Hotline: Mo + Mi 08:00 - 13:00 Uhr +49 (0) 5192 / 98 62 81 freundeskreis@panzertruppe.com
Detailansicht

Symposium 2013 in Munster

2015-06-08 07:46
von Marco Pracht
2013

Zukunft der Panzertruppen – vom Einsatz her gedacht

Berichterstattung

Oberstleutnant Hagen Messer, PresseStOffz EuroKorps

Oberstleutnant Hagen Messer, PresseStOffz EuroKorps
Oberstleutnant Hagen Messer, PresseStOffz EuroKorps

Außergewöhnlich groß war der Resonanz der Teilnehmer auf das Symposium der Panzertruppen im Jahr 2013 am Ausbildungszentrum in Munster, das von den Freundeskreisen der Panzergrenadiertruppe und der Offiziere der Panzertruppe durchgeführt wurde. In diesem Jahr vom Freundeskreis der Panzergrenadiertruppe ausgerichtet, fand das diesjährige, attraktive und breit gefächerte Themenangebot unter den Teilnehmern bemerkenswerten Zuspruch, da nicht nur die Zukunft der gepanzerten Kampftruppen besonders betrachtet sondern auch weiterführende Blicke in andere Themenfelder geboten wurden.

Inhaltliche Schwerpunkte waren nicht nur aktuelle Informationen aus dem Ausbildungszentrum Munster, sondern auch die Erfahrungen, die sich für gepanzerte Kampftruppen aus den Auslandseinsätzen ergeben, wie beispielsweise die Herausforderungen für den Einsatz von Panzertruppen bei urbanen Operationen.

Abgerundet wurden die Vorträge sowohl durch aktuelle Informationen zur Einführung des Schützenpanzers Puma – präsentiert von einem Vertreter der Firm Krauss-Maffei-Wegmann (KMW) – als auch über die Operation "Serval" in Mali. Das Symposium wurde durch einen Vortrag des Panzergrenadierbataillons 112 aus Regen abgeschlossen, der über die Erfahrungen der Regener Soldaten im Umgang mit Verwundung und Tod informierte.

General Spindler eröffnet das Symposium
General Spindler eröffnet das Symposium

Die sorgfältig ausgewählten Referenten aus Militär und Industrie legten die thematischen Schwerpunkte des Symposiums nicht nur auf die zukünftige Struktur, Gliederung, Waffensysteme und Ausrüstung der Panzertruppen, sondern auch auf Neuerungen in der Taktik und Ausbildung gepanzerter Kampftruppen. Nahezu allen Vorträgen gemeinsam war die Neuausrichtung der Bundeswehr und die Veränderungen, die sich aus den Einsatzerfahrungen im nationalen und multinationalen Rahmen ableiteten. So fanden vor allem die General Spindler eröffnet das Symposium Die Einsätze sind taktgebend und taktbestimmend für Struktur, Gerät, Operationen und Taktik und Ausbildung", so Spindler. Vorträge über die Einführung des Schützenpanzers Puma, der infrastrukturelle Um- und Ausbau der Ausbildungsanlagen für einsatznahe Schieß- und Gefechtsausbildung für urbane Operationen auf allen taktischen Führungsebenen in Munster und der Altmark ganz besonders große Resonanz.

Der Vorsitzende des Freundeskreises der Panzergrenadiertruppe e.V., Generalmajor Walter Spindler, erläuterte in seiner Begrüßung die Ausrichtung des diesjährigen Symposiums an der Thematik "Zukunft der Panzertruppen – vom Einsatz her gedacht". "Der Einsatz beschäftigt die Bundeswehr seit nun mehr als 20 Jahren tagtäglich und ist zum bestimmenden Moment geworden.

Den Ausblick auf die Themen des Symposiums nahm Spindler zum Anlass mit einer Schweigeminute den Toten und Verletzten der Bundeswehr zu gedenken. Seit Gründung der Bundeswehr haben 3200 Soldaten und zivile Angehörige in Ausübung der Dienstpflichten ihr Leben verloren. In den Einsätzen seit 1992 starben 100 Soldaten.

Eine Bereichung für das Symposium war eine parallel stattfindende Ausstellung der Rüstungsindustrie. Vertreter von AEM, Cassidian, Jenoptik, Krauss-Maffei-Wegmann, MDBA und PSM – um nur einige zu nennen – boten dem Teilnehmern des Symposiums nicht nur in den Pausen zwischen den Vorträgen die Gelegenheit, sich über aktuelle technische Entwicklungen zu informieren, sondern diese teilweise sogar praktisch zu testen, so war der digitale Sandkasten ein stark frequentiertes Exponat. Generalmajor Spindler sprach den Vertretern der Industrie den Dank der Symposiumsteilnehmer aus. Zahlreiche Exponate der Industrie mit frappierenden Neuerungen begeisterten die Teilnehmer und boten teilweise völlig neue Blicke auf Taktik und den Soldaten der Zukunft, unterstrichen aber auch die Herausforderungen in Ausbildung und Übung.

Der digitale Sandkasten
Der digitale Sandkasten war ein stark umringtes Exponat, das deutlich auf die zukünftigen Ausbildungsmöglichkeiten hinwies

Ausbildungszentrum Munster – Quo vadis?

Brigadegeneral Bernd Schütt
Brigadegeneral Bernd Schütt

Der General der Panzertruppen und Kommandeur des Ausbildungszentrums Munster, Brigadegeneral Bernd Schütt, begrüßte dazu als Hausherr die angereisten Gäste und dankte den Organisatoren sowie den Teilnehmern des Symposiums für ihre langjährige Unterstützung und Verbundenheit zu den Panzertruppen. General Schütt betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung und "Notwendigkeit des Informations- und Erfahrungsaustausches – gerade über die Generationen hinweg". Insbesondere in Zeiten des massiven Wandels in den Streitkräften käme diesem Austausch eine besondere Bedeutung zuteil.

Sachstand der Strukturmaßnahmen

Seinen einführenden Worten folgend, informierte General Schütt die Teilnehmer des Symposiums im Rahmen seines Vortrages "Ausbildungszentrum Munster – Quo vadis?" zunächst über den Sachstand der Strukturmaßnahmen, die das Ausbildungszentrum Munster unmittelbar betreffen. Mit der Übergabe der eingerollten Truppenfahne der Heeresflugabwehrtruppe an den General der Panzertruppen am 19. Dezember 2012 ist die Außerdienststellung der traditionsreichen Truppengattung, der bereits ein Appell am 15. März 2012 vorausgegangen war, formell abgeschlossen worden. Damit ist ein erstes Zwischenziel auf dem Weg zur Einnahme der neuen Struktur 2011 des Ausbildungszentrums Munster genommen worden.

Außerdienststellung der Bereiche Weiterentwicklung der Panzertruppen und der Heeresaufklärungstruppe

Auch das Jahr 2013 wird ganz im Zeichen des Wandels stehen. So begann mit dem neuen Jahr 2013 bereits die Umsetzung der Maßnahmen zur Außerdienststellung der Bereiche Weiterentwicklung der Panzertruppen und der Heeresaufklärungstruppe. Um die Voraussetzung für eine reibungslose Übergabe der Aufgaben an die neuen zuständigen Dienststellen sicherzustellen, befinden sich die Bereiche derzeit in der unmittelbaren Vorbereitung der Datenmigration, deren Abschluss für Ende März 2013 geplant ist.

Bis Ende Juni 2013 sollen dann alle laufenden Projekte, noch unter alter Zuständigkeit, ein Update erhalten, um Datenverluste zu verhindern, bevor die Zuständigkeiten an die neuen Dienststellen zum 1. Juli 2013 vollständig übertragen werden. Schließlich sollen mit einer abschließenden Datenmigration die Projekte auf den aktuellsten Stand gebracht werden, bevor die Außerdienststellung der Bereiche am Ausbildungszentrum Munster zum 30. September 2013 abgeschlossen sein wird.

