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Komplexität

2017-12-15 15:18
von Marco Pracht
Band-7

Truppenführung vor dem Hintergrund hybrider Bedrohung

Wappen Kommando Heer
Wappen Kommando Heer

Truppenführung von Landstreitkräften ist der Schwerpunkt des Referates II 2 (3) im Kommando Heer. Es verbirgt sich vieles hinter dieser knappen Bezeichnung, so z. B. die Entwicklung der neuen Vorschrift „Truppenführung“ (TF) oder auch die inhaltliche wie organisatorische Gestaltung des Führungsseminars der Heeresgeneralität. Das Referat bearbeitet „Metathemen“, die wiederum die Möglichkeit bieten, externes Fachwissen und Impulse aus Geistes- und angewandter Militärwissenschaft oder auch Managementtheorie zu integrieren. Diese Einbindung nicht-militärischer Expertise gelingt mittels Reservedienstleistenden, Tagungsteilnahmen sowie externer Fachleute im Rahmen von Workshops sehr gut.

Merkmale von Komplexität

Grafik zur dynamischen Vernetzung
Quelle: PIZ Heer

Der „hybride Krieg“ ist mittlerweile eine stehende Größe in unserer Wahrnehmung. Hiermit in engem Zusammenhang steht der Begriff „Komplexität“. Beide Themen wurden im Referat gründlich behandelt, denn sie haben weitreichende Folgen auf das Wirken deutscher Truppenführer.

Zunächst also die Frage: Genügt es, komplex mit schwierig oder kompliziert zu übersetzen? Eindeutig nein, denn komplex meint, die Kontrolle nie vollständig zu haben, sondern – gleichsam einem Seiltänzer oder Jongleur – auf unsicherem Grund stets auf unbekannte Einflussgrößen gefasst zu sein. In der gängigen Managementliteratur werden komplexe Situationen oft dadurch charakterisiert, dass sie umfangreich, vernetzt, dynamisch und intransparent sind. Komplexe Probleme zeichnen sich durch die Vielzahl von möglichen Zielzuständen aus. • „Sie sind umfangreich“ meint, dass die Probleme aus vielen Variablen bestehen, die beachtet werden müssten, obwohl der Problemlöser, sprich Truppenführer, das nicht leisten kann.

Eigene, gegnerische, sonstige Variablen können sein: Art, Anzahl, Kampfkraft, Interessen und Absichten von Großverbandsebene bis zum Einzelschützen, Räume, Infrastruktur, Geofaktoren oder Einstellung und Stimmungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen, Akteuren oder Konfliktparteien. Die Änderungen in den Zuständen dieser Variablen werden als Effekte oder Wirkungen bezeichnet.

„Sie sind vernetzt“ meint, dass die Variablen nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern sich gegenseitig in Richtung, Charakteristik und Stärke beeinflussen. Die Vernetztheit kann zur Folge haben, dass Maßnahmen auch unbeabsichtigte Neben- bzw. Fernwirkungen erzeugen.

Soldat sitzt vor einer Lagekarte in rotem Licht
Der Coordinator des Feuerunterstützungszuges weist den Joint Fire Support Teams auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr die Waffensysteme zu, am 04.09.2014. Quelle: Bundeswehr/ Niklas Pritzsche

Digitale Technologie erlaubt Echtzeitverbindungen, die in den vernetzten Strukturen beschleunigend wirken und aus denen reale Konsequenzen erwachsen. Ein Vergleich der Auswirkung von Frontereignissen auf die politische Unterstützung in der Heimat macht dies offensichtlich. Kleinere Ursachen – etwa das tatsächliche oder auch nur vermeintliche Fehlverhalten von Soldaten – können den politischen Willen der Bevölkerung und damit die militärische Durchhaltefähigkeit teils empfindlich stören.

„Sie sind dynamisch“ meint für Soldaten zunächst primär die Bewegungen von Kräften und Material im Raum. Die Dynamik ist eindeutiges Merkmal von Komplexität, denn Probleme können sich auch ohne das Zutun des Problemlösers, sprich Truppenführers – verschärfen. Es wird unterschieden zwischen Zustands- und Strukturdynamik.

