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Gedanken zur Entwicklung des Heeres

2016-07-13 15:32
von Redaktion
Band-7
Berichterstattung: Oberst a.D. Bernd-Günter Köpcke

Volkstrauertag 2015 am Ausbildungszentrum MUNSTER

Generalleutnant Jacobson
Generalleutnant Jacobson ist Stellvertreter des Inspekteur des Heeres und Kommandeur Einsatzkräfte im Kommando Heer

Einer schon sehr langen Tradition folgend, fand auch in diesem Jahr am Vorabend zu den Feierlichkeiten zum Volkstrauertag am Ausbildungszentrum Munster der obligatorische Gesellschaftsabend statt. Auch schon traditionell ist dabei ein fester Kanon, der durch den Kommandeur des Ausbildungszentrum Munster, Brigadegeneral Wagner, im Standortoffizierheim Munster, eröffnet wurde. Dieser konnte zu seiner großen Freude mit Generalleutnant Carsten Jacobson, Kommandeur Einsatzkräfte und Vertreter des Inspekteur des Heeres, auch in diesem Jahr wieder einen hochrangigen Repräsentanten aus der Heeresspitze als Festredner begrüßen.

Nach der Begrüßung überbrachte die Bürgermeisterin der Stad Munster, Frau Christina Fleckenstein, die Grüße der Stadt und betonte die tiefe Verbundenheit der Bevölkerung der Stadt Munster mit „ihren“ Soldaten. Sie machte deutlich, wie im Lichte der aktuellen politischen Entwicklung das Gedenken zum Volkstrauertag uns in Deutschland berührt. Sie dankte den Soldaten/innen der Bundeswehr ganz besonders für Ihren Einsatz, hier oder fernab der Heimat, der den Frieden sichert und uns schützt vor Gewaltherrschaft und Krieg.

Danach ergriff General a.D. Hartmut Bagger das Wort und dankte im Namen aller Teilnehmer der „Crew“ um Brigadegeneral Wagner für die Durchführung der Veranstaltung zum Volkstrauertag.

Der gesellschaftliche Rahmen des Abends war festlich, stilvoll, perfekt organisiert und fand seinen klangvollen Abschluss durch die feierliche Serenade des Heeresmusikkorps Hannover. Ein würdiger Rahmen für den Abend, der bei intensiven kameradschaftlichen Gesprächen, weit über das offizielle Ende hinaus, in den verschiedensten Räumen des Standortoffizierheimes fortgesetzt wurde. Allerdings war nicht zu übersehen, dass die Veranstaltung von weitaus weniger Kameraden besucht wurde als in den vorherigen Jahren, vor allem die ältere Generation wurde vermisst.

Den besonderen Glanz und seine herausragende Bedeutung erhielt der Abend aber durch den Festvortrag von Generalleutnant Jacobson zum Thema: „Gedanken zur Entwicklung des Heeres“, der im nachfolgenden in komprimierter Form wiedergegeben wird.

Zum diesjährigen Tag der Information freut es mich besonders, zu Ihnen sprechen zu dürfen. Es ist Bewegung in den gepanzerten Truppen – und endlich einmal wieder nicht nur abwärts. Wir haben den Fuss im Sommer auf das Bremspedal gesetzt, ich glaube, gerade noch rechtzeitig. Jetzt arbeiten wir wieder mit dem Gaspedal, auch wenn es da noch einiges zu tun gibt.

Was beschäftigt heute das Heer? Und wo stehen wir? Nun, zunächst bleibt festzustellen: Wir haben vieles verloren. Wir müssen alte Fähigkeiten wieder erlangen – und das wird weit schwerer, als es war, sie aufzugeben.

Wir haben auch eine breite Palette von Aufgaben, die das abbilden, was wir alle gelernt haben – Führung im laufenden Gefecht bei zeitgleicher Planung der Folgeoperationen. Der Unterschied zu meinen jungen Jahren ist, dass dies heute keine Übung ist – wir stehen real in den Flüchtlingslagern, wir stehen in Asien und Afrika, wir stehen in Ostpolen und im Baltikum – und wir müssen zugleich die richtige Ausrüstung und Ausbildung für morgen beschaffen und gestalten.