Die Aufgaben der Weiterentwicklung sollen dann wie folgt wahrgenommen werden:

  • Konzeptionelle Fragen werden zukünftig im Amt für Heeresentwicklung in Köln zusammengefasst
  • Die Rüstungsfragen, die bisher im CPM-Dezernat bearbeitet wurden, werden zukünftig im neu aufgestellten Bundesamt für Ausrüstungs- Informationstechnik- und Nutzung (BAAINBw) in der Abteilung Kampf unter der Leitung von Oberst Streit bearbeitet. Oberst Streit hat bereits im März 2013 seinen Dienst als Referatsleiter K 5.1 Pz angetreten
  • Schließlich werden Ausbildungsaufgaben zukünftig im Ausbildungskommando Heer in Leipzig wahrgenommen.

General Schütt unterstrich, dass nach Abschluss der Außerdienststellung der Bereiche Weiterentwicklung das Ausbildungszentrum Munster über keine Kompetenzen im Bereich der Weiterentwicklung der Truppengattungen mehr verfügen werde.

Aufstellung neuer Einheiten

Die Aufstellung der 3. Kompanie des Offizieranwärter-Bataillons 1 (OA-Btl 1) sowie des Feldwebelund Unteroffizieranwärter-Bataillons 2 Celle (UA/FA-Btl 2) befindet sich in der unmittelbaren Umsetzung. Mit Aufstellung der 3./OA-Btl 2, die ab Juli 2013 ihren Ausbildungsbetrieb aufnehmen wird, wird das Ausbildungszentrum Munster für die Ausbildung von 50 % des Offiziernachwuchses des deutschen Heeres verantwortlich und damit der Stellenwert des Standortes Munster nachdrücklich gestärkt. Die Befüllung der insgesamt 135 neuen Dienstposten verläuft planmäßig. Rund 85 % der Stellen sind bereits besetzt.

Eine ähnlich positive Entwicklung ist auch bei der Aufstellung des FA/ UA-Btl 2 Celle zu verzeichnen. Zum 30. September 2013 werden der Stab und die 1. Kompanie in Celle sowie die 2. Kompanie, zunächst in Bückeburg, aufgestellt. Bereits Ende April soll der designierte Kommandeur des FA/ UA-Btl 2 Celle seinen Dienst antreten. Der zuständige Personaloffizier ist bereits am Ausbildungszentrum Munster präsent. Nach der Ausbildung der Ausbilder, die zum 1. Juli 2013 starten wird, ist der Beginn der lehrgangsgebundenen Ausbildung zum 1. Januar 2014 avisiert. Formal wird das neu aufgestellte FA/ UA-Btl 2 Celle dem Ausbildungszentrum Heeresaufklärungstruppe unterstellt werden. Trotz des planmäßigen Verlaufes besteht noch ein Bedarf an geeignetem Ausbilderpersonal – im Schwerpunkt Zugführeroffiziere. Dazu seien qualifizierte Bewerber jederzeit herzlich willkommen, wie General Schütt betonte.

Neuordnung der Infrastruktur am Standort Munster

Die Umsetzung der Maßnahmen zur Einnahme der Struktur HEER 2011 haben sowohl auf die Kaserne Panzertruppenschule als auch auf den gesamten Standort Munster infrastrukturelle Auswirkungen. So ist geplant, die Hindenburg-Kaserne zukünftig als zentrale Truppenunterkunft zu nutzen. Neben den hier bislang beheimateten Verbänden Panzergrenadierlehrbataillon 92 und Panzerartillerielehrbataillon 325 soll künftig auch das Panzerlehrbataillon 93 in der Kaserne untergebracht werden. Die Schulz-Lutz-Kaserne soll unter Abgabe des Südteils mit der Boeselager- Kaserne zusammengelegt werden und das logistische sowie sanitätsdienstliche Zentrum des Standortes bilden.

Das Offizier-Lager ist zur Unterbringung von Pendlern und vorrübergehend auch durch Übungstruppe vorgesehen, und wird voraussichtlich an die Hindenburg- Kaserne angegliedert. Die Peter-Bamm-Kaserne soll geschlossen werden und in das Bundesvermögen übergehen. Für die Kaserne Panzertruppenschule ist beabsichtigt, den Nordost- Teil der Liegenschaft durch das Ausbildungszentrum Munster zu nutzen. Das Scharnhorstgebäude ist als Stabs- und Hörsaalgebäude vorgesehen. Dennoch wird auch weiterhin das Symposium sowie den "Tag der Panzertruppen" hier durchgeführt werden. Das heutige Stabsgebäude des Ausbildungszentrums Munster soll zukünftig durch den Stab sowie die Stabs- und Fernmeldekompanie der Panzerlehrbrigade 9 genutzt werden. Schließlich ist im Südwest-Teil der Kaserne die geschlossene Unterbringung des OA-Btl geplant.

Ausbildung des Führernachwuchses

Aber nicht nur in infrastruktureller Hinsicht wird das Jahr 2013 von Veränderungen geprägt sein. Auch der Bereich "Ausbildung des Führungsnachwuchses" wird signifikanten Anpassungen unterworfen. Insbesondere die Ausbildung der jungen Offiziere nach dem Studium ist davon betroffen.

Offizierlehrgang Teil 3

General Schütt betonte, dass der Offizierlehrgang Teil 3 in erster Linie die jungen Offiziere zur Führung, Ausbildung und Erziehung eines Zuges ihrer Truppengattung befähigen soll und nicht auf die Herstellung der Einsatzbereitschaft der jeweiligen Soldaten ziele. Nach der Grundlagenausbildung, die u.a. den Einzelkämpferlehrgang sowie die Ausbildung zum Übungsleiter Sport und die Kraftfahrgrundausbildung beinhaltet, schließt sich die Ausbildung zum Zugführer an, die sich über die Ausbildung zum Richt- / Ladeschützen bis hin zum Zugführer und Schießlehrer der jeweiligen Hauptwaffensysteme erstreckt.

Trotz der insgesamt 1500 Ausbildungsstunden, von denen rund 1000 Stunden für die truppengattungsspezifische Ausbildung vorgesehen sind, stehen die Lehrgangsteilnehmer unter einem hohen Zeitdruck, der wiederum ein hohes Lerntempo erfordert. In diesem Zusammenhang hat die Auswertung der ersten Offizierlehrgänge Teil 3 ergeben, dass insbesondere in der Anfangsphase des Lehrgangs die jungen Offiziere zum Teil mit Umstellungsschwierigkeiten zu kämpfen haben. Grundsätzlich sind die Erfahrungen mit dem Lehrgang und den Lehrgangsteilnehmern aber gut.

Dies sei besonders dem Umstand geschuldet, dass es sich bei den Lehrgangsteilnehmern um gestandene, akademisch gebildete Persönlichkeiten im Alter zwischen 25 bis 27 Jahren handelt, die grundsätzlich über ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft und Motivation verfügen. Dennoch, betonte General Schütt, seien zum erfolgreichen Abschluss des Lehrgangs u.a. die körperliche Fitness, der Wille zur Kooperation sowie ein ausgeprägter Teamgeist unabdingbar.

Lehrgang Überleben Einsatz

Die vorgehend genannten Charaktereigenschaften gelten auch als Voraussetzung, um den Lehrgang "Überleben Einsatz" erfolgreich bestehen zu können, der gerade für junge Offiziere ohne Teilnahme am Einzelkämpferlehrgang sowie junge Feldwebel und Feldwebelanwärter des Heeres und der SKB ausdrücklich befohlen ist. Unter Berücksichtigung dieses Aspektes ist die geringe Beschickung an Lehrgangsteilnehmern – insbesondere im I. Quartal 2013 – für General Schütt unverständlich.

Sein Appell an die anwesenden Kommandeure und Kompaniechefs lautete daher, einerseits klare Anforderungen in Sinne eines erfolgreichen Abschlusses des Lehrganges an den Führungsnachwuchs zu stellen, dies auch in Beurteilungen zu dokumentieren und andererseits eine gezielte, angeleitete Vorbereitung auf den Lehrgang zu ermöglichen.