Erstere zeigt sich z. B. im Gegner, in dessen Kräften oder deren Standorten. Strukturdynamik hingegen ist gegeben, zum Beispiel wenn sich die Einstellung der Bevölkerung im Einsatz- oder Heimatraum gegenüber eigenen und gegnerischen Kräften ändert oder eine Veränderung der politischen Verbindungen zwischen Nationen, Koalitionen oder Bündnissen eintritt.

„Sie sind intransparent“ meint, dass komplexe Probleme für den Truppenführer selten vollständig durchschaubar sind. Es kann unklar bleiben, welche Aspekte überhaupt zum Problem gehören und welche nicht (Variablenintransparenz), wie sich die Variablen gegenseitig beeinflussen (Strukturintransparenz) oder auch, in welchem Zustand sich die Variablen zum gegebenen Zeitpunkt befinden (Zustandsintransparenz).

Intransparenz führt dazu, dass der Problemlöser in Unsicherheit handeln muss. Die Intransparenz ist damit zentrales Merkmal von Komplexität. Variablenzahl, Vernetztheit und Dynamik führten ab einer bestimmten Ausprägung immer schon dazu, dass der Truppenführer zum Zeitpunkt einer Entscheidung nicht über alle relevanten Informationen verfügt.

Ein weiteres, wesentliches Merkmal der Komplexität ist die Vielzieligkeit (Polytelie). Aus der Ungewissheit durch Variablenreichtum, Dynamik, Vernetzung und Intransparenz lassen sich die gewünschten Zielzustände z.B. einer Stabilisierungsoperation viel schwerer definieren als das Operationsziel eines Panzerangriffs, wie er im Zweiten Weltkrieg durchgeführt wurde. Gleichzeitig ergibt sich aber die Möglichkeit, auf mehreren Wegen unterschiedliche Zielzustände zu erreichen, die alle denselben Auftrag erfüllen.

Hybride Bedrohung

Seit einigen Jahren lässt sich eine Veränderung feststellen, denn Truppenführung geschieht mittlerweile vor dem Hintergrund nicht-militärischer Einflussgrößen. Und nicht nur das. Zivile Wirkmittel sind heutzutage oftmals wirkungsvoller als militärische, um bestimmte politische Ziele zu erreichen. Die Truppenführer müssen sich mit dieser gewandelten Form des Krieges auseinandersetzen und gewohnte Strukturen, Abläufe und auch das eigene Denken anpassen. Das bedeutet freilich nicht, auf die militärische Kernkompetenz der Anwendung tödlicher Gewalt zu verzichten.

Soldaten sitzen bei Morgendämmerung an der offenen Heckklappe eines Schützenpanzers
Soldaten der 2. Kp des JgBtl 91 empfangen die Befehle für die Nacht auf dem Truppenübungsplatz in Bergen im Rahmen der Kompaniegefechtsübung „Eisige Heide“ zur Vorbereitung als Teil der VJTF-Brigade, am 10.02.2017. Quelle: Bundeswehr/David Hecker

Truppenführer sind nach wie vor in der Pflicht, militärische Aufträge zu erfüllen, Soldaten auszubilden und verantwortungsbewusst zu führen. Das Umstellen des Denkens muss woanders stattfinden. Was meint das? • Truppenführung vor 1990 geschah im geordneten Kontext von Massenarmeen in Industriegesellschaften. Spätestens ab der Jahrtausendwende stellten sich digitale Dienstleistungsgesellschaften ein, in denen es wesentlich um Vernetzung und Kommunikation geht. In entsprechend medial geprägten Gefügen fallen Hierarchien, geschehen Prozesse simultan und steigen die Einflussmöglichkeiten Einzelner bzw. kleiner Gruppen in Echtzeit.

Hier sprengt die hybride Bedrohung den klassischen Rahmen des linearen Krieges als Auseinandersetzung von Staaten mit militärischen Mitteln. So gerät beispielsweise der Informationsraum zu einem eigenständigen Faktor und tritt neben die weithin vertrauten Faktoren: Kräfte, Raum und Zeit. Freilich geht das einher mit einem Bedeutungsverlust der unmittelbar spürbaren, leiblichen Wirklichkeit. Die mediale Prägung zielt vielmehr nach innen, sie wirkt virtuell in der Sphäre von Befindlichkeiten, Weltanschauungen und Meinungen. Informativer Kampf steuert geistige Botschaften ein und macht Tür und Tor für Propaganda auf. Er wirkt in diesem Sinne weich.