Strategisch betrachtet haben wir zwei Bedrohungen zu betrachten – eine neue Lage an den Landesgrenzen unserer Bündnispartner im Osten, und einen Zusammenbruch von Staatlichkeit im Süden. Beide Entwicklungen sind potentiell immens gefährlich, die Folgen der Bedrohungen im Süden spüren wir täglich unmittelbar vor unserer Haustür, und die Verschärfungen im Osten erleben wir in stetig zunehmendem Maße. Parallel müssen wir auf die Gefährdungen des freien Welthandels, zum Beispiel durch Piraterie, achten. Unsere Werte sind in Gefahr.

Operativ haben wir damit beides zu leisten: Bekämpfung der Ursachen im Süden, aber natürlich auch ihrer Konsequenzen in unserer Heimat. Und zugleich müssen wir klare Signale in den Osten senden. Vigila pretium libertatis – Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit – das alte, aktuelle und bewährte Motto unseres Bündnisses ist heute so wichtig wie eh und je.

Taktisch müssen wir, nach Jahren der Fokussierung auf Stabilisierungseinsätze, uns heute wieder auf unser Handwerk konzentrieren – die Ausbildung für das hochintensive Gefecht. Dazu brauchen wir Ausrüstung, Munition, Vorschriften – und Zeit.

Wo stehen wir im Heer nun heute, um mit den anstehenden Aufgaben fertig zu werden? Und was hat uns dorthin gebracht? 2011 war der Zeitpunkt des höchsten Engagements in Afghanistan. Über 5000 deutsche Soldaten standen in Nordafghanistan, standen im Kampfeinsatz, drängten die Taliban zurück. Landesweit waren über 130000 alliierte Soldaten im Einsatz. Wir verloren jeden Tag 2 amerikanische Kameraden, jede Woche einen Briten, und so viele andere junge Soldaten aus aller Welt. Die Verluste der Taliban wogen schwerer, aber sie kämpften weiter. Es bleibt dennoch festzuhalten –

nur der Einsatz effektiver Gefechtsverbände hat damals die Taliban zurückgedrängt.

Warum knöpfe ich hier an ? Nun – die Realität der Einsätze ist damals strukturbestimmend gewesen. Die Heeresstruktur2011, die wir heute immer noch einnehmen, war die fünfte Struktur seit der Wende vor 25 Jahren, unter den Rahmenbedingungen eines Einsparungsdiktats von über 8 Milliarden Euro. Mit klaren Kopfzahlobergrenzen. Zeitgleich wurde der verpflichtende Grundwehrdienst ausgesetzt. Die Planungen waren verständlicherweise bestimmt durch den Einsatz in den Jahren 2009 und 2010.

Heute holt uns das ein.

Wesentliche Planungsfaktoren haben sich geändert,

und ich meine damit nicht die aktuellen Flüchtlingsherausforderungen. Ich meine das Fähigkeitsprofil des deutschen Heeres insgesamt.

Vor dem Hintergrund, dass der Einsatz in Afghanistan verlängert und sogar aufgestockt wird, und das auch andere Auslandseinsätze uns noch lange und zum Teil zunehmend fordern werden, müssen wir handwerklich – so haben wir es alle gelernt – auf den schlechtest möglichen Fall vorbereitet sein: Auf das hochintensive Gefecht gegen einen ebenbürtigen Gegner.

Was heißt das in der Praxis ?

Ich nehme die Ausbildung zum Spähtrupp als Beispiel. Unsere kriegserfahrenen Zugführer wissen heute, was eine Patroullie ist. Sie haben den beweglichen Arzttrupp dabei, den Feldjäger, den Sprengfallenentschärfer. Über ihnen fliegt die ganze Zeit eine Drohne, Close Air Support ist nie weit weg, und auch CIMIC ist dabei. Der Gegner verfügt nicht über eine Fähigkeit zur Bedrohung aus der Luft, aber er versteckt sich in der Bevölkerung.

Unsere Fahrzeuge sind optimal gegen Handwaffenbeschuss und Ansprengung geschützt – aber nicht duellfähig. Sie fahren möglichst sichtbar und mit Licht. Die Soldaten sind im Nahbereichsschiessen optimal ausgebildet – zieht ein Gegner unmittelbar vor ihnen eine Waffe unter der Burka hervor, bleiben sie stehen, weil die Brustplatte der Weste optimalen Schutz bietet – und schiessen schneller als er.

