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Operative Probleme

2015-06-06 10:04
von Marco Pracht
Band-6

Operative Probleme und logistische Herausforderungen

bei der Herauslösung und Rückführung von Personal und Material aus Einsätzen über strategische Entfernungen

Generalmajor Hans Antoni, Kdr LogKdoBw
GM Antoni

Der Kommandeur des Logistikkommandos der Bundeswehr (LogKdoBw), Generalmajor Antoni, mit Sitz in Erfurt, hatte mit seinem Vortrag durchaus die strategische Dimension im Blick, als er die Planungen zur Sicherstellung der Rückverlegung deutscher Kräfte aus Afghanistan darstellte. Zuvor nutzte er aber die Gelegenheit, den Auftrag, die Struktur sowie die Rolle und das Selbstverständnis des (LogKdoBw), ein "Produkt" der Bundeswehrreform, kurz vorzustellen und zu erläutern.

Zurzeit befindet sich das LogKdoBw mitten im Prozess der Transformation i.R. der Neuausrichtung der Bundeswehr mit der Folge, dass die Personalstärke Anfang 2013 von rund 23.000 Mitarbeitern auf den in der Zielstruktur nach (PSM 185) vorgesehenen Dienstpostenumfang bis Ende 2017 auf 15.000 abgeschmolzen werden muss. Selbstverständlich muss während der gesamten Dauer des Prozesses der Neuausrichtung die volle Arbeitsfähigkeit aufrechterhalten bleiben. Die notwendige Unterstützung für das zukünftig vorzuhaltende Fähigkeitsspektrum der Streitkräfte verlange ein flexibles und hochgradig adaptives logistisches System. Die mobilen Logistiktruppen der Streitkräftebasis würden zwar in der neuen Struktur weiterhin ein breites Leistungsspektrum bieten, andererseits jedoch nur abgestuft durchhaltefähig sein. Aufgrund dessen habe er bereits im Zuge der Aufstellung des Kommandos drei Handlungslinien formuliert, entlang derer die Weiterentwicklung ausgerichtet wird.

Ressourcen

So verfolge das LogKdoBw den Aufbau einer Befähigungslage Logistik für Einsätze der Bundeswehr. Ziel ist es, die Erfüllbarkeit konkreter Forderungen an das Logistische System der Bundeswehr vor dem Hintergrund aktuell verfügbarer Ressourcen der gesamten Bundeswehr – einschließlich der Leistungen Dritter – bewerten zu können. Parallel arbeite man an Möglichkeiten des Aufbaus und Ausbaus multinationaler militärischer Kooperationen für ein mögliches Zusammenwirken in einem gemeinsamen Einsatz. Gegenseitiger Nutzen der beteiligten Nationen durch die Reduzierung des jeweiligen Kräfteund Mitteleinsatzes stehe hier im Vordergrund.

Und schließlich strebe das Kommando für die logistische Unterstützung von Einsätzen Partnerschaften mit nationalen und internationalen gewerblichen Leistungserbringern an. Im Ergebnis soll die Erschließung planbarer und gesicherter Leistungen für den Einsatz stehen. Hier gelte es, militärische Kapazitäten bedarfsgerecht zu ergänzen und Lösungen zu finden, die eine frühzeitige Einbindung der Wirtschaft schon in der Phase der Planung ermöglichen. Damit das LogKdoBw entlang dieser Handlungslinien in der Weiterentwicklung erfolgreich sein könne, führe es daher einen engen Dialog und Informationsaustausch mit allen Partnern im Logistischen System der Bundeswehr.

Dabei wird das Jahr 2014 ein Jahr des Überganges.

  • Die Sicherstellung der fachlichen Kompetenz auf hohem Niveau
  • die erfolgreiche materielle Rückverlegung ISAF
  • der planmäßige Abschluss der Organisationsmaßnahmen
  • die zielgerichtete Ausbildung zur Sicherstellung der Einsätze • sowie eine engagierte Nachwuchsgewinnung sind die
  • Eckpfeiler für die gemeinsame Arbeit im diesem Jahr

Zum eigentlichen Thema stellt Generalmajor Antoni zunächst einmal fest, dass die Herauslösung und Rückverlegung von Personal und Material aus Afghanistan zu den größten logistischen Herausforderungen in der Geschichte der Bundeswehr zählt. Dies betrifft den Umfang und die Komplexität gleichermaßen. Für diese Operation verfügt das LogKdo- Bw über gut ausgebildetes Personal, das seine Aufgabe beherrsche. Man ist aber auch den sich ständig ändernden Rahmenbedingungen unterworfen und mache ständig neue Erfahrungen.

