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Symposium 2010 in Munster

2015-04-26 20:13
von Redaktion
2010

Führung-Erziehung-Ausbildung: am Einsatz orientiert.

Einführung



Am 04. und 05. März 2010 fand in MUNSTER das 10. gemeinsame Symposium des Freundeskreises der Offiziere der Panzertruppe und des  Freundeskreises der Panzergrenadiertruppe statt. Es stand unter dem Generalthema „Führung, Erziehung, Ausbildung – am Einsatz orientiert“.

Knapp 200 Gäste waren der Einladung der beiden Freundeskreise nach MUNSTER gefolgt. Sie konnten sich vor allem über aktuelle Einsatzerfahrungen deutscher Kontingente informieren. Natürlich gab es auch reichlich Gelegenheit, kameradschaftliche Gespräche über Generationen hinweg zu führen. 

Das Ausbildungszentrum MUNSTER

Appell Rendsburg

Nach der Begrüßung und Einführung durch den Vorsitzenden des Freundeskreises der Offiziere der Panzertruppe, Generalmajor a. D. Dieter Brand, berichtete zunächst Brigadegeneral Klaus Feldmann als Gastgeber des Symposiums über die beeindruckende Leistungsbilanz des vergangenen Jahres sowie aktuelle Arbeitsfelder des Ausbildungszentrumsm MUNSTER.

Der umfangreiche Ausbildungsbetrieb lief auch 2009 auf Hochtouren und reichte von der Allgemeinen Grundausbildung in einer Einheit, in der vier Mal im Jahr Rekruten für den Heeresamtsbereich ausgebildet werden, über die Ausbildung im Offizieranwärterbataillon, den Übungsbetrieb im Schießübungszentrum, den vielfältigen Lehrgangsbetrieb der Truppengattungen bis zum Lehrgang für zivile Führungskräfte.

Einen unverändert hohen Stellenwert nahmen wiederum die internationalen Aktivitäten ein, im Schwerpunkt stand dabei die Ausbildungsunterstützung für SINGAPUR und KANADA am Kampfpanzer LEOPARD.

Höhepunkte des Jahres waren darüber hinaus die große Informations- und Lehrübung des Heeres und das Gelöbnis des Offizieranwärterbataillons mit Staatssekretär Kossendey als Festredner im Beisein von mehr als 1.300 Gästen. Darüber hinaus wurden über das Jahr insgesamt 6.500 Besucher von hochrangigen Einzelpersönlichkeiten bis zu starken Delegationen aus dem Inland und aus befreundeten Staaten in MUNSTER betreut.

Brigadegeneral Feldmann
Brigadegeneral Feldmann

Das Ausbildungszentrum musste darüber hinaus auch 2009 eine Fülle weiterer Aufgaben parallel lösen. Mit der  Verlegung des Ausbildungszentrums der Heeresflugabwehrtruppe hat es nunmehr seine Zielstruktur nahezu  erreicht. Mit einem feierlichen Verabschiedungsappell, gefolgt vom Großen Zapfenstreich im Herzen der Stadt hatte sich das Mutterhaus der Heeresflugabwehrtruppe im Herbst aus seiner Garnisonsstadt RENDSBURG abgemeldet.  Damit endete zugleich die 350-jährige Garnisonsgeschichte der Stadt am NORDOSTSEEKANAL.

Da konnte sowohl bei Soldaten als auch bei den Bürgern der Stadt ein Stück Wehmut nicht ausbleiben. Des  weiteren stellte Brigadegeneral Feldmann den Stand der Entwicklung bzw. der Weiterentwicklung der  Hauptwaffensysteme der Panzertruppen, des Kampfpanzers LEOPARD und des neuen Schützenpanzers PUMA vor.  Der weltweit bewährte LEOPARD wird in unterschiedlicher Konfiguration vornehmlich mit Blick auf die Verbesserung der Duellfähigkeit und den Einsatz in urbanen Räumen moderat weiter entwickelt. Die technische Erprobung des neuen Schützenpanzers, die eng durch das Ausbildungszentrum begleitet wird, weist noch einigen Handlungsbedarf auf. So werden noch Verbesserungen insbesondere am Laufwerk und am Antrieb als erforderlich angesehen.
Gleichwohl ist die Auslieferung des PUMA beginnend mit zwei Systemen Ende dieses Jahres noch im Plan. 2013 sollen die ersten Schützenpanzer in die Truppe gehen. Künftig werden die beiden stark überarbeiteten  Bataillonsvorschriften für das
Panzerbataillon und das Panzergrenadierbataillon in der neuen HDv 220 / 100 „Das Panzertruppenbataillon“ zusammengefasst. Es bleibt abzuwarten, ob diesem Ansatz folgend im Rahmen neuerer Strukturüberlegungen künftig wieder verstärkt über ein gemischtes Panzertruppenbataillon in der Grundgliederung nachgedacht wird. Zudem
ist eine Ausbildungshilfe für den Einsatz der Aufklärungs- und Verbindungszüge(AVZ) in der Erarbeitung. Diese für das
Bestehen im Einsatz so wichtigen Teileinheiten können leider nicht wie ursprünglich vorgesehen mit dem  Spähwagen FENNEK ausgestattet werden, sodass hier noch nach einer alternative Lösung gesucht wird. Weitere Felder der Weiterentwicklung sind die Erprobung des Integrierten Führungs- Informations – und  WaffeneinsatzSystems der Kampftruppe (IFIS) und die Umsetzung eines neuen, allerdings derzeit noch nicht gebilligten Schießausbildungskonzeptes für Handwaffen. Dieses längst überfällige Konzept soll die Ausbildung stärker einsatzorientiert ausrichten, die Eigenverantwortung des Schützen stärken sowie zum reaktionsschnelleren Schießen auf kürzere Kampfentfernung befähigen. Dies schließt einen raschen Waffenwechsel Gewehr – Pistole und vor allem einen deutlich höheren Munitionsansatz in der Ausbildung ein. Bleibt zu hoffen, dass diese umfänglichen Verbesserungen so rasch wie möglich in die Ausbildungspraxis umgesetzt werden können. Allen Zuhörern wurde  durch den Vortrag Brigadegeneral Feldmanns das erhebliche Ausmaß der bereits vollzogenen Veränderungen im  Mutterhaus der Panzertruppen, der noch recht jungen Heeresaufklärungstruppe und der Heeresflugabwehrtruppe deutlich.

„Information zum Anfassen“

Im Foyer und im unmittelbaren Außenbereich des Plenumgebäudes wurden die Vorträge durch verschiedene,  teilweise recht aufwendige Ausstellungen wirkungsvoll ergänzt. In den reichlich bemessenen Pausen hatten die Gäste so  Gelegenheit, sich über neue Entwicklungen gezielter zu informieren.

Folgende Präsentationen wurden dazu angeboten: Eine vollständige Rettungsstation (früher Truppenverbandplatz) durch das Fachsanitätszentrum MUNSTER. Ein großes Modell und zahlreiche Schautafeln vom neuen Schützenpanzer PUMA. Eine Ausbildungssimulationsanlage für das Training an der Fliegerfaust STINGER.
Ein Modell des Spähwagen FENNEK mit seinen vielfältigen Beobachtungs- und Aufklärungssensoren.


Eine Präsentation der Tatortarbeit im In- und Ausland durch so genannte Erheber / Ermittler (Spezialisten der  Feldjägertruppe) der 3. Kompanie des Feldjägerbataillons 152. Die neueste und sehr umfangreiche Ausstattung
„Infanterist der Zukunft“.

Auch in diesem Rahmen gab es hinreichend Gelegenheit zu Fachgesprächen mit den Experten, die alle  Anschauungsobjekte begleiteten und bereitwillig Auskunft gaben.



Erfahrungen aus dem AFGHANISTAN – Einsatz 2009

Oberstarzt Dr. Schoeps (li) und BG Vollmer
Oberstarzt Dr. Schoeps (li) und BG Vollmer

Mit zwei sehr beeindruckenden Vorträgen wurden 2009 im AFGHANSTAN – Einsatz vornehmlich im Rahmen des 19. Kontingentes ISAF gewonnene Erfahrungen einerseits aus der Sicht eines Truppenführers des Heeres, andererseits aus dem Blickwinkel eines Sanitätsoffiziers mit Führungsverantwortung präsentiert. Es referierten hierzu  Brigadegeneral Jörg Vollmer, Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ in FRANKENBERG, und Oberstarzt Dr. Stephan Schoeps, Kommandeur des Kommandos Schnelle Einsatzkräfte des Sanitätsdienstes (Kdo SES) in LEER.

Einvernehmlich beschrieben beide Offiziere ausführlich die Gesamtlage des so geschundenen Landes und ihre persönlich gewonnenen Eindrücke. Mit Blick auf die zivile Lage brachten unsere Soldaten wenig Verständnis dafür auf, dass über die sehr zahlreichen und gleichermaßen erfolgreichen Entwicklungsprojekte im Bereich der  Verkehrsinfrastruktur, des Gesundheitswesens, der Energieversorgung sowie der Land- und Wirtschaftsentwicklung kaum in unseren Medien berichtet wird.

Bei der Einweihung größerer Projekte im Regionalkommando Nord wie der Inbetriebnahme eines großen Umspannwerkes in MAZAR-E SHARIF (MES) waren deutsche Journalisten nicht vor Ort. Es geschah demzufolge eine Menge, insbesondere der wirtschaftliche Aufbau in 7 von 9 Provinzen ging mit Riesenschritten voran, aber es wurde viel zu wenig darüber berichtet. Da ist es dann kein Wunder, wenn in der Heimat das Verständnis für die Erfolge und die Begründung des AFGHANISTAN – Engagements so gering ausgeprägt ist. DEUTSCHLAND ist in diesem  Zusammenhang immerhin viertgrößter bilateraler Geldgeber in AFGHANISTAN nach den USA, GROSSBRITANNIEN und
JAPAN. Die Prioritäten liegen dabei bei der Sicherheitssektorreform, der Stärkung politischer und staatlicher Institutionen sowie im Kultur- und Bildungsbereich.

Brücke GHOWRMACH
Brücke GHOWRMACH

Die Sicherheitslage im deutschen Verantwortungsbereich, dem Regionalkommando NORD, stellte sich bekanntermaßen sehr unterschiedlich dar. Während in Räumen wie vornehmlich KUNDUZ und BAGHLAN eine sehr angespannte Situation zu verzeichnen war, erwies sich jedwede Bedrohung in den anderen 7 Provinzen als  ausgesprochen niedrig, sodass der zivile Aufbau hier mit besonderem Nachdruck voran getrieben werden konnte. Um KUNDUZ herum war dagegen der zivile Aufbau im Vergleich zu 2003 aufgrund der angespannten Sicherheitslage nahezu zum Erliegen gekommen. Der Bevölkerung konnte in diesem Raum daher nur sehr begrenzt Hilfe gewährt werden. Von daher ist klar, dass die Übergabe von Räumen an die Afghanen nur dort vollzogen werden kann, wo die Sicherheitslage dies erlaubt.

Die Einheimischen erwarten in dieser Prioritätenreihenfolge zunächst persönliche Sicherheit, dann Bildung und weiteren zivilen Aufbau. Besonders erfreulich ist hier festzustellen, dass der Drogenanbau im Norden aufgrund verschiedener gemeinsamer Anstrengungen nahezu zum Erliegen gekommen ist. Lediglich 0,5 Prozent des Mohnanbaus erfolgt noch im Norden.

Die räumlichen Dimensionen des deutschen Verantwortungsbereiches stellten eine erhebliche Herausforderung für die eigene Operationsführung sowie die logistische und sanitätsdienstliche Unterstützung dar. Das  Regionalkommando NORD umfasst insgesamt 162.000 km² , eine Fläche halb so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Eine Herausforderung gleichermaßen für alle Bewegungen am Boden wie auch den Lufttransport,
der jeweils eine sehr sorgfältige Auswahl unter den nur begrenzt verfügbaren Mitteln erforderte. Überhaupt kam dem Lufttransport eine herausragende Rolle zu.