Ein Spähtrupp ist etwas ganz anderes. Hier schießt der duellfähige, ebenbürtige Gegner auf weite Entfernung zurück, der präzisere und schnellere Schütze gewinnt. Auch der Gegner setzt Luftkriegsmittel, Artillerie und Maschinenwaffen ein. Die Fokussierung auf die realen Stabilisierungseinsätze und die Sparzwänge führten zu Einschränkungen beim Material. Um die Truppe fern der Heimat optimal zu schützen und auszurüsten, musste in der Heimat gespart werden. Spezialisierte Systeme, eine gewaltige und logistisch grenzwertige Typenvielfalt, musste auch zu Hause für die einsatzvorbereitende Ausbildung zur Verfügung stehen. Die kleinen Zahlen der beschafften Systeme stellen heute hohe logistische Anforderungen.

Die Zahl der Hauptwaffensysteme für das hochintensive Gefecht wurde drastisch verringert, ein operatives Minimum wurde als „Level of Ambition“ definiert. Die Infanteriestärke wurde deutlich erhöht – weil Infanterie überall im Einsatzfokus stand. Kampfpanzer und Artillerie kamen in diesem „Level of Ambition“ nur noch als Einzelsystem oder maximal auf Einheitsebene vor – mit der Konsequenz, dass die Panzerbataillone heute nicht mehr über eigenes Gefechtsstandmaterial verfügen.

Andere Fähigkeiten wurden ganz aufgegeben, weil der Erhalt weniger Systeme kaum Einsparungen erbracht hätte. Hier steht symbolhaft der begleitende Fla Schutz, um den wir uns heute Sorgen machen müssen. Und der Blick in die Pioniertruppe zeigt, dass wir heute kaum noch über Brückenfähigkeit verfügen – und mit dem wenigen, das wir noch haben, stehen wir immer noch besser da als fast alle unsere Partner. Von den Minen, mit denen wir die innerdeutsche Grenze einmal 3 fach abdecken konnten, ist nichts mehr übrig, und die Minenräumfähigkeit ist der EOD Fähigkeit gewichen. Die Lage bei den Drehflüglern ist aus den Medien bekannt, wir haben Bewährtes aufgegeben, bevor neues verfügbar ist.

Die größte Herausforderung für die Beschaffung aber sind heute Dinge, die nach aussen wenig sexy, aber elementar wichtig und vor allem sehr teuer sind: Die Führungsmittel nach der auslaufenden SEM Generation, und die Bevorratung der Munition. Die Kriegsgeschichte ist voller Beispiele, was es bedeutet, in einen Konflikt ohne hinreichende Munitionsbestände einzutreten.

Dies alles ist keine Schuldzuweisung, ich habe die Rahmenbedingungen des Jahres 2010 aufgezeigt. Wir alle haben, unter diesen Auflagen, unser Bestes getan. Aber die Rahmenbedngungen haben sich geändert. Wie gesagt: Wir sind auf die Bremse getreten. Aber auch das ist nicht einfach, denn reiner Wille ohne die bedarfsbegründenden Papiere bewirkt noch keine Kursänderung des Tankers Rüstung.

Und so hat die Ministerin zwar entschieden,

  • vom dynamischen Verfügbarkeitsmanagement abzugehen und die Aufgaben- und Strukturgerechte Vollausstattung anzustreben – aber real stehen wir bei einer materiellen Ausstattung von 70%, in einzelnen Bereichen sogar nur 15%.

Diese Aufgabe wird uns lange fordern. Und es gelten die alten Grundregeln:

  • Die materiellen Forderungen zur optimalen Vorbereitung auf die Bedrohungen von heute werden einer Armee nie erfüllt werden.

In den Konflikt zieht eine Armee immer nur mit dem Material, das am Tag X verfügbar ist. Es gibt auch die Leistungen, die wir aus den Streitkräften ausgegliedert haben, und die nun zivil beigestellt werden müssen. Ein alter Bekannter taucht wieder auf – die Bahn. Es ist heute nicht mehr selbstverständlich, dass Flachwagen zeitgerecht und in der erforderlichen Zahl verfügbar gemacht werden. Es ist auch nicht mehr selbstverständlich, dass die Truppe be- und entladen kann. Und wenn wir in das Baltikum verlegen, stehen wir vor einem Problem, das früher nur die Russen kannten – der Spurwechselzone.