Führungslehrgang 1 B

Ebenfalls appellierte der General an die anwesenden Bataillonskommandeure sowohl ihre aktiven als auch angehenden Kompaniechefs auf den Kompaniecheflehrgang 1B zu entsenden, der in diesem Jahr nur zu 50 % befüllt war. Die Grundlagenvermittlung durch Lehrstabsoffiziere, eine Führungsübung SIRA, das aktive Handlungstraining im Gefechtsübungszentrum (GÜZ) sowie letztendlich das Schießen mit den Hauptwaffensystemen der Truppengattungen mit Unterstützung durch "Volltruppe" biete den jungen Kompaniechefs hervorragende Möglichkeiten, ihren Erfahrungshorizont zu erweitern und auf die fordernde Verwendung als Kompaniechef mit diesem Hochwertlehrgang vorzubereiten.

Abschließende Bewertung zur Ausbildung des Führernachwuchses

Bezüglich der Ausbildung des Führungsnachwuchses am Ausbildungszentrum Munster stellte der Kommandeur fest, dass die Ausbildungszentren der Panzertruppe sowie der Heeresaufklärungstruppe nahezu ausgelastet sind. Auf der einen Seite verringere sich zwar die Größe der Truppe spürbar, andererseits bleibe der inhaltliche Ausbildungsbedarf gleich bzw. steige zum Teil in einigen Bereichen noch deutlich an.

Dies spiegelt sich auch in der Auslastung des Schießübungszentrums Panzertruppen wieder, bei der sich, aufgrund der Reduzierung von Kampftruppe in Afghanistan, die Durchgänge im Rahmen der einsatzvorbereitenden Ausbildung mit denen der klassischen Truppenausbildung wieder die Waage halten.

Die taktischen Einsatzprüfung des Schützenpanzers Puma

Die Einführung des Schützenpanzers Puma, dem neuen Waffensystem der Panzergrenadiertruppe, stellt ein weiteres Schwerpunktvorhaben für das Ausbildungszentrum Munster dar. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die taktische Einsatzprüfung des Waffensystems, mit dem Ziel bis Ende 2013 die Truppenverwendbarkeit festzustellen. Dabei ist die Prüfung in drei Phasen vorgesehen.

  • In einer 1. Phase werden durch die Industrie insgesamt sechs Kommandanten sowie ein Panzergrenadierzug ausgebildet, um die Voraussetzungen für die Einsatzprüfung des Pumas in der Truppe zu schaffen
  • Die 2. Phase beinhaltet dann die eigentliche taktische Einsatzprüfung des Einzelfahrzeuges umso die Voraussetzungen für die abschließende 3. Phase, die taktische Einsatzprüfung auf Zugebene, zu schaffen. Dazu wird sich die Prüfung über einen Zeitraum von Anfang Mai bis Ende Juli 2013 erstrecken
  • Abschließend ist die Sommererprobung unter Federführung der BAAINBw in den Vereinigten Arabischen Emiraten vorgesehen, um das Waffensystem unter extremen klimatischen Bedingungen zu erproben.

Aufgrund der Komplexität des Waffensystems Puma ist langfristig auch eine Anpassung der lehrgangsgebundenen Ausbildung notwendig. Dazu hat das Ausbildungszentrum Munster bereits den erforderlichen Ausbildungsbedarf analysiert und priorisiert. Zunächst werden dabei die Umsetzerlehrgänge im Fokus stehen. Diese sollen ab April 2014 beginnen, um schnellstmöglich Multiplikatoren für die weitere Ausbildung zu generieren. Zweite Priorität besitzen die Schießlehrer- und Teileinheitsführerlehrgänge. Die Umstellung der Laufbahnlehrgänge ist ab 2015 beabsichtigt. Dennoch, so betonte General Schütt, sei es in der Übergangsphase bis zur abschließenden Einführung des Pumas unabdingbar, parallel an den Ausbildungen an beiden Waffensystemen – Puma und Marder – festzuhalten.

Darstellung der Fähigkeiten der Truppengattungen – die Informationslehrübung Landstreitkräfte 2013

Neben den dargestellten Bereichen ist auch die bekannte Informationslehrübung "ILÜ" von signifikanten Veränderungen betroffen. Erstmalig wird in diesem Jahr die "Informationslehrübung Landstreitkräfte" (ILÜ LandOp) gemeinsam mit der Streitkräftebasis (SKB) durchgeführt. Unverändert liegt dabei die Federführung für die konzeptionelle Vorbereitung, Durchführung sowie Nachbereitung beim Kommandeur Ausbildungszentrum Munster. Dazu sind ihm die Panzerlehrbrigade 9 sowie die Logistikbrigade 1 der SKB auf Zusammenarbeit angewiesen.

Ziel ist es, den Bedarfsträgern, der Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw) sowie der Offizierschule des Heeres (OSH), die Führungs- und Einsatzgrundsätze an möglichst realitäts- bzw. einsatznahen Bildern zu veranschaulichen. Dabei kommt es General Schütt besonders darauf an, die Fähigkeiten des Heeres und der SKB in einem vernetzten Ansatz in den unterschiedlichen Intensitätsstufen darzustellen.

Gemäß dem aktuellen Planungsstand wird die ILÜ LandOp 2013 im Zeitraum 30. September bis 10. Oktober 2013 wie gewohnt im Raum Munster – Bergen stattfinden. Neu ist jedoch, dass nur noch drei Durchgänge, dafür aber mit einer Dauer von jeweils zwei Tagen und einer maximalen Zuschauerkapazität von 500 pro Durchgang, vorgesehen sind. Damit wird die bisherige Zuschauerkapazität von 6000 auf 1500 bzw. 2000 inklusive Generalprobe sinken. Derzeit prüft der Inspekteur des Heeres, ob noch ein zusätzlicher Tag eingeführt werden kann, der es externen Multiplikatoren ermöglicht an der ILÜ LandOp 2013 teilzunehmen. Für die Besucherplanung ist jedoch, im Gegensatz zu den Vorjahren, nicht mehr das Ausbildungszentrum Munster, sondern das Kommando Heer in Absprache mit der SKB zuständig.

Rückblick und Ausblick

Abschließend gab General Schütt den Teilnehmern des Symposiums einen kurzen Jahresrückblick 2012, wobei er den Besuch der Bundeskanzlerin im Oktober in Barbaradorf als einen der Höhepunkte besonders herausstellte. In seinem Ausblick auf das Jahr 2013 wies General Schütt insbesondere auf den "Lili-Marleen-Tag" hin, der für den 25. Juni vorgesehen ist. Dabei soll, neben der aktiven Nachwuchsgewinnung und Werbung für die Truppe, auch die Gelegenheit genutzt werden, sich bei der Bevölkerung sowie der Stadt Munster für die jahrelange Unterstützung und Solidarität mit den Soldaten zu bedanken. Hierzu wurden alle Teilnehmer des diesjährigen Symposiums sowie die Angehörigen der Freundeskreise herzlich eingeladen. Gleiches gilt für das traditionelle Feierliche Gelöbnis der Offizieranwärterinnen und -anwärter des Heeres am Standort Munster sowie für den "Tag der Panzertruppen" und die Feierlichkeiten zum Volkstrauertag 2013. Letztere hätten sich auch einem signifikanten Wandel zu unterziehen (siehe hierzu gesonderten Bericht Seite 48 in dieser Ausgabe).

Stationen und Verantwortungsbereiche
Stationen und Verantwortungsbereiche

Zusammenfassung – Ausbildungszentrum Munster – „Quo vadis“

Zusammenfassend stellte der Kommandeur Ausbildungszentrum Munster und General der Panzertruppen fest, dass das Ausbildungszentrum im Zuge der Einnahme der neuen "Struktur 2011" vor großen Veränderungen stehe. Die Maßnahmen dazu seien auf den Weg gebracht und verliefen bislang planmäßig. Für die weitere Umsetzung bat der General um Unterstützung und Mitarbeit aller Beteiligten getreu dem Motto des Ausbildungszentrums Munster: "Tradition und Zukunft".

