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Innere Führung und Führen mit Auftrag

11.06.2017 20:35
von Marco Pracht
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Band-7

Innere Führung stellt ein Höchstmaß an militärischer Leistungsfähigkeit sicher und garantiert zugleich ein Höchstmaß an Freiheit und Rechten für die Soldatinnen und Soldaten

Kommandeur PzGrenBtl 371, Oberstleutnant Thorsten Gensler
Kommandeur PzGrenBtl 371, Oberstleutnant Thorsten Gensler

Innere Führung und Führen mit Auftrag sind nach wie vor ganz wesentliche Faktoren zur erfolgreichen Führung eines Verbandes, so Oberstleutnant Thorsten Gensler, Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 371, als er die Bedeutung, aber auch die Herausforderungen und das sich daraus ergebende Spannungsfeld am Beispiel des Verbandes „371“ aufzeigte und daraus Forderungen an die Innere Führung im 21. Jahrhundert ableitete.

Überraschend dabei, dass auch in der jetzigen Führergeneration das Vorurteil vorhanden ist, dass Innere Führung etwas mit „Verweichlichung“ zu tun habe. Dabei ist die Feststellung nun absolut nicht neu, dass Innere Führung und eine harte und fordernde Ausbildung zum „Kämpfen können“ kein Widerspruch sind. Keinen Zweifel gibt es darüber, dass der moderne Krieg ein Krieg um die Köpfe ist! In einer solchen Auseinandersetzung muss der Soldat einen festen geistigen Standort haben. Er muss also wissen, wofür und wogegen er kämpft. Nach wie vor spiegelt sich dieser Ansatz, d.h. Handeln aus Einsicht, in den Zielen der Inneren Führung wider.

Handeln aus Einsicht und Führen mit Auftrag sind somit ein Mittel, um den Handlungsspielraum des Untergebenen und seine Individualität zu erhalten, aber auch, um günstige Lagen im Gefecht ausnutzen zu können und jederzeit ein Handeln im Sinne der übergeordneten Führung zu ermöglichen.

Die Bildung eines festen sittlichen Gerüstes und Führen mit Auftrag bedingen aber eine entsprechende Dienstgestaltung und Ausbildung, die wiederum wesentlich von der Auftragslage abhängig sind. Um die Auftragserfüllung sicher zu stellen, müssen Ziele oder Absichten klar definiert sein und die notwendigen Kräfte, Mittel und Zeit bereitgestellt werden. Mittels einer Übersicht verdeutlichte Gensler die enorme Auftragslage „seines“ Verbandes, der nunmehr seit 2013 in der einsatzgleichen Verpflichtung der NATO-Response Forces (NRF) steht und seit kurzem auch mit dem Auftrag „Enhanced Forward Present“ (eFP) betraut ist. Für das Bataillon 371 bedingt dies eine neue Qualität von Materialbewegungen, gesteigerte Übungstätigkeiten und deutlich veränderter Anforderungen an die Flexibilität und Einsatzbereitschaft für das betroffene Personal.

Die hohe Auftragsdichte, zahlreiche Nebenaufgaben, Materialerhaltungsmaßnahmen, die Übernahme und Rückgabe beispielsweise von NRF-Material sowie die restriktiven Vorgaben der Dienstzeitregelung fordert regelmäßig die „Quadratur des Kreises“ auf allen Ebenen des Bataillons. Auch bleiben mehr als 50% der Kräfte trotz des eFP-Auftrages am StO. Ohne verstärkten Rückgriff auf Reservisten wäre die Führung de fakto nicht zu leisten!

Aus Sicht des Kommandeurs stellt der gesellschaftliche Wertewandel einen doppelten Paradigmenwechsel dar. Die vom Soldaten geforderten, eher traditionellen Tugenden stehen teilweise in krasser Opposition zur Werterealität in der Zivilgesellschaft. Dies führt zwangsläufig zu Herausforderungen für die Erziehung, aber auch für die Integration unserer Soldaten in die Gesellschaft. Die Vermittlung von soldatischen Tugenden ist aber zwingend notwendig, um die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte, insbesondere für Kampfeinsätze, sicherzustellen. Gleichzeitig besteht damit jedoch die Gefahr einer Entfremdung von der Zivilgesellschaft.

Postheroische Gesellschaften stehen der Anwendung militärischer Gewalt aufgrund ihrer normativen Vorstellungen grundsätzlich skeptisch gegenüber. Damit schwindet die Zustimmung zu Einsätzen, je gefährlicher diese für die Soldaten werden. Diese Spannungen zu überwinden muss unverändert Aufgabe der Inneren Führung sein, um dem Soldaten Verhaltenssicherheit zu geben.

Am Beispiel des Einsatzes bei „Enhanced Forward Present“ ergab sich im zivilen Umfeld des Verbandes nur eine geringe Bereitschaft zur Bündnissolidarität. Untersuchungen belegen, dass in DEU die größte Skepsis gegenüber dem eigenen Verteidigungsbündnis vorhanden ist. 58 Prozent der befragten Deutschen sagten in einer Umfrage, dass Deutschland im Falle eines „ernsthaften militärischen Konflikts“ zwischen Russland und einem benachbarten Nato-Land dem Verbündeten nicht militärisch zur Hilfe kommen sollte.

Der Nato-Durchschnitt liegt bei 42 Prozent. Nur 38 Prozent der Deutschen würden dem Partner helfen. Immer weniger Deutsche äußern Zustimmung zur NATO: Gaben im Jahr 2009 noch 73 Prozent der Befragten an, sie hätten ein positives Bild von dem Verteidigungsbündnis, so sind es 2015 nur noch 55 Prozent. In keinem anderen NATO-Land ist der Vertrauensverlust so gravierend und zudem sind im West-Ost-Vergleich auch noch erhebliche Unterschiede vorhanden.

„Kämpfen können und kämpfen wollen“ gehört zwingend zum Selbstverständnis des Soldaten. Unter den Bedingungen des erneuten Paradigmenwechsel zur Übernahme von mehr internationaler Verantwortung, und damit auch militärischer Einsätze, erscheint diese Bedingung der Konzeption Innere Führung brandaktuell. Daher muss der Kernauftrag der Streitkräfte und das Ziel einer schlagkräftigen Armee wieder mehr in den Fokus der Inneren Führung genommen werden. Dies bedeutet jedoch nicht, sich einseitig auf den Kampf auszurichten.

Aber Kämpfen ist und bleibt der Mittelpunkt von „Streit-Kräften“.

Es gilt zudem die Widerstandskraft der Truppe im Sinne einer „geistigen Rüstung“ deutlich zu stärken. Der Verzicht auf politische Bildung zugunsten von Gefechtsdienst, beispielsweise in der Führerausbildung, ist deutlich der falsche Weg! Zudem gilt es im Zuge der Informationsarbeit die Rolle jedes einzelnen Soldaten für den Diskurs in der Gesellschaft zu stärken. Schließlich ist es zwingend notwendig, gerade auch vor dem Hintergrund der Dienstzeitregelung, das Verhältnis von Auftrag, Kräften, Mitteln sowie Zeit wieder in ein Verhältnis zu bringen, welches der Truppe Luft zum Atmen und Zeit für Ausbildung, Bildung und Erziehung lässt.

Dies einzuklagen, ist im Sinne des Führens mit Auftrag und der Inneren Führung Pflicht aller Staatsbürger in Uniform.

Referent:

Oberstleutnant Thorsten Gensler ist ein einsatzerfahrener Offizier, der ab August 2017 als Kommandeur „2. DEU Kontingent multinationaler Gefechtsverband Litauen“ eingesetzt werden wird.

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