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Schwelle zum „Ernstfall“

2015-05-16 09:28
von Redaktion
Band-5

Die Bundeswehr an der Schwelle zum „Ernstfall“

Innere Führung, soldatisches Selbstverständnis und Tradition. Dringender Anstoß zur Diskussion

von Fritz Zwicknagl

I.

Die Konzeption der Inneren Führung ist das amtliche "Markenzeichen" der Bundeswehr. Sie bestimmt ihr bürgerlich-liberales Selbstverständnis, ihr Erscheinungsbild und ihre Distanz zur "vordemokratischen" deutschen Militärtradition.

Fritz Zwicknagl
Fritz Zwicknagl

In ihren normativen Grundaussagen ist sie verbindlich und steht nicht zur Diskussion. Die "Dynamik" als ihr besonderes Kennzeichen bezieht sich nur auf die praktische Ausformung und den ständigen Prozess, Realität und Normen in Übereinstimmung zu bringen, in den Worten des Generalinspekteurs: "Die dynamische Konzeption der Inneren Führung hilft uns, auf …Umbrüche zu reagieren, ohne Gefahr zu laufen, die Orientierung zu verlieren."1 Im Klartext: Die Antworten dürfen nur innerhalb des Dogmengebäudes gesucht werden. Die Konzeption verstand sich als radikaler Neuanfang nach der Katastrophe von 1945 und als bewusstes Gegenbild zum "deutschen Militarismus". Gestaltender Geist war der damalige Major a.D. Graf Baudissin, in dessen zahlreichen Schriften2 die bis heute gültigen Grundlinien des Konzepts formuliert sind und deren Lektüre die Gedankenwelt hinter den dürren Paragraphen des heutigen Gesetzeswerkes enthüllt.

Zweck der Konzeption war die Einbindung der neu aufzustellenden Streitkräfte in den demokratischen Staat. Dazu gehörte der Primat der Politik und die Integration der Armee in die Zivilgesellschaft. Dem entsprach auch das Leitbild vom "Staatsbürger in Uniform". Dieser war in seiner Einstellung, seinen Werten und seinem Selbstverständnis vollwertiger Zivilbürger, dessen Beruf sich nur funktional durch die jeweiligen militärischen Anforderungen von allen anderen Berufen unterschied.

Der Krieg als Maßstab und Prüfstein für die soldatische Existenz spielte so gut wie keine Rolle, da die Konzeption nur auf die deutsche Situation unter der nuklearen Abschreckung ausgerichtet war.

Scheiterte die Abschreckung, würden Soldat und Zivilist in der atomaren Katastrophe gleichermaßen verglühen, deshalb, so Baudissin weiter, gebe es keine ethische Sonderstellung mehr für eine Berufsgruppe. Aus diesem Grunde brauche der Soldat auch keine Motivation für den Kampf, sondern nur "für den Dienst und für den Staat". Damit war auch eine an früheren Kriegstaten orientierte militärische Traditionspflege nicht nur unnötig, sondern schädlich, und konnte durch ein auf vorbildhafte demokratische Entwicklungen gerichtetes militär-politisches Traditionsverständnis (Preußische Heeresreform, "20. Juli 1944") ersetzt werden.

Die Konzeption wurde nach kurzem Ringen zwischen der kleinen Gruppe der "Reformer" und der von ihnen als "Traditionalisten" bezeichneten Masse des Offizierkorps als erster Prüfstein des Primats der Politik auf dem Befehlswege durchgesetzt und gilt ungeachtet ihrer behaupteten "Dynamik" nur marginal verändert bis heute. Da Zweifel daran mit Zweifeln an demokratischen Prinzipien gleichgesetzt wurden, war jede grundsätzliche Kritik an der Inneren Führung "tödlich". Auch das gilt bis heute. Die Bundeswehr hat sich damit arrangiert, zumal die "funktionalen Erfordernisse" viel Interpretationsspielraum ließen und der radikal- jakobinische Ansatz der "Reformer" im Friedensalltag auf ein truppenbrauchbares Maß gestutzt werden konnte.

