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Symposium 2005 in Munster

2015-04-21 17:45
von Redaktion
2005

„Gegenwart und Zukunft des Heeres“

von Generalleutnant Hans Otto Budde

(Rede des Inspekteur des Heeres anlässlich des Symposiums der Freundeskreise der Pz- und PzGrenTruppe am 21. April 2005 an der PzTrS in Munster)

Ich danke den Freundeskreisen der Panzer- und Panzergrenadiertruppe für die Einladung zu diesem Symposium. Und ich freue mich über die Gelegenheit, mit Ihnen über Gegenwart und Zukunft des Heeres sprechen zu können. Angesichts der Entscheidungen, die in den vergangenen knapp zwei Jahren zur Transformation der Bundeswehr und des Heeres getroffen wurden, werde ich in meinem Vortrag den Fokus mehr auf die Zukunft und weniger auf die Gegenwart richten. Das ist sicher auch spannender für Sie. Wie es überhaupt meine Aufgabe als InspH vorrangig ist, dafür zu sorgen, dass das Heer auch im nächsten Jahrzehnt das handlungs- und einsatzfähige Instrument der Politik bleibt, das es auch schon in den vergangenen 50 Jahren gewesen ist.

Die Gegenwart wird von der Truppe gemeistert. Und zwar tagtäglich mit großem Engagement und Bravour. In den Einsätzen wie hier zuhause in Deutschland. Darauf ist Verlass. Dafür bin ich dankbar und das macht mich stolz. Dass die Rahmenbedingungen gerade jetzt, wo wir an der Schwelle des Übergangs vom Heer der Zukunft zum Neuen Heer stehen, in der Truppe schwierig sind, weiß ich. Durch intensive Information und Kommunikation sowie durch Erläuterung der Ursachen und Hintergründe zum Transformationsprozess tue ich das Meine, dies etwas abzufedern. Das Leitthema dieses Symposiums stellt knapp und präzise dar, vor welchen Herausforderungen wir stehen, und worauf es in den nächsten Jahren ankommt. Wir stehen in Fragen der äußeren Sicherheit für unser Land vor neuen Aufgaben und Herausforderungen, die wir mit unserem bisherigen Fähigkeitsspektrum und unseren jetzigen Strukturen nicht bewältigen können. Von der Aufstellungsphase in den fünfziger Jahren an war der Hauptauftrag des Heeres eindeutig die klassische Landesverteidigung im Bündnisrahmen. Das Heer war maßgeschneidert für diese Aufgabe, deren Erfüllung auch immer im streitkräftegemeinsamen Kontext und im engen Schulterschluss mit unseren Alliierten angelegt war.

Das Heer war für den Fall eines Angriffs aus Osten darauf ausgerichtet, innerhalb von 48 Stunden seine Verteidigungsräume entlang der innerdeutschen Grenze zu gewinnen. Es galt, im Schulterschluss mit den alliierten Streitkräften, die Panzerarmeen des Warschauer Paktes abzuwehren. Das Aufgaben- und Fähigkeitsspektrum war eindimensional, also nur auf diese eine Bedrohung ausgerichtet. Die Bedrohung – so würden wir heute sagen – war symmetrisch, der Gegner war klassisch militärisch organisiert und mehr oder weniger berechenbar. Seine Einsatzgrundsätze waren bekannt. Und die Schlagkraft des Heeres ruhte ganz wesentlich auf den gepanzerten Kampftruppen, auf der Fähigkeit zum gemeinsamen Einsatz von Panzern und Panzergrenadieren im Gefecht der verbundenen Waffen – in jeder Gefechtsart und in jeder besonderen Gefechtshandlung.

Ich möchte das einmal ganz allgemein so ausdrücken: Auftrag, Kräfte, Fähigkeiten und Strukturen standen in einer guten Balance zueinander. Dann kam vor 15 Jahren die Wiedervereinigung und das Ende des Ost-West-Konfliktes. Und damit trat das Heer – wie die gesamte Bundeswehr - , ohne dass wir das damals bereits so richtig erkennen wollten, in eine Phase des Übergangs ein. Mit den ersten Auslandseinsätzen im Iran, in Kambodscha und Somalia zeichneten sich erstmals mögliche neue Aufgaben im Rahmen des internationalen Krisenmanagements ab. Und spätestens mit den Einsätzen auf dem Balkan seit 1995 schälte sich immer deutlicher das neue, weitere Aufgabenspektrum der Streitkräfte und des Heeres heraus. Und dieses Spektrum reicht heute vom Gefecht höchster Intensität über friedensstabilisierende Operationen, wie wir sie auf dem Balkan und in Afghanistan durchführen, bis hin zur humanitären Hilfeleistung und zum Katastrophenschutz. Das Aufgaben- und Fähigkeitsspektrum ist heute und auf absehbare Zukunft vielschichtiger – ja mehrdimensional. Hinzu kommt, die Sicherheitslage ist eher diffus und kaum berechenbar.

Nur, meine Herren, die Auslandseinsätze waren in dieser Zeit des Übergangs, waren - so möchte ich es einmal beschreiben – im "Heer des Übergangs", immer noch mit den Strukturen und zum größten Teil auch mit der Ausrüstung von gestern zu führen. Aber das war politisch ja so gewollt. Politik und Gesellschaft steckten, was den Einsatz der Bundeswehr in dieser Übergangszeit anging, in einem tiefen Klärungsprozess. Ich erinnere nur an die kuriose Situation, dass deutsche Soldaten unbewaffnet nach Somalia gehen sollten oder dass erst das Bundesverfassungsgericht entscheiden musste, ob denn deutsche Soldaten unter den Crews von AWACS – Flugzeugen der NATO bleiben durften oder nicht.

