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Konsequenzen aus dem Weissbuch

11.06.2017 19:58
von Marco Pracht
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Band-7

“Trendwende bei Personal und Material“

Generalleutnant Eberhard Zorn
Deutschland als Drehscheibe und Transitland

Mit besonderer Spannung sahen die Teilnehmer des Symposiums dem Vortrag von Generalleutnant Eberhard Zorn entgegen, der als Abteilungsleiter Führung Streitkräfte, somit an der Nahtstelle zwischen politischer Entscheidung und militärischer Umsetzung, in besonderer Weise geeignet ist, die Konsequenzen aus den Vorgaben des Weissbuches 2016 aufzuzeigen und daraus konkrete Handlungsoptionen zu erläutern.

Und um es vorwegzunehmen, Generalleutnant Zorn konnte mit seiner offene Art des Vortrags das Publikum schnell in seinen Bann ziehen und seine klare und schonungslose Lagefeststellung sowie seine ungeschminkte Benennung sowohl der Erfolge wie auch der Defizite und deren Einordnung in einer themenspezifischen „Tour de Horizont“ überzeugte das Auditorium. Mit seinem Vortrag wurden sowohl der konzeptionelle Rahmen als auch die Möglichkeiten und Absichten für die Modernisierung der Streitkräfte konkret und anschaulich, die sich aus den Aussagen des Weissbuches 2016 ergeben sollen und die Formulierung von einem Paradigmenwechsel rechtfertigen. Eindeutig der Vortrag im Rahmen des Symposiums 2017 mit dem größten Resonanzrahmen.

Folie: Die Abteilung Führung Streitkräfte innerhalb des BMVg
Die Abteilung Führung Streitkräfte innerhalb des BMVg

Einsätze und einsatzgleiche Verpflichtungen sind nicht gänzlich neu, aber in der gegenwärtigen Ausprägung doch eine Herausforderung und voraussichtlich von langer Dauer. Landstreitkräfte in einsatzgleicher Verpflichtung sollten vom Heer geführt werden, wozu das Heer allerdings dann über ein eigenes Lage-und Führungszentrum (HQ) verfügen muss. Unabhängig von der Führungsfrage lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt erfreulicherweise feststellen, dass die Streitkräfte bei der Operation „Litauen“ ihre Improvisationskunst nicht verlernt und reibungslos dorthin verlegt haben. Für die Verpflichtung zu „Enhanced Forward Presence BG Litauen 2017“ stellt Deutschland pro Halbjahr ca. 1000 Soldaten ab. Insgesamt sind die Streitkräfte zur Krisenbewältigung im Rahmen von UN, NATO und EU im Jahre 2017 mit ca. 3215 Soldaten und im Rahmen des Readiness Action Plans der NATO mit nochmals rund 3150 Soldaten beteiligt bzw. gebunden.

Die Streitkräfte nehmen in diesem Jahr darüber hinaus an 19 größeren internationalen Übungen teil, wobei Neuland die unter der Federführung des Bundesministeriums des Innern gemeinsam mit 6 Bundesländern durchgeführte Stabsrahmenübung zur gemeinsamen Terrorismusabwehr darstellte, bei der als „Trockenübung“ Alarmverfahren, Bearbeitung von Anträgen der BuLänder und die Teilhabe am Krisenmanagement den Übungsinhalt bestimmten.

Nicht neu, aber intensiv wieder zu beleben ist ein nationales strategisches- Konzept mit dem der strategischen Lage Deutschlands als Drehscheibe und Transitland für NATO/EU Kräfte, Stichwort: „Host Nation Support“ Rechnung getragen wird.

Eine an den Zahlen deutlich abzuleitende Trendwende zeichnet sich beim Personal ab.

  • der Personalumfang wird erhöht,
  • die Chancen Berufssoldat zu werden, haben sich deutlich verbessert,
  • die Laufbahn für Mannschaften soll erheblich attraktiver werden und
  • die Zurruhesetzungen sollen auf freiwilliger Basis einvernehmlich verlängert werden.