Besonders bedeutsam war wie bei allen Landoperationen die Beschaffenheit des Geländes mit entsprechenden Möglichkeiten und Grenzen, die sich sowohl für feindliche Kräfte als auch für eigene Handlungen ergaben sowie die sonstigen Umweltbedingungen. Insbesondere der dicht besiedelte Raum um KUNDUZ weist ein Gelände auf, welches
durchaus mit dem unserer Übungsplätze, etwa in der OBERLAUSITZ, vergleichbar ist. Von daher standen unsere Einsatzsoldaten im Vergleich zur Einsatzvorbereitung in der Heimat nicht vor gänzlich ungewohnten Geländeverhältnissen.

Bezeichnend ist, dass in vielen Geländeabschnitten jegliche Bewegungen mit schweren Fahrzeugen stark eingeschränkt, abseits von Wegen teilweise ganz ausgeschlossen waren. Dies ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass der Ruf nach schwerem Gerät mit besserem Schutz und höherer Durchsetzungsfähigkeit durchaus abgewogen  bewertet werden muss.

Die Gesamtstärke der ISAF – Truppen im RC NORTH betrug im 19. Kontingent bis zu 5.800 Soldaten, davon bis zu 3.800 deutsche Soldaten.

Sanitätsdienstliche Erfahrungen aus dem AFGHANISTAN - Einsatz

Der Kommandeur des Kommandos Schnelle Einsatzkräfte des Sanitätsdienstes „OSTFRIESLAND“ (Kdo SES) Oberstarzt Dr. Stephan Schoeps, informierte in seinem packenden Vortrag über die konkreten Einsatzerfahrungen aus  sanitätsdienstlicher  der Zeit von März bis Juli 2009 als Kommandeur des Sanitätseinsatzverbandes MASAR-E SHARIF (SanEinsVbd MES) und zugleich als Medical Adviser COM RC NORTH (Brigedegeneral Vollmer).

Die Neuorganisation des deutschen Sanitätsdienstes mit der Aufstellung eines eigenen Organisationsbereiches in den Jahren 2001 und 2002 war geprägt von deutlich gesteigerten Qualitätsansprüchen an die medizinische  Versorgung im Hinblick auf die Einsatzversorgung der Streitkräfte. Mit der Vorgabe, eine Ergebnisqualität wie in Deutschland zu gewährleisten, wurden Strukturen, Ausbildungsvorgaben und Ausrüstung für die unterschiedlichen
Akteure so verändert, dass der fachliche Standard der zivilen medizinischen Versorgung erreicht werden kann. So absolviert zum Beispiel nahezu jeder Feldwebel im Sanitätsdienst neben seiner militärischen Ausbildung eine mehrjährige fachliche Qualifizierung, die mit dem anerkannten Abschluss im zivilen Gesundheitswesen endet. Diese Grundlagen garantierten bei Stabilisierungsoperationen auf dem BALKAN und in AFGHANISTAN eine medizinische Versorgung auf anerkanntermaßen höchstem Niveau.

Seit Anfang letzten Jahres wird die Quick Reaction Force (QRF) neben der Schutzkompanie des PRT KUNDUZ zunehmend in Gefechtssituationen verwickelt. Aber auch in anderen Regionen im Norden AFGHANISTANS offenbart die ansteigende Zahl an Sprengstoffanschlägen und Feuerüberfällen die deutlich veränderte Gefährdungslage. Dies erforderte deutlich weiter gehende Anstrengungen auch in der sanitätsdienstlichen Unterstützung.

Der deutsche SanEinsVbd MES hatte in dieser Lage im 19. Kontingent nachstehende Aufträge zu bewältigen:

Versorgung deutscher und alliierter Soldaten sowie Angehöriger der afghanischen Sicherheitskräfte in den Behandlungsebenen 1,2 und 3. Koordination und Durchführung des Taktischen Verwundetentransportes. Koordination des strategischen Verwundetentransportes nach DEUTSCHLAND. Versorgung des deutschen Kontingentes ISAF mit Sanitätsmaterial. Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte durch Ausbildung und Beratung beim Aufbau des eigenen Sanitätsdienstes. Versorgung der Zivilbevölkerung und Angehöriger von IO / NGO im Rahmen freier Kapazitäten.

Der Verband umfasste zur Erfüllung dieser Aufträge 367 Soldaten, davon 112 Soldatinnen und 21 Reservisten. Das macht immerhin knapp 10 % des deutschen Gesamtkontingentes aus. Trotz dieser ansehnlichen Zahl war es  angesichts der beschriebenen großen Räume, erheblicher Geländeschwierigkeiten und vielfältiger Einsatzoptionen von Truppenkörpern völlig unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung insbesondere eine besondere Herausforderung, durchweg für eine funktionierende Rettungskette zu sorgen.

Die Anforderungen an die sanitätsdienstliche Versorgung im ISAF-Einsatz sehen vor, dass innerhalb von zehn Minuten im Rahmen der Ersthilfe Blutungen gestoppt, Atemwege gesichert und ein Notruf abgesetzt sind. Innerhalb von 60 Minuten soll der qualifizierte Verwundetentransport, innerhalb von 120 Minuten die chirurgische Versorgung  eingeleitet sein. Angesichts langer Bodenfahrtzeiten kam daher dem Verwundetentransport durch   Lufttransportmittel die entscheidende Bedeutung zu. Allerdings waren die zur Verfügung stehenden deutschen Hubschrauber für die Primärrettung wenig geeignet und wiesen erhebliche Einschränkungen im Nachtflugbetrieb
und bei hohen Temperaturen auf.

Durch diese Rahmenbedingungen ergab sich, dass der Radius eigener Operationen begrenzt blieb und die Verfügbarkeit der Verwundetentransportmittel zur entscheidenden Prüffrage für die Operationsplanung wurde. Kleinsten militärischen Formationen konnte in dieser Lage oftmals keine ärztliche Begleitung gewährt werden. Vielmehr erhielten Rettungstrupps mit Rettungsassistenten für die sanitätsdienstliche Versorgung vor Ort zunehmende Bedeutung. Ein besonderes Problem stellten in diesem Zusammenhang häufig kleine, nicht  vorausgeplante Operationen dar. Mit Blick auf das unmittelbare Zusammenwirken mit Kräften der ANA war  folgerichtig, dass die OMLT unbedingt über eine eigenständige sanitätsdienstliche Unterstützung verfügen sollten.

Durch Aufbau einer neuen Sanitätskompanie für den beweglichen Einsatz zur unmittelbaren Unterstützung der QRF wurde ein erheblicher Schritt nach vorne getan. Eine Mehrwöchige gemeinsame Ausbildung in DEUTSCHLAND war der Garant für die erfolgreiche Aufgabenwahrnehmung im Einsatz. Zugweise zugeordnet begleiteten die Beweglichen Arzttrupps (BAT) und Rettungstrupps die QRF bei allen ihren Einsätzen.

Alle Feldlager in AFGHANISTAN verfügen über stationäre sanitätsdienstliche Behandlungseinrichtungen. Zu beachten ist dabei die Außenseiterposition von FEYZABAD (FEY). Das dortige PRT ist nicht mittels C - 160 TRANSALL zu  erreichen und mit der CH - 53 dauert es aus MES immerhin vier Stunden. In vielen Nächten war die Nachtflugfähigkeit mit der CH - 53 GS eingeschränkt oder überhaupt nicht gewährleistet. Des weiteren galt es hier, aufgebaute Netzwerke zu nutzen und so Unterstützung durch besser geeignete Hubschrauber unserer  Verbündeten, insbesondere der Amerikaner, zu erwirken.

Fuchs mit Staubfahne
Fuchs mit Staubfahne

Da die gegnerischen Kräfte bei ihren Anschlägen und Angriffen Sanitätsschutzzeichen völlig missachteten, wurde auf Antrag der Truppe entschieden, darauf im ISAF – Einsatz ganz zu verzichten. Bemerkenswert war dabei, dass diese rechtlich sicher brisante Fragestellung innerhalb kurzer Zeit im Verteidigungsministerium positiv beschieden werden konnte.

Gut nachvollziehbar war für alle Zuhörer die Betonung des unabdingbaren engen Schulterschlusses der  Sanitätskräfte mit den zu unterstützenden Truppenteilen. Die Bedrohung in den zahlreichen Gefechtssituationen erlaubt keine Sonderrolle, kein isoliertes Spezialistendenken und keine alleinige Konzentration auf die  sanitätsdienstliche Unterstützungsaufgabe. Nur im Verbund zwischen allen Beteiligten waren die  Gefechtshandlungen zu meistern. Die Sanitätssoldaten beteiligten sich sogar aktiv an Gefechtshandlungen, wenn es ihr Auftrag und die Lage erforderten. Dort, wo das Sanitätsfahrzeug mit dem TPZ FUCHS das schwerste Fahrzeug  einer Formation ist, noch dazu mit lafettiertem MG ausgestattet, mussten die Sanitätssoldaten in kritischen  Situationen auch Bergeaufträge übernehmen und sich vor allem an Sicherungsaufgaben zumindest beteiligen, wenn nicht gar aktiv kämpfen. Dieser Umstand erforderte, so früh wie möglich gemeinsame Absprachen zu treffen, wann immer möglich enge Couleurverhältnisse zu schaffen und unbedingt auch in der Einsatzvorbereitung möglichst viel gemeinsame Ausbildung zu durchlaufen, was in der Zusammenarbeit Jägerregiment 1 und Kdo SES vorbildlich gelungen war.

Die hervorragend ausgestattete Klinikkompanie mit ihrem Feldhospital in MES mit einer Personalstärke von 80 Soldaten hatte mit ihrer Kapazität von 30 Pflegebetten, 5 Intensivbetten, 2 Schockräumen, einer Röntgendiagnostik, einem Operationstrakt mit zwei Operationsräumen und verschiedenen Fachärzten eine ausgezeichnete Leistungsbilanz aufzuweisen. Hier wurden im 19. Kontingent insgesamt rund 4.700 Personen erstbehandelt (Afghanen: 53%, Deutsche: 41%, Sonstige ISAF-Angehörige, GO, NGO, UN: 6%). Die Gesamtzahl der Patienten betrug über 22.600. Hier konnte durch Barmherzigkeit und „Erste – Welt – Medizin“ das „gute Gesicht“ der ISAF besonders wirkungsvoll gezeigt werden. Trotz dieser beeindruckenden Bilanz wird im Klinikbereich eine Weiterentwicklung für erforderlich angesehen. Hierzu gehören u. a. die zwingende Einführung eines Dreischichtbetriebes auf der  Intensivstation sowie die Ausbringung einer Physiotherapie.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Feldlazarett in seiner Leistungsfähigkeit durchaus mit einem deutschen Kreiskrankenhaus vergleichbar ist, teilweise sogar ein höheres Niveau aufweist. Die Herausforderung für die Truppe und den Sanitätsdienst ist das, was zuvor geschieht.
Auch die Rückführung stabilisierter Soldaten nach DEUTSCHLAND erwies sich als völlig unkritisch. Viele wachten erst im Bundeswehrkrankenhaus in KOBLENZ nach bester Betreuung wieder auf.

Verwundetenversorgung
Verwundetenversorgung

Es hieße „Eulen nach Athen tragen“, wollte man den hohen Wert einer verlässlichen Sanitätsunterstützung auf die Moral der Einsatzsoldaten insbesondere in gefahrvollen Situationen näher beschreiben. Die Gewissheit, im Falle einer Verwundung oder Verletzung schnell professionelle Hilfe zu erfahren, trägt sicher entscheidend zu
einer hohen Kampfmoral bei. Um diese hoch zu halten, sind darüber hinaus zwingend mehr Erholungsphasen für die besonders beanspruchten Soldaten vorzusehen. Insbesondere den im Raum KUNDUZ eingesetzten Männern und  Frauen konnte kaum Erholung zwischen den einzelnen Operationen zugebilligt werden. Dies ist auf Dauer nicht tragbar, weil dadurch schließlich die Einsatzbereitschaft der Kontingente erheblich sinkt. Die physische und psychische Belastung der QRF und auch der Schutzkompanie in KUNDUZ waren gleichwohl enorm hoch.

