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100 Jahre Panzer im Einsatz

15.10.2016 19:47
von Marco Pracht
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Band-7
Autor: Wolfgang Schneider

– von den Anfängen bis zur Gegenwart

OBERST A.D. WOLFGANG SCHNEIDER
OBERST A.D. WOLFGANG SCHNEIDER

Am folgenden Tag versetzte uns Oberst a.D. Wolfgang Schneider in die Zeit zurück, in der Kaiser Wilhelm II. einmal äußerte: „Ich glaube ans Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Majestät irrten. „Es war die Technik, welche die Offensiven im Ersten Weltkrieg unmöglich machte“, sagte Schneider. Nach dem Scheitern der deutschen Offensive an der Marne 1914 verschanzten sich die Heere in komplizierten Grabensystemen: Es entstand der Stellungskrieg. Offensiven, selbst beschränkte Angriffe, führten zu verheerenden Verlusten, der Einsatz von Kavallerie wurde völlig unmöglich. Das Maschinengewehr beherrschte den Feuerkampf der Infanterie. Dazu kam eine enorme Steigerung der Artillerie.

Diese Phase des Krieges war die Zeit, in der eine neue technische Innovation kommen musste, um überhaupt wieder Bewegung in die erstarrten Fronten zu bringen. Bereits im 19. Jahrhundert wurden grundlegende Erfindungen gemacht. Dampfgetriebene Zugmaschinen erschienen gegen 1870. „Kurz vor 1914 wurden erste Straßenkampfwagen entwickelt“, erzählte Schneider, „Es waren Radfahrzeuge, die aber für den Einsatz im Gelände nicht geeignet waren.“ Um 1880 kam eine andere Erfindung: Die Gleiskette, gedacht für die Geländegängigkeit in der Landwirtschaft.

Folie aus dem Vortrag

Damit war schon 1914 alles vorhanden, was man für einen Panzer braucht. Der Verbrennungsmotor, die Gleisketten und gepanzerte Gehäuse kannte man aus dem Kriegsschiffbau. Es musste nur jemand kommen, der den Baukasten zusammensetzt. Das waren die Engländer und Franzosen. Die Deutschen hatten die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

Streng vertraulich wurde im Britischen Reich die Entwicklung eines Kampfwagens vorangetrieben. „Tank“ lautete die Tarnbezeichnung dafür. Das waren urige Stahlkästen, unförmig, die Kanonen hatten nur einen eingeschränkten Schwenkbereich und die Höchstgeschwindigkeit lag bei wenig mehr als Schrittgeschwindigkeit. Aber sie fuhren! Zu diesen Kanonenwagen, „Male“ genannt, kamen noch Tanks, die nur mit Maschinengewehren bewaffnet waren. Sie wurden als „Female“ bezeichnet. Die ersten Tanks kamen am 15. September 1916 in der Schlacht an der Somme zum Einsatz. Schneider: „Von 49 vorhandenen Wagen erreichten nur 32 die Sturmausgangstellung. Zwei wurden mit Handgranaten vernichtet, viele wurden von der Artillerie zusammengeschossen. Nur 13 Tanks blieben übrig.“ Nachdem die Einsätze kleiner Verbände nicht erfolgreich waren, setzten die Briten am 20. November 1917 bei Cambrai alle ihrer knapp 500 vorhandenen Tanks im Angriffsschwerpunkt ein. Die Offensive schlug durch, die deutschen Stellungen wurden auf breiter Front durchbrochen. Der Schritt in die künftige Kriegsführung absehbar: Mit dem Tank, dem Panzer, war eine neue, potenziell einsatzentscheidende Waffe auf dem Schlachtfeld erschienen.

Folie aus dem Vortrag

Erst sehr spät gingen auch die Deutschen zum Bau von Kampfwagen über. Die für Kraftfahrzeuge zuständige „Allgemeine Verkehrsabteilung 7“ entwickelte den Kampfwagen „A7V“, sagte der Oberst, „genannt nach der Abteilung.“ Bis zum Ende des Krieges wurden nur 20 Wagen gebaut, das Gros der deutschen Panzereinheiten bestand aus erbeuteten britischen Tanks. Zu einem ersten Duell deutscher gegen englische Panzer kam es 1918. „Drei A7V gegen drei Mark IV“, berichtet Schneider. „Gewonnen haben die Deutschen, aber kaputt waren sie am Ende alle.“ Am Schluss des I. Weltkrieges hatten die Briten und Franzosen gemeinsam rund 7.000 Kampfwagen gebaut. Der mit 3.700 meistgebaute Panzer war der französische Renault FT-7, ein leichter Panzer, der als erster Panzer der Welt über einen Drehturm mit Geschütz verfügte.