Lehren und Erfahrungen aus Einsätzen !!

Die Thematik des diesjährigen Symposiums "Zukunft der Panzertruppen – vom Einsatz her gedacht" wurde im zweiten Vortrag des Kommandeurs Ausbildungszentrum Munster und General der Panzertruppen, Brigadegeneral Bernd Schütt, aufgegriffen. Hierbei bezog er sich im Schwerpunkt auf die Handlungsfelder "Struktur der Panzertruppen", "Waffensysteme", "Ausrüstung und Bewaffnung" sowie "Taktik".

Rahmenbedingungen

Marder bei Fahrt im sandigen Gelände
Marder

Wie alle gesellschaftlichen Bereiche, ist auch die Bundeswehr auf eine kontinuierliche Weiterentwicklung angewiesen, um weiterhin zukunfts- und wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei ist – bei aller Konzentration auf die Auswertung der Einsatzerfahrungen – wichtig, den Blick über den Tellerrand auf die weltweiten Panzerentwicklungen nicht zu verlieren. Denn, so betonte der General, der konventionelle Gegner des Kampfpanzers bleibt der Kampfpanzer selbst. In diesem Zusammenhang ist zu beobachten, dass zahlreiche Nationen, u.a. die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, China und Südkorea, ihre vorhandenen Panzerflotten modernisieren oder eine neue Panzerflotte aufstellen. So ist u.a. die "T-Reihe", mit aktiven Abwehrsystemen, leistungsfähigeren Wärmebildgeräten und Verbundpanzerungen ausgerüstet worden. Vor diesem Hintergrund ist zukünftig der Kampf gegen gleichwertige generische Waffensysteme nicht gänzlich auszuschließen und muss bei der eigenen Panzerentwicklung weiterhin berücksichtigt werden.

Allerdings müssen auch weitere übergeordnete Parameter, wie beispielsweise der fließende Übergang zwischen symmetrischer und asymmetrischer Kampfweise, der Kampf in urbanem Gelände, die Bedrohung durch Überfälle und Hinterhalte unter Einsatz von Minen und IED sowie der Kampf unter extremen klimatischen Bedingungen, im Rahmen der Weiterentwicklung der Panzerwaffen berücksichtigt werden. Die schnelle Weiterentwicklung von Technologien durch die Industrie ist dabei ebenso wichtig wie die konstruktive Zusammenarbeit mit den Streitkräften anderer Nationen. Dabei sind innovative Vorgehensweisen erforderlich, die darauf verzichten, sämtliches Material für alle Eventualitäten in großen Stückzahlen zu beschaffen und vorzubehalten, da hierfür zukünftig voraussichtlich weder die erforderlichen Investitionsmittel noch die Mittel für Betrieb und Materialerhalt vorhanden sein werden.

Die Weiterentwicklung der Panzertypen hält weiter an
Die Weiterentwicklung der Panzertypen hält weiter an

General Schütt stellte fest, dass, obwohl die Komplexität sowie die Vielfalt der möglichen Einsatzszenarien der Panzertruppen zunehmen würde, der Grundsatz, dass Panzertruppen nur im Verbund ihre volle Wirkungskraft entfalten könnten, unverändert bleibe.

Erfahrungen aus den Einsätzen

Nach nunmehr über 15 Jahren Erfahrungen der Panzertruppen in Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Einsätzen ist festzustellen, dass die gepanzerten Kampftruppen unverändert das zentrale Element des Heeres bilden. Dies hätten nicht zuletzt die Einsätze im Rahmen SFOR, KFOR und ISAF gezeigt, bei der die Panzertruppen auch mit ihren Hauptwaffensystemen stets beteiligt waren. Es bleibt festzustellen, dass nach über 40 Jahren Nutzung in der Bundeswehr, trotz zahlreicher und kontinuierlicher Weiterentwicklungen, der Schützenpanzer Marder – ein bewährtes Waffensystem – seine Leistungsgrenze erreicht hat. Obgleich sich das Waffensystem auch im Einsatz in Afghanistan vollumfänglich bewährt hat, ist die zeitnahe Einführung eines neuen Waffensystems unumgänglich.

Handlungsfeld WaSys
Panzerung, Beweglichkeit und Feuerkraft bleiben weiterhin gültige Parameter für den Kampfpanzer

Vor allem der Mehrrollenfähigkeit, der Luftverladefähigkeit, dem modularem Schutz vor Minen und Improvised Explosive Devices (IED) sowie der Fähigkeit zur Weiterentwicklung ist besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Alle diese Anforderungen erfülle der Schützenpanzer PUMA. Dieser sei ein Beispiel dafür, dass Erkenntnisse und Erfahrungen aus den Einsätzen umgesetzt und bei der Industrie angekommen sind. Auch der Kampfpanzer Leopard 2 hat sich in seinen 30 Jahren der Nutzung vollumfänglich bewährt. Trotz einer permanenten Weiterentwicklung ist bei ihm, anders als beim Schützenpanzer Marder, die Grenze des Machbaren aber noch nicht erreicht, so dass eine weiterführende Nutzung avisiert ist.

Dennoch gelte auch hier, die Weiterentwicklung basierend auf den Erfahrungen der Einsätze weiterzuführen, um maximalen Schutz bei gleichzeitiger Steigerung der Flexibilität und Kampfkraft zu gewährleisten. So wird,

  • neben der Verbesserung des Minenund IED-Schutzes,
  • eine unter Luke zu bedienende Waffenstation entwickelt, die den Verschuss von letalen als auch nicht letalen Wirkmitteln ermöglichen soll.

Ebenso werden zum Erhalt der Beweglichkeit, insbesondere in urbanem Gelände sowie unter schwierigen infrastrukturellen wie klimatischen Bedingungen weitere Modifizierungen am Kampfpanzer Leopard vorgenommen.

Hierzu zählen u.a.

  • die Verwendung eines verbesserten Nachtsichtgerätes für den Kraftfahrer ("SPECTUS")
  • und die Verstärkung des Laufwerkes.

Hinsichtlich der Weiterentwicklung der Hauptwaffensysteme Leopard und Puma stellte General Schütt als Kern fest, dass beide Waffensysteme ein klares Zeichen dafür seien, dass es die Panzertruppen mit der Entwicklung zur Befähigung der vernetzten Operationsführung durchaus ernst nehmen, wenn gleich sicherlich noch einige Zeit benötigt werden wird, sie vollständig herzustellen. Die Kernanforderung besteht aber auch darin, die zunehmende Komplexität der Systeme sowie die kognitive Verarbeitung aller bereitgestellten Informationen zu bewältigen. Die Faktoren -Schutz, Wirkung und Mobilität sind, wie bei der Weiterentwicklung der Waffensysteme, von zentraler Bedeutung. Neben der Weiterentwicklung der Waffensysteme darf auch die Betrachtung der materiellen Ausstattung der persönlichen Ausrüstung des Soldaten nicht außer Acht gelassen werden. Die Handlungsfelder erstrecken sich von der Funktionalität der Ausrüstung und Bekleidung unter extremen klimatischen Bedingungen über verbesserten ballistischen Schutz, einen präzisen und durchschlagsfähigen sowie abgestuft einsetzbaren "Waffenmix" bis hin zur Verbesserung der Nachtkampf- und Führungsfähigkeit.