Der sogenannte hybride Krieg kann sich also direkt und hart Mann gegen Mann entfalten, aber auch weich und indirekt bzw. beide Formen gleichzeitig oder wechselnd einnehmen. Er beinhaltet auch Aspekte dessen, was vormals unter Partisanenkampf, totalem, asymmetrischem oder nicht-linearem Krieg verstanden wurde.

Der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow brachte 2013 die Konsequenzen für die Armeeentwicklung auf den Punkt. Er sprach davon, dass nach der Erfahrung des „Arabischen Frühlings“ von 2010 die Unterscheidung zwischen taktischer, operativer und strategischer Aktivität sowie die zwischen offensivem und defensivem Handeln, nicht mehr tauge. Weiter oben wurde bereits erwähnt, dass für die politische Führung nicht-militärische Mittel oftmals wirkungsvoller sind als die militärischen.

Krieg sei Politik mit anderen Mitteln – so sinngemäß Clausewitz. Das gefällt uns, denn Soldaten sind wichtig und damit bevorzugtes Mittel. Heute müsste man ergänzen: Krieg, ob linear oder nicht, ist Politik mit anderen Mitteln und zwar offiziell. Hier sind die Soldaten nicht mehr das einzige und auch nicht mehr das wichtigste Mittel der Staatsführung. Sie sind gleichsam von Solisten zum Orchestermusiker geworden bzw. spielen nun auf Augenhöhe in einem Kammermusikensemble.

Eine Lektion, die die russischen Truppenführer mittlerweile gelernt haben? Doch was ist mit denen des Deutschen Heeres?

Umgang mit der Komplexität hybrider Bedrohungen: Die Balance von Bindung und Autonomie

Komplex sind hybride Bedrohungen bzw. Praktiken allemal. Was aber bedeutet das für den deutschen Truppenführer? Vorweg sei die Bemerkung erlaubt, dass die Bundeswehr einen entscheidenden Vorteil hat, um Komplexität bewältigen zu können. Das Prinzip „Führen mit Auftrag“ versetzt uns in die Lage, in einem optimalen Verhältnis von Bindung und Autonomie zu agieren. Freilich kann man sich nun fragen, ob diese Tugend überhaupt noch gelebt wird oder ein weitgehend bürokratisierter, juristischer und durch systemische Routinen geprägter Arbeitsalltag nicht längst Funktionäre aus uns gemacht hat. Nun denn, gehen wir einstweilen davon aus, dass das noch nicht geschehen ist! Warum prädestiniert uns „Führen mit Auftrag“?

Grafik mit Waagschaale Autonomie und Bildung auf gleicher Höhe
Quelle: PIZ Heer

Zumeist reduzieren wir die Komplexität mittels Anwendung erlernter Muster. Wenn der Truppenführer beispielsweise den Angriff befiehlt, hat er, bewusst oder unbewusst, aus dem Blick ins Gelände und den Lagemeldungen einen weiteren Verlauf des Gefechts durchgespielt und so seinen Entschluss gefällt. Er durchschreitet dabei einen Problemraum und imaginiert verschiedene Lösungswege. Im Laufe seiner Ausbildung hat er für diesen Vorgang sogenannte Heuristiken, also Erfahrungswerte, erworben, die diesen Prozess massiv verkürzen. Probleme werden gelöst, indem möglichst ständig Wissen über komplexe Lagen gesammelt und mit dem eigenen Handeln verglichen wird.

Die Kunst ist freilich, handlungsfähig zu bleiben und nicht in grüblerische Selbstreflektion zu verfallen. Eine Entscheidung muss also fallen und, erweist sie sich als unzureichend, sollte die nächste unmittelbar folgen. Im deutschen militärischen Denken wird diesen Prozessen Rechnung getragen und das Subjekt stark gemacht. Es tritt weitgehend autonom auf. So kommt z. B. dem Chef des Stabes, in dem sich die Expertise des gesamten Stabes gleichsam sammelt, wie auch der Führungspersönlichkeit des Truppenführers hohe Bedeutung zu.