Und auch unsere Konzeptionen und die gültigen Grundlagendokumente bis hin zur Streitkräftereform von 2000 mit der sogenannten "Erneuerung der Bundeswehr von Grund auf" legten klar fest: Die Landes- und Bündnisverteidigung bestimmt in erster Linie die Grundstruktur der Streitkräfte und des Heeres. Während wir also in der Realität der Auslandseinsätze bereits angekommen waren – und zwar mit allen Konsequenzen – hielten die konzeptionellen Grundlagen mit der Realität nicht schritt und noch immer am Gestern fest.

Und genau diese Balance zwischen Auftrag, Strukturen und Fähigkeiten, die das Heer bis 1990 charakterisierte, war in den Jahren des Übergangs eben nicht da, ja, wir eilten in einer Folge rascher Reformschritte dem geforderten Fähigkeitsprofil hinterher. Zudem war unsere Prognosefähigkeit nicht wirklich belastbar – und auch heute gilt: Das einzig Sichere an der Zukunft ist die Ungewissheit. Aber dennoch gibt es erkennbare globale Entwicklungsfaktoren, die anstelle des überkommenen Ost-West-Konfliktes seit Jahren Einfluss auf unsere äußere Sicherheit nehmen, und die daher in unserer Streitkräfteplanung zu berücksichtigen sind:

  • Der Zusammenbruch von Staatswesen und die damit einhergehende Bedrohung durch Terrorismus und Proliferation – ja ich halte die Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols, das ja über Jahrhunderte ein stabilisierender Faktor war, für eine der ganz großen Veränderungen
  • Die Globalisierung von Konflikten. · Die Herausforderung des "Three-Block-War" – Szenarios, mit der Gleichzeitigkeit von Krieg, Stabilisierungsoperationen und humanitärer Hilfeleistung
  • Die zunehmende Bedeutung des Schutzes unserer Soldaten in Einsätzen fern der Heimat sowie · die Rasanz der technologischen Entwicklung

Natürlich können stets auch unerwartete Ereignisse die Planungen im Kleinen wie auch den großen Kurs der Staaten völlig aus dem Ruder bringen. Wir alle sind uns einig, dass die grausamen Terrorangriffe vom 11. September 2001 auf das World-Trade-Center und auf das Pentagon genau solch ein unerwartetes Ereignis weltpolitischen Ausmaßes waren.

Dieser Tag hat in einem erschreckenden Maße deutlich gemacht, dass wir nicht auf einer Insel der Sicherheit leben, sondern dass terroristische Bedrohungen umfassend und global sind und vor keinen Grenzen halt machen. Die Anschläge in Madrid vor gut einem Jahr haben diese Gewissheit leider auf tragische Weise bestätigt. Diese brutale Realität setzt den neuen Handlungsrahmen für Streitkräfte. Das war der Anlass zum konsequenten Umdenken.

Die zukünftigen Hauptaufgaben deutscher Streitkräfte

In seinen Verteidigungspolitischen Richtlinien vom Mai 2003 hat der Minister daher die wahrscheinlicheren Einsätze im Rahmen der internationalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung, einschließlich des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus, eindeutig als die zukünftige Hauptaufgabe deutscher Streitkräfte definiert und damit die Transformation ausgelöst. Diese Einsatzaufgaben, und nicht mehr die bekannte Landesverteidigung im Bündnisrahmen, bestimmen fortan vorrangig die Fähigkeiten und Strukturen der Streitkräfte und des Heeres.

Und das ist eine echte Zäsur, ein Paradigmenwechsel. Denn mit diesen Verteidigungspolitischen Richtlinien haben wir auch geistig-konzeptionell auf die Einsatzrealitäten aufgeschlossen. Konzeption und Wirklichkeit – Auftrag, Kräfte, Fähigkeiten und Ausrüstung können – ja müssen – wieder in Balance zueinander gebracht werden. Die Balance herstellen bedeutet konkret, dass wir die Einsatzfähigkeit des Heeres dauerhaft und nachhaltig stärken, und zwar im streitkräftegemeinsamen Verbund. Also im Zusammenwirken von Heer, Luftwaffe, Marine, Streitkräftebasis und Sanität. Es ist im Grunde genommen paradox, aber wir müssen streitkräftegemeinsam erst das Zusammenspiel lernen, das wir seit Jahren schon multinational – also combined – im Einsatz praktizieren. Auch darin liegt für alle militärischen Organisationsbereiche zweifelsfrei eine Herausforderung. So folgt denn die Jointness der Combinedness. Wir müssen alles an den Einsatzrealitäten ausrichten. Wir können es uns nicht mehr leisten, uns an dem zu orientieren, was war, oder was wir gerne hätten, oder vielleicht gerne erhalten würden.

Ich sage das hier vor Ihnen in dieser Deutlichkeit, weil ja neben anderen Truppengattungen vor allem auch die gepanzerten Kampftruppen die Folgen dieser Neuausrichtung spürbar zu tragen haben werden. Panzer- und Panzergrenadiertruppe stehen da vor schmerzlichen Einschnitten, das weiß ich nur allzu gut, und da gibt es auch nichts schön zu reden. Aber, meine Herren, wir müssen neue Fähigkeiten aufbauen. Und da verschaffen Einschnitte auf der einen Seite nun mal den dringend benötigten Handlungsspielraum für Neues auf der anderen Seite. Die dauerhafte Stärkung der Einsatzfähigkeit unserer Streitkräfte, und darin eingebunden die des Heeres, ist das Ziel der Transformation.

Somit ist der Einsatz, das erfolgreiche Bestehen im Einsatz und damit der dauerhafte Erfolg im Einsatz die Messlatte für alles, was wir zu tun haben. Und genau daran lässt sich die gesamte Heeresplanung messen – das betrifft die Strukturen und Fähigkeiten ebenso wie neue Konzepte für die Ausbildung und Fragen der Personalplanung bis hin zur Ausrüstung.

Was wird also das neue Heer können, und wo liegt der Fähigkeitsgewinn?