Welche Lehren zogen die Mächte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aus ihren Erfahrungen mit der neuen Waffe? Gemeinsam ist allen die Kernfrage der künftigen Panzerentwicklung, „ein Philosophiestreit“, sagte Oberst Schneider. Soll der Panzer schnell und beweglich sein, oder eine fahrende Festung, schwer gepanzert und stark bewaffnet? In Frankreich und im Britischen Reich ging der Trend zu einer Aufteilung in beide Typen: schwerbewaffnete, aber langsame Fahrzeuge für den gemeinsamen Einsatz mit der Infanterie und leichte, schnelle Panzer für die freie Operationsführung.

„Dem Deutschen Reich waren Entwicklung und Bau von Panzern durch den Friedensvertrag von Versailles verboten“, betonte Schneider. Tatsächlich arbeitete die Deutsche Reichswehr heimlich an Konzepten für den Panzereinsatz wie auch an der Entwicklung von Panzern selbst. Das geschah auch in Kooperation mit der Sowjetunion ab 1923, durchgeführt unter anderem bei Kasan. Auch die Rote Armee der Sowjetunion arbeitete intensiv am Aufbau einer eigenen Panzertruppe. Ihr Marschall Tuchatschewski stand der neuen Waffe interessiert gegenüber. Schneider: „Am 1. November 1933 wurde dann in Zossen das Kraftfahr-Lehrkommando eingerichtet. Kommandeur wurde Generalleutnant Oswald Lutz, der schon Leiter der geheimen deutschen Panzerschule in Kasan gewesen war.“

In Folge der Panzer-Philosophie als „Anhängsel der Infanterie“ standen 1939 in Polen und Frankreich keine eigenen Panzerverbände zur Verfügung. Im Deutschen Reich dagegen wurden die Panzer zu eigenen, neu gebildeten Panzerdivisionen zusammengefasst. „Mehr als früher ist der, der (kräftemäßig) unterlegen ist, darauf angewiesen, erfolgreich zu sein im Angriff“, zitierte Oberst Schneider eine Bemerkung von General Hans von Seeckt aus dem Jahr 1921. „Das deutsche Konzept war also auch der Not geschuldet, es gab nicht genügend mittlere Panzer.“ In Polen waren nur 98 Panzer III (P III), 200 Panzer IV (P IV) und zwei mit dem tschechischen Panzer 38(t) ausgestattete Divisionen im Einsatz. „Die Wehrmacht war technisch nicht aufgerüstet für einen Krieg“, sagte Scheider. „Gegen England und Frankreich standen 2.300 deutsche Panzer mehr als 4.000 britischen und französischen Kampfwagen gegenüber, die qualitativ oft noch besser waren.“

Bei den Feldzügen in Polen und noch mehr in Frankreich waren die Deutschen erfolgreich, weil sie die Fähigkeiten und Möglichkeiten des Panzers als neue Waffe erkannt und konsequent umgesetzt hatten. Im Gegensatz zu der Auffassung, der Panzer müsse der Infanterie den Weg freischießen, setzten sie ihre Panzer zusammengefasst ein und führten sie mit einer Auftragstaktik und weit gesteckten Zielen. „Die Deutschen sahen schon alles im Zusammenhang“, erklärte Schneider. „Der Verbund der Waffen war ihre Idee.“ Die Infanterie fuhr auf Lkw mit, Spähpanzer, Pak, Flak, Artillerie wurden motorisiert. „Ein weiteres Erfolgsgeheimnis war die massive taktische Luftunterstützung durch Stukas und Bomber, Artillerie der Luft.“ Auch die Anfangserfolge in Russland, „als 2.800 deutsche Panzer etwa 20.000 sowjetischen gegenüber standen, waren nur durch diese bewegliche Operationsführung möglich“, sagte Schneider.