Bindung wiederum ist der entsprechende Gegenpol. Sie ist auch eine Maßnahme zur Komplexitätsreduktion und verringert die Intransparenz für eigene Variablen. Bindung erhöht die Kontrolle und verlagert die Bewältigung der Komplexität auf eine höhere Führungsebene. Die eingeschränktere Handlungsfähigkeit nebst geringerer Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit wird dabei in Kauf genommen. Autonomie gewährt einer niedrigeren Führungsebene Handlungsspielräume und verlagert damit die Bewältigung der Komplexität auf eben diese Ebene. Ein Zuwachs an Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit geschieht unter Inkaufnahme steigender Intransparenz eigener Variablen. Auch die Möglichkeit der Organisation zur Kontrolle und Steuerung der niedrigeren Ebene verschlechtert sich.

Innenaufnahme eines Gefechtsstandes
Innenaufnahme des Gefechtsstandes auf dem Gelände der Kaserne in Rukla im Rahmen der Mission Enhanced Forward Presence in Litauen, am 16.03.2017. Bundeswehr/ Christian Thiel

Die hohe Autonomie deutscher Truppenführer steht also nie allein, sondern ist auf den Horizont der Organisation, sprich der Armee, ausgerichtet. Bindung und Autonomie spannen als zwei Pole den Raum für das militärische Führungshandeln auf. Situativ wägt der kluge Truppenführer ab und entscheidet für größtmögliche Autonomie oder die notwendige Bindung. Hier sei an Moltkes Zitat erinnert: „Erst wägen, dann wagen“. Es mag zeigen, wie tief diese Wurzel unseres Führungsverständnisses geht. Dabei dürfen jedoch auch die ausführenden Kräfte nicht unberücksichtigt bleiben.

Von ihnen wird abverlangt, mit dem gleichen Engagement den durch die Autonomie gegebenen Freiraum zu nutzen und gleichzeitig das Verständnis für den Grad der erforderlichen Bindung aufzubringen. Am erfolgreichsten bei der Bewältigung komplexer Aufgaben wird die Organisation sein, die sich situativ im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Bindung jeweils aufgabenbezogen neu justiert und damit eine Art „Autonomie höherer Ordnung“ verkörpert.

Fazit: Tradition und Zukunft

Der alte Ordnungsrahmen militärischen Handelns ist starken Veränderungen unterworfen. Der hier und da geäußerte Wunsch von Militärs, die Politik möge nur einen konkreten Auftrag als festen Rahmen vorgeben, erübrigt sich nicht nur vor dem Hintergrund hybrider Bedrohungen. Die politischstrategische Führung agiert in hohen Komplexitätsgraden. Ein Auftrag an das Militär wird daher ebenso kurzfristig gegeben wie dynamisch ausfallen.

Was bedeutet das für den Truppenführer im Deutschen Heer? Er muss sein Kernhandwerk beherrschen. Er muss sich darauf einstellen, vom Solisten zum Mitglied in einem Kammermusikensemble zu werden, der das Zusammenspiel aller Instrumente kennt und im Sinne der Partitur mit- und vorausdenkt. Dabei muss er sich die Fähigkeit zur harmonischen Improvisation bewahren. Soll heißen, dass künftig militärische Mittel allein nicht mehr als die Wirkungsvollsten anzusehen sind.

Der Truppenführer wird in einem Team spielen müssen, in dem seine Expertise unbedingt gebraucht wird – allerdings oft nicht zum Einsatz kommt. Hier liegt Potential, wenn es gelingt, das als Chance zu begreifen und dazuzulernen.

Die Voraussetzungen hierzu haben gerade die deutschen Truppenführer, denn „Führen mit Auftrag“ ermöglicht ihnen Autonomie und schärft gleichzeitig die Einsicht in die Bindekräfte. In dieser Lesart sind hybride Praktiken und auch der Informationsraum lediglich weitere Bindungen, die Truppenführer und Truppe berücksichtigen müssen.

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