Im neuen Heer differenzieren wir nach Aufgaben und Fähigkeiten. Es muss nicht mehr jeder alles können. Die unterschiedlichen Kräftekategorien haben unterschiedliche Schwerpunkte, sie werden jeweils für ihre Aufgabe optimiert. Aber: Das Ergebnis unserer Umsetzung der vom Generalinspekteur vorgegebenen Differenzierung in Kräftekategorien zeigt sehr deutlich den Anspruch auf Einsatzorientierung, den wir im neuen Heer verwirklichen. Denn der strukturelle Kern des Heeres liegt eindeutig bei den Eingreif- und Stabilisierungskräften. Das Heer stellt 60 Prozent aller Eingreifkräfte der Bundeswehr und mehr als die Hälfte aller Stabilisierungskräfte.

Insbesondere bei landgestützten Operationen, und das ist die Masse der gegenwärtigen und wahrscheinlich auch zukünftigen Einsätze, wird das Heer den Kern eines deutschen Kräftebeitrags zu stellen haben. Ja, hinter modernen Landoperationen steht im Kern immer das System Heer, mit seinen speziellen Fähigkeiten und dem Know How für die erfolgreiche Führung von Einsätzen an Land und im bodennahen Luftraum. Das kann sonst niemand außer uns!

Werfen wir zur Verdeutlichung nur kurz einen Blick auf die unterschiedlichen Divisionen oder Brigadetypen im Heer. Wenige Merkmale werden hier genügen, denn die neuen Strukturen und die verschiedenen Organisationselemente sind ja bekannt. Für die Truppenteile der Eingreifkräfte steht die Befähigung zur Gefechtsführung joint und combined sowie unter den Bedingungen vernetzter Operationsführung im Vordergrund eines Einsatzes. Denn sie sollen friedenserzwingende Maßnahmen gegen einen vorwiegend militärisch organisierten Gegner bei möglichst geringen eigenen Verlusten durchsetzen können. Die Eingreifkräfte müssen das Gefecht der verbundenen Waffen bis auf Divisionsebene beherrschen. Und aus dem Dispositiv der Eingreifkräfte werden darüber hinaus Kräfte zur Rettung und Evakuierung generiert.

Die Truppenteile der Eingreifkräfte sind entsprechend strukturell ausgerichtet. In der Regel werden durch Truppeneinteilung für den Auftrag maßgeschneiderte Kampftruppenverbände gebildet. Beispiele hierfür sind die organische Führungs- und Kampfunterstützung bei der Division der Eingreifkräfte zur Führung des Gefechts der verbundenen Waffen bis zur Divisionsebene. Oder die zur Gefechtsführung optimierte Kampf- und Einsatzunterstützung bei den Brigaden der Eingreifkräfte. Die Eingreifkräfte sind damit zur Beherrschung der vorrangigen Aufgabe "Gefechtsführung" auszubilden und zu beüben und mit Priorität mit entsprechend geeigneter Ausrüstung in gesamter Breite und Tiefe auszustatten. Darüber hinaus können die Truppenteile der Eingreifkräfte bei Bedarf aber auch zur Friedenstabilisierung in Einsätzen niedriger und mittlerer Intensität eingesetzt werden. Dies ist dann – auf Befehl – auszubilden und dann gemeinsam mit den Stabilisierungskräften zu üben.

Mit Blick auf die Ausrüstung hat die Beschaffung des "Führungsinformationssystems Heer" höchste Priorität, weil erst dies die Voraussetzungen für die Befähigung zur vernetzten Operationsführung schafft. Bei den Eingreifkräften wird das Heer diese Fähigkeit bis zum Jahr 2010 aufbauen können, bei den Stabilisierungskräften dagegen erst deutlich später. Dies schließt aber nicht aus, dass auch die Stabilisierungskräfte die entsprechende Führungsausstattung der Eingreifkräfte bereits vorher für friedensstabilisierende Einsätze zugeteilt bekommen und nutzen können.

Die Stabilisierungskräfte sind für die Durchführung

  • multinationaler
  • streitkräftegemeinsamer
  • militärischer Operationen
  • längerer Dauer
  • im niedrigen und mittleren Intensitätsspektrum friedensstabilisierender Maßnahme

spezialisiert.

Dies zeigt sich in der strukturellen Auslegung der vier Stabilisierungsbrigaden des Heeres. Sie sind so ausgelegt, dass sie als Brigade in sich ausbildungs-, übungs- und einsatzfähig sind und sowohl in Gänze als auch mit Teilen in den Einsatz gehen können. Eine Stabilisierungsbrigade kann verschiedene, fähigkeitsbezogene Einsatzverbände bilden.

Ein Einsatzverband setzt sich lage- und auftragsbezogen aus verschiedenen Fähigkeitspaketen und Truppenteilen (zum Beispiel Kampftruppe, Führungsunterstützung, Logistik, Pioniere) zusammen und wird unter einheitlicher Führung eingesetzt. Dies ist in den Stabilisierungsbrigaden zu üben. Gesunde, tragfähige Strukturen, maßgeschneidert für ihre besonderen Einsatzaufgaben und zugleich die Modularität der Strukturen schaffen die Voraussetzung für größtmögliche Einsatztauglichkeit und höchste Flexibilität für die streitkräftegemeinsame Einsatzplanung. Auch hierfür nenne ich Beispiele:

Die Stabilisierungsbrigaden werden neben den Panzer-, Panzergrenadier- beziehungsweise Gebirgsjägerbataillonen über jeweils ein Logistik-, ein Führungsunterstützungs-, ein Pionier und ein Aufklärungsbataillon verfügen, weil diese Kräfte in Stabilisierungsoperationen immer gebraucht werden. Weitere Kräfte können von DLO und DSO dazugestellt werden. Die Realitäten von Stabilisierungseinsätzen (vgl. KFOR, ISAF) zeigen allerdings auch das ständige Eskalationsrisiko, unter dem auch Maßnahmen zur Friedensstabilisierung durchgeführt werden.