Im Verlauf des Krieges wurden auch die anderen Truppengattungen gepanzert. „Es kam der SPW (Schützenpanzerwagen) für die Infanterie und damit endlich das verbundene Gefecht der gepanzerten Truppen“, erklärte Schneider. Es folgten Panzerjäger mit Jagdpanzern, Panzerartillerie und Panzerflak mit Geschützen auf Selbstfahrlafetten, die auf vorhandenen Panzern fußten.

Folie aus dem Vortrag

Auch die Duellfähigkeit der Panzer wurde erhöht. Die P III und P IV bekamen stärkere Kanonen und ab 1943 erschien der moderne P V „Panther“. Die schweren Panzer „Tiger I“ (56 Tonnen) und „Tiger II“ (69 Tonnen) waren zwar gut geschützt und hatten eine überlegene Feuerkraft, waren aber zu schwer und unbeweglich. „Masse schlägt Klasse“, sagte Oberst Schneider. Die Sowjetunion und die USA produzierten wesentlich mehr Panzer als Deutschland, auch die Abschussquoten von 1:5 gegen US-Panzer und 1:3-4 gegen sowjetische vermochten an der Niederlage der deutschen Panzertruppe nichts zu ändern.

Folie aus dem Vortrag

Mit Hochleistungsgranaten und Hohlladungsgeschossen wurden ab etwa 1943 Mittel gefunden, die auch dicke Panzerungen durchschlagen konnten. Hafthohlladungen, Panzerfäuste und Bazookas gaben der Infanterie wirksame Mittel gegen die Panzer in die Hand. Man behalf sich, die US-Panzertruppe schützte ihre „Shermans“ mit Sandsäcken, die Deutschen bauten zusätzliche Panzerschürzen an, um Fahrwerke und den Turm zu schützen. Die totale Überlegenheit des Panzers auf dem Gefechtsfeld war gegen Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gegeben, die Infanterie hatte sich zurückgemeldet. In Deutschland hatte die den Panzer begleitende Infanterie dementsprechend einen neuen Namen bekommen: Panzergrenadiere. Führte die alte Infanterie die Waffenfarbe weiß, trugen und tragen die Panzergrenadiere grün.

Folie aus dem Vortrag

In der Bundeswehr wurde von Beginn an eine eigene Panzertruppe aufgebaut. Die ersten Typen waren amerikanische M-47 und M-48, bis 1965 der Kampfpanzer „Leopard“ vorgestellt wurde. Der „Leopard“ war der erste von der deutschen Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Panzer. Er galt zu seiner Zeit als ausgewogenster Kampfpanzer der Welt und wurde ein Erfolgsmodell: Der „Leopard“ fand in 13 Staaten Verwendung, darunter in Dänemark, Holland, Belgien, Italien und auch in so weit entfernten Ländern wie Kanada und Australien.

Folie aus dem Vortrag

Die letzten „Leopard 1“ der Bundeswehr wurden 2003 aus dem aktiven Dienst genommen. Der Nachfolger des alten Leo, der „Leopard 2“, war zu diesem Zeitpunkt schon 24 Jahre im Dienst bei der Truppe: 1979 wurde der erste „Leopard 2“ beim Panzerlehrbataillon in Dienst gestellt.

„In seiner neuesten Variante Leopard 2 A7 ist der „Leo 2“ inzwischen fast 40 Jahre im Dienst“, hob Oberst a.D. Schneider hervor. „Und er wird auch noch Jahre im Dienst bleiben.“ Künftige Kampfpanzer werden mit Blick auf neue Bedrohungen entwickelt. „Auch in der Zukunft wird es den Wettbewerb zwischen Schutz und Waffenwirkung geben“, sagte Schneider. Auch der Schutz der Panzer werde optimiert. „Abstandswirksame Schutzsysteme sind sehr erfolgversprechend“, erklärte Schneider. „Eine KE-Granate ist wahrscheinlich nicht abzuwehren, eine Rakete dagegen sehr wohl.“ Der passive Schutz, die eigentliche Panzerung, werde durch Mehrschichtpanzerung wesentlich verbessert. „Es geht weiter“, beschloss Scheider seinen Vortrag, „alles ist im Fluss, nichts bleibt, wie es ist.“

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