Die ebenfalls aus dem Konzept ableitbare "zeitgemäße Menschenführung" stieß von Anfang an auf eine weniger skeptische Aufnahme. Denn auch die "Traditionalisten" vertraten einen auf der Kriegserfahrung basierenden Führungsstil, der "den Geist der Front statt den des Kasernenhofs" betonte. Mit der Forderung "Gefechtsausbildung statt Gamaschendienst" rannten sie auch bei den "Reformern" offene Türen ein. Beide Lager waren sich zumindest im Endergebnis einig, in der Absage an Kommiss-Methoden und primitive Schleiferei. Noch heute verwechseln manche erfolgreichen "Troupiers" ihren kameradschaftlich – patriarchalischen Führungsstil mit "Innerer Führung", während die Konzeption ein der bürgerlichen Arbeitswelt entsprechendes, einklagbares, kooperatives Führungsverhalten vorsieht.

Die demokratischen Verbündeten, die an keiner vergleichbaren historischen Traumatisierung litten, haben diesen "deutschen Sonderweg" nie ernst genommen. Sie zollten den früheren deutschen Armeen, ihren ehemaligen Kriegsgegnern, höchsten Respekt, gerade in der Menschenführung und verstanden nicht, um welche "Gnade des Nullpunkts" es sich handeln sollte. Die demokratische Einbindung der Streitkräfte war für sie kein Thema und da ihre Armeen ständig verlustreiche Expeditionskriege führten, erschien ihnen ein "Bürger–Soldat" wenig attraktiv, der nur im Frieden und unter dem nuklearen Patt "funktionierte". Die Soldaten sollten von der zivilen Gesellschaft respektiert und unterstützt werden, aber nicht aussehen wie sie!

II.

Seit Mitte der 90er Jahre steht auch die Bundeswehr im Auslandseinsatz und es ist nur eine Frage der Zeit, wann es zum "Ernstfall" kommt. Dies wird nicht nur die Nachwuchsgewinnung beeinflussen, das gesamte Konzept vom zivil integrierten Bürger-Soldaten steht dann auf dem Prüfstand. Im asymmetrischen Krieg ist kein "Jena und Auerstädt" zu befürchten, nicht einmal ein "Dien Bien Phu", aber die ständig präsenten Medien können auch aus taktisch unbedeutendem Versagen ein nationales Desaster machen. Umgekehrt können kleine, spektakuläre Er- Die Bundeswehr an der Schwelle zum "Ernstfall" Innere Führung, soldatisches Selbstverständnis und Tradition. Dringender Anstoß zur Diskussion von Fritz Zwicknagl ERNSTFALL 12 DAS SCHWARZE BARETT NR.37 folge ungeheure Wirkung auf das Selbstbewusstsein der ganzen Armee und auf ihre Nachwuchslage haben. Das Bravourstück der GSG 9 in Mogadischu 1977 hat den damals im Abseits dümpelnden Bundesgrenzschutz über Nacht zur attraktiven Elite werden lassen, wovon er heute noch zehrt.

Die bevorstehende Feuertaufe sollte also in doppelter Hinsicht nicht unterschätzt werden!

Mit den Auslandseinsätzen hat die Bundeswehr begonnen, die Geschäftsgrundlage der Inneren Führung zu verlassen. Endgültig wird sie es tun, wenn scharf geschossen wird. Die "berufliche" Bewährung im Kriegseinsatz, wie immer der heute aussehen mag, gehört dann wieder zur entscheidenden Aufgabe des "Bürgers in Uniform", während diesmal der "Bürger in Zivil" in der Heimat friedlich sein Leben weiter führt. Das war im Konzept Baudissins nicht vorgesehen. So gab es für ihn keine "Soldatenehre", weil es auch keine exklusive Lebensgefahr mehr für den Soldaten gebe.