Im "worst case" heißt dies, dass auch die Einsatzverbände der Stabilisierungskräfte zur Durchsetzung ihres Auftrages Waffengewalt anwenden können müssen. Folgerichtig legt die Konzeption der Bundeswehr fest, dass Stabilisierungskräfte im Rahmen ihres Auftrags in der Lage sein müssen,

  • sich gegen einen teilweise militärisch organisierten Gegner
  • sowie gegen asymmetrisch kämpfende Kräfte
  • bei möglichst geringen eigenen Verlusten
  • durchsetzen zu können (mit Waffengewalt!)

Dies erfordert einen Kern gepanzerter Kräfte und daher haben drei der vier Stabilisierungsbrigaden je zwei Panzergrenadierbataillone und ein Panzerbataillon, die mit dem gleichen LEOPARD 2 und dem gleichen PUMA wie die mechanisierten Bataillone in den Eingreifkräften ausgestattet sind. Einsätze zur Konfliktverhütung und Krisenbewältigung können den gleichzeitigen oder zeitlich eng nachgestaffelten Einsatz von Eingreif- und Stabilisierungskräften erfordern. Beide Kräftekategorien müssen daher zum Zusammenwirken befähigt sein. Eingreifkräfte müssen befähigt sein, Stabilisierungskräfte zu verstärken und zu unterstützen. Stabilisierungskräfte können mit Eingreifkräften unter einheitlicher militärischer Führung zusammen eingesetzt werden. Sie tragen somit im Rahmen ihrer Fähigkeiten zum Gesamterfolg im Einsatz bei. Hierin liegen die gemeinsamen Schnittflächen zwischen Eingreif- und Stabilisierungskräften. Wichtig ist mir auch darauf hinzuweisen, dass Gemeinsamkeiten zwischen Eingreif- und Stabilisierungskräften, dass gemeinsame Schnittflächen natürlich auch Gemeinsamkeiten in der Ausbildung zur Folge haben.

Ausbildung

In der streitkräftegemeinsamen Einsatzvorbereitenden Ausbildung für Konfliktverhütung und Krisenbewältigung, kurz EAKK, erhalten die Soldaten der Eingreif- und Stabilisierungskräfte eine einheitliche Grundbefähigung für Aufgaben in friedensstabilisierenden Einsätzen. Dies ist nach meiner Überzeugung der gemeinsame Abholpunkt, der verbindliche Grundbaustein für die weiterführende truppengattungsbezogene Ausbildung, für die einsatzbezogene Zusatzausbildung wie für die Ausbildung unserer Truppenteile im Rahmen NRF, EU-BG und ORF. Seit Oktober letzten Jahres werden die ersten Pflöcke für diesen gemeinsamen Abholpunkt ja bereits in der Allgemeinen Grundausbildung eingeschlagen. Einige Kommandeure und Kompaniechefs hier im Plenum werden dies wahrscheinlich schon für Verband und Einheit praktisch umgesetzt haben. Diese Gemeinsamkeiten in den Ausbildungsinhalten für den einzelnen Soldaten, für den Trupp, die Gruppe gelten übrigens nicht allein für unsere Teilstreitkraft. Sie gelten streitkräfteübergreifend.

Damit erreichen wir in der Truppenausbildung ein im Heer durchgängiges Verständnis für die besonderen Aufgaben und Herausforderungen in Stabilisierungsoperationen – in den wahrscheinlicheren Einsätzen also. Für das Heer bedeutet dies, dass jeder Soldat seine Aufgaben in Hilfseinsätzen wahrnehmen kann. Dazu gehört beispielsweise auch, dass er die Besonderheiten versteht, die in Einsätzen zur Vermittlung zwischen Konfliktparteien oder zum Schutz anvertrauter Zivilbevölkerung gelten. Daher meine Forderung, dass jeder Soldat im Heer helfen, vermitteln und schützen können muss. Die Verbände und Einheiten der Stabilisierungskräfte haben dies in der Ausbildung und in Übungen dann weiter zu vertiefen.

Die Eingreifkräfte dagegen konzentrieren sich über die EAKK hinaus natürlich – wie bereits gesagt – im Wesentlichen auf die Führung des Gefechts hoher Intensität im streitkräftegemeinsamen und multinationalen Einsatz. Das ist dringend erforderlich – allein schon deshalb, weil wir vor allem aus dem Dispositiv der Eingreifkräfte unsere Beiträge für die NATO Response und für die Battle-Groups der EU stellen. Und wie beide Begriffe schon anklingen lassen, werden diese Kräfte nicht vorrangig dazu benötigt, um in einem Einsatzgebiet Hilfsgüter unter der Bevölkerung zu verteilen.

Aber auch die Fähigkeit kämpfen zu können, bleibt nicht exklusiv den Eingreifkräften vorbehalten. Das kann anders auch gar nicht sein. Denn die Einsatzbereitschaft des gesamten Heeres erfordert Professionalität auch und gerade im gesamten Einsatzspektrum. Und das verlangt dann eben auch, dass jeder Heeressoldat kämpfen können muss, und dass er willens und in der Lage ist, seinen Auftrag auch unter den Bedingungen des Kampfes durchzusetzen.

Denn der Kampf – und das ist doch nichts anderes als die gewaltsame Durchsetzung des gegebenen Auftrages – ist nicht nur die klassische Form militärischen Handelns im Rahmen der Landesverteidigung, sondern ist auch in den wahrscheinlicheren Einsätzen zur Konfliktverhütung und Krisenbewältigung die ultima ratio, zu der allein militärische Kräfte befähigt sind. In den bekannten "Three-Block-War"- Szenarien erleben wir dies ja täglich, wenn wir den Fernseher einschalten.

Das unterscheidet den Einsatz des Militärs nun einmal von den Hilfeleistungen ziviler Organisationen. Das ist die Besonderheit, das Spezifische, das Charakteristische des Soldatenberufs. Das ist aber nicht neu, das war schon immer so, muss aber ab und zu wieder in Erinnerung gerufen werden.