Für die eigene Einsatzführung wird auch aus sanitätsdienstlicher Sicht erheblicher Handlungsbedarf gesehen. Vordringlich steht dabei die Ausstattung mit ausreichend geschütztem Transportraum, denn die OMLT der  afghanischen Kandaks (Bataillonsebene) müssen sich überall im Raum bewegen. Ebenso werden die Sanitätskräfte für das Feldjägerausbildungskommando aufwachsen müssen.

In der Selbst- und Kameradenhilfe muss wie bereits eingeleitet die Ersthelferausbildung weiter entwickelt und intensiviert werden. Dazu wurden zwischenzeitlich die Ausbildungspakete „Einsatzersthelfer A“ und  „Einsatzersthelfer B“ neu geschaffen. Während das erste den alten Helfer im Sanitätsdienst mit neuen  Schwerpunkten und Inhalten ersetzt, wurde das zweite für einen besonders bestimmten Teil der Einsatzsoldaten völlig neu geschaffen mit integrierten Ausbildungsinhalten Combat First Responder (CFR) der Spezial- und spezialisierten Kräfte. Dies wird dazu befähigen, in besonders kritischen Situationen bisher nur Ärzten oder  Rettungssanitätern vorbehaltene lebensrettende Maßnahmen durchzuführen.

Bei den Rettungstrupps müssen Ausrüstung und infanteristische Ausbildung an die Einsatzerfordernisse angepasst werden. Bei den Rettungsassistenten mit erweiterter Befähigung sind ebenfalls Ausbildungsinhalte CFR  einzubeziehen.

Auch bei der persönlichen Ausrüstung der Sanitätssoldaten sind verschiedentlich Verbesserungen erforderlich. Dies betrifft sowohl Handwaffen als auch sonstige Ausrüstungsgegenstände wie die KSKEinsatzjacke mit ausgezeichneten Staumöglichkeiten, Kniepads oder den Rettungsrucksack 40 Liter.

Der DURO erwies sich für den Verwundetentransport als noch nicht hinreichend ausgereift, der BV 206 HÄGGLUND galt als Notbehelf. Als bestes Gerät für den Sanitätsdienst hat sich einmal mehr der sehr zuverlässige, hinreichend geschützte und gut bewaffnete TPZ FUCHS erwiesen.

Entscheidende Voraussetzung für das Bestehen im Einsatz ist neben zweckmäßiger Ausrüstung und guter Moral eine bestmögliche vorbereitende Ausbildung. Innerhalb des Zentralen Sanitätsdienstes wurden neben einzelnen sanitätsfachlichen Aspekten insbesondere nachstehende Ausbildungsgebiete als entscheidend angesehen:

  • Lagegerechtes Zusammenwirken aller beweglichen Sanitätskräfte mit der Kampftruppe.
  • Sichere Handhabung der eigenen Waffen wie P 8, MP 7, G 36 k, MG 3 und Nebelgranate.
  • Sicheres Orientieren im Gelände mit Karte, Kompass und GPS.
  • Richtiges gefechtsmäßiges Verhalten im Hinterhalt.
  • Counter Improvised Explosive Devices (CIED).
  • Allgemein situationsgerechtes Verhalten im Gelände.
  • Sanitätsdienstliche Versorgung im Gefecht (Care under Fire).
  • Obligatorische Teilnahme an RÜZ- und GÜZ – Durchläufen mit Gefechtsfahrzeugen.
  • Gründliche Fahrzeugeinweisung und Gewinnen eichender Fahrpraxis in der Heimat.

In der abschließenden Aussprache wurde die kritische Frage gestellt, ob angesichts der überzeugend dargestellten Notwendigkeit eines engen Zusammenwirkens des Sanitätsdienstes insbesondere mit den Kampftruppen des Heeres nicht wieder eine strukturelle Rückeingliederung sanitätsdienstlicher Kräfte in das Heer erwogen werden sollte. Diesem Ansatz widersprach der Referent jedoch vehement. Die geschaffenen Strukturen hätten sich im großen Ganzen bewährt. Insbesondere sei angesichts knapp bemessener Ressourcen eine qualitativ hoch stehende Einsatzversorgung nur durch scharfe Zusammenfassung der verfügbaren Kräfte zentralisiert machbar.

In diesem Zusammenhang wurde schließlich auch die nachvollziehbare Forderung erhoben, dass Sanitäter im Heimatland die Truppe sanitätsdienstlich ausbilden, die sie später im Einsatz begleiten. Hierüber konnte allseits Einvernehmen erzielt werden mit dem Hinweis, dass dies im regionalen Verbund sicher noch verstärkt anzustreben sei.

Erfahrungen aus dem AFGHANISTAN – Einsatz aus der Sicht eines Truppenführers.

Marder mit Staubfahne
Marder mit Staubfahne

Der Vortrag zur sanitätsdienstlichen Unterstützung des ISAF - Einsatzes wurde am Folgetag durch den Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 37, Herrn Brigadegeneral Jörg Vollmer, in hervorragender Weise ergänzt. Brigadegeneral Vollmer trug in der Zeit vom 10. Januar bis zum 03. Oktober Verantwortung als Kommandeur des Regionalkommandos
NORD (RC NORTH). Neben einer ausführlichen Darstellung der allgemeinen Lage in der Nordregion beschrieb er vor allem Beispiele eigener Operationsführung sowie die nicht immer einfache Zusammenarbeit mit den regionalen Provinzgouverneuren und den afghanischen Sicherheitskräften (ANSF). Besonderes Interesse fanden dabei Bewertungen und Folgerungen für die einsatzvorbereitende Ausbildung, die Operationsführung und die materielle Ausstattung der eigenen Kräfte.

Die Zeit von Januar bis Oktober 2009 war geprägt durch eine Vielzahl parallel durchzuführender Operationen mit unterschiedlicher Intensität, einer Schwerpunktverschiebung von West nach Ost, d. h. von GHOWRMACH nach  KUNDUZ und dem Paradigmenwechsel nach Wechsel des COM ISAF am 15.06.2009. Der Schutz der Bevölkerung ist dadurch in den Mittelpunkt getreten, Kollateralschäden waren fortan um jeden Preis zu vermeiden, auch unter Hinnahme damit verbundener Risiken für die eigene Truppe.

Die deutschen Kräfte waren selbstständig oder gemeinsam mit den ANSF regelmäßig, jedenfalls viel häufiger als in den heimischen Medien überhaupt erwähnt, zum Teil lang andauernden Gefechtshandlungen ausgesetzt. Dabei ist es immer gelungen, die gegnerischen Kräfte im abgesessenen Einsatz zu werfen oder wo notwendig geordnet auszuweichen. Nach Erringen der stets anzustrebenden Feuerüberlegenheit wurde in der Regel versucht,
eine Entscheidung durch Angriff herbei zu führen. Diese Operationen verliefen dann auch durchweg erfolgreich. Die Verfolgung wurde jedoch nur so weit geführt, bis die gegnerischen Kräfte sich insbesondere in bebautem Gelände mit der Zivilbevölkerung zu vermischen begannen. Das Vertrauen in die eigenen Leistungen, in die Ausbildung und in die eigene Ausrüstung blieb so stets hoch. Die Ausbildung zuhause hat sich bewährt. Mut und Entschlossenheit führen zum Erfolg. Der Wechsel der Kampfweise unserer Panzergrenadiere vom auf- zum  abgesessenen Kampf ist der Schlüssel dazu. Entscheidendes Manöverelement war dabei die Kompanie. Anzeichen von Resignation traten lediglich dadurch ein, dass der Raum aufgrund unzureichender Truppendichte nicht für längere Zeit behauptet werden konnte.

Dieser Umstand lässt sich sehr anschaulich mit einem  „Scheibenwischereffekt“ vergleichen, da in der Regel keine Truppen zur nachhaltigen Stabilisierung im Raum verbleiben konnten. In schwierigem Gelände zeigten sich allzu oft die Grenzen der Mobilität schwerer Fahrzeuge.
Das neue Konzept des „Partnering“ wird künftig auch das Umsitzen auf leichtere Fahrzeuge erfordern, um die Beweglichkeit hoch zu halten. Der SPZ MARDER wurde insbesondere mit seiner 20 mm BMK als Kampfwagen genutzt, die Schützentrupps wurden in der Regel im DINGO oder FUCHS transportiert, da im hinteren Kampfraum des SPZ Temperaturen von bis zu 80° Celsius herrschten.

OMLT mit ANA
OMLT mit ANA

In der Zusammenarbeit mit dem 209. ANA Korps gab dessen Kommandeur, Generalmajor Murad, ganz klar den Takt an. Jedoch ist auch er auf die Zusammenarbeit mit anderen afghanischen Sicherheitskräften angewiesen. Die einzelnen Sicherheitskräfte waren sich auf der Ebene COM RC NORTH, Kommandeur 209. ANA Korps und aller weiteren Beteiligten weit gehend einig in der Zielsetzung und Durchführung einzelner Maßnahmen. Darunter aber, auf der Ebene der Provinzen, war dies längst nicht immer der Fall. Als neue Akteure waren hier insbesondere in KUNDUZ, BAGHLAN und TAKHAR mehrere Milizenführer mit Anspruch auf Beteiligung hinzu gekommen. Die Einheitlichkeit der Führung und die Raumverantwortung standen nicht immer in Übereinstimmung. Generalmajor Murad setzte seine Kräfte dort ein, wo er sie benötigte und dies nicht immer in Abstimmung mit den PRT –  Kommandeuren und schon gar nicht unter Berücksichtigung der Provinzgrenzen. Erschwerend kam eine  zunehmende Übersteuerung aus KABUL hinzu, sowohl von der afghanischen als auch von der ISAF – Seite. Das künftige „Partnering“ muss dies im Auge behalten.

OMLT gefechtsbereit
OMLT gefechtsbereit

In den Operationen TUFAN und SHAHEEN waren deutsche OMLT von Beginn bis Ende beteiligt. Sie haben die von ihnen ausgebildeten Soldaten in jedem Gelände begleitet, in den Hügeln von GHOWRMACH bis an die Westgrenze des eigenen Verantwortungsraumes und in den Bergen von ALMALEK westlich SAR – E POL. Sie waren dabei angewiesen auf die JTAC – Fähigkeiten (Luftunterstützung) ihrer norwegischen und schwedischen Kameraden sowie auf die Führung, Versorgung und medizinische Unterstützung aus den jeweils nach vorne geschobenen Einsatzbasen des RC NORTH.

Die Fahrzeugwahl ergab sich aus der Bedrohung und insbesondere aus der Befahrbarkeit des Geländes. Entscheidend war, stets ihre afghanischen Kameraden unmittelbar zu begleiten. Sie haben über mehrere Wochen und teilweise Monate unter provisorischen Bedingungen im Feld mit ihren afghanischen Einheiten gelebt und auch gekämpft. Eine Wahlmöglichkeit gab es nicht. Das wird auch die Erwartungshaltung der Afghanen in Zukunft sein.

ANP
ANP

In KUNDUZ war es ähnlich, aber nicht in Gänze vergleichbar. Hier waren die Kräfte des PRT und die QRF die  Hauptträger des Gefechts. Hinzu kam das belgische OMLT, das seine afghanischen Kameraden in nahezu allen Lagen begleitet hat. Auf deutscher Seite hatte sich aufgrund der Lageverschärfung das Gefecht von der Zugebene auf die Kompanie- und teilweise sogar Bataillonsebene verlagert. Eine Durchmischung mit der ANA war die Ausnahme. Auch hier war es die Herausforderung, gemeinsam und über Monate draußen zu bleiben, lagebezogen vorgeschobene Einsatzbasen einzurichten, dort zu leben und Sicherheit dauerhaft in der Fläche durchzusetzen. Dabei galt es, alle im Raum operierenden Kräfte in eine Führungsorganisation so einzubinden, dass das Risiko für die eigene Truppe handhabbar blieb. Verschiedene Operationen in diesem Raum waren zwar zunächst stets erfolgreich, aber nicht nachhaltig. HOLD – Phasen konnten nicht durchgeführt werden, weil eigene Manöverelemente in anderen Räumen gebunden und / oder ANSF nicht verfügbar waren. Ohne eine massive zahlenmäßige Aufstockung der afghanischen Polizei wird sich nichts dauerhaft positiv verändern lassen.