Das ganze Konzept baute auf der Prämisse auf, der "Friede ist der Ernstfall". Das hat sich grundlegend geändert! Das Dogma vom "Beruf wie jeder andere" hat sich spätestens jetzt als überholt erwiesen!

Die Realität des künftigen Interventionseinsatzes übersteigt noch die "sui generis"-Position der früheren "Traditionalisten". In der Landesverteidigung war der Soldat kämpferisches Vorbild und Führer seiner Nation im (möglichen) gemeinsamen Existenzkampf, im Interventionseinsatz verbringt er (tatsächlich) Jahre seines Lebens in zermürbenden Kleinkriegssituationen am Ende der Welt, während eine daran weitgehend uninteressierte Zivilgesellschaft in tiefstem Frieden lebt. Wenn das "sui generis" des Soldatenberufs jemals seine Berechtigung hatte, dann unter diesen Bedingungen! Es geht also nicht um eine Neuauflage der in den frühen 1960er Jahren abgebrochenen Diskussion von "Reformern" und "Traditionalisten". Es geht um die Revision eines von der Geschichte definitiv eingeholten Experiments.

Die einschlägigen Sozialwissenschaften haben die Gefährdung der Inneren Führung durch die Realität früh und klar erkannt und führen seit Jahren eine breite und sehr präzise Fachdiskussion.4 Soweit sie nicht überhaupt die "Militarisierung der Außenpolitik" ablehnen oder das Problem durch die Begrenzung auf Blauhelmeinsätze lösen wollen, versuchen sie, die Grunddogmen mit einem neuen "zivilbürgerlichen" Soldatenbild zu retten, wie etwa dem "multikulturellen Sozialarbeiter mit Spezialbewaffnung"5. Mehrheitlich warnen sie aber vor einer "Wiederbelebung des Kämpferidols"6, die sie als Folge der Auslandseinsätze und des engen Zusammenwirkens mit verbündeten Truppen zu erkennen glauben. Eine interessante Beobachtung!

In der pragmatisch orientierten Bundeswehr bewegt sich auf ideologischem Felde derzeit wenig. Sie weiß, dass sie ihr "Markenzeichen", das quasi Verfassungsrang hat, nicht öffentlich in Frage stellen darf. So dehnt man vorerst noch die "funktionalen Besonderheiten" so weit, dass die Erfordernisse der Auslandseinsätze abgedeckt werden. Es steht ja alles im Soldatengesetz! Dies reicht auch, solange es so ruhig bleibt.

Der "archaische Kämpfer", der dem Inspekteur des Heeres, völlig zu Recht, einmal entschlüpft ist, hat heftigen Widerspruch geerntet, von den einen, die nicht wissen was das ist und ihn für einen vortechnischen, primitiven Schlagetot halten, von den anderen, die genau wissen, dass es sich um das exakte Gegenbild zur Vorstellung Baudissins handelt. Der Generalinspekteur hat den Begriff sogar aufgenommen, wenn auch mit der (modischen) Einschränkung wieder entwertet, er erfülle nur noch einen Teil der geforderten Fähigkeiten. Und er schließt, "Kriegseinsatz… bleibt aber Kernkompetenz jeder soldatischen Existenz". Solche eher am Rande eingestreuten Selbstverständlichkeiten mehren sich in öffentlichen Äußerungen7 und zeigen, dass es Ernst wird. Sie können aber kein motivierendes und klares Konzept ersetzen. Jede Sprechblase vom "modernen polyvalenten Soldaten" sollte einem Nadeltest unterworfen werden. Wer hier weiter draufsattelt, sollte auch Ausbildungsdauer und Jahresgehalt mit berücksichtigen. Warum sagt man nicht, dass es sinnvoller ist, einem disziplinierten Soldaten multikulturelle Sensibilität (früher "ritterliches Verhalten") beizubringen, als einem uniformierten Sozialarbeiter das Kämpfen?