Dafür gibt es auch ausreichend Bewerber, wie ohnehin die Bewerberlage für die Laufbahn der Offiziere und Feldwebel befriedigend und besser ist, bei den Mannschaften allerdings mit 1,3 zu 1 und bei den FwDstL mit 2:1 gerade noch den Ansprüchen genügt. Bei den Offizieranwärtern bereitet allerdings die „Abbrecherquote“ Sorge, die streitkräfteweit rd.40 % beträgt und im Heer die „Aussteigerquote“ bei den Mannschaften sich auf 20-25% beläuft. Dies ist eindeutig unbefriedigend.

Folie: Personeller Aufwuchs bis 2024
Folie: Personeller Aufwuchs bis 2024

Insgesamt kann beim Faktor Personal aber von einer deutlich erkennbaren Trendwende ausgegangen werden, auch wenn die Umsetzung noch erhebliche Zeit in Anspruch nehmen wird. Die Folien oben zeigen, für welche Bereiche und Aufgaben die Personalverstärkungen vorrangig geplant sind.

Eine Erhöhung der Umfangszahlen bei den Streitkräften ist auch immer im Zusammenhang mit der Infrastruktur zu betrachten und die Konsequenz daraus lautet klar und einfach: „Es werden auf überschaubare Zeit keine Liegenschaften mehr abgegeben“.

Die Ausbildungslandschaft wird angepasst und in weiten Teilen neu gestaltet, der konzeptionell Schwerpunkt liegt dabei beim BMVg, wo insgesamt 21 Handlungsfelder zur streitkräftegemeinsamen Ausbildungsgestaltung identifiziert wurden. Darunter auch die Vorschrift „Innere Führung“, die in 2018 neu verfasst werden wird und erstmalig als Ziel eine gemeinsame Führungs-und Organisationskultur sowohl für zivile wie militärische Angehörige der Bundeswehr benennt, die mit Maßnahmen zur Verbesserung der Information und Kommunikation erreicht werden soll.

Führung im elektronischen Zeitalter, immer komplexere Führungs- und Informationsstränge sowie eine Vielzahl von Beteiligungsgremien und Beauftragten stehen im permanenten Spannungsfeld zur Auftragstaktik und der Untrennbarkeit von Führungsverantwortung, woraus sich hoher Handlungsbedarf für ein gemeinsames Führungsverständnis, über die Statusgrenzen hinweg, ergibt.

Folie: Führungs- und Organisationskultur Lagebild
Folie: Führungs- und Organisationskultur Lagebild

Merkmal des Paradigmenwechsels soll aber eine signifikante Erhöhung des Finanzrahmens und eine damit einhergehende Aufstockung bzw. Neubeschaffung des Umfangs von Personal und Material sein. Der Finanzrahmen wird in den kommenden Jahren in einem in dieser Dekade noch nicht dagewesenen Maße erhöht. Sicherlich ist man noch weit von dem der NATO zugesagten Volumen entfernt, aber die „Richtung“ stimmt. Die Haushaltsansätze und Planungen für die nächsten Jahre rechtfertigen jedenfalls sehr wohl, von einem Paradigmenwechsel zu sprechen. Am deutlichsten wird dies bei den Beschaffungsprogrammen. Das Problem scheint jetzt vielmehr zu sein, dass die nationale Rüstungsindustrie, die ja einen beispiellosen Niedergang verkraften musste, überhaupt in der Lage sein wird, zeitlich wie qualitativ und quantitativ entsprechend zu liefern.

Mit welchen Mitteln und zu welchen Fähigkeiten im Laufe der nächste Dekade die Streitkräfte ausgestattet werden sollen, ist klar definiert, ebenso wie der dafür erforderliche Finanzbedarf, der sich insgesamt auf ca. 130 Mrd € beläuft und den Zeitraum bis ins Jahr 2030 umfasst. Dabei sind Erhaltungsmaßnahmen genauso vorgesehen wie ein Aufwuchs an Fähigkeiten und die Erlangung neuer Fähigkeiten. Insgesamt ein beachtliches Volumen an aufgabenorientierten Modernisierungsanstrengungen.