Von entscheidender Bedeutung war bei allen Kampfhandlungen die Luftnahunterstützung als wirksamste Verstärkung der eigenen Kräfte. Gleichwohl wurden hier noch verschiedene Defizite deutlich wie das Fehl an kombinierten Laser / GPS Vermessungsinstrumenten. Andererseits waren technische Verbesserungen zu  verzeichnen wie die Ausstattung mit mobilen Funkrüstsätzen und der Fahrzeugantenne PRC 117. Gleichwohl war der Ausplanungsumfang an Joint Tactical Air Controllern (JTAC) und TACP nicht ausreichend. Im Grunde müsste für jedes OMLT ein JTAC / TACP ausgeplant werden. JTAC / TACP sind der entscheidende Kräftemultiplikator.

Von größtem Gewicht bleibt auch künftig die Unterstützung des Aufbaus und der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte. Die ANA wies 2009 im RC NORTH ca. 12.300 Soldaten auf. Darüber hinaus war die ANP mit  insgesamt knapp 15.000 Angehörigen in allen neun Provinzen des RC NORTH präsent. Bei gut neun Millionen Einwohnern beläuft sich damit das Verhältnis Einwohner zu Polizisten auf 1 : knapp 600. Alle Anträge, die afghanischen Polizeikräfte weiter aufzustocken, wurden leider nicht beschieden. Die Idee war es, die Gehälter
von 2.500 zusätzlichen Polizisten für zwei Jahre durch die Bundesrepublik Deutschland finanzieren zu lassen.

ANP-Schießausbildung
ANP-Schießausbildung

Neben der Begleitung des 209. ANA Korps ist DEUTSCHLAND verantwortlich für den Aufbau der Pionierschule der ANA in MES und der Logistikschule in KABUL. Ganz entscheidend ist, dass die ANSF so rasch wie möglich selbst die Verantwortung übernehmen können. Wenn das erreicht ist, dann rückt der mögliche Abzug in greifbare Nähe. Entscheidend hierfür sind ausreichend gut ausgebildete Sprachmittler. In der zukünftig noch engeren  Zusammenarbeit mit den Afghanen kommt ihnen eine gestiegene Bedeutung zu. In DEUTSCHLAND leben derzeit rund 120.000 Menschen afghanischer Herkunft. Die Frage ist, ob dieses Potenzial künftig nicht besser ausgeschöpft  werden kann.

Auch mit der bevorstehenden Änderung des Konzepts wird weiter gelten, dass die Befähigung und der Wille zum Kampf der Schlüssel zum Erfolg sind. Unsere Soldaten werden wie bei den zuvor beschriebenen Operationen ihre afghanischen Partner auch in unsicheren Lagen zu begleiten haben. Die damit verbundenen Risiken mussten in den
Distrikten EMAM SAHIB und ARCHI im September 2009 schmerzhaft erfahren werden mit schwer verwundeten  eigenen Soldaten und einer Vielzahl zerstörter und zerschossener Fahrzeuge. Das neue Konzept ist eine Umsetzung der bisherigen Erfahrungen. Es verlangt Mut auf allen Ebenen und es muss klar sein, dass damit auch das Risiko
steigt. Einen Unterschied zwischen den PRT gibt es nicht. Die internationalen Partner begleiten ihre afghanischen Einheiten dorthin wo es der Auftrag erfordert. Dies auch über Provinzgrenzen hinweg, oft nur mit kurzer  Vorwarnzeit und häufig mit längerer Stehzeit im neuen Einsatzraum.

DEU Soldaten in Stellung
DEU Soldaten in Stellung

OMLT und zukünftig die Soldaten der Ausbildungs- und Schutzbataillone sind keine AGA – Ausbilder. Sie müssen aus gut ausgebildeten, gewachsenen und von gegenseitigem Vertrauen getragenen Einheiten und Teileinheiten der Kampftruppe bestehen. Die Ausbildung und Vorbereitung in der Heimat ist auf das Gefecht auf diesen Ebenen
zu konzentrieren. Überflüssige Ausbildungsgebiete RC sind über Bord zu werfen. Neue Schwerpunkte sind in der Sanitätsausbildung und dem Einsatz von Luftnahunterstützung zu bilden.

DEU Soldaten Gewehre im Anschlag
DEU Soldaten Gewehre im Anschlag

Darüber hinaus sind nach Auffassung Brigadegeneral Vollmers die Stehzeiten im Einsatz zu überdenken. Wenn hier keine größere Kontinuität gewährleistet werden kann, gefährden wir langfristig den Erfolg. Vertrauen muss erarbeitet werden und dazu bedarf es Zeit. Die sechs Monate und teilweise noch längeren Stehzeiten der OMLT haben sich von daher bewährt. Das erfordert dann aber auch, robuste und durchhaltefähige Strukturen zu
schaffen, die es erlauben, eine Truppe auch einmal über längere Zeit aus der Front zu ziehen und zur Ruhe kommen zu lassen.

Hinsichtlich der materiellen Ausstattung der Truppe führte Brigadegeneral Vollmer aus, dass die Truppe  grundsätzlich das Material hatte, welches sie brauchte, jedoch dies nicht immer in der richtigen Stückzahl und nicht immer zeitgerecht. Schutz werden wir nicht allein durch Panzerstahl erreichen, sondern durch schnell  verfügbare und vor allem präzise Waffenwirkung, bessere Vermaschung mit unseren afghanischen und alliierten Partnern, durch Luftnahunterstützung und die hierfür erforderlichen technischen Möglichkeiten, dies rasch  auszuführen. Dazu gehört auch, die neuen Fähigkeiten bereits in der Heimat beherrschen zu lernen. Dazu muss das Material für die Ausbildung in entsprechender Anzahl zur Verfügung gestellt werden. Der Einsatz schwerer Waffen wird durch das Gelände stark eingeschränkt. Der Einsatz von Kampfpanzern erschien ausgeschlossen, da sich der  Aufwand und die zu erwartende Wirkung unausgewogen gegenüber stehen.

Für die vorbereitende Ausbildung wurden nachstehende Folgerungen gezogen:

  • Drillmäßiges Üben von Angriffsoperationen und dies auch aus einem Begegnungsgefecht heraus.
  • Schulung in rascher Entschlussfassung Stärkeres Ausrichten der Schießausbildung am Einsatz mit kurzen Kampfentfernungen, lang andauernden Feuergefechten, Präzisionsschuss, Wechsel der Waffen und einer angemesseneren Sicherheitsorganisation zuhause (Diese verfehlt derzeit die Realität im Einsatz).
  • Entfrachtung der Ausbildung von Ballast wie CRC.
  • Das drillmäßige Training der individuellen Grundfertigkeiten (IGF) ist der Schlüssel zum Erfolg.
  • Erhöhen des Umfangs an Gefechtsausbildung.

In voller Übereinstimmung mit dem Vortrag aus sanitätsdienstlicher Sicht unterstrich Brigadegeneral Vollmer nochmals die Beherrschung der Kernfähigkeiten des Soldaten mit den individuellen Grundfertigkeiten (IGF) als Grundlage des Bestehens im Einsatz. Hierfür ist die Zeit zwischen den Einsätzen zu nutzen. Und erst im letzten
Drittel der Zeit muss die lageangepasste Ausbildung erfolgen. Tod und Verwundung können und werden jeden Einsatz begleiten. Sie werden sich nicht verhindern lassen, nur reduzieren. Mit dem neuen Konzept des „Partnering“ werden wir ein höheres Risiko eingehen, aber es kann zum Erfolg führen. Darüber müssen sich alle von Beginn an im Klaren sein ebenso wie über die Verarbeitung des Tötens. Es ist – zum Glück – eben keine  Selbstverständlichkeit.

Fuchs und Dingo
Fuchs und Dingo

Den Angehörigen des eigenen Sanitätsdienstes wurde wegen ihrer großartigen Leistungen durchweg hohes Lob gezollt. Dabei wurde auch zum Ausdruck gebracht, dass in besonders gefahrvollen Situationen auf die  Feuerunterstützung der Sanitätssoldaten nicht verzichtet werden kann.

Abschließend verdeutlichte Brigadegeneral Vollmer die Erwartungshaltung unserer Einsatzsoldaten, dass der Einsatz zuhause so dargestellt wird wie er ist. Dazu gehören sicher die Erfolge, aber auch die Misserfolge. Dazu gehört auch das Spannungsfeld zwischen der Absicherung des Aufbaus und den Gefechtshandlungen. Es muss von daher noch  deutlicher angesprochen werden, dass wir unseren Auftrag auch im Kampf durchsetzen.

Die 2009 in AFGHANISTAN gesammelten Einsatzerfahrungen hat die Panzergrenadierbrigade 37 zwischenzeitlich in einer ausgezeichneten Publikation unter dem Titel:

„Mit der Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ im Einsatz April 2009 – März 2010“

veröffentlicht.

Diese sehr empfehlenswerte Dokumentation ist zwar keine offizielle Darstellung der Brigade oder der Bundeswehr, jedoch geben deren Textbeiträge zu den Einsatzerlebnissen persönliche Einzelmeinungen und inzelwertungen beteiligter Soldaten in beeindruckender Offenheit und Klarheit wieder.

Sie kann jederzeit angefordert werden bei:

Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“, Äußere Freiberger Straße 30 – 32, Wettiner Kaserne, 09669 Frankenberg / Sa.

Ein Kostenbeitrag wird dafür nicht erhoben, jedoch liegt jedem Exemplar ein Überweisungsträger bei verbunden mit der Bitte, eine kleine Spende an das Soldatenhilfswerk abzuführen.

Die wesentlichen Aussagen der beiden Vorträge zu den Erfahrungen im AFGHANISTAN – Einsatz 2009 lassen sich wie folgt zusammen fassen:

  • Der zivile und der staatliche Aufbau kommen mit großen Schritten dort voran, wo die Sicherheitslage dies erlaubt.
  • Leider wird sowohl im Einsatzkontingent als auch in der Heimat hierüber viel zu wenig berichtet.
  • Eigene Operationen verliefen durchweg erfolgreich, aufgrund fehlender Kräfte war es jedoch nicht möglich, gewonnene Räume nachhaltig zu kontrollieren.
  • Das Zusammenwirken mit den ANSF und deren weiterer Aufbau ist eine Herausforderung,
    gleichwohl der Schlüssel zum schlussendlichen Erfolg.
  • Das Gelände begrenzt häufig Bewegungen schwerer Fahrzeuge und relativiert die Forderungen danach.
  • Der entscheidende Kräftemultiplikator bei allen Operationen war die Luftnahunterstützung. Die materielle Ausstattung der deutschen Kräfte war im Grunde zufrieden stellend, gleichwohl muss modernes Gerät schneller und auch in der vorbereitenden Ausbildung hinreichend zur Verfügung stehen. Die  sanitätsdienstliche Versorgung wurde auf hohem Niveau sicher gestellt, fand jedoch dort ihre Grenzen, wo kleinste Formationen selbstständig operieren mussten.
  • Entscheidend für die Verwundetenversorgung waren die ersten Phasen der Rettungskette. Lufttransport spielt dabei nach einer wirkungsvollen Ersthilfe eine wesentliche Rolle.
  • In der vorbereitenden Ausbildung ist wesentlich, frühzeitig in Verbünden üben zu können. Ansonsten ist das Beherrschen der Individuellen Grundfertigkeiten (IGF) ausnahmslos aller Soldaten entscheidend. Das neue Konzept des „Partnering“ hat eine Chance, die Risiken für unsere Soldaten werden jedoch steigen, da das Konzept das enge Zusammenwirken mit den Afghanen in allen Lagen erfordert.

Das NATO Joint Warfare Center (JWC) in STAVANGER

vertraute Runde
vertraute Runde

Zum Abschluss des diesjährigen Symposiums stellte Generalmajor Wolfgang Korte, der unmittelbar nach dem Symposium neu gewählte Vorsitzende des Freundeskreises der Offiziere der Panzertruppe, die ihm unterstellte Ausbildungseinrichtung der NATO vor. Der Inhalt dieser sehr informativen Ausführungen wird an dieser Stelle nicht näher beschrieben, weil bereits ein ausführlicher Bericht über das JWC im Schwarzen Barett Nr. 39 veröffentlicht wurde.