Urbanes Umfeld
Operationen in urbanem Umfeld als eine derzukünftigen Herausforderungen

Auch die Ausbildung des Soldaten muss unter Berücksichtigung der Einsatzerfahrungen weiter entwickelt werden. Hierbei gelte es, die strukturelle Anpassung in der Grundausbildung ebenso zu berücksichtigen, wie die hohe Komplexität der heutigen Einsätze und Waffensysteme sowie die Forderung nach schneller Verfügbarkeit. Insbesondere sind die Bereiche "Kampf in urbanem Gelände", das "Zusammenwirken der Truppengattungen" sowie die "Basisbefähigung zum infanteristischen Kampf" stärker zu berücksichtigen. So betonte General Schütt, dass die Auswertung der jüngsten Einsätze gezeigt habe, dass der Gegner zunehmend dazu zwingen wird, den Kampf in urbanem Gelände anzunehmen. Dem meist konventionell unterlegenem Gegner ermöglichen diese Räume potentiell seine Unterlegenheit auszugleichen und eigene Handlungsfreiheit zu erlangen. Operationen im urbanen Umfeld sind dabei u.a. durch die Anwesenheit von Zivilbevölkerung, die Möglichkeit gleichzeitiger militärischer Maßnahmen unterschiedlicher Intensität, sowie durch eingeschränkte Sicht, Waffenwirkung und Beweglichkeit gekennzeichnet. Die Vorbereitung auf diese Art der Operationen erfordert, neben den erwähnten Anpassungen der Waffensysteme und Ausrüstung, auch die Anpassung der Vorschriftenlage sowie der Ausbildung – hier vorrangig der Führerausbildung.

In diesem Zusammenhang sei auch die beabsichtigte, deutlich längere Stehzeit der Offiziere in der Verwendung auf Einheitsebene einzuordnen. Statt bisher zweieinhalb bzw. drei Jahre werden es zukünftig bis zu acht Jahre sein. Hierbei wird sich auch die Verwendungsmöglichkeit für junge Offiziere auf Kompanieebene deutlich erhöhen. So sind zukünftig Verwendungen u.a. als Zugführer II im Dienstgrad Leutnant / Oberleutnant, Zugführer I im Dienstgrad Hauptmann (A11) sowie als Kompanieeinsatzoffizier bzw. stv. Kompaniechef im Dienstgrad Hauptmann (A12) möglich.

Zusammenfassung

Zusammenfassend stellte der General der Panzertruppen zu den "Lehren aus den Einsätzen" fest, dass eine Langfristprognose über die sicherheitspolitische Lageentwicklung in der Welt – aber auch schon in Europa – aufgrund der vielfältigen und zu unbeständigen Variablen der heutigen multipolaren Welt schwer sei. Die jüngste Geschichte mahne eindeutig zur Vorsicht. So hätten die Früherkennungssysteme für Krisen und die regionalen wie internationalen Bewältigungsmechanismen mehr als einmal versagt, wie u.a. die Beispiele Kuwait, den Balkan, Afghanistan aber auch in Afrika und im Nahen Osten zeigen. Grundsätzlich seien Staaten gut beraten Ihre Streitkräfte so aufzustellen, dass sie sich in jedem Einsatz und in jedem Einsatzgebiet gegenüber einem möglichen Gegner behaupten können. Damit einher gehe die immer mehr an Bedeutung gewinnende Forderung nach weltweit verlege- und einsatzfähigen Streitkräften.

Landstreitkräfte und insbesondere Kampftruppen müssten daher über ein breites Spektrum an Fähigkeiten verfügen, von leicht bewaffneten, aber geschützten Fahrzeugen, über Rad-, Schützen- bis hin zum Kampfpanzer. Die Einsatzszenarien seien zunehmend von Anforderungen des urbanen Einsatzes und von Asymmetrien der Gegner geprägt. Die Grenzen zwischen Zivilisten und Kombattanten würden dabei zusehend verschwimmen. Der potentielle Gegner halte sich immer weniger an das klassische Kriegsvölkerrecht oder an den Rules of Engagement (ROE). Dank moderner Kommunikationsmittel regional, national und / oder international vernetzt erscheine der Gegner heute und voraussichtlich auch morgen als Einzelkämpfer, als paramilitärische oder reguläre militärische Formation, aber auch als wütende, gewaltbereite Menschenmenge, inklusive Frauen und Kinder. Dies verlange neben breiten, flexibel einsetzbaren letalen wie nicht letalen Wirkmöglichkeiten auch die Anpassung der eigenen Taktik.

Klassische Vorgehensweisen seien häufig entweder mit eigenen Verlusten durch infanteristisch verzahnte Gefechte oder durch zivile Verluste, u.a. durch Artillerieeinsatz oder Luftnahunterstützung im bebauten Gebiet geprägt. Diese – eigene wie zivile Verluste – seien unter den heutigen Einsatzbedingungen inakzeptabel, da sie die Akzeptanz und damit den Missionserfolg sowohl in der Heimat als auch im Einsatzgebiet gefährden. Daher käme es darauf an, einerseits Verluste unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden und anderseits dem Schutz der eigenen Truppe besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Hierzu brauche die eigene Truppe auch in friedenserhaltenden Einsätzen ein Schutz-, Droh- und Eskalationspotenzial sowie eine enge Zusammenarbeit mit örtlichen Sicherheitskräften, auf die – wenn immer möglich – die Initiative und Hauptlast des Einsatzes verlagert werden sollte.

Jederzeit müsse dabei mit der Möglichkeit einer örtlich beschränkten, aber massiven Intensivierung des Konflikts gerechnet werden. Dem Einsatz von gemischten durchsetzungs- und durchhaltefähigen Task Forces oder Gefechtsverbänden käme unverändert auch unter diesen Rahmenbedingungen und im urbanen Raum besondere Bedeutung zu. Kampfpanzer, Schützenpanzer und Infanterie müssten unverändert zusammenwirken, sich gegenseitig ergänzen und zumindest bis auf Zugebene auch ersetzen können.

Letztendlich gehe es in den gegenwärtigen und wahrscheinlichen Stabilisierungseinsätzen darum, die eigene überlegende Feuerkraft und Führungsfähigkeit im weiteren Gefecht zum Tragen zu bringen sowie die inländischen Sicherheitskräfte zum wirkungsvollen Einsatz zu befähigen. Auch hierfür seien Schützen- wie Kampfpanzer hervorragend geeignet.

  • Abstandsfähigkeit
  • Punktzielbekämpfung bei minimalen Kollateralschäden
  • hohe endballistische Wirkung – auch gegen Feldbefestigungen und zivile Infrastruktur
  • hohe Geländegängigkeit
  • und nahezu uneingeschränkte Nachtkampffähigkeit
  • bei hoher Einsatzautonomie und vergleichsweise hoher Durchhaltefähigkeit in Bezug auf das Beherrschen von Raum, würden der eigenen Truppe – wie den inländischen Sicherheitskräften – einen hohen Gefechts- und Einsatzwert verschaffen

Der begleitende, unterstützende Einsatz von Kampfpanzern auch im urbanen Gebiet im Sinne einer "Präzisionsartillerie" werde voraussichtlich zunehmend die Regel werden, was auch in der Ausbildung und den Ausbildungsanlagen Berücksichtigung finden muss.

Insgesamt hätten sich Kampf- wie Schützenpanzer bei allen Einsätzen als eindeutige "force-multiplier" erwiesen, durch die die Kampfkraft der eigenen Truppen aber auch die der lokalen Sicherheitskräfte – nicht zuletzt auch im moralischen Sinne – deutlich gestärkt wird. Die moralische Stärkung bzw. Wirkung auf den Gegner scheine bei asymmetrischen Gefechten sogar noch deutlich höher, als im Kampf gegen einen ebenfalls mechanisierten Gegner. Elektronische Aufklärungsergebnisse aus Afghanistan hätten eindeutig bewiesen, dass durch das Vorhandensein von Panzern die Gegner in vielen Fällen von Operationen Abstand nahmen, da sie bereits im Vorfeld erkannt hätten, dass ein Vorgehen gegen diese zu unverhältnismäßig hohen eigenen Verlusten führen würde.