Folie: Trendwende Material Überblick
Folie: Trendwende Material Überblick

Im elektronischen Zeitalter muss das Fähigkeitsspektrum von Streitkräften zwingend Maßnahmen zur Abwendung von Gefahren aus dem Cyber- Raum beinhalten. Cyber Bedrohung ist kein sciencefiktion, sondern eine reale Bedrohung, die bis zur Lähmung der Streitkräfte in ihrer Funktionsfähigkeit führen kann. Mit beeindruckenden Zahlen belegte General Zorn die täglich auf die Bundeswehr abzielenden „Hackerangriffe“. Mit dem strukturell hinterlegten und professionell organisierten neuen Organisationsbereich „Cyber- und Informationsraum im BMVg“ wird die logische und konsequente Antwort auf diese Dimension der Herausforderung gegeben. Der neue Organisationsbereich, mit einem Inspekteur an der Spitze, wird zum 1. April 2017 seine Fähigkeiten schrittweise aufbauen.

Natürlich darf bei der Betrachtung eines zukünftigen Fähigkeitsspektrums der Streitkräfte die Komponente zur Reserve nicht fehlen. Die „Reserve“ nimmt weiterhin eine absolut erforderliche Rolle für die zukünftige Struktur ein. Die Delle bei der Beorderung scheint auch gestoppt, wobei der Trend eindeutig zu zeitlich längeren Wehrübungen geht und das Gebot der Freiwilligkeit vorherrschen wird. Zukünftig wird die Qualifikation eines Reservisten, noch deutlich stärker als bisher, für bestimmte Aufgaben erkennbaren Vorrang haben vor militärischer Ausbildung und Erfahrung. Anders werden Dienstposten, z.B. im Cyber-und Informationsbereich, nicht zu besetzen sein.

Generalleutnant Eberhard Zorn sei Dank für seine umfassende und klare Lagefeststellung, die oftmals schon erstaunlich konkret die Vorstellungen und Planungsabsichten des BMVg als Folge der Vorgaben aus dem Weissbuch 2016 aufzeigte und die Frage, ob der propagierte Paradigmenwechsel mehr als nur ein Wortspiel sei oder sich in realen Planungen widerspiegelt, klar beantwortet hat. Man kann in der Tat von einem Paradigmenwechsel in der Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland beim Personal, Material und den Finanzen sprechen. Der Erhalt und die Stärkung von bisherigen Fähigkeiten sowie der Aufbau neuer Fähigkeiten sind planerisch realistisch hinterlegt. Dass dies alles seine Zeit in Anspruch nehmen wird bis sich in der Truppe tatsächlich eine Wende zum Besseren bemerkbar macht, darf nicht davon ablenken, dass offensichtlich die Weichen richtig gestellt sind.

Am Abend fand, wie schon traditionell, im Casino Munster der Gesellschaftsabend statt, der in diesem Jahr aber nicht nur dem guten Essen und lebhaften Gesprächen gewidmet war, sondern von den Teilnehmer noch eine intellektuelle Aufmerksamkeit forderte. Sicherlich ein ungewöhnlicher Rahmen für einen Vortrag dieser Bedeutung, aber das Thema „Hybride Kriegsführung“, hat derzeit Hochkonjunktur und Oberstleutnant Schurath vom Kommando Heer konnte durch seine informative und lebendige Vortragsgart die Gäste schnell von der realen Bedrohung und Bedeutung der Hybriden Kriegsführung überzeugen. Wegen der besonderen Bedeutung dieses Themas wird deshalb im kommenden „Schwarzen Barett“ mit einem eigenständigen Beitrag darüber berichtet.

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Generalleutnant Jacobson
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