Es gibt aber natürlich auch viel Gutes. Wir brauchen Zeit, um schief geratenes wieder zu richten. Dabei müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass das Wort Vorwarnzeit deutlich an Dramatik gewonnen hat. Dies haben auch unsere Politiker verstanden, und durch die Fraktionen hindurch kann man bei den Verteidigungs- und Sicherheitspolitikern feststellen, dass sie das anpacken wollen. Sorge macht mir hier nur, dass wir bisher weder politisch, noch gesellschaftlich und zum großen Teil auch militärisch die Diskussion über den grundlegenden Unterschied zwischen Landesverteidigung in der Heimat und Bündnisverteidigung fernab der Heimat geführt haben. Host Nation Support ist heute etwas, dass wir nicht mehr gewähren, sondern das wir benötigen, formulieren und fordern müssen.

Gliederungsmässig stehen wir recht gut da, und brauchen hier auch nicht nachzusteuern. Mit zwei mechanisierten Divisionen, darunter 6 mechanisierten Brigaden und einer niederländischen mechanisierten Brigade, haben wir die wichtigsten Strukturelemente im Gegensatz zu unseren europäischen Nachbarn noch verfügbar. Und mit der Division „Schnelle Kräfte“ mit ihrer Befähigung zu Anfangsoperationen, Spezialoperation und nationaler Krisenvorsorge, mit dem Kommando Spezialkräfte, der Luftlandebrigade, den Hubschrauberregimentern und einer niederländischen luftmechanisierten Brigade sind wir auch rund. Was fehlt, ist die Führungsausstattung. Zu sehr sind die hohen Stäbe zur Zeit administrativer Natur.

Kernelement der Struktur bleibt die Brigadeebene. Jede Heeresbrigade ist grundsätzlich dazu befähigt, durch eine entsprechende Truppeneinteilung leichte und auch schwere Kräfte unter Rückgriff auf Jäger, Panzergrenadiere und Panzer zu führen. Was vor allem fehlt, ist die organische Steilfeuerkomponente. Die Brigaden haben in den letzten Jahren immer wieder bewiesen, dass sie das zweckmäßige Instrument sind, um komplexe Aufgaben anzugehen und zu lösen. Die Divisionen brauchen wir als Führungsinstrument, da die multinationalen Korpsstäbe mit der taktischen Führung von Brigaden überfordert sind, weil sie operativ planen und handeln müssen.

Wir müssen fordern und formulieren was wir brauchen, und wir dürfen uns nicht von den kleinen Zahlen an die Wand drücken lassen. Wir müssen auch vorhandenes weiter nutzen. Für den guten alten Schützenpanzer Marder wird es wohl auf vier Bataillone hinauslaufen, um die Einsatzverpflichtungen bis Mitte der 20er Jahre sicherstellen zu können.

Wir müssen Augenmass bewahren. Nicht überall brauchen wir geschützte Fahrzeuge, aber vorne brauchen wir sie, und dort brauchen auch unsere Kameraden aus anderen Org Bereichen höchstmöglichen Schutz.

Nicht jeder Funkkreis muss gesichert sein, aber die Datenübertragung braucht Bandbreite, und man muss bis ganz vorne bis zum Grenadier, aber auch zum Sanitäter und Pionier, kommunizieren können. Ich will damit schließen. Die Zeiten bleiben spannend, es ist und bleibt der schönste Beruf der Welt, und das Licht am Ende des Tunnels ist bei weitem nicht so dunkel, wie es manchmal dargestellt wird. Unsere Männer und Frauen leisten Großartiges – wir müssen daran arbeiten, dass sie das Richtige beigebracht kriegen, erfahren und erleben. Dann können wir das Staffelholz beruhigt weitergeben.

Unser Auftrag ist klar

Unterstützung staatlicher Ordnung durch Hilfe in Notlage im Inland, bei zeitgleichem Einsatz in der Ursachenbekämpfung im Ausland und Vorbereitung auf strategische Herausforderung im Rahmen der Sicherheitsvorsorge im Bündnis.

Wir packen das schon.

Wir sind das Heer.

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General a.D. Wolfgang Brüschke
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Oberst a.D. Schneider
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