Logistikkommando
Logistikkommando

Die Zeitachse und die Handlungserfordernisse seien durch den politischen Rahmen vorgegeben bzw. beeinflusst. General Antoni zeigte die wesentlichen Eckpunkte des politischen Entscheidungsprozesses vom NATO Summit CHICAGO über NATO Herbsttreffen, nationale Entscheidungen bis hin zur AFG Loya Jirga mit ihren Auflagen auf.

Die Herausforderung der Rückverlegung werde besonders durch folgende Faktoren bestimmt:

Rückbau:

  • Feyzabad
  • OP North
  • Kunduz und besonders
  • Mazar e Sharif
  • Vollständige Rückverlegung des Materials aus AFG bis 31.12.2014 (NULL-LINIE)

Aufgabe des LogKdoBw sei hierbei:

  • Planung und Koordinierung aller (logistischen) Prozesse
  • Rückführungsorganisation
  • Verfügbarkeit zusätzlicher logistischer Kräfte
  • Materialkategorisierung
  • Neue Lösungen
Verfügbare LOC
Verfügbare LOC

Danach ging Generalmajor Antoni auf die Rückverlegeorganisation und dabei zuerst auf die verfügbaren Transportwege ein. Für die Rückverlegung stünden grundsätzlich fünf verschiedene Routen zur Verfügung. Transitauflagen, Kapazitätsengpässe bei der Zollabfertigung und kurzfristige Grenzschließungen schränkten jedoch die Verfügbarkeit der Landverbindungen deutlich ein. Die Wahl des Transportweges werde insbesondere durch die Faktoren Wirtschaftlichkeit und garantierte Verfügbarkeit bestimmt. Der direkte Lufttransport von Afghanistan nach Deutschland für den Gesamtumfang des Materials verböte sich aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten und auch mit Blick auf den begrenzten strategischen Transportraum.

Im Einsatzland, in Afghanistan, wurde und wird alles Material nach festen Kriterien bewertet, um über eine Rückführung nach Deutschland oder eine Aussonderung/ Verwendung in Afghanistan zu entscheiden. Die Kategorisierung stelle sicher, dass unbrauchbares und nicht mehr instandsetzungswürdiges Material nicht nach Deutschland zurückgeführt, sondern vor Ort ausgesondert wird. Für die Rückführung wurde im Ergebnis ein Gesamtvolumen von 1.200 Fahrzeugen und rund 4.800 Container-Äquivalenten ermittelt, das in der Folge als planerische Grundlage zur Berechnung der Transportkapazitäten sowie zur Ausplanung der Rückführorganisation genutzt werden konnte bzw. wird.

Ergebnis der Materialkategorisierung
Ergebnis der Materialkategorisierung

Der eigentliche Materialrückfluss werde wesentlich von den operativen Erfordernissen im Einsatz und somit von der damit verbundenen Freisetzung von Material aufgrund Fähigkeitsverzichts bzw. regionaler Konzentration der Kräfte bestimmt. Aus logistischer Sicht sei die materielle Rückverlegung mehr als nur eine Transportaufgabe. Sie stelle vielmehr einen Prozess dar, der im Einsatzgebiet beginne und erst in der logistischen Basis Inland mit der Instandsetzung und Rückgabe des zurückgeführten Materials an den Nutzer ende.

Die Truppenteile im Einsatzkontingent sind verantwortlich für ihr Material und leiten auf Basis der bereits angesprochenen Kategorisierung der Materialpositionen entweder eine Aussonderung ein oder liefern dieses an die Materialschleuse in Mazar e Sharif. Die seit Februar 2013 eingesetzte Materialschleuse in MeS ist der verlängerte Arm der Zentrallogistik in Deutschland und entlastet unmittelbar bei Übernahme des Materials die Truppenteile des Einsatzkontingents von deren Materialverantwortung. In der Materialschleuse wird das Material auf Vollzähligkeit und Vollständigkeit geprüft. Weiter werden eine Technische Durchsicht und eine Tierseuchenprophylaxe durchgeführt und das Material wird für den Transport vorbereitet. Die Materialschleuse hat eine Personalstärke von bis zu 65 Soldaten.

LogUgPkt-Trabzon
LogUgPkt-Trabzon

Das ausgesonderte Material wird an die Einsatzwehrverwaltungsstelle in Mazar e Sharif übergeben und in deren Verantwortung der Verwendung zugeführt. Aus der Materialschleuse heraus erfolgt dann der Transport unmittelbar nach Deutschland bzw. zunächst zum logistischen Umschlagpunkt in die Türkei. Bei der Auswahl des jeweiligen Transportweges war es Planungsabsicht, die Vorteile des Lufttransports mit dem kostengünstigen Transport über Schiene oder See zu kombinieren und eine multimodale Transportlösung (Luft-Schiene bzw. Luft-See) über ein sicheres Drittland zu realisieren.