Die Wirkung von Kampf- und Schützenpanzern auf die Zivilbevölkerung müsse jedoch differenziert mitbetrachtet werden. Einerseits könnte sie als massives Bedrohungsmittel eines Besatzers, andererseits aber auch als Stabilitätsfaktor in der Region bewertet werden. In der Phase des "Kalten Krieges" sei die zahlenmäßige Überlegenheit des Warschauer Paktes mit technologischem Vorsprung und mit den Verfahren des Gefechtes der verbundenen Waffen kompensiert worden. Die großen Panzerflotten seien in allen westlichen Staaten zwischenzeitlich durch neuere / modernisierte – häufig modulare – Systeme in kleinerer Stückzahl ersetzt worden. Die Vollausstattung mit dem Hauptwaffensystem rücke dabei zugunsten der Flexibilität im Einsatz vermehrt in den Hintergrund.

Das klassische Gefecht der verbundenen Waffen sei zunehmend durch die Möglichkeiten der vernetzten Operationsführung im Sinne einer auf klarer Feindlage beruhenden und auf die beabsichtigten Effekte zielenden Operationsführung fortentwickelt worden. Der Teilhabemöglichkeit an umfassender Information und vielfältigen, abgestuften Wirkungsmöglichkeiten käme damit eine immer größere Bedeutung zu. Die Notwendigkeit der flächen-, bzw. flottendeckenden Abdeckung mit modernen digitalen und kompatiblen Führungs- und Einsatzmitteln könne und dürfe rüstungstechnisch – aber auch ausbildungstechnisch – nicht mehr relativiert oder gar negiert werden. Auf der Ebene des Einzelschützen bis hin zur Kompanie würde der individuelle Schutz mit ballistischer Körperpanzerung sowie der Einsatz von gepanzerten Fahrzeugen gegen Beschuss mit Infanteriewaffen und leichten Panzerabwehrwaffen zum Erfolgs- und Überlebensfaktor.

Andererseits gelte es bekannte Probleme im Zusammenhang mit dem Einsatz von Panzern zu berücksichtigen: So würden Größe und Gewicht verständlicherweise zu Einschränkungen im urbanen Umfeld und in Bezug auf die Infrastruktur des Einsatzraumes führen. Stichworte seien Straßenbreiten, Brückentragfähigkeiten, Ortsdurchfahrten. Hinzu käme, dass die Hauptwaffe des Kampfpanzers einen geringen Höhenrichtbereich und das lange Rohr in engen Straßenzügen – im wahrsten Sinne des Wortes häufig "im Wege" stehen würde. Vor diesem Hintergrund hätten sowohl Gewicht als auch Dimension von Fahrzeug und Bewaffnung sicherlich die Grenzen erreicht. Technologische Entwicklungen haben diese Faktoren, ebenso zu berücksichtigen, wie den angesichts des urbanen Einsatzszenarios erforderlichen Rundumschutz. Stichworte seien hier u.a. aktive Panzerung zur Abwehr von RPGund Hohlladungsgeschossen, geschützt zu bedienende letale wie nicht letale Waffenstationen, Videokameras für den Rundumblick bei Tag und Nacht, verstärkte Bodenpanzerung sowie ein reaktiver und aktiver Minenschutz.

Brigadegeneral Schütt schloss seinen zweiten Vortrag während des Symposiums mit einem optimistischen Ausblick:

"… Fest steht aber auch, dass Schutz und Mobilität entscheidende Faktoren zur Sicherstellung der Einsatzfähigkeit der eingesetzten Truppe bleiben. Unverändert gilt weiterhin auch, dass überlegende Feuerkraft und Führungsfähigkeit zur Herbeiführung des Einsatzerfolges unabdingbar ist. Insofern ist mir um die Bedeutung unserer Panzertruppen auch unter den operativen, wie taktischen Rahmenbedingungen des 21. Jahrhunderts nicht Bange!"

Gesellschaftsabend im Kasino Kornett

Die umfangreichen und detaillierten Vorträge boten nicht nur während den Vortragspausen genügend Anlass zur Diskussion und Gedankenaustausch, sondern auch während des Gesellschaftsabends im Kasino des Standortes Munster, dem Kasino Kornett, bei einem ausgezeichneten Abendessen in stilvollem Rahmen. Dieser Gesellschaftsabend setzt eine bewährte Tradition fort und ist durchaus auch als einer der Höhepunkte des Symposiums gepanzerte Kampftruppen anzusehen. Der Vorsitzende des Freundeskreises der Panzergrenadiertruppe, Generalmajor Walter Spindler, begrüßte die Gäste und nach einem Trinkspruch auf den Bundespräsidenten wurde das reichhaltige Büfett eröffnet. Lebhafte Gespräche und Diskussionen über die Vorträge des ersten Tages des Symposiums bestimmte die lockere Atmosphäre in stilvoller Umgebung bei einem exzellenten Abendessen, genauso wie die kameradschaftlichen Gespräche in wechselnden Runden.

Mit aller Berechtigung kann im Hinblick auf den Gesellschaftsabend festgestellt werden, dass dem Informations- und Erfahrungsaustausch – gerade über die Generationen hinweg – eine besondere Bedeutung zukommt. Sind doch die zahlreichen Gäste und deren Gespräche während des Abends ein eindeutiges Indiz für die langjährige innere Verbundenheit unter den Panzertruppen. Neben den aktuellen und zukünftigen Entwicklungen der gepanzerten Kampftruppen gab der Gesellschaftsabend auch genügend Freiraum für die Auffrischung von Erinnerungen und Rückblicke in vergangene Tage.

Urbane Operationen

Herausforderungen für die Ausbildung der Panzertruppen

Brigadegeneral Franz Pfrengle trägt vor zu urbanen Operationen
Brigadegeneral Franz Pfrengle trägt vor zu urbanen Operationen

Einer der Themenschwerpunkte des diesjährigen Symposiums waren die Vorträge zu "urbanen Operationen". Theoretische Betrachtungen und praktische Beispiele rundeten diese Thematik mit einem umfangreichen und anschaulichen Ausblick auf die Auswirkungen in Ausbildung und Lehre ab. In einem Dreiklang widmeten sich die Referenten – Brigadegeneral Franz Pfrengle, Abteilungsleiter II im Heeresamt, Oberst Artur Schwitalla, stellvertretender Kommandeur des Ausbildungszentrums Munster, und Oberstleutnant Peter Markowski, Leiter der Gruppe Grundlagen im Gefechtsübungszentrum des Heeres – dem Thema der urbanen Operationen und einem signifikanten Teil der ausbildungstechnischen Umsetzung.

Der Vortragsteil General Pfrengles wurde durch die Ausführungen von Oberst Schwitalla zu Ausbildung und Übungen im Schießübungszantrum Panzertruppen Munster unter Nutzung der Schießanlage Urbane Operationen in "Barbara-Dorf" ergänzt. Oberstleutnant Markowski zeigte auf, welche Ausbildungs- und Übungsmöglichkeiten künftig im urbanen Übungsraum "Schnöggersburg" im Gefechtsübungszentrum des Heeres bestehen werden.

Urbane Operationen

Brigadegeneral Franz Pfrengle, Abteilungsleiter II im Heeresamt, stieg in den Themenkomplex der urbanen Operationen ein. Er betrachtete die Rahmenbedingungen und taktischen Grundsätze für Operationen in urbanem Raum ebenso wie die ausbildungstechnischen Aspekte für gepanzerte Kampftruppen. In der Konzeption der Bundeswehr vom September 2007 wurde auf ministerieller Ebene festgelegt, dass die Bundeswehr mit Fähigkeiten auszustatten ist, die eine erfolgreiche Führung von Operationen im urbanen Umfeld ermöglichen. In der daraus resultierenden Teilkonzeption "Urbane Operationen" stellte der Generalinspekteur der Bundeswehr die Relevanz urbaner Operationen für alle Teilstreitkräfte fest, gab damit den konzeptionellen Rahmen vor und leitete Fähigkeitsforderungen ab.