Wir können dieser Besonderheit aber nur dadurch gerecht werden, indem jeder Heeressoldat ebenengerecht sein militärisches Handwerkszeug beherrscht. Dass er das beherrscht, was unsere Teilstreitkraft, unser Heer ausmacht und auszeichnet. Das TSK-Spezifische – und für das Heer ist das nun einmal die Befähigung der Führung von Landoperationen bis hin zum Gefecht – ist die logische Ergänzung des gemeinsamen Fundaments, das mit der EAKK gelegt wird. Man kann auch sagen, je robuster die Einsatzanforderungen, desto deutlicher schälen sich die spezifischen Fähigkeitsprofile der Teilstreitkraft heraus.

Wir müssen uns aber auch eindringlich mit den Konsequenzen des Kampfes auseinandersetzen. Kampf kann Verwundung oder sogar den Tod bedeuten. Das müssen wir ehrlich sagen und auch in die Ausbildung unserer Männer und Frauen einbeziehen. Für Stabilisierungskräfte stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Und dieser besonderen Herausforderung müssen wir in der Ausbildung auch in besonderer Weise Rechnung tragen. Die Truppe muss in der Ausbildung ständig in Spannung gehalten werden.

Der Wechsel von Hilfeleistung, Stabilisierungs- und Sicherungsmaßnahmen bis hin zu zeitlich und räumlich begrenzten Kampfhandlungen gegen einen teilweise militärisch organisierten Gegner und umgekehrt muss daher zur Regel in der Ausbildung werden. Und zwar über das gesamte Ausbildungsjahr hindurch – nicht nur exklusiv einige Monate vor dem Einsatz! Ich kann hier auf die Phantasie und Kreativität der Kommandeure und Kompaniechefs setzen. Die Freiheit zur Umsetzung werden sie erhalten, da wiederhole ich mich gerne aus meinen regionalen Informationsveranstaltungen zu Jahresbeginn.

Ich lasse zur Zeit aber auch prüfen – und General Feldmann ist vorinformiert –, wie wir gerade hier in Munster eine Lehrvorführung "Stabilisierungseinsatz" entwickeln können, die alle eben genannten möglichen Facetten solcher Operationen darstellt. Denn schließlich hat die Panzertruppenschule in den Jahrzehnten der Landesverteidigung mit solchen Lehrvorführungen erstklassige Hilfen für Kommandeure, Chefs und Zugführer in der Führung des Gefechts der verbundenen Waffen gegeben. Sie hat Bilder gestellt, die uns jahrelang begleiteten. Da wird uns Gleiches auch mit Blick auf Ausbildung und Übungen in Stabilisierungslagen gelingen.

Soviel, meine Herren, zunächst zur Ausbildung. Ich weiß, dass man dieses Thema nicht in wenigen Minuten erschöpfend darstellen kann. Sicher finden wir in der anschließenden Aussprache noch Zeit und Gelegenheit zum weiteren Gedankenaustausch. Allerdings will ich auch bewusst Raum und lange Leine zur Umsetzung in der Truppe geben. Lassen Sie mich mit Blick auf Fähigkeiten und Strukturen neben den Einsatzbrigaden noch auf zwei andere innovative Elemente des neuen Heeres zu sprechen kommen.

Die luftbewegliche Brigade

Da ist zum einen die luftbewegliche Brigade, in der Heeresflieger und Infanteriekräfte organisch vereint sind. Mit diesem völlig neu konzipierten Großverband steigern wir die Vielseitigkeit, Flexibilität und Reaktionsfähigkeit des Heeres deutlich. Und dann werden wir zukünftig die bodengebundenen und luftgestützten Aufklärungsfähigkeiten, über die das das Heer verfügt, in organisch gemischten Aufklärungsverbänden zusammenfassen.

Dadurch wird besonders unterstrichen, wie sehr wir unsere eigenen Einsatzerfahrungen sowie die Erfahrungen von Alliierten und Partnern in den neuen Strukturen berücksichtigt haben. Denn wir setzen ja schließlich bei KFOR und ISAF bereits erfolgreich gemischte Aufklärungskräfte ein. Also werden wir diese Mischung in Zukunft auch schon in der Grundgliederung herstellen. Natürlich hat diese Zusammenführung verschiedener Aufklärungsfähigkeiten in einem Verband ebenfalls Konsequenzen für die Ausbildung. Folgerichtig werden wir hier am Standort Munster daher unter anderem die Aufklärungsschule des Heeres (das ist ein Arbeitsbegriff) aufbauen.

Die Entwicklung der Konzepte für Einsatzgrundsätze, Binnenstrukturen und Ausstattungsbedarf dieser neuen Elemente überprüfen wir fortlaufend in Experimenten und simulationsgestützten Übungen. Wir nennen diesen Prozess Concept Development and Experimentation, oder kurz, CD&E. Früher hätten wir gesagt: Versuch und Irrtum. In Experimenten probieren wir aus, was wir konzeptionell angedacht haben und was möglicherweise an technischen Neuerungen dazu passt. Wir wollen also zur Zukunft des Heeres keine langatmigen Universitätsdebatten im Oberseminar führen, sondern anhand ganz konkreter Projekte untersuchen, was geht, oder wie wir was anders besser machen können.

Ein solches Vorgehen, meine Herren, ist nicht zuletzt auch deshalb wichtig, weil es die Menschen mit dem Transformationsprozess zusammenbringt. Wenn wir wollen, dass die Männer und Frauen im Heer das Neue als eine echte Verbesserung akzeptieren, dann müssen sie an der Umgestaltung auch aktiv teilhaben können. Und das geschieht dann eben anhand ganz praktischer Beispiele und Projekte, die in Übungen oder Simulationen getestet werden, und an denen die Truppe direkt mitwirkt und die Verbesserung direkt spürt. So zum Beispiel ganz aktuell in der derzeit laufenden joint und combined Großübung EUROPEAN CHALLENGE, die das Heer für die Streitkräfte als Ganzes durchführt, und in der wir neben anderen Projekten eben auch erste konzeptionelle Überlegungen zur Luftbeweglichen Brigade und zu den Aufklärungsverbänden überprüfen.