Ob die Truppe letztlich die "interkulturelle Kompetenz" unter Lebensgefahr beweist, hängt von ihrer Disziplin und der Qualität ihrer jungen Offiziere(!) ab,

Die es dann natürlich wieder in ausreichender Zahl in der Truppe geben müsste. Im übrigen werden die Vorgesetzten daran gemessen, wie weit sie den ideologischen "Spannungsbogen" mit persönlichem Engagement überbrücken können. Wer würde sich da eine Blöße geben. Die Erfahrungsberichte sind daher überwiegend positiv gestimmt. Das bei der politischen Führung ankommende Lagebild bestätigt die Richtigkeit des eigenen Weges: Die Bundeswehr und ihre "Unternehmensphilosophie" hätten sich im "Einsatz" bewährt. Man brauche sich hinter den Verbündeten nicht zu verstecken. Bleibt die Frage, warum tut man es dann?

Und bei allem wird gerne übersehen, dass der "Einsatz" nicht mit dem "Ernstfall" verwechselt werden darf und "die wirklich harten Bewährungsproben noch ausstehen" 8.

III.

Es darf also bezweifelt werden, dass Bundeswehr und Gesellschaft auf den "Ernstfall" und seine Konsequenzen innerlich ausreichend vorbereitet sind. Die Gesellschaft ist schwer zu verändern. Es ist auch fraglich, ob die immer gerne geforderte "breite sicherheitspolitische Diskussion" mehr Nutzen als Schaden bringt, wenn man an die unselige Nachrüstungsdebatte denkt! Aber die Bundeswehr kann im eigenen Bereich einiges tun und die sich öffnende Schere zwischen Realität und Konzeption wieder schließen.

Gerade weil das neue Bild des Soldaten "sich noch nicht ganz übersehen lässt", wie der Generalinspekteur zugibt, darf die aufkommende Diskussion nicht dogmatisch kanalisiert oder in den gängigen Schlagworten zur "Transformation" erstickt werden. Die Konzeption der Inneren Führung ist in ihrem Grunddogma vom Bürger–Soldaten auf den Prüfstand zu stellen und zwar genauso konsequent und schonungslos, wie seinerzeit Baudissin bei seinem Konzept in umgekehrter Richtung vorgegangen ist.

Dabei sind die Erfahrungen unserer Hauptverbündeten besonders wertvoll. Als alte Demokraten sind sie über jeden Zweifel erhaben und als ehemalige "Imperialisten" kennen sie alle Formen des Expeditionskriegs. Aber auch ihr Hauptproblem ist der qualifizierte Nachwuchs. Wie sollte es anders sein, wenn in "postheroischen" Gesellschaften9 "Helden" gesucht werden. Das wird auch auf uns zukommen, wenn geschossen wird. Neben breiten materiellen Anreizen, die aber weder Reichtum versprechen, noch ein ernsthaftes Lebensrisiko aufwiegen können, wählten diese Nationen einen, aus dem Blickwinkel der Inneren Führung, "traditionalistischen" Ansatz, um die Streitkräfte attraktiv und schlagkräftig zu erhalten, wobei eines auf das andere einwirkt.

Dieser Weg sollte auch für die Bundeswehr enttabuisiert und zumindest wieder vorurteilsfrei geprüft werden. Im Mittelpunkt steht nicht nur die materielle, sondern auch die emotionale Attraktivität von Streitkräf- BLICKRICHTUNG ZUKUNFT DAS SCHWARZE BARETT NR.37 13 ten, gekoppelt mit der Frage, wofür oder besser warum junge Menschen im Frieden in den Krieg ziehen wollen. Nehmen sie die soldatischen Herausforderungen des materiell abgesicherten "Arbeitsplatzes" nur in kauf oder treffen sie ihre Entscheidung aus Neigung für die soldatische Lebensform? Brauchen wir also eine Armee mit niedriger ziviler Hemmschwelle oder mit hohen soldatischen Ansprüchen?

