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Selbstverständnis des Heeres

2015-05-16 07:22
von Redaktion
Band-5

„Die Bewährung steht uns noch bevor“

"Denn unser Dienst als Soldat erfordert wie nur wenige Berufe in letzter Konsequenz, bewußt das eigene Leben für die Erfüllung des Auftrages einzusetzen".

Das Selbstverständnis des Heeres

Interview mit Generalleutnant Hans- Otto Budde, Inspekteur des Heeres der Bundeswehr.

Warum jetzt ein Selbstverständnis des Heeres?

Die Frage ist durchaus berechtigt. Im letzten Jahr haben wir den 50. Geburtstag des Heeres gefeiert. Schaut man zurück, dann wird eines deutlich: gerade in den letzten 10 Jahren haben sich die Anforderungen an das Heer und damit an die Soldaten des Heeres enorm verändert. Aus dem Heer für den Einsatz ist Schritt für Schritt ein Heer im Einsatz geworden. Mit dem jetzt zu leistenden Umbau, übrigens der größte seit Aufstellung des Heeres, richten wir das Heer eben auf diese Einsatzrealität und auch für das gesamte Aufgabenspektrum aus. Das betrifft Strukturen, Organisation, Ausbildung, Ausrüstung, nicht zuletzt unsere Führungs- und Einsatzgrundsätze. Und wir tun das mit Erfolg.

Eingreiftruppe
Eingreiftruppe

Das allein reicht meiner Meinung nach aber nicht. Denn es geht ja nicht nur um Strukturen und all die anderen wichtigen Dinge. Es geht vor allem darum, dass wir uns diesen Veränderungen offen, ohne Vorurteile, dafür aber mit Herz und Verstand und dem gemeinsamen Verständnis darüber stellen, dass daraus neue Anforderungen und Ansprüche an das Heer und an jeden Einzelnen von uns erwachsen; vom Grundwehrdienstleistenden bis zum General. Und das verlangt nach einem klaren Orientierungspunkt. Dieser Orientierungspunkt ist das Selbstverständnis des Heeres. Der 50. Geburtstag des Heeres war deshalb dafür auch genau der richtige Zeitpunkt.

Was ist das Selbstverständnis des Heeres?

Nun, vielleicht wirkt der Begriff "Selbstverständnis" neben all den an deren Leit- und Berufsbildern, neben Mottos und Corporate Identity ein wenig sperrig. Natürlich haben wir nichts sensationell Neues erfunden. Genauso wenig geht es darum, dass wir uns problembeladen von morgens bis abends selbst verstehen wollen. Das ist es nicht. Und eine Dienstvorschrift, bei der Verstöße bestraft werden, schon gar nicht. Das Selbstverständnis des Heeres ist, wenn Sie so wollen, unser verbindliches inneres Koordinatensystem. Es formuliert einen Anspruch, setzt den Rahmen für unser Handeln, definiert Rolle und Bedeutung des Heeres. Es greift Bewährtes auf und setzt es in Bezug zu neuen Herausforderungen. Dazu ist es mit Leben zu füllen und auf den verschiedenen Führungsebenen entsprechend zu übersetzen und umzusetzen. Das Selbstverständnis des Heeres fußt auf der Inneren Führung, macht sie für uns und unseren Auftrag greifbar. Es lebt und muss gelebt werden, um die Aufgaben von heute und morgen zu bewältigen: im Einsatz und im Grundbetrieb. Gerade im Einsatz und in Extremsituationen, die zu unserem Beruf dazu gehören, gibt es Hilfestellung und setzt Maßstäbe zur Orientierung, macht uns "fit" wenn Sie so wollen.

Generalleutnant Hans-Otto BUDDE Inspekteur des Heeres
Generalleutnant Hans-Otto BUDDE Inspekteur des Heeres

Denn unser Dienst als Soldat erfordert wie nur wenige Berufe in letzter Konsequenz, bewusst das eigene Leben für die Erfüllung des Auftrags einzusetzen. Deshalb wirken sich bei uns Soldaten Moral, Werte und Tugenden und das eigene Rollenverständnis so unmittelbar auf die Ausübung des Berufes aus. Und das betrifft besonders uns Heeressoldaten. Wir stehen nie abseits, wir sind immer mitten drin. Afghanistan wie auch die übrigen Einsatzgebiete sind Beispiele dafür, genauso wie unsere internationalen Verpflichtungen im Rahmen der schnellen Eingreiftruppen von NATO und Europäischer Union.

"Wir verstehen uns als Kern der Landstreitkräfte und Träger von Landoperationen..(.) Dazu müssen wir als Heeressoldaten in der Lage sein zu kämpfen...(.)....und zwar weltweit"

Leopard in Geländefahrt
Leopard in Geländefahrt
Leopard 2A5 im Gelände
Leopard 2A5 im Gelände

An wen richtet sich das Selbstverständnis des Heeres?

Es gilt natürlich für alle Heeressoldaten, und zwar ohne Ausnahme. Ganz egal ob im Heer, in der Streitkräftebasis oder in anderen Organisationsbereichen national wie international, und zwar unabhängig vom Dienstgrad oder der Funktion. Es gilt für jeden Einzelnen. Und es gilt auch für das Heer als Gesamtheit. Das Selbstverständnis des Heeres schafft ein einheitliches Verständnis über das, was unseren Dienst ausmacht und was dieser Dienst mit sich bringt. Aber, und das ist mir völlig klar, ein Papier mit vielen klugen und richtigen Sätzen wirkt nicht von allein. Es muss im täglichen Dienst gelebt werden. Und hier ist jeder Vorgesetzte gefordert. Das erfordert den Mut zur Erziehung und Selbstbewusstsein.