Das Heeresamt erarbeitete danach – auf der Basis der Ergebnisse des CD&E Projekts "Urbane Operationen 2010" – die taktischen Grundlagen für urbane Operationen als Rahmen für die Truppengattungen und Ausbildungseinrichtungen. Bereits im Juni 2009 erließ der General der Infanterie eine Ausbildungshilfe zu infanteristischen Grundlagen für den Einsatz im urbanen Umfeld. Dem folgte das Ausbildungskonzept des Generals der Panzertruppen im Januar 2010 mit dem Ausbildungskonzept "Einsatz von Panzertruppen im urbanen Umfeld". Das wichtigste Grundlagendokument für die Ausbildung für den Einsatz im urbanen Umfeld ist das Ausbildungskonzept des Generals der Ausbildung vom 11. Februar 2010.

Rahmenbedingungen für Operationen im urbanen Umfeld

Seit Anfang unseres Jahrhunderts ist die Wachstumsrate der Stadtbevölkerung dreimal so hoch wie diejenige der Weltbevölkerung. Bis 2050 werden voraussichtlich zwei Drittel aller Menschen in Städten leben. Einigen Berechnungen zur Folge wird sich die Stadtbevölkerung in den Entwicklungsländern bis 2030 verdoppeln. Es wird dort ein unverminderter Zustrom in die Städte stattfinden, weil die junge Bevölkerung, die in diesen Ländern den größten Teil der Menschen umfasst, dort bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen erwarten – egal, ob sie objektiv vorhanden sind oder nicht. Die Anzahl der Menschen, die in sogenannten "Megastädten" mit mehr als 10 Mio. Einwohnern leben, wird sich bis 2030 noch weiter erhöhen.

Infrastrukturelle, ökonomische und soziale Probleme sind wahrscheinliche Folgen in urbanen Räumen einiger Entwicklungs- und Schwellenländer. Hinzu kommt, dass viele dieser Länder oft instabil sind und die meist nicht mit der Bevölkerungsentwicklung mithaltende wirtschaftliche Entwicklung die internen Probleme noch zusätzlich verschärft. Wenn es zu krisenhaften Entwicklungen kommt, die einen Einsatz militärischer Kräfte zur Krisen- und Konfliktbewältigung erfordern, ist zu berücksichtigen, dass in urbanen Zentren neben der ortsansässigen Bevölkerung andere Gruppen, wie z.B. Flüchtlinge, auftreten. Darüber hinaus sind staatliche, nicht-staatliche und internationale Organisationen genauso präsent wie Medien.

Ballungsgebiete sind auch geeignete Einsatzräume für asymmetrisch operierende Kräfte. Urbanen Räumen kommt insbesondere in dünn besiedelten Entwicklungsländern oder Landesteilen eine große Bedeutung zu. Dort befinden sich Schlüssel-Infrastruktur, Verkehrsknotenpunkte und wichtige Verkehrsanlagen, Industrie und Gewerbe, Umschlageinrichtungen und Kommunikationstechnik. Ballungsräume sind oft Zentren der regionalen Macht und Machtausübung. Der aktuelle Einsatz in Mali ist hierfür ein gutes Beispiel. Im Rahmen der dortigen Anfangsoperation der französischen und malischen Kräfte haben die Räume zwischen den bedeutenden Städten im Kampf gegen die islamischen Extremisten und Terroristen kaum eine Rolle gespielt.

Es ging zunächst darum, die urbanen Räume und die Schlüssel-Infrastruktur zu kontrollieren, bevor sich die gegnerischen Kräfte geordnet in den Städten festsetzen und über wichtige Infrastruktur verfügen konnte. Im Wesentlichen ging es darum,

  • die Verbindungslinien zwischen den Städten für rasche Bewegungen zu nutzen
  • dem Gegner die Nutzung durch den Einsatz von Luftstreitkräften zu verwehren
  • durch schnellen Zugriff auf Schlüsselobjekte – mit schnellen Kräften voraus – und Schlüsselinfrastruktur weitere Kampfhandlungen in den Städten möglichst zu vermeiden
  • und danach die Verantwortung für die Sicherheit im Raum möglichst schnell an die örtliche Armee oder Polizei zu übergeben

Ziel muss es immer sein, durch ein "zeitliches Überflügeln" des Gegners den Kampf im urbanen Raum zu vermeiden. Die Ausführungen des französischen Verbindungsoffiziers zur Offizierschule des Heeres und zum Ausbildungszentrum Munster, Lieutenant Colonel Feinte, zum Einsatz in Mali unterstrichen diese Aussagen in bestechender Weise. Mali ist sicherlich ein "Paradebeispiel" für den Erfolg von urbanen Operationen.

Jüngste Operationen in Mali
Jüngste Operationen in Mali
Lieutenant Colonel Feinte
Lieutenant Colonel Feinte

Andere Konflikte, wie z.B. der Einsatz im Irak, zeigen jedoch, dass um einzelne Objekte oder Abschnitte urbaner Räume auch erbittert gekämpft werden muss. Dennoch gestand Pfrengle in seinen Ausführungen ein: "… aber die Vorstellung, dass wir einen größeren urbanen Raum im Rahmen eines Einsatzes gegen einen gut organisierten und ausgerüsteten Gegner quasi Straße um Straße und Häuserblock um Häuserblock und unter Inkaufnahme erheblicher eigener Verluste vollständig freikämpfen werden, halte ich heute und in naher Zukunft für nicht realistisch…."

Und gerade um diese Arten von Kämpfen zu vermeiden, werden Panzertruppen benötigt, die in urbanen Räumen sowohl die Fähigkeit zum raschen Stoß auf Schlüsselobjekte unter Panzerschutz haben, als auch diese Objekte nehmen und zu zeitlich begrenzt sichern können. Dies stellt den Kernauftrag für Panzertruppen bei Operationen im urbanen Umfeld dar und dies wird der Schlüssel zum Erfolg in der Operationsführung sein. Diese Operationen können aber nur dann als abgeschlossen betrachtet werden, wenn es gelingt, die urbanen Räume auch zu halten, zu kontrollieren und zu verhindern, dass dort Extremisten einen Guerillakrieg führen können. Dies erfordert Kräfte in den Städten und Mittel zur Überwachung der möglichen Annäherungswege und -achsen.

Als Schlussfolgerung kann deshalb gezogen werden, dass in den Städten Panzertruppen nur dann dafür eingesetzt werden sollten, wenn keine anderen Kräfte verfügbar sind.

Taktische Grundsätze

Die Kontrolle eines urbanen Raumes wird aufgrund seiner Größe und Komplexität meist nicht in einem Zuge gelingen, es sei denn, es stehen ausreichend Kräfte zur Verfügung. Es wird deshalb notwendig sein, lageabhängig objektbezogen, indirekt oder abschnittsweise vorzugehen: Beim objektbezogenen Vorgehen werden Kräfte mit dem Ziel eingesetzt, Schlüsselobjekte oder -bereiche rasch in die eigene Hand zu bekommen und dem Gegner die Nutzung zu verwehren oder die Nutzung durch den Gegner zu beeinträchtigen. Der Besitz dieser Schlüsselobjekte oder -räume ist oft Voraussetzung für weitere Operationen in urbanen Räumen.

Panzertruppen eignen sich besonders für das objektbezogene Vorgehen, weil sie im schnellen Stoß durchsetzungs- und durchhaltefähig sind und über eine hohe Feuerkraft verfügen. Dies kommt insbesondere dann zum Tragen, wenn es gilt, im Zuge von Straßen rasch vorzustoßen. Wenn es nicht gelingt, durch objektbezogenes Vorgehen die Kontrolle über alle Teile eines urbanen Raums zu gewinnen, wird zu entscheiden sein, ob durch abschnittsweises oder indirektes Vorgehen die Kontrolle des Raumes sichergestellt werden kann. Abschnittsweises Vorgehen erfordert umfangreiche und mit zunehmendem Raum immer stärkere Kräfte. Es birgt auch die Gefahr erheblicher eigener Verluste, auch gegen schwachen Feind.