Für die Einrichtung eines logistischen Umschlagpunktes wurden Standorte betrachtet, die ca. 3,5 Flugstunden von Mazar e Sharif entfernt sind und somit mehr als einen Umlauf täglich erlauben. Trapzon in der Türkei wurde mit Blick auf die vor Ort befindliche logistische Infrastruktur sowie die Möglichkeit zur Nutzung von Host Nation Support und ziviler Ressourcen als der am besten geeignete Standort ermittelt. 80 bis 85% des Materials soll über den in Trapzon eingerichteten logistischen Umschlagpunkt zurückgeführt werden.

Für den Bahntransport über die Nordroute, die über Usbekistan, Kasachstan, Russland und Klaipeda in Litauen bis nach Deutschland führt, rechnen wir mit einem Volumen von ca. zehn Prozent des Rücklieferungsumfanges. Der direkte Lufttransport von Afghanistan nach Deutschland soll grundsätzlich nur für die Rückverlegung von sicherheitsempfindlichem und hoch priorisiertem Material genutzt werden. Das aus Afghanistan per Lufttransport ankommende Material wird im Hafen von Trapzon für den anschließenden Seetransport nach Deutschland vorbereitet.

Bei der Rückverlegung konnten die angestrebten Ziele für das Jahr 2013 erreicht werden. Und auch Anfang 2014 entsprach der Stand der Rückverlegung weitgehend der Planung. Es komme nun darauf an, das Tempo des Materialflusses zu halten. Allerdings seien bei Betrachtung des Spannungsfeldes der materiellen Rückverlegung, also der sich bedingenden Abhängigkeit von Qualität, Zeit und Ressourcen belastende Faktoren festzustellen. So hätten verschobene Entscheidungen zu folgenden Auswirkungen geführt:

DEU EinsKtgt ISAF

  • Unveränderte operative Vorgaben
  • Verzögertes Herauslösen von Personal/ Material
  • Anpassung der Planungen zur Rückverlegung

Für die Rückverlegeorganisation

  • Zufluss von Material stockt
  • Kapazitätsgrenze wird unter Umständen im 2. Halbjahr 2014 überschritten
  • Zielerfüllung Null-Linie ist, wenn überhaupt, nur noch bei Qualitätsminderung erreichbar

Es wird für 2014 daher erforderlich sein, eine regelmäßige Anpassung der Planungen zur Rückverlegung durchzuführen. In dieser Planung müssten die "Politischen Meilensteine" aus 2014 entsprechend ihrer Bedeutung und Auswirkungen einbezogen werden. Dies sind im Wesentlichen die Unterzeichnung der Verträge zwischen den USA und AFG sowie verschiedene, darauf aufbauende Vereinbarungen zwischen der NATO und AFG, die durch den AFG-Präsidenten unterzeichnet werden müssen, was wiederum abhängig ist von dessen Wahl mit ungewissem Ausgang.

Wo steht die Logistik
Wo steht die Logistik

Der Zeitpunkt der Unterzeichnung ist völlig offen, was sich nicht nur auf den Abfluss des Materials auswirkt, sondern auch die materielle Ausstattung des neuen Kontingentes betrifft, das möglicherweise ab 1. Januar 2015 in AFG unter neuem Mandat eingesetzt werden. Art und Umfang der Stationierung der neuen Mission sowie deren materielle Ausstattung haben unmittelbare Auswirkungen auf die Rückverlegung, da sich die neue Mission auf das Material des deutschen Einsatzkontingentes ISAF abstützt.

Diese "Politischen Meilensteine" wirken sich unmittelbar auch auf den politischen Entscheidungsprozess NATO/ DEU zur Mandatierung Resolute Support aus. Der Kommandeur des Logistikkommandos der Bundeswehr zog zum Ende seines hochinformativen Vortrags ein kurzes Fazit: Die logistischen Voraussetzungen für die erfolgreiche Rückverlegung des deutschen Einsatzkontingentes ISAF wurden geschaffen. Die ersten Erfahrungen aus der Rückverlegung bestätigen den gewählten Gesamtansatz. Der parallel stattfindende Lessons-learned Prozesss trägt zudem dazu bei, die aktuellen Erkenntnisse und Erfahrungen verzugslos in die Folgeplanungen einfließen zu lassen.

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