Einsatz-/Unterstützungskompanien

Mit Blick auf die Strukturen möchte ich noch ein weiteres neues Element erwähnen, das wir so bislang ebenfalls nicht hatten. Ich meine die Einsatz-/ Unterstützungskompanie, über die jeder Verband des Heeres in Zukunft verfügen wird. In diesen Einheiten im neuen Heer wird künftig unter anderem die Allgemeine Grundausbildung und die Spezia lgrundausbildung für die Rekruten des Verbandes durchgeführt werden. Und damit stellen sie sozusagen den Quartalsergänzungsbedarf für die Einsatzkompanien sicher. Das entlastet die Einsatzkompanien beziehungsweise –Batterien von dieser Aufgabe und erhöht gleichzeitig die Verfügbarkeit dieser Einheiten für die Einsätze. Dabei ist es aber zunächst unerheblich, ob das Personal dieser EU-Kompanien der gleichen Truppengattung angehört, wie der Verband, den die Kompanie unterstützt.

Im Gegenteil: Angesichts der stärkeren Reduzierungen bei einzelnen Truppengattungen wie beispielsweise bei Panzern und Panzergrenadieren ist es durchaus vorstellbar, dass wir gerade das qualifizierte Ausbilderpersonal aus diesen Bereichen für neue, anspruchsvolle Aufgaben in den EUKompanien heranziehen. Ich will daher, dass diese Dienstposten zunächst – für den Übergang ins Neue Heer – truppengattungsungebunden besetzt werden. Langfristig werden wir dann die einheitlichen Barett- und Litzenfarben im Verband wieder herstellen. Für den Übergang bietet das aber in jedem Fall eine gute Chance für Portepees und junge Offiziere, gegebenenfalls am Standort eine neue Herausforderung annehmen zu können, auch wenn der eigene Verband aufgelöst wird. Ich appelliere an die Kommandeure und Kompaniechefs, diese Möglichkeiten für ihre Männer und Frauen zukünftig mit im Auge zu behalten.

Personal

Ich komme damit zum Punkt Personal. Das neue Heer wird im Umfang kleiner sein als unser Heer heute. Das ist traurig genug. Aber das ist die logische Konsequenz aus politischen Vorgaben und gesetzten Rahmenbedingungen. Und das waren auch die Grenzen des Handlungsspielraumes, mit dem wir unsere Planungen zum Neuen Heer begonnen hatten. In absoluten Zahlen heißt das, wir verlieren rund 30.000 Dienstposten, nämlich von insgesamt etwa 134.000 auf 104.000. Allerdings entfallen rund 60% der Umfangsreduzierungen im Heer auf die Grundwehrdienstleistenden.

Für Auslandseinsätze stehen in Zukunft die rund 57.000 Längerdiener in den Truppenteilen der Eingreif- und Stabilisierungskräfte zur Verfügung. Das sind immerhin etwa 70% unseres in Strukturen abgebildeten Personals. Und das belegt meine Aussage von vorhin, dass der strukturelle Schwerpunkt des Heeres eindeutig bei den Einsatzkräften liegt, dass wir unser Personal mit deutlichem Schwerpunkt für die Einsätze bereithalten. Die Einsatzkräfte werden zukünftig nur noch aus Längerdienern bestehen, wodurch deren Professionalität steigen wird. Zumal mehr als 40% der Mannschaften SaZ 8 sein können. Und die Einsatzkräfte werden besser verfügbar sein.

Dem dient auch ein Ausbildungsumfang von rund 20.400 Dienstposten im neuen Heer, wodurch wir lehrgangsbedingte Vakanzen in den Einheiten abfedern können. Und eine weitere Entlastung ist unmittelbar in Aussicht gestellt: Für das Heer besteht die Möglichkeit, zusätzliche 460 Neueinstellungen von SaZ über die Zentren für Nachwuchsgewinnung und 100 zusätzliche Erstverpflichtungen vorzunehmen. Ein zur Zeit drängendes Problem der Truppe wird dadurch zwar nicht behoben, aber doch wenigstens etwas abgefedert werden können. Kurz: Das Heer wird professioneller, und damit können wir auch flexibler und kurzfristiger auf neue Einsatzaufgaben reagieren.

Zur Optimierung der Einsatzfähigkeit müssen wir auch über die Anpassung unseres Einsatzrhythmus nachdenken. Unsere Kontingentplanung für die Einsätze reicht heute bis zu Beginn 2007, und wir erhalten auf Linie dieser Planung bis 2008 natürlich die Kräfte, die wir für die Einsätze benötigen, ja verfügbar halten müssen. Wenn Sie es so wollen: Wir erhalten Fähigkeiten, aber nur für Einsätze und nur für die Zeit des Übergangs.

Im neuen Heer werden wir Fähigkeitspakete für Einsätze anbieten. Diese können aufgabenorientiert (mission-tailored) durch Truppenteilung flexibel zusammengestellt und in den Einsatz geschickt werden. Wir reduzieren die Einsatzdauer in diesem Frühsommer mit dem 11. Kontingent Balkan und dem 8. Kontingent ISAF unter dem "lead" der 10. Panzerdivision erstmals wieder grundsätzlich von 6 auf 4 Monate. Damit werden wir die vom Einzelnen "gefühlte" Einsatzbelastung etwas verringern können.