Beim indirekten Vorgehen wird zwar auf eine rasche Entscheidung zunächst verzichtet, da es zunächst eine Isolierung gegnerischer Kräfte durch rasche und vollständige Einschließung voraussetzt. Hier können die Stärken der Kampftruppe wieder genutzt werden. Indirektes Vorgehen kann auch bedeuten, dass zunächst eingeschlossen und dann objektbezogen die Operation weiter vorangetragen wird. Unabhängig vom Vorgehen gilt aber, dass die Panzertruppen in der Lage sein müssen, mit bereits im Raum befindlichen Aufklärungskräften und ggf. Spezialkräften sowie mit allen Elementen der streitkräftegemeinsamen taktischen Feuerunterstützung zusammenzuwirken. Damit gilt es vor allem für Panzertruppen selbst, dass die Träger des Gefechts die verstärkten Züge und Kompanien sind.

Ausbildung allgemein

Die Rahmenbedingungen urbaner Operationen und die taktischen Grundsätze sind die Leitlinie für die Ausbildung. Garanten für den Erfolg in urbanen Operationen sind – mehr noch in allen anderen möglichen Einsätzen – die Beherrschung der Grundlagen durch den einzelnen Soldaten und das Beherrschen des Zusammenwirkens der kleinen Kampfgemeinschaft und innerhalb der Teileinheit. Bei den Grundlagen kommt es darauf an, dass jeder Soldat über folgende Fähigkeiten verfügt:

  • Beherrschung der Handwaffen und persönlichen Ausrüstung, einschließlich der Ausrüstung "Infanterist der Zukunft"
  • reaktionsschnelles Schießen auf kurze und kürzeste Entfernung und auf rasch wechselnde Ziele
  • Bewegungen im Zuge von Straßen und innerhalb von Gebäuden bei Tag und bei eingeschränkter Sicht
  • sicheres Anwenden aller sanitätsdienstlichen Fertigkeiten als Ersthelfer A
  • hohe körperliche Leistungsfähigkeit und physische Robustheit
Taktische Grundsätze
Taktische Grundsätze

Pfrengle: "Ohne die Beherrschung dieser Fertigkeiten durch jeden einzelnen Soldaten einer Teileinheit - unabhängig von Dienstalter und Erfahrung - darf keine Teamausbildung beginnen. Der Kampf im urbanen Umfeld verzeiht keinen einzigen individuellen Fehler!

Das gilt ebenso in der Ausbildung, weil Fehler des einzelnen Soldaten im Rahmen der Teamausbildung selbst schon beim Zusammenwirken eines Trupps ein sofortiges Nachbessern erfordern." Aus Sicht General Pfrengles ist zur Erreichung dieser Ausbildungsziele des einzelnen Soldaten folgendes notwendig:

  • Beherrschung der STAN-Waffe so, dass Anschläge, schnelle Zielauffassung, Ladetätigkeiten und Störungsbeseitigung auch unter höchster körperlicher Beanspruchung beherrscht werden
  • Beherrschung mindestens einer weiteren Waffe aus der Teileinheit, um diese ggf. im Gefecht übernehmen zu können
  • Erfüllen aller Nahbereichsübungen gem. neuem Schießausbildungskonzept, drillmässiges Schießen mit der STAN-Waffe auf Gefechtsbahnen auf unterschiedliche Ziele in unterschiedlichen Entfernungen und Richtungen und mit unterschiedlichen Anschlägen mit Schwerpunkt zum schnellen und treffsicheren Schuss
  • Bewegungsdrill im Zuge von Parcours
  • Drill in der Sanitätsausbildung
  • Erreichen einer hohen Leistungsfähigkeit des gesamten Körpers im Bereich Kraft durch Crosstraining, im Bereich Schnelligkeit und Gewandtheit durch Hindernisparcours – auch in der Sporthalle – und im Bereich Ausdauer durch Intervalltraining mit der Betonung auf Tempohärte

Erst, wenn die Grundlagen von allen Soldaten beherrscht werden, kann mit der Ausbildung des Zusammenwirkens im Team begonnen werden. Hier kommt es darauf an, dass die Soldaten zunächst ihre Rolle in verschiedenen Lagen und das Verhalten in unterschiedlichen Situationen verstehen. Das kann mit den Schritten der Methode Kombinierte Führer- und Truppenausbildung (KoFTrA) erreicht werden. Dabei sind zunächst folgende Ausschnitte abgesessenen auszubilden. Ausbildung im Gruppenrahmen am Sandkasten. Es kommt darauf an, dass jeder Soldat seine Rolle im System Gruppe beim Einsatz in bebauten Gebieten versteht. Das am Sandkasten gelernte und auch gedrillte (Befehlsgebung!) wird im Rahmen einer Geländebegehung vertieft. Dabei kann eine Geländebegehung schon beim Einzelhaus beginnen. Danach werden Ausbildungsabschnitte Schritt für Schritt vorgemacht und durch die kleine Kampfgemeinschaft mit Ausrüstung und Manövermunition geübt. Schließlich wird ein gesamter Auftrag der Gruppe insgesamt mehrfach geübt.

Pfrengle betonte die Notwendigkeit der schrittweisen Ausbildung: "Nach diesem System werden unterschiedliche Ausschnitte des Kampfes im urbanen Umfeld ausgebildet. Wie bereits angesprochen, muss zunächst der abgesessene Einsatz sitzen, weil das spätere Üben von raschen Stößen unter Panzerschutz und des Wechsels der Kampfweise sonst keinen Sinn macht."

Ausbildung der Panzertruppen für Operationen in urbanem Umfeld

Nach der Ausbildung auf Gruppenebene hat der Zugführer die Gruppen im abgesessenen Einsatz in der Ausbildung in unterschiedlichen Aufträgen des Kampfes im urbanen Umfeld zusammenzuführen. Hier sind auch Joint Fire Support- Elemente, Zug- oder Gruppenführer der Pioniere und Aufklärung einzubinden. Wiederum sollte der KoFTrA-Ansatz gelten: System verstehen am Sandkasten, Vertiefung in der Geländebegehung, Üben von Ausschnitten und Üben von Gesamtabläufen. Erst, wenn die abgesessene Ausbildung sitzt, sind die Gefechtsfahrzeuge zu nutzen. Mit den Gefechtsfahrzeugen sind dann zunächst im Zugrahmen Aufträge auszubilden und zu üben, für die Panzertruppen bei urbanen Operationen besonders prädesiniert sind: Mit Schwerpunkt das objektbezogene Vorgehen unter Nutzung von Stoßkraft und Panzerschutz und in zweiter Priorität das indirekte Vorgehen. In dieser Phase ist auch das Zusammenwirken von Panzern und Panzergrenadieren sowie das Zusammenwirken mit Kampfunterstützung auszubilden und zu üben.

Der nächste Schritt ist die Zusammenführung der Ausbildung auf Kompanieebene. Wenn das Handwerk auf Ebene des verstärkten Zuges beherrscht wird, dann ist die Basis erreicht, die eine Einheit für die weitere Ausbildung auf Kompanieebene im Schießübungszentrum benötigt. Dort ist dann das Zusammenwirken der Teileinheiten der verstärkten Kompanie (Panzer, Panzergrenadiere, Jäger auf dem gepanzerten Transport-Kraftfahrzeug Boxer, Pioniere und Fire Support Team) auszubilden und im scharfen Schuss zu üben. Im Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Altmark werden die Streitkräfte nach der Fertigstellung der Ausbildungsanlage "urbaner Ballungsraum" Schnöggersburg eine Möglichkeit haben, den Einsatz einer Task Force im urbanen Umfeld zu üben. Es wird allerdings mit Üben allein nicht getan sein. Schon die zu den bisherigen Ausbildungs- bzw. Übungsstätten unterschiedliche Infrastruktur von Schnöggersburg wird es erfordern, mindestens auf Kompanieebene zunächst in Form verschiedener Parcours auszubilden, bevor auf