das erstreckt sich teilweise bis auf die Kompanieebene, zum Beispiel in einer multinationalen Transportkompanie des Versorgungsbataillons. Aus dem deutsch-niederländischen Panzerbataillon 414 haben wir auch eine bi-nationale Panzerkompanie dabei. Mittlerweise ist diese Durchmischung schon zur Normalität geworden. Vor allem merke ich, dass die Soldaten die Vorteile und den Gewinn, den die Multinationalität mit sich bringt, sehen und mittragen. Auch bei der Übung hier im GÜZ haben wir das erneut erlebt, als die norwegischen und niederländischen Kameraden kamen, um Absprachen mit dem beübten Panzerlehrbataillon 93 zu treffen. Sie haben sich alle im Laufe des letzten Jahres bei unterschiedlichen Veranstaltungen schon mehrfach getroffen, waren auch jetzt sehr vertraut miteinander und so wird die Interoperabilität immer besser. Ich bin wirklich positiv erstaunt über die Englisch-Kenntnisse, die unsere Soldatinnen und Soldaten haben. Bei den Offizieren allemal, aber auch bei den Feldwebeln und den Mannschaften. Das finde ich ganz toll!

Wie sehen die deutschen Anteile aus?

Den Kern des Gefechtsverbandes stellt das Panzerlehrbataillon 93. Da das Panzergrenadierlehrbataillon 92 mit dem Schützenpanzer Puma ausgestattet ist, der sich noch in der Einführung befindet und als neues Waffensystem noch nicht einsatzreif ist, wird es verstärkt durch eine Kompanie des Panzergrenadierbataillons 401 aus Hagenow mit dem bewährten Schützenpanzer Marder.

Auch die fünf multinationalen Unterstützungsverbände kommen – mit Ausnahme der Medical Task Force – im Nukleus aus der Panzerlehrbrigade 9. Das ist das Versorgungsbataillon 141 aus Luttmersen, das Panzerpionierbataillon 130 aus Minden, das eigentlich zur Division gehörende Artillerielehrbataillon 325 aus Munster, das in seinem Kern mir für den Einsatz unterstellt wird, und das Aufklärungslehrbataillon 3 aus Lüneburg. Damit stellen die Soldatinnen und Soldaten der Panzerlehrbrigade 9 auch den Nukleus der VJTF (L) 2019.

Wir werden natürlich auch an vielen Stellen durch die anderen Brigaden unserer Division unterstützt. Nur so sind wir in der Lage, diesen Auftrag personell und materiell über den ganzen Zeitraum durchzuführen.

Wie steht es um die Fähigkeit zum Sperren, wie um die bodengebundene taktische Luftverteidigung?

Die Minenverlegefähigkeit haben wir durch das reaktivierte Minenverlegesystem 85 hergestellt. Mit dem haben wir in der Vergangenheit durchaus gute Erfahrungen gemacht. Dazu kommen zum Beispiel Richtminen. Und natürlich haben wir die Möglichkeit Wurfminensperren der Artillerie einzusetzen. Der Kampf mit Sperren, gerade in der für uns wichtigen defensiven taktischen Aktivität Verzögerung, ist sichergestellt. Bei den Aufgaben, die früher die Heeresflugabwehr übernommen hat, werden wir unterstützt durch unsere tschechischen Kameraden, die eine entsprechende Batterie für uns abstellen. Und wir arbeiten natürlich eng mit der Luftwaffe zusammen. Ende des Jahres werden wir zusammen mit einer DEU Patriot- Gruppe in Norwegen üben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir so auch diese Fähigkeit abdecken. Dass wir uns als Heer insgesamt in diesem Bereich weiter verbessern müssen, hat ja auch der Inspekteur bereits mehrfach deutlich gemacht.

Dipl.-Päd. Burghard Lindhorst. Das Interview erschien als Erstabdruck für Newsletter Verteidigung 1-2018 (09.01.2018). www.sipokomm.de

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