Es muss aber allen auch klar sein, was ich in diesem Zusammenhang schon immer gesagt habe: Mit der "grundsätzlichen" Reduzierung von 6 auf 4 Monate ist auch wirklich nur "grundsätzlich" gemeint. Natürlich werden wir auch künftig sowohl für den Einzelnen als auch für Truppenteile längere oder kürzere Stehzeiten oder Abstände zwischen den Einsätzen haben werden. Das war und ist abhängig von der Verfügbarkeit von Kräften und den tatsächlichen Erfordernissen im Einsatz. Und natürlich spielt auch die persönliche Situation des Einzelnen eine Rolle. Wenn es Not tat, haben wir die immer berücksichtigt, und wir werden das natürlich auch in Zukunft so tun.

Und es muss selbstverständlich auch immer unser Ziel sein, für die Truppe, für jeden Einzelnen so viel Planbarkeit wie möglich zu erhalten. Das gebietet die Pflicht zur Fürsorge, und das müssen wir auch mit Blick auf die Berufs- und Lebenszufriedenheit unserer Soldaten und ihrer Familien tun. Unser Beruf muss ja attraktiv bleiben, auch und gerade für den Nachwuchs.

Aber ich kann mit Blick auf die viermonatige Einsatzdauer oder einen festen Zeitraum zwischen zwei Einsätzen keine einklagbaren Garantien geben. Hier wiederhole ich, was ich auch schon in meinen regionalen Informationsveranstaltungen gesagt habe. Die verstärkte Einsatzorientierung mit all ihren Konsequenzen lässt uns da gar keine andere Wahl. Im Gegenteil, das ist unser Maßstab.

Und auf diese neue Situation müssen wir unsere Soldaten vor allem mental vorbereiten. Dazu sind ehrliche Information und viel Überzeugungsarbeit nötig. Das ist eine entscheidende Führungsleistung für jeden, der Verantwortung im Heer trägt. Ich spreche da besonders die Bataillonskommandeure und Kompaniechefs hier im Plenum an. Suchen Sie, wo immer Sie können, das Gespräch mit Ihren Soldaten. Erklären Sie die Veränderungen und helfen Sie mit, Transparenz und dadurch Akzeptanz für das Neue zu schaffen. Gemeinsam packen wir diesen Veränderungsprozess, in Kameradschaft und mit Fürsorge. Dann gehen Ihre Männer und Frauen diesen Weg auch bereitwillig mit.

Ausstattung und Ausrüstung

Damit unsere Heereskräfte im Einsatz erfolgreich bestehen können, benötigen sie eine bestmögliche Ausstattung und Ausrüstung. Unser Bedarf leitet sich allein aus den Einsatzrealitäten ab. Denn so wie wir den Transformationsprozess insgesamt von vorne denken müssen, so müssen wir auch die Ausrüstungsplanung vom tatsächlichen Bedarf derer her denken, die ganz vorne im Einsatz stehen und die die sprichwörtlichen letzten 100 Meter gegen den Gegner allein gehen müssen.

Und das sind nun einmal vor allem unsere Soldaten in Heeresuniform, und ich beziehe auch die Kameraden der SKB, nicht nur die Feldjäger, mit ein. Die vorrangigen Fähigkeiten, auf die wir deshalb in erster Linie zielen, sind

  • fußend auf einer präzisen Fähigkeit zur Aufklärung und
  • überlegenen Fähigkeit zur Führung
  • der Schutz und die erfolgreiche Durchsetzungsfähigkeit
  • und damit die Wirkung im Einsatz

Auf diese einfache Formel ist die einsatzbezogene Ausrüstungsplanung des Heeres zu bringen. Auch bei der Ausrüstung gilt: Benchmark ist der Einsatz, sonst nichts! Und wir haben hier bereits vorzeigbare Erfolge erringen können. Hierzu zählen unter anderem die Projekte Schützenpanzer PUMA, der Infanterist der Zukunft, das Einsatzfahrzeug für Spezialisierte Kräfte MUNGO, der DINGO 2 sowie weitere Fahrzeugvarianten WIESEL 2 und BV 206 S sowie auch das Führungsinformationssystem Heer.

Kein anderes Projekt symbolisiert den Transformationsprozess des Heeres aber so gut wie der Schützenpanzer PUMA – oder besser das System PUMA. Ein völlig neuartiges und zukunftsweisendes Waffensystem für unsere Panzergrenadiere, das hohen Schutz, Durchsetzungsfähigkeit und Mobilität in idealer Weise kombiniert und im internationalen Vergleich für Schützenpanzer neue Maßstäbe setzen wird. Ich bin sehr froh, dass der PUMA mit der Billigung der Beschaffung der Vorserie im letzten Jahr einen wichtigen Schritt nach vorn gebracht werden konnte. Wenn ich bedenke, dass die ersten MARDER nur etwa ein halbes Jahrzehnt nach mir zum Heer gestoßen sind, dann wird es langsam auch wirklich Zeit, dass wir für unserer Panzergrenadiere etwas tun.

Das Führungsinformationssystem Heer bildet die Grundvoraussetzung für den Aufbau unserer Befähigung zur vernetzten Operationsführung. Auch das FüInfoSys brauchen wir daher dringend, wenngleich hier immer wieder technisch bedingte Verzögerungen auftreten. Was den Aufbau der Fähigkeit zur vernetzten Operationsführung anbelangt, müssen wir allerdings Prioritäten setzen. Vorrang haben hier in den nächsten Jahren die Eingreifkräfte. Eine entsprechende Ausstattung der Stabilisierungskräfte wird wohl erst nach dem Jahr 2010 möglich sein.

Diese unbefriedigende Tatsache zeigt ein generelles Problem. Wir haben in vielen Bereichen der neuen Ausrüstung erst den Einstieg in die Beschaffung realisiert. Für ein modernes und voll einsatzfähiges Heer benötigen wir aber die erforderliche Ausrüstung in ganzer Breite und Tiefe. Das aber wird sich angesichts der nur begrenzt zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel schwierig umsetzen lassen. Darauf muss immer wieder hingewiesen werden, und ich tue das nicht nur hier, sondern auch im parlamentarischen Raum.