Was sind die Kernaussagen des Selbstverständnisses des Heeres?

Wir verstehen uns als Kern der Landstreitkräfte und Träger von Landoperationen, das ist mir wichtig. Dazu müssen wir als Heeressoldaten in der Lage sein zu kämpfen, zu schützen, zu helfen und zu vermitteln, und zwar weltweit. Das ist unser Aufgaben- profil ! Und wir stehen für unseren Auftrag ein, allein oder im Team. Genauso wichtig sind für uns Heeressoldaten unsere Traditionslinien. Das schließt auch tugendhaftes Verhalten aus unserer langen Militärgeschichte mit ein. Professionalität im Denken und Handeln ist für jeden Einzelnen im Heer mehr als ein Lippenbekenntnis, dazu verpflichtet uns der Einsatz. Das ist schon eine ganze Menge, aber noch nicht alles. Genauso entscheidend ist auch die emotionale Bindung an unser Vaterland. Dabei bin ich mir wohl bewusst, dass dieses Wort für viele zunächst ein wenig ungewöhnlich wirkt. Ich denke aber, es lohnt, darüber genauer nachzudenken. Auf den Punkt gebracht: Das Selbstverständnis des Heeres ist geistige und emotionale Richtschnur für die Ausübung unseres anspruchsvollen Dienstes.

Ende des Interviews.

Verfasser des nachfolgenden Artikel: Die Redaktion

In konsequenter Auslegung dieses Selbstverständnisses –jeder Vorgestzte hat es auf seiner Ebene vorzuleben und zu vertreten,- hat der Inspekteur des Heeres in einer Rede vor der "Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik" (DGAP), Berlin neben einer Positionsbestimmung zu Fähigkeiten und Perspektiven des Heeres auch zu einem gesellschaftlichen "Tabuthema " eindeutig Stellung bezogen und auf die besondere Bedeutung von Einsatzerfahrung für das künftige Selbstverständnis hingewiesen. Deren Intensität steige an und sei vor allem bleibend. Darum wird es immer zentraler, dass die Vorbereitung auf diese Einsätze nicht nur in militärfachlicher oder ausrüstungstechnischer Dimension zu erfolgen habe,sondern gerade auch in mentaler Hinsicht. Die Bundeswehr habe in diesem Zusammenhang noch nicht die härteste Bewährungsprobe bestehen müssen :- den klassischen Kriegseinsatz-. Die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor. Die derzeitigen Einsätze sind noch nicht der Ernstfall. Damit diese Bewährungsprobe erfolgreich gemeistert werden kann, machte der Inspekteur des Heeres auf wesentliche Voraussetzungen, und zwar bis in die letzte Konsequenz, aufmerksam :"Jeder Heeerssoldat weiß heute genau, dass die Wahrscheinlichkeit, in einen gefährlichen Einsatz gehen zu müssen, höher ist als zu Zeiten des Kalten Krieges. Wichtiges Merkmal ist deshalb die Orientierung an unserem umfassenden Einsatz- und Aufgabenspektrum als Kern der Landstreitkräfte.Die Befähigung und die Bereitschaft zum Kampf ist dabei die Klammer, die alles verbindet. Denn für uns Soldaten geht es im Einsatz immer auch um Leben und Tod. Das ist die Konsequenz, der wir uns verantwortungsbewusst stellen müssen - wir als Soldaten, unsere Gesellschaft und die damit befassten politischen Entscheidungsträger-. Abstrakte Begründungen oder monetäre Anreize reichen nicht, wenn mit dem Einsatz Verwundung oder gar Tod verbunden sein kann. Dafür braucht es Vertrauen in die Richtigkeit des übertragenen Mandates, Vertrauen in den Rückhalt der Gesellschaft, in Vorgesetzte und Kameraden sowie in das eigene Könnenund die Leistungsfähigkeit der eigenen Ausrüstung. Nicht zuletzt und gerade die emotionale Überzeugtheit, für das eigene Land einzutreten.

Die Streitkräfte haben in diesem Zusammenhang noch nicht die härteste Bewährungsprobe bestehen müssen: den klassischen Kriegseinsatz......

Erst das - und Sie können es ruhig auch 'Vaterlandsliebe' nennen oder, um mit Max Weber zu sprechen, Leidenschaft im Sinne der Hingabe an eine Sache -, erst das begründet die Motivation zum Kampf und die Bereitschaft, zur Durchsetzung des Auftrages bewusst das eigene Leben einzusetzen. Ohne emotionale Bindung - und zwar auf beiden Seiten, also auch in unserer Gesellschaft ihren Streitkräften gegenüber -, ohne emotionale Bindung ist dies nur schwer vorstellbar."Dabei machte der Inspekteur des Heers noch einmal sehr deutlich, dass es ihm nicht um das Herbeireden eines solchen Szenariums ginge, er aber im Veständnis seiner Aufgabe und Verantwortung vom worstcase denken muss. Und das ist die noch ausstehende Bewährung von Einheiten und Verbänden im Kampf. Darauf gilt es vorbereitet zu sein.

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