Staatsbürgerliches Verantwortungsgefühl, angenommen, es gibt es noch, nach Baudissin und der Inneren Führung das Hauptmotiv des Dienens, schafft jedenfalls noch keine Soldaten und reicht erst recht nicht für den Interventionskrieg. Wer die Verfassung schätzt, verteidigt sie deshalb noch lange nicht mit der Waffe in der Hand, schon gar nicht am Hindukusch. Eine zwingende Begründung für einen Einsatz ist in den wenigsten Fällen gegeben und auch keine Frage der Kommunikation. Je länger man die derzeitigen Auslandseinsätze erklärt, desto fragwürdiger werden sie.

Das gilt auch für die Zivilgesellschaft, die solchen Engagements grundsätzlich ablehnend gegenübersteht. Um die gelangweilte öffentliche Meinung so zu mobilisieren, dass sie "voll hinter ihren Soldaten steht", müsste nach amerikanischem Vorbild jedes Mal eine gigantische Hetzkampagne entfesselt werden, die aus jedem Taliban eine Bestie und aus jedem Warlord einen neuen "Hitler" macht. Das nutzt sich nicht nur rasch ab, der geschürte Hass provoziert geradezu menschenverachtende Übergriffe, wie das amerikanische Beispiel zeigt. Auch hier zeigt sich das alte Integrationsmodell von Soldat und Gesellschaft als problematisch und bedarf des konsequenteren Nachdenkens.

IV.

Die Konzeption der Inneren Führung war erfolgreich. Mit ihrer "Entmilitarisierung des Soldaten" hat sie die Wiederbewaffnung auch für die Kreise akzeptabel gemacht, die in der Vergangenheit vom "preußischen Militarismus" gebeutelt worden waren und die jetzt mit Mehrheit den neuen Staat repräsentierten. Sie hat sich vor allem darin bewährt, die Streitkräfte in die Demokratie einzubinden. Diese Errungenschaften gilt es zu bewahren.

Ihr ideologisches Soldatenbild war aber von Anfang an nicht schlüssig. Das ist auch kein Wunder, wenn man von der, auch von den preußischen Reformern übernommenen Parole der französischen Revolution , "Jeder Soldat ein Bürger – jeder Bürger ein Soldat!", einfach den zweiten Teil unterschlägt! Nur 50 Jahre tiefster Frieden haben diesen Widerspruch zugedeckt.

Nun hat die Innere Führung ihre historische Schuldigkeit getan. Sie sollte ihre "Hauptschussrichtung" ändern und sich, wenn schon unvermeidbar, unter altem Namen, um die Herausforderungen kümmern, die aus dem Zusammentreffen von (a)symmetrischem Krieg und Zivilgesellschaft erwachsen werden.

Das lenkt den Blick wieder auf die militärischen Binnenfaktoren. Ein Kernpunkt der neuen Überlegungen sollte das soldatische Selbstverständnis sein, das über das bisherige funktionale "Berufsbild" des Soldaten hinausgeht und wieder auf traditionelle Werte und Haltungen Bezug nimmt. Es gilt vor allem dann, wenn die bescheidenen materiellen Anreize in keinem Verhältnis zu den Risiken des Soldatenlebens stehen. Eine Schlüsselfunktion wird dabei ein Traditionsverständnis einnehmen, das die Leistungen früherer deutscher Soldatengenerationen wieder würdigt und Maßstäbe schafft, die über die Idole der Wohlstandsgesellschaft hinausreichen. Wenn die jungen Soldaten sich weniger an der Zivilgesellschaft orientieren und mehr daran, was die Vorgänger im Kriege geleistet haben, werden sie sicher weniger wehleidige Maßstäbe für das eigene Handeln entwickeln. Auch der verpönte "Korpsgeist" könnte sich, wie bei unseren Alliierten, als unverzichtbar erweisen! Er gibt dem Soldaten Halt und Bestätigung, wo die Situation im Einsatzland immer undurchschaubarer, aber die politischen Begründungen immer durchsichtiger werden. Was im Wildwuchs gefährlich wäre, kann, richtig gesteuert, zum Garant ethischer Standards werden, gerade unter psychischer Belastung. Vermutlich wirkungsvoller, als bloße Belehrungen zum Menschenbild des Grundgesetzes. Entscheidende Frage wird dabei nicht sein, ob das "politisch korrekt" ist, sondern, ob die Entwicklung in Deutschland nicht längst über diesen Ansatz hinweggegangen ist, es dafür also weder Durchsetzungs- noch Aufnahmebereitschaft gibt.