Nur, eines ist auch klar: Wir beschaffen zwar zum Beispiel FAUST vorrangig für die Eingreifkräfte, aber wir werden es natürlich auch Truppenteilen der Stabilisierungskräfte mit in die wahrscheinlicheren Einsätze geben. Das ist nur folgerichtig angesichts der Realitäten vor Ort in den Einsatzgebieten. Wir werden auch in Zukunft alles dafür tun, dass unsere Kräfte im Einsatz das bestmögliche Gerät erhalten.

Der Transformationsprozess des Heeres ist bislang ordentlich voran geschritten. Das Heer ist gut und zukunftsfähig aufgestellt. Davon bin ich überzeugt. Einige wenige Aspekte der Neuausrichtung habe ich herausgestellt. Alles kann nicht angesprochen werden. Das würde jeden zeitlichen Rahmen sprengen. Wir haben anschließend ja Zeit und Gelegenheit zu diskutieren.

Risiken und Unwägbarkeiten

Ich möchte zum Schluss aber auch nicht verhehlen, dass es Risiken und Unwägbarkeiten auf dem Weg ins neue Heer gibt. Da sind zunächst einmal die Finanzen. Der Transformationsprozess ist nicht zum Nulltarif zu haben. Transformation kostet Geld, auch in Zukunft! Für den Bundeswehrplan 2006 wurde an der Finanzvorgabe des Bundeswehrplanes 2005 festgehalten. Ziel muss es sein, dies im 39. Mittelfristigen Finanzplan so auch einzulösen.

Es ist ferner eminent wichtig, dass der in den nächsten Jahren bis 2008 ansteigende Heeresanteil auf fast 40% an den Invest-Planungen des Bundeswehrplanes mindestens gehalten werden kann. Ich will hier nicht auf die anderen militärischen Organisationsbereiche schauen. Wir im Heer verfolgen keine Ausrüstungsplanung auf Kosten oder zum Schaden der anderen. Wir sagen nicht, was die anderen zu viel haben. Wir sagen nur sehr deutlich, was wir dringend für die Einsätze brauchen.

Der zweite Punkt ist die Frage der Wehrform. Meine Position zur Wehrpflicht ist klar. Ich bin ein überzeugter Vertreter der Wehrpflicht. Die Vorteile, die unser bewährtes "deutsches Modell" bietet, liegen auf der Hand. Unsere Wehrpflichtigen sind im neuen Heer in den Truppenstrukturen, sie leisten einen wichtigen Dienst, in Einheiten, Stäben und in Unterstützungsbereichen; sie gewährleisten zu einem nicht unerheblichen Teil den Grundbetrieb. Damit entlasten sie die länger dienenden Zeit- und Berufssoldaten, damit diese leichter für Einsätze zur Verfügung stehen.

Als überzeugter Parlamentssoldat stehe ich selbstredend loyal zu jeder Entscheidung, die unsere Volksvertreter zu treffen haben. Denn die Entscheidung über die Wehrform ist eine eminent politische Entscheidung! Aber wie auch immer die Politik in dieser wichtigen Frage entscheiden wird, eins ist klar: Das Heer braucht in jedem Fall längerdienende Mannschaften allein schon für die Einsätze. Fällt die Wehrpflicht weg, benötigen wir eine Ersatzlösung, mit der wir die umfangreichen Einsatzaufträge erfüllen können. Das muss den politisch Verantwortlichen bewusst sein.

Und schließlich, meine Herren, müssen wir sehen, ob die vielen Schnittstellen, die zu anderen Organisationsbereichen, insbesondere zu unserer Streitkräftebasis bestehen, auch wirklich zu mehr Effizienz und Effektivität im Einsatz führen. Die Streitkräftebasis stellt dem Heer im Einsatz zum Beispiel Leistungen im Bereich der Logistik und der Führungsunterstützung zur Verfügung. Sollte es hier zu Störgrößen kommen, muss dies frühzeitig erkannt werden. Reibungsverlusten ist im Sinne des gemeinsamen Auftrages entgegenzuwirken. Oder es muss im Ganzen nochmals nachgesteuert werden – aber dies, meine Damen und Herren, ist ja im Verständnis des Transformationsprozesses so angelegt.

In den nächsten Jahren kommt es für uns im Wesentlichen auf drei Dinge ganz besonders an.

Wir müssen weiterhin die Einsätze sicherstellen. Das ist sozusagen das laufende Gefecht, das wir führen. Und ich weiß, dass ich mich hierbei voll und ganz auf die Truppe verlassen kann. Dann haben wir dafür zu sorgen, dass das gewohnt hohe Ausbildungsniveau im Heer erhalten bleibt und wir gleichzeitig den neuen Ausbildungserfordernissen gerecht werden. Grundlegende Gedanken dazu habe ich genannt. Hier muss an die Umsetzung herangegangen werden.

Und schließlich müssen wir bruchfrei in das neue Heer umgliedern. Die einzelnen Zeitfenster für die anstehenden Organisations-maßnahmen der Großverbände und Verbände liegen seit Anfang letzter Woche auf dem Tisch und sind bekannt. Die Männer und Frauen im Heer müssen darüber offen und ehrlich informiert werden. Und sie sind auf dem Laufenden zu halten, falls sich Änderungen in der Planung ergeben sollten. Denn schließlich stehen die Soldaten im Mittelpunkt des Transformationsprozesses – sonst nichts!

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Generalleutnant Jacobson
Generalleutnant Jacobson

Carsten Jacobson

Generalleutnant
Vorsitzender

General a.D. Wolfgang Brüschke
General a.D. Wolfgang Brüschke

Wolfgang Brüschke

Brigadegeneral a.D.
Stellvertretender Vorsitzender

Oberst a.D. Schneider
Oberst a.D. Schneider

Wolfgang Schneider

Oberst a.D.
Stellvertretender Vorsitzender