Rede Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres beim Symposium des Freundeskreises der Panzertruppe und des Freundeskreises der Offiziere der Panzergrenadiertruppe „Das Deutsche Heer – Selbstverständnis, Herausforderungen und Perspektiven“ – am 4. März 2010 in MUNSTER. Unter diesem Thema referierte als weiterer
Höhepunkt des Symposiums ausführlich der Stellvertretende Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Günter Weiler. Sein beeindruckender Vortrag ist im Anschluss an diesen Bericht im vollen Wortlaut wieder gegeben. Besonders seine Aussagen zu Fragen der Erziehung unserer Offiziere fanden besondere Aufmerksamkeit. Im  Anschluss an seine Ausführungen stellte sich Generalleutnant Weiler noch geduldig verschiedenen Wortmeldungen aus dem Plenum. Als Panzeroffizier ließ er es sich auch nicht nehmen, am nachfolgenden Gesellschaftsabend dabei zu sein und den gewünschten Dialog zwischen Jung und Alt zu bereichern.



Gesellschaftsabend im Kasino Kornett

Am Abend des ersten Tages versammelten sich die Teilnehmer wie in jedem Jahr im Kasino Kornett. Am Schluss der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Freundeskreises der Offiziere der Panzertruppe bat Generalmajor a. D. Brand alle Gäste, einen Moment inne zu halten und in Gedanken bei allen deutschen Soldaten in den Auslandseinsätzen zu verweilen. Nach dem offiziellen Teil und einem sehr reichhaltigen Büffet wurden kameradschaftliche Gespräche in wechselnden Runden teilweise bis spät in die Nacht geführt. Dabei sollen wie in den Vorjahren nicht nur die aktuelle und zukünftige Entwicklung in den Einsatzgebieten im Vordergrund gestanden, sondern die „Geschichten von früher“
erheblichen Raum eingenommen haben.

Dank und Ausblick

Generalleutnant Weiler
Generalleutnant Weiler

Zum Abschluss des Symposiums dankte Generalmajor a. D. Brand zum letzten Mal in seiner Funktion als Vorsitzender des Freundeskreises der Offiziere der Panzertruppe allen Vortragenden, den für die Organisation verantwortlichen Angehörigen des Ausbildungszentrums MUNSTER, an erster Stelle Oberstleutnant i. G. Klaus-Peter Lohmann und seinen zahlreichen Helfern im Hintergrund, sowie den Gästen und übergab symbolisch den Stab mit der  Verantwortung für die Ausrichtung der Folgeveranstaltung an den Vorsitzenden des Freundeskreises der Panzergrenadiere, Generalmajor Wolf-Joachim Clauß. Der Amtschef des Heeresamtes übernahm und gab einen kurzen Ausblick für 2011. Danach soll das Symposium 2011 am 10. und 11. März an gewohnter Stelle stattfinden.
Eine inhaltliche Festlegung erfolgte mit Blick auf die zu erwartenden Entwicklungen einerseits in Verbindung mit der neuen Einsatzstrategie der NATO in AFGHANISTAN, andererseits den zu erwartenden Entscheidungen zur Zukunft
der Bundeswehr noch nicht. Jedoch werden die beiden Freundeskreisen in ihren Publikationen und auf ihren Internetseiten zeitgerecht darüber informieren.

Alle Beteiligten schienen sich einig, einer sehr informativen und insbesondere die Kameradschaft zwischen den Generationen fördernden Veranstaltung beigewohnt zu haben. Als besonders erfreulich wurde es zum einen empfunden, dass aktive Kommandeure mit jüngeren Offizieren und Offizieranwärtern auch weite Wege nicht
gescheut hatten, um beim Symposium dabei zu sein. Zum anderen waren wie schon im letzten Jahr wiederum zahlreiche Reserveoffiziere und Vertreter von Traditionsverbänden mit kleinen Abordnungen unter den Gästen. Diese so positive Rückkopplung hat die Vorstände der beiden Freundeskreise darin bestärkt, auch in den  Folgejahren an der Durchführung dieser herausgehobenen Veranstaltung in der gewohnter Form festzuhalten.

Nach Abschluss des Symposiums trennten sich Panzerleute und Panzergrenadiere, um in den danach anberaumten Mitgliederversammlungen über die weitere Zukunft der Freundeskreise zu beraten und zu entscheiden.

Sehr geehrter Herr General Brand,
sehr geehrter Herr General Clauß,
meine Herren Generale,
sehr geehrte Freunde der
Panzertruppen,
meine Herren!

Zunächst einmal danke ich Ihnen für die Einladung, heute hier zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich bin gerne nach Munster gekommen. Wie für die meisten in diesem Saal ist dieser Ort auch für mich ein Stück Heimat geworden.

Ich habe heute keine ganz einfache Aufgabe, wenn man bedenkt, dass die meisten von Ihnen bereits anwesend waren, als General Budde vor wenig mehr als drei Monaten hier in Munster am Tag der Panzertruppen zu genau diesem Thema gesprochen hat. Damals stellte er eine Liste von Ereignissen, die unsere Soldaten im vorigen Jahr bei
ihrem Einsatz in Afghanistan zu bestehen hatten, an den Anfang seine Vortrages, um dann zur Rolle des Heeres im Einsatz sowie zur Weiterentwicklung vorzutragen. Die wesentlichen Gedanken dieses Vortrages sind zudem in der letzten Ausgabe des „Schwarzen Barett“ abgedruckt. Ich setze diese Ausführungen daher als bekannt voraus und schließe nahtlos an.

In den zurückliegenden Monaten haben wir das Lagebild aus dem November 2009 zusammengefasst und anschließend im Bereich der engen Führung des Heeres eine kurzgefasste Lagefeststellung und -bewertung mit Blick auf die mögliche Weiterentwicklung des Heeres durchgeführt – einschließlich erster Überlegungen zu zukünftigen Organisationsstrukturen. Auslöser dieser Prüfung ist die Tatsache, dass unser Bundesminister – wie im Koalitionsvertrag vereinbart – beabsichtigt, die Bundeswehr weiter konsequent auf die Einsätze auszurichten, und
die Attraktivität des Dienstes zu erhöhen. Dazu wird er eine Kommission einsetzen, um in diesem Rahmen bis Ende 2010 einen Vorschlag für Eckpunkte einer neuen Organisationsstruktur der Bundeswehr zu erarbeiten. Die  Abteilungsleiter und Inspekteure wurden beauftragt, in ihrem jeweiligen Bereich Stärken und Schwachstellen
der bisherigen Strukturen und Abläufe zu identifizieren und zu bewerten. Ich kann Ihnen jetzt zu diesen Themen natürlich keine abschließenden Erkenntnisse vortragen, aber lassen Sie mich im folgenden einmal darüber nachdenken, wo wir mit unserem Heer stehen, welche Grundlagen und Rahmenbedingungen unsere derzeitige Lage kennzeichnen, welche einsatzorientierten Leistungen und strukturrelevanten Fähigkeiten auf absehbare Zeit von uns gefordert sein werden, und welche Folgerungen für unsere Zukunftsfähigkeit im Heer sich hieraus ergeben.

Aktuelle Grundlagen und Rahmenbedingungen

Vielleicht mögen Sie das kaum noch hören – aber die erste und wichtigste Grundlage aller Überlegungen ist die Tatsache, dass wir ein Heer im Einsatz sind. Das bestimmt unser Selbstverständnis. Seit Jahren ist das Heer verlässlicher Hauptträger der Einsätze der Bundeswehr und stellt dabei nicht nur die Masse der Soldaten, sondern wir stehen mit unseren Frauen und Männern in besonderer Weise im Brennpunkt der weltweiten Operationen – vom Balkan über Afrika bis an den Hindukusch. Dies liegt in der schlichten Tatsache begründet, dass Konflikte zwischen Menschen entstehen, durch Menschen ausgetragen werden, und auch nur durch Menschen gelöst werden können. Und Menschen leben nun mal am Boden – das ist und bleibt Tatsache.

Nehmen wir einmal einen Einsatz der Marinestreitkräfte – die Operation ATALANTA. Hierbei werden zwei Tatsachen durch niemanden seriös in Frage gestellt:

Nämlich erstens, dass wir durch den Einsatz unserer Seestreitkräfte den Symptomen der Piraterie begegnen können. Aber zweitens auch, dass eine nachhaltige Lösung dieses Problems an dessen Ursachen ansetzen und damit an Land erfolgen muss. Nicht umsonst wird derzeit im Rahmen der EU intensiv über die Ausbildung somalischer
Sicherheitskräfte an Land nachgedacht. Um unserer besonderen Verantwortung als Hauptträger der Einsätze gerecht zu werden und um unsere Beiträge für die Einsätze im gesamten Aufgabenspektrum sicherstellen zu können, haben wir unser Heer in der Struktur 2010 einsatzorientiert aufgestellt. Dabei waren konzeptionelle Vorgaben zu beachten – beispielsweise hinsichtlich Personalumfängen, Kräftekategorien und Schnittstellen zu anderen Organisationsbereichen. Die Einnahme dieser Struktur in den zurückliegenden Jahren – parallel zu den laufenden Einsätzen – war, wie die meisten von Ihnen aus eigener Anschauung wissen, ein Kraftakt, der nahezu keinen Verband, keinen Standort und keinen unserer Soldaten und seine Familie verschont hat.

Die derzeitige Struktur des Heeres mit ihren beiden Säulen ist Ihnen bekannt: zum ersten das Heeresführungskommando, das als Kernleistung die operativen Kräfte des Heeres für den Einsatz bereithält und zum zweiten das Heeresamt, das die Schulen und zentralen Ausbildungseinrichtungen bereitstellt und insbesondere für die Weiterentwicklung des Heeres Verantwortung trägt. Auch kennen Sie die uns konzeptionell vorgegebene  Gliederung der Streitkräfte und damit auch des Heeres in den Kräftekategorien: Eingreifkräfte, die wir
im Heer vor allem in der 1. Panzerdivision, in der DEU/FRA-Brigade sowie in Teilen der DSO und DLO konzentriert haben und die konzeptionell insbesondere auf das hochintensive Gefecht optimiert sind. Daneben  Stabilisierungskräfte, die wir vor allem in der 10. Panzerdivision, der 13. Panzergrenadierdivision und in Teilen der DSO und DLO zusammengefasst haben. Tatsächlich greifen wir aber derzeit auf alle Kräfte des Heeres zurück, um unsere laufenden Einsätze durchhaltefähig alimentieren zu können. Die Unterscheidung in die oben genannten Kräftekategorien – ergänzend sind die Unterstützungskräfte zu nennen – erweist sich mit Blick auf die
Sicherstellung der laufenden Einsätze als nicht tragfähig.

Die von uns bislang geforderten Einsätze im Rahmen der Konfliktverhütung und Krisenbewältigung erfordern einen vernetzen, ressortübergreifenden und streitkräftegemeinsamen Ansatz. Wir wissen, dass wir also im Einsatz mit den Kräften der übrigen militärischen Organisationsbereiche und darüber hinaus auch mit Verbündeten, anderen Ressorts und mit den Institutionen im Einsatzland eng zusammenarbeiten müssen. Die Grundannahme früherer  Übungen, das Gefechtsfeld sei vor Beginn unserer Operation evakuiert worden, ist in der Realität nicht gegeben. Trotz der Notwendigkeit gemeinsam zu operieren stellen wir selbstbewusst fest, dass die Soldaten des Heeres dabei zunächst einmal die Kernleistung liefern – denn so, wie Konflikte durch Menschen verursacht werden, muss auch deren Eindämmung und das Wiederherstellen von Sicherheit am Menschen ansetzen: an der Bevölkerung und an den
Konfliktparteien in den betroffenen Krisenregionen. Hierzu hat General Budde, als er im November hier in MUNSTER vorgetragen hat, ausführlich Stellung genommen.

Lassen Sie mich – gleichsam als Einschub – einige Bemerkungen zur aktuellen Fortsetzung und Weiterentwicklung unseres Einsatzes in Afghanistan machen: Trotz aller – gerade auch bei uns in der Nordregion – erreichten Fortschritte war 2009 ein kritisches Jahr und führte zu einer eingehenden Bestandsaufnahme. Die Anzahl der Sicherheitsvorfälle hat sich verdoppelt und gerade im Norden eine neue Qualität erreicht. Eine anwachsende Zahl von Aufständischen hat uns in zunehmend komplexe Hinterhalte und Gefechte verwickelt – in manchen Bereichen drohen wir die Kontrolle und damit auch den Rückhalt der Afghanischen Bevölkerung zu verlieren. Gleichzeitig ist bei den an diesem Einsatz beteiligten Truppenstellernationen eine zunehmende „Müdigkeit“ festzustellen – dies
gilt für die USA als mit Abstand größtem Truppensteller ebenso wie beispielsweise für Großbritannien, die in  Urusgan sehr erfolgreichen Niederländer oder jetzt auch Dänemark.

Das im Zuge der AFG-Konferenz im Januar beschlossene Konzept zur Fortsetzung des Einsatzes soll zweierlei erreichen: Die Operation durch eine Bündelung aller Kräfte so fortzusetzen, dass Schutz und rasche Fortschritte für die Bevölkerung in den Mittelpunkt aller Anstrengungen gestellt werden. Zudem soll die Perspektive für eine zeitnah beginnende Übergabe der Verantwortung in afghanische Hände eröffnet werden. Militärisch bedeutet dies vor allem zweierlei – und zwar für ISAF in Gänze ebenso wie für den DEU Beitrag: Der nachhaltige Schutz der Bevölkerung muss in den Mittelpunkt aller Operationen gestellt werden und die Ausbildung umfangreicherer afghanischer Sicherheitskräfte – Armee (ANA) und Polizei (vor allem ANP) – ist zu beschleunigen.

In der vorigen Woche wurde durch den Bundestag ein neues Mandat verabschiedet, das den Einsatz für die nächsten 12 Monate regelt. Die Obergrenze des DEU Kontingentes wird um bis zu 850 Mann angehoben. Unter anderem werden sogenannte Ausbildungs- und Schutzbataillone bis zum Sommer 2010 neu aufgestellt. Hierzu wird die DEU QRF ebenso herangezogen wie die bisherigen Schutz- und Infanteriekompanien. Im Kern wird es darum gehen, durch diese beiden Ausbildungs- und Schutzbataillone und ein weiteres Bataillon unter Skandinavischer Führung so rasch wie möglich die ANA auszubilden und in gemeinsamen Operationen abschnittsweise die bislang von Aufständischen kontrollierten Räume zu säubern. Diese jeweils gesäuberten Abschnitte sind dann schnellstmöglich an afghanische Polizeikräfte zu übergeben, die zuvor unter Führung von bis zu zusätzlichen 5.000 US-Soldaten in der Nordregion ausgebildet und im Einsatz begleitet werden sollen. Auch deutscherseits soll der Beitrag zur Polizeiausbildung ausgebaut werden. Gleichzeitig wird das Hauptquartier der Nordregion unter DEU Führung in  Mazari- Sharif bleiben und zu einem Zweisterne- HQ ausgebaut.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass im Vorfeld der Entscheidung der Bundesregierung an eine weitergehende Verstärkung der DEU Kräfte gedacht wurde – gerade seitens des BMVg; andererseits gab es Strömungen, die überhaupt keine DEU Verstärkung wollten. Das vorliegende Ergebnis ist ein (politischer) Kompromiss, den es nun mit
Leben zu erfüllen gilt. Das damit erreichte Bundestagsergebnis von 73% Zustimmung zum Mandat ist allerdings ein Wert an sich – vor allem für unsere Kameraden im Einsatz!

Unser militärischer Auftrag im Heer als wesentlicher Truppensteller ist es, so rasch wie möglich die erforderlichen Kräfte bereitzustellen. Im Kern wird dazu Kampftruppe gefordert sein – insbesondere Infanterie. Wir benötigen die Spezialisten für die Ausbildung und Operationsführung auf- und abgesessen in unwegsamem Gelände und urbanen  Räumen. Wir sprechen damit über eine mittlerweile mit Blick auf die Durchhaltefähigkeit sehr knappe Fähigkeit im
deutschen Heer. Zudem müssen wir rasch die erforderliche Anpassung der einsatzvorbereitenden Ausbildung angehen. Es ist ein nicht unerheblicher Unterschied aus Sicht der Ausbildung und Vorbereitung, ob unsere Kräfte weitgehend autonom agieren wie bisher – oder ob sie bis in die Kompanie- und Zugebene herab im Rahmen des
„Partnering“ mit AFG Kräften gemeinsame Ausbildung und Operationen durchführen.

Wem sage ich das?

Lassen Sie mich das bislang zur aktuellen Ausgangslage unseres Heeres Gesagte wie folgt zusammenfassen: Unser Heer steht im Dauereinsatz als Hauptträger der Einsätze unserer Bundeswehr. Dies bedeutet auch: Wir verfügen über die Hauptexpertise wenn es darum geht festzustellen, welche Maßnahmen und Prozesse geeignet sind,
um die Einsatzorientierung der Streitkräfte voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund werden wir darauf drängen, dass bei einer einsatzorientierten Priorisierung knapper Ressourcen unserer Erfahrung und Relevanz für die Einsätze angemessen Rechnung getragen wird.

Zukunftsorientierte Leistungen und Fähigkeiten

Ein Teil der Antwort auf die Frage, welche einsatzorientierten Leistungen und strukturrelevanten Fähigkeiten auf absehbare Zeit von uns im Heer gefordert sein werden, ergibt sich aus denjenigen unserer Fähigkeiten, die in den bisherigen Einsätzen – vor allem also in Stabilisierungseinsätzen – vorrangig gefordert wurden und werden. Dazu gehören insbesondere: modern ausgerüstete und vernetzte Infanteriekräfte mit guter Ausstattung und geschützten Fahrzeugen, gepanzerte Infanterie mit dem minengeschützten SPz Marder 1A5, Hochwertaufklärungskräfte mit KZO, LUNA und FENNEK, leistungsfähige Lufttransportfähigkeiten – dabei insbesondere auch AIR MEDEVAC, Pioniere für den Aufbau von Infrastruktur und den Schutz vor Sprengfallen, Störsender zur Verhinderung von   Sprengstoffanschlägen sowie einsatz- und ausbildungserfahrene Offiziere und Feldwebel für die Ausbildung der  lokalen Sicherheitskräfte. Zum Teil sind die im Einsatz geforderten Fähigkeiten hinsichtlich Quantität und Qualität so umfassend, dass sie mit den derzeitigen Möglichkeiten des Heeres nur begrenzt realisiert werden können. Gerade hier wollen wir mit Blick auf die beabsichtige Verbesserung der Einsatzfähigkeit des Heeres und damit auch der
Streitkräfte in Gänze ansetzen.

Was aber genau wird unseren Soldaten des Heeres im Einsatz abgefordert? Im Kern geht es in den derzeitigen  Stabilisierungseinsätzen darum, Sicherheit und Stabilität in Krisenregionen zu schaffen. Dies erfolgt je nach Lage vor Ort durch helfende und vermittelnde Tätigkeiten beispielsweise zur Ausbildung und Unterstützung der dortigen Sicherheitskräfte; oder durch abschreckende Sicherheitspräsenz, um potenzielle Störer und Aufständische  abzuschrecken und Konfliktgegner zu trennen; und wenn erforderlich auch durch Kampf gegen asymmetrisch oder auch symmetrisch operierende Gegner. Mit anderen Worten: Unsere Soldaten sind gefordert, indem sie kämpfen, schützen, vermitteln und helfen – und auch alles zeitgleich und gemeinsam. Sie kennen das! Den Kern aller dieser Leistungen erbringen unverändert unsere Kampftruppen und Aufklärungskräfte – und zwar vor allem im infanteristischen Einsatz in enger Berührung mit der Bevölkerung, den örtlichen Sicherheitskräften und den  Konfliktparteien. Je nach Lage werden diese Kampfund Aufklärungskräfte unterstützt, beispielsweise durch Pioniere, IED-Kräfte, Sanitäter oder durch Heeresflieger zur Verbesserung der Beweglichkeit – um einige Beispiele zu nennen.

Im Mittelpunkt steht dabei im Einsatzalltag die „kleine Kampfgemeinschaft“: Es sind die Züge und Kompanien unserer Kampftruppenbataillone, die – je nach Lage und Charakter der Operation – die Hauptlast tragen. Will man also unsere Fähigkeiten für den Einsatz optimieren, so muss man gerade diese Ebenen in ihrer Einsatzfähigkeit strukturell
stärken. Hierbei gilt es den Grundsatz zu beachten: Je höher die Bedrohung unser Kräfte im Einsatz ist, je mehr unsere Fähigkeit zum Kampf gefordert ist, desto wichtiger wird es, dass sich die Soldaten unserer kleinen Kampfgemeinschaften gut kennen, sich wechselseitig vertrauen, sich gegenseitig unterstützen und die jeweiligen Stärken und Schwächen der eng zusammenwirkenden Kameraden einschätzen können. Dass dies ein wesentlicher Faktor für den Erfolg auch unter hoher Belastung ist, haben uns gerade die aktuellen Erfahrungen in Afghanistan gezeigt. Wir müssen diesen Aspekt daher mehr noch als in der Vergangenheit berücksichtigen, wenn wir den Einsatzwert unseres Heeres weiter verbessern wollen. Ausschließlich auf vermeintliche Wirtschaftlichkeitsaspekte abzielende „Schnittstellen“ quer durch diese kleinen Kampfgemeinschaften sind in dieser Hinsicht hinderlich.

Aber es greift zu kurz, wenn wir unsere Folgerungen für die zukünftige Einsatzorientierung des Heeres ausschließlich aus unseren bisherigen Einsätzen ziehen. Aus den Einsätzen von heute kann bestenfalls ein Teil der Anforderungen der Einsätze von morgen unmittelbar abgeleitet werden. Angesichts vielfältiger Bedrohungen unserer Sicherheit muss unser Heer als Instrument verantwortlicher Sicherheitspolitik heute mehr denn je flexibel und anpassungsfähig sein. Auch in Zukunft müssen wir das gesamte Einsatzspektrum wahrnehmen können: von der humanitären Hilfeleistung bis zum symmetrisch geführten Gefecht hoher Intensität. Gerade letztgenannte Fähigkeit zu vernachlässigen oder gar aufzugeben würde die verfügbaren Instrumente auf unüberschaubare Zeit drastisch reduzieren. Ich fasse diesem Abschnitt mit Blick auf die zukünftig durch das Heer bereitzustellenden Fähigkeiten zusammen:

Unverändert wird gerade die Kernleistung des Heeres durch einen Verbund von auch zum infanteristischen Einsatz befähigten Kampf- und Aufklärungstruppen in engem Zusammenwirken mit den jeweils deren Einsatz unterstützenden Kräften erforderlich sein. Um den Einsatzwert des Heeres durch Organisationsmaßnahmen zu verbessern, kommt es darauf an, diese Kräfte mit Blick auf ihre Durchhaltefähigkeit, aber auch mit Blick auf deren enges Zusammenwirken im Rahmen der „kleine Kampfgemeinschaften“ zu stärken. Dazu sind auch die Führungsstrukturen im Heer zu untersuchen und Schnittstellen zu anderen Organisationsbereichen kritisch auf den
Prüfstand zu stellen. Schließlich werden wir dem Dilemma nicht entkommen, auch bei immer knapper werdenden Ressourcen das gesamte Spektrum möglicher Einsatzaufgaben abzudecken. Dies bedeutet, unsere Kräfte hinsichtlich Struktur und Ausstattung mehr noch als bisher dazu zu befähigen, das gesamte Einsatzspektrum abzudecken
– vom Einsatz am unteren Rand einer Stabilisierungsoperation in leichter geschützten und bewaffneten Fahrzeugen bis hin zum Gefecht hoher Intensität mit dem durchsetzungsfähigen und stark geschützten gepanzerten Kern unseres Heeres. Mit anderen Worten: Jeder einzelne Soldat des Heeres wird zukünftig eher mehr denn weniger als bisher können müssen. Was dies auch mit Blick auf die zukünftige Ausgestaltung von Laufbahnen bedeutet,
ist einer der Aspekte, welche im Rahmen der Folgerungen und Prüffragen für unsere Zukunftsfähigkeit im Heer zu untersuchen sind. Und: die Ausrüstung in den Einheiten und Verbänden hier in Deutschland muss daher mehr als bislang das gesamte Einsatzspektrum abdecken, um eine breit angelegte einsatzbezogene Ausbildung zu ermöglichen.

 

Folgerungen für einsatzorientierte Zukunftsfähigkeit im Heer

Ich möchte die Folgerungen für die zukünftige Einsatzorientierung des Heeres nach 3 Teilbereichen gliedern  hinsichtlich unserer personellen Zukunftsfähigkeit, unserer materiellen Zukunftsfähigkeit und unserer organisatorischen Zukunftsfähigkeit. Personelle Zukunftsfähigkeit Um dafür zu sorgen, dass wir auch zukünftig
den Nachwuchs für unser Heer gewinnen und bewährtes einsatzerfahrenes Personal halten können, sind Maßnahmen zur weiteren Steigerung der Attraktivität des Dienstes im Heer unerlässlich. Wir haben
hierzu in der Vergangenheit bereits viel erreicht – aber wir haben auch einen weiteren umfangreichen  Maßnahmenkatalog erarbeitet, den wir derzeit in den ministeriellen Prozess einbringen. Grundidee dabei ist es,
unsere Soldaten und ihre Familien in ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen, eine längerfristige Lebensplanung zu ermöglichen und die Eigenverantwortung zu stärken. Unsere Vorschläge reichen von zahlreichen Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Dienst bzw. Einsatz über eine 100-prozentige Ausstattung mit Plan- und Haushaltsstellen bis hin zum Wahlrecht zwischen UKV und Trennungsgeld. In einem einsatzbezogenen Verständnis von Attraktivität haben wir in den vergangenen Jahren die für den Einsatz entscheidende
untere Ebene – also die Kompanie als Eckpfeiler – nach Umfang, aber auch nach Qualität der Dienstposten gestärkt. Wir haben in Sachen Attraktivität eine ganze Reihe weiterer Vorschläge im Führungsstab des Heeres erarbeitet. Wir wollen mehr Flexibilität in den Laufbahnen, bei den Verpflichtungszeiten und hoffen auf mutige und innovative Ansätze, um mit Blick auf die Einsatzorientierung, aber auch die Attraktivität unseres Dienstes im Heer ein
ausgewogenes Verhältnis zu entwickeln zwischen dem, was wir an Ausbildung in einen Soldaten investieren einerseits und der Zeit, die er für Einsätze zur Verfügung steht, andererseits. Hierzu benötigen wir vordringlich
längere Verpflichtungszeiten – auch bei Mannschaften. Neben dem Vorteil, unsere Hochwertausbildung besser und länger zu nutzen, könnten wir so den jährlichen Ergänzungsbedarf verringern – und Personal und Material für den Einsatz freisetzen.

Unverändert geht es uns auch darum, unsere Ausbildung ständig zu verbessern. Neben einer einsatzbezogenen Weiterentwicklung unserer Ausbildungseinrichtungen und -verfahren wird es zukünftig besonders wichtig
sein, den Transfer von Erfahrung aus dem Einsatz in die Ausbildung weiter zu beschleunigen. In diesem Bereich machen wir im Heer unverändert viel, führen so beispielsweise in der nächsten Woche ein Symposium durch, bei dem wir unsere Führer, die in vorigen Jahr im Einsatz waren, unmittelbar mit den hier in der Heimat für die Vorbereitung der Einsätze Verantwortlichen zum Erfahrungsaustausch zusammenbringen.

Noch einige Worte zur Wehrpflicht unter der Bedingung von W 6. Grundwehrdienstleistende sind zukünftig so in die Strukturen einzubinden, dass aus der Sicht des Heeres zwei Kernforderungen erfüllt werden: erstens sollten W 6 einen sinnvollen Beitrag zur Erfüllung des Auftrages des Heeres leisten oder andere Kräfte des Heeres zur Erfüllung
von Einsatzaufträgen freisetzen und zweitens ist ihr Dienst attraktiv auszugestalten, um zur Nachwuchsgewinnung des Heeres unverändert einen wesentlichen Beitrag zu leisten.

Materielle Zukunftsfähigkeit

Um im Einsatz bestehen zu können, benötigen wir im Heer eine verantwortbar moderne, einsatztaugliche Ausrüstung, die das gesamte mögliche Spektrum abdeckt. Dabei ist uns sehr wohl bewusst, dass wir angesichts knapper Haushaltsmittel nicht sämtliches Material für alle Eventualfälle in großen Serien beschaffen können. Wir
müssen jedoch im dynamischen sicherheitspolitischen Umfeld unserer Zeit auf neue Herausforderungen schnell reagieren können. Das erfordert, in Sachen Material auch innovative Wege zu beschreiten, beispielsweise
indem wir überlegen, wie wir in enger Kooperation zwischen Streitkräften und der Industrie Know-how entwickeln und Material bei Bedarf rasch verfügbar machen können, wenn wir es tatsächlich benötigen. Dazu ein weiteres Beispiel aus dem Bereich der Nutzung von Material: Wir arbeiten an konkreten Wegen hin zu einem eng verzahnten „lernenden System“, das Truppe im Einsatz, den Bedarfsträger Heer und die Rüstungsindustrie eng zusammenbringt.
Denn hohe Flexibilität sowie schnelle Lern- und Anpassungsfähigkeit sind nach unserer Bewertung ein  Hauptkriterium auch zukünftig erfolgreicher Landstreitkräfte. Wir verzeichnen im Heer erste Erfolge, indem wir Soldaten mit ihrem Gerät im Einsatz unmittelbar mit unseren Weiterentwicklern und Vertretern der Industrie zusammenbringen. So werden wir flexibler und finden schneller Lösungen im Sinne des Erfolges im Einsatz.

Aber es greift zu kurz, nur die Truppe im Einsatz mit einem „Paket“ neuesten einsatzwichtigen Gerätes und Materials auszustatten. Wir benötigen immer zwei weitere „Pakete“: eines für die einsatzvorbereitende Ausbildung des Folgekontingents und ein weiteres als Ersatz für Ausfälle und Verluste. Beim zweiten und dritten Paket müssen wir dringend nachbessern. Wir haben entsprechende Vorschläge erarbeitet und vorgelegt. Möglicherweise müssen wir sogar noch einen Schritt weitergehen und darüber nachdenken, wie wir zukünftig sicherstellen, dass gerade Einheiten und Verbände, die im Einsatz in einem breiten Spektrum gefordert sind und hierzu eine unterschiedliche
Palette von Gerät benötigen, schon in ihrer Grundorganisation besser als bislang damit ausgestattet sind. Am Beispiel der Panzertruppen erläutert: Wir müssen untersuchen, ob und wie wir unsere Panzertruppen – neben dem schweren Großgerät wie LEOPARD und MARDER sowie zukünftig PUMA auch mit leichterem Gerät wie GTK BOXER oder DINGO ausstatten. So könnten wir in den Panzertruppen zukünftig eine breitangelegte professionelle
Ausbildung und damit die gewünschte Flexibilität erreichen.

Organisatorische Zukunftsfähigkeit

Damit komme ich zu meinem dritten Aspekt der Zukunftsfähigkeit unseres Heeres, nämlich zu einigen  grundsätzlichen Folgerungen für eine einsatzorientierte Organisation. Zunächst einmal wird es darauf ankommen,
in der zukünftigen Organisationsstruktur des Heeres unsere Durchhaltefähigkeit in den Einsätzen zu verbessern. Dazu benötigen wir definitiv mehr Infanteriekräfte sowie zusätzliches Engpasspersonal auf Einzeldienstposten – beispielsweise im Bereich G2. Und wir benötigen eine Gesamtstruktur, die eine grundsätzliche Einsatzplanung  ermöglicht, um unseren Kräften zwischen ihren Einsätzen eine ausreichende Zeit für Regeneration und Ausbildung zuzugestehen. In diesem Zusammenhang ist Planbarkeit von äußerster Wichtigkeit, um Personal und Ausbildungssteuerungsmaßnahmen koordinieren zu können. Des weiteren müssen wir die Kohäsion innerhalb der Einsatzkontingente schon durch die Schaffung entsprechender einsatzbezogener Grundstrukturen stärken. Ziel dabei sollte es sein, unsere Brigaden und deren Verbände und Einheiten zukünftig konsequent so aufzustellen, dass sie in personeller, materieller und organisatorischer Hinsicht ohne massive erung und Verstärkung von außen
ihre Einsätze im gesamten Aufgabenspektrum bestreiten können. Die kleinen Kampfgemeinschaften sollen sich im Kern bereits in der Heimat finden und ausgebildet werden können. Die Brigade bildet diejenige Führungsebene, die zur Gefechtsführung unter Einbeziehung aller Teilfähigkeiten des Heeres befähigt ist. Grundsatz aus der Sicht des Heeres sollte daher deren dezentrale Stärkung mit allen wesentlichen Fähigkeiten sein. Auftrag und Mittel,  Verantwortung und Zuständigkeiten könnten so besser als bislang in Einklang gebracht werden. Dies wäre auch im Sinne des Prinzips „Führen mit Auftrag“ und entspräche dem Grundsatz der ungeteilten  Durchführungsverantwortung der militärischen Führer. Eine Zentralisierung von Kräften außerhalb der Brigaden sollten nur dann erfolgen, wenn diese nicht zwingend innerhalb der Verbände der Brigaden eingesetzt werden müssen oder wenn aufgrund von Führungserfordernissen oder unter Ressourcengesichtspunkten eine Zusammenfassung zwingend erforderlich ist. Konzeptionell müssen die Schnittstellen zu anderen  Organisationsbereichen noch einmal tabulos überprüft werden. Auch die Einteilung in Kräftekategorien ist, wie eingangs erwähnt, zu überprüfen. Sie sehen, wir haben eine Fülle von Herausforderungen vor uns, die uns in den nächsten Wochen und Monaten keine Langeweile bescheren werden. Wir im Heer sind aber zuversichtlich, denn
die Marschrichtung, die der Minister vorgegeben hat, ist die, die wir schon seit Jahren verfolgen. Inwieweit uns die Ihnen bekannte durchaus prekäre Lage des Bundeshaushaltes Gestaltungsspielräume lässt, bleibt allerdings abzuwarten.

Erziehung

Meine Herren, das Thema des diesjährigen Symposiums lautet: „Führung, Erziehung, Ausbildung - am Einsatz  orientiert“. Daher möchte ich mich im zweiten Teil meines heutigen Vortrags dem Thema „Erziehung“
zuwenden. Einige Erlebnisse haben mich in der letzten Zeit beschäftigt, ja – ich kann sagen – beunruhigt! Wenn nach Besuchen in der Truppe der Führungsstab des Heeres zu Stellungnahmen hinsichtlich der Themen,
die in Gesprächsrunden angesprochen wurden, aufgefordert wird, ist dies kein unnormaler Vorgang. Wenn der zuständige Bearbeiter bei uns dann den Sachverhalten nachgeht und in vielen Fällen feststellen
muss, dass diese den nächsten Vorgesetzten entweder nicht bekannt sind oder zwar  bekannt sind, aber keine Maßnahmen im eigenen Bereich ergriffen wurden bzw. –  wenn die eigenen Möglichkeiten erschöpft sind – eine Meldung gemacht oder ein Antrag gestellt wurde, dann gibt einem das zu denken. Wenn Erfahrungsberichte eines Einsatzkontingentes im Internet heruntergeladen werden können bevor Sie auf dem Dienstweg ankommen oder Folien aus dienstlichen Vorträgen, die detaillierte Angaben über personelle und / oder materielle Stärken unserer Einsatzkräfte enthalten, sich in öffentlich zugänglichen Publikationen wiederfinden, dann gibt einem das nicht
nur zu denken, dann ist das bedenklich. Es geht hier nicht nur um das Thema „Umgang mit Verschlusssachen“,  sondern um den Schutz unserer Kameraden im Einsatz. Nach den ersten Anschlägen auf neue geschützte Fahrzeuge im Einsatz haben wir viel Anstrengung darauf verwandt, die Herstellerfirmen davon zu überzeugen, dass es
zwar absatzfördernd sein mag, die genaue Sprengstoffmenge zu veröffentlichen, die das Fahrzeug ausgehalten hat, ohne dass die Besatzung zu Schaden gekommen ist. Bei den bekannten Aufklärungskapazitäten und der beeindruckenden Vernetzung des Gegners lädt diese Information aber auch zur Erhöhung beim nächsten Mal ein. Und da Erfahrungsberichte nur dann ihren Zweck erfüllen, wenn sie auch Defizite deutlich ansprechen, ist bei deren Veröffentlichung die Gefahr für Leib und Leben noch größer. Hier ist Erziehung angesagt!

Ich nutze seit einiger Zeit jede Gelegenheit – sei es bei Vorträgen im Rahmen unserer Tagungen zur Inneren Lage für Kompaniefeldwebel, Einheitsführer und Bataillonskommandeure oder bei Führungslehrgängen, um einerseits den Unterschied zwischen offener und öffentlicher Diskussion deutlich zu machen und andererseits den Grundsatz
wieder zu beleben, dass eine Meldung erst dann erfolgt, wenn die eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Mir ist bewusst, dass wir „Überzeugungstäter“ damit nicht beeindrucken und somit wohl nur mittelfristig Erfolge verzeichnen werden. Umso wichtiger ist es aus meiner Sicht, bei der Erziehung unseres Führernachwuchses so
früh wie möglich anzusetzen. Dies ist – darüber müssen wir uns im Klaren sein – nicht
einfach, sehen wir uns bei unseren Erziehungsbemühungen doch einer Zielgruppe gegenüber, für die es wohl fast schon normal ist – mittels der heutigen Kommunikationsmittel ihr momentanes Seelenleben gegenüber der  Weltöffentlichkeit im Detail darzustellen. Vorgestern habe ich gelesen, dass 93% der 20 - 24 Jährigen in einem
„sozialen Netzwerk“ tätig sind.

Wenn wir uns also dem Erziehungsauftrag stellen, müssen wir natürlich auch die Frage nach dem Wertekanon stellen aus dem Erziehung sich einerseits begründet und auf den sie andererseits auch zielt. Wir haben mit dem „Selbstverständnis des Heeres“ – so glaube ich – einen recht guten Ansatz erreicht. Dem einen oder anderen mag er zu abstrakt sein, er hätte sich mehr gewünscht. Als Divisionskommandeur war ich – wie viele von Ihnen wissen – Mitglied der Arbeitsgruppe, die der Inspekteur eingesetzt hat, um das „Selbstverständnis“ zu formulieren. Ich weiß daher um die Schwierigkeit, die – ganz einfach ausgedrückt – darin bestand, ein Papier zu erarbeiten, in dem sich sowohl der MatBuchhalter HG (w) als auch der Kommandeur eines FschJgBtl wieder finden. Ein nächster Schritt war dann das Leutnantsbuch, das im letzten Jahr in 2. Auflage erschienen ist und nicht nur bei der Zielgruppe – unseren
Offizieranwärtern – gut ankommt. Für dieses Jahr ist die Herausgabe der ersten Auflage des Feldwebelbuches geplant.

Die Frage, die ich mir stelle und die wir uns alle immer wieder stellen müssen, lautet:

Reicht das? Reicht das, um dem Grundsatz Rechnung zu tragen, dass interkulturelle Kompetenz, kulturelle Kompetenz voraussetzt? Reicht das, um einem Soldaten, der im Einsatz töten muss und jeden Tag damit rechnen muss, getötet zu werden, die ethische Grundfestigkeit zu geben, um das durchzustehen und in Sekundenschnelle bei nicht vollständigem Lagebild die richtige Entscheidung zu treffen? Wie ist es denn um den gemeinsamen Wertevorrat in unserer Gesellschaft bestellt? Im Zusammenhang mit der sogenannten „Schädelphoto-Affäre“ habe ich in mehreren Vorträgen den Voyeurismus in Teilen unserer Gesellschaft angesprochen, die selbst die Ausstellung
von plastinierten Leichenteilen als „Kulturereignis“ feiert. Von den heute gängigen Videospielen will ich hier gar nicht reden. Und auch nicht von der einen oder anderen Fernsehserie – die dann auch noch beste Einschaltquoten zu verzeichnen hat. Wo hört man heute noch Sätze wie: „Das macht man nicht!“, „Das gehört sich nicht!“ oder gar: „Schäm Dich“? Nicht, dass Sie mich falsch verstehen! Ich vermisse die Sätze als solche nicht, aber die Abwesenheit
ist – so glaube ich – ein Zeichen für eine innere Einstellung in unserer Gesellschaft. In der vorletzten Woche habe ich die Meldung gelesen, dass im Neubau des Amts- und Landgerichtes DÜSSELDORF in den Verhandlungssälen keine Kreuze mehr aufgehängt werden. Die Begründung des Sprechers des Oberlandesgerichtes lautete schlicht, bei Neubauten sei es üblich, keine Kreuze mehr aufzuhängen. Die Reaktion der Kirchen folgte auf dem Fuße. Der Düsseldorfer Superintendent Lilie beklagte, der Zeitgeist sei derzeit so liberal, dass wir nach allen Seiten offen sind
und dabei nicht mehr wissen, für was wir stehen. Und der Generalvikar des Erzbistums KÖLN sagte: „Unsere  Rechtsund Gesellschaftsordnung wurzelt im christlichen Bild vom Menschen.

Wer die Kreuze aus unseren Gerichtssälen entfernt, der trennt demonstrativ unsere Rechtsordnung
von ihren Wurzeln.“ Doch wer nimmt das zur Kenntnis? Wer weiß noch, oder besser für wen ist noch bedeutsam, dass unser Grundgesetz „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ geschrieben wurde. Sinngleich beginnt übrigens auch die Landesverfassung von NRW. Wer hat sich – und wenn ja, wie lange – darüber aufgeregt, dass der Gottesbezug in der europäischen Verfassung nicht vorkommt? Wie lange hielt die Kritik an der Entscheidung des Europäischen Menschengerichtshofs vom November letzten Jahres, wonach das obligatorische Kreuz in italienischen Schulen die Klägerin in ihren Menschenrechten verletze? Der Kommentar des Vatikan-Kardinal-Staatssekretärs Bertone „Dieses Europa des dritten Jahrtausends lässt uns nur die Kürbisköpfe des Halloween und nimmt uns die wertvollsten Symbole“ bleibt wohl nur als Aphorismus erhalten.

Gibt es es noch, das christliche Abendland? Ein Erlebnis – zugegebenermaßen aus dem Nähkästchen! Vor nunmehr 2 Jahren wurde mir der erste Entwurf des schon erwähnten Leutnantsbuches vorgelegt. Bei der ersten Besprechung mit dem Redaktionsteam erlaubte ich mir die Anmerkung, dass ich den Begriff „christliches Abendland“ und eine Geschichte „Militärseelsorge“ vermisst hätte. – Betroffenheit – Nicht ob der Einlassung – nein – weil allen Beteiligten bewusst wurde, dass ihnen das nicht aufgefallen war. Selbstverständlich wurde sofort nachgebessert!

Beim Feierlichen Gelöbnis des OABataillons HAMMELBURG habe ich vor 1½ Jahren den angetretenen Offizieranwärtern gesagt: Wir müssen uns immer wieder die Frage stellen: „Kann ich das verantworten?“ Und dabei ist es völlig egal, ob wir Staatsbürger ohne Uniform oder Staatsbürger in Uniform sind. Und es ist egal, ob wir Rekrut
oder General sind. Es geht um das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Wenn wir uns immer wieder die Frage stellen: „Kann ich das verantworten?“ dann ist das zum Vorteil unseres Gemeinwohls – innerhalb und außerhalb der Streitkräfte. Es ist nicht wichtig, ob Sie zu dieser Erkenntnis kommen aufgrund des Befolgens des Gebots der christlichen Nächstenliebe, der Überzeugung der Sinnhaftigkeit sozialistischer Solidarität, dem Befolgen philosophischer Grundüberzeugungen wie der „goldenen Regel“ von Immanuel Kant oder in Anerkennung des alten deutschen Sprichwortes „Was Du nicht willst, was man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“. Es geht letztlich
darum, dass wir bereit sind – jeder an seinem Platz – Verantwortung zu übernehmen.

Wenn jeder sich immer wieder die Frage stellte: „Kann ich das verantworten?“ gegenüber meinem Gewissen – als Christ besonders vor Gott, gegenüber meiner Familie, gegenüber meinen Kameraden oder meinen Mitmenschen, gegenüber den Soldaten, die mir anvertraut sind, gegenüber der Bundesrepublik Deutschland, für die ich als Angehöriger der staatlichen Exekutive Repräsentant bin, dann gäbe es deutlich weniger unerfreuliche und letztlich unnötige Vorkommnisse.

Die Reaktion von einigen Offizieranwärtern, die beim anschließenden Empfang auf mich zugekommen sind, zeigt, dass sie die Botschaft verstanden haben. Es erfordert also gar nicht soviel Mut, Stellung zu beziehen, wir müssen es tun und wir müssen unseren Führernachwuchs ermuntern, es zu tun. Dazu gehört auch, sich wieder der Bedeutung der Ziffer „3 a“ zu erinnern. In unserer Lotus-Notes-Gesellschaft, in der Weisungen von ganz oben bis nach ganz unten per Knopfdruck – quasi als „Postwurfsendung an alle Haushaltungen“ verteilt werden können und auch verteilt
werden, ist die Formulierung der Absicht der Zwischen-Führungsebenen etwas in den Hintergrund getreten. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch! Die Führungs- und Informationssysteme haben große Vorteile.

Ich möchte nicht in die Zeit des alten Kurierwesens zurück! Aber: wir müssen uns an unsere bewährten Führungsverfahren erinnern und sie dann auch anwenden! Ich fordere immer dazu auf: „Wenn Ihr die 3 a von Eurem Vorgesetzten nicht kriegt, dann holt sie Euch“. Und wir müssen uns in unserer Sprache und Begrifflichkeit disziplinieren. Mit der Herausgabe der 100/100 haben wir endlich die Phase der Begriffsverwirrung, die aufgrund der neuen Aufgaben eingetreten ist, überwunden. Jetzt liegt es nur noch an uns! Lassen Sie mich noch einen letzten Aspekt ansprechen, der mich zunehmend beschäftigt. Nicht nur in der Rede, aus der ich eben zitiert habe, kommt der Begriff „Staatsbürger in Uniform“ vor. Wir reden auch sonst häufig davon und halten dies – so glaube ich - alle für ein bewährtes Prinzip. Wie ist aber heute das Bewusstsein unserer Staatsbürger? Wie sieht es mit der Bereitschaft aus, staatsbürgerliche Pflichten zu übernehmen. Schauen wir uns doch nur die Wahlbeteiligung an. Natürlich haben wir eine Vielzahl an Mitbürgern, die sich ehrenamtlich engagieren. Doch wie viele sind das prozentual zur Gesamtbevölkerung? Natürlich gibt es Bürgerinitiativen und Wählergemeinschaften. Aber sind die immer dem Gemeinwohl verpflichtet oder doch eher nur Partikularinteressen? Meine Sorge ist: Stimmt das zivile Bild des Staatsbürgers mit unserem Bild des Staatsbürgers – also dem in Uniform – noch überein? Haben wir vielleicht versäumt, das unsere weiterzuentwickeln oder vielleicht auch zu dem „ohne Uniform“ abzugrenzen? Ich weiß es nicht! Darüber einmal intensiv nachzudenken, lohnt sich, so glaube ich.

Ich komme zum Schluss.

Meine Absicht war es, Sie über unsere ersten Überlegungen hinsichtlich der vor uns liegenden Herausforderungen zu informieren, bei denen wir hinsichtlich der Rahmenbedingungen weitgehend fremd bestimmt sind. Außerdem wollte ich Sie an meinen Überlegungen teilhaben lassen, hinsichtlich der Aspekte, die wir weitgehend
selber beeinflussen können. Es geht, um es kurz zu sagen, um das physische und psychische Gerüst des Heeres der Zukunft. Sie können sicher sein, dass wir alle unsere Kraft einsetzen werden, dieses Gerüst möglich stabil zu  machen. Ich hoffe, dass wir dabei erfolgreich sind und schließe mit einem Zitat von Vaclav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“.

 

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