Ist der Weg zurück zu "Armee und Nation", nach dem Vorbild unserer Verbündeten, und ohne die bisherigen Säulen "Verfassung und Bündnis" aufzugeben, für unser Gesellschaft nicht mehr gangbar, ist das Problem dennoch nicht gelöst. Es stellt sich unverändert die Frage, für welche Ziele und aus welchen Motiven junge Menschen Soldat werden, um für unklare politische Interessen, bescheiden bezahlt und mitten im Frieden Jahre ihres Lebens fern der Heimat und im Krieg verbringen wollen.

Egal, wie die Antwort ausfällt, es wird mehr nötig sein, als der Verweis auf die staatsbürgerliche Verantwortung und auf das Soldatengesetz.

Diese Frage sollte beantwortet werden, wenn man mit einsatzfähigen Streitkräften in der Staatengemeinschaft mithalten und dafür nicht nur den Bodensatz der Gesellschaft zusammenkratzen, sondern wie Scharnhorst, die breiten Schichten des Volkes gewinnen will!

Oberst a.D. Fritz Zwicknagel

Militärische Stationen des Verfassers:

  • 1966 Eintritt als Offizieranwärter
  • Generalstabsausbildung
  • Referent Führungsstab des Heeres
  • Kommandeur Fallschirmjäger Bataillon
  • Chef des Stabes 1.LLDivision
  • Lehrgangsleiter Generalstabsdienst Heer
  • Kommandeur Luftlande-/ Lufttransportschule

Fußnoten

  1. Wolfgang Schneiderhan: Soldat im Zeitalter der Globalisierung, in: Europäische Sicherheit 2/ 2007, S. 14 – 20, S. 18. Daraus auch die folgenden Zitate
  2. Z.B. Wolf Graf von Baudissin: Soldat für den Frieden. Entwürfe für eine zeitgemäße Bundeswehr, herausgegeben u. eingeleitet v. Peter von Schubert, München 1969
  3. Die noch gültigen Traditionsrichtlinien von 1982 verschwenden keinen Satz darauf, dass Traditionspflege nicht nur der "politischen Mündigkeit" etc. (S. 12), sondern auch und nicht zuletzt der Stärkung der Kampfmoral dienen sollte
  4. Z. B. Elmar Wiesendahl (Hrsg.): Neue Bundeswehr – Neue Innere Führung? Perspektiven und Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung eines Leitbildes, Baden - Baden 2005
  5. Wilfried von Bredow, in: FAZ v. 04. 08. 2001
  6. Elmar Wiesendahl: Neue Bundeswehr und überholte Innere Führung. Ein Anstoß zur Fortentwicklung eines abgestandenen Leitbilds, in:Wilfried Gerhard (Hrsg.): Innere Führung – Dekonstruktion und Rekonstruktion, Bremen 2002, S.19 – 38, S. 29
  7. BM Franz Josef Jung im Weißbuch 2006: "Der Soldat muss im Einsatz kämpfen können. Das bleibt weiterhin die Grundlage". Die Äußerung steht ohne Zusammenhang auf S. 108. Das Wort "Krieg" kommt bezeichnenderweise im gesamten Weißbuch nicht vor
  8. Hans–Otto Budde, Inspekteur des Heeres: Neujahrsansprache, Bonn 25. 01. 2007
  9. Dazu Herfried Münkler: Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie, Weilerswist 2006, Kap.16 Die postheroische Gesellschaft und ihre jüngste Herausforderung, S.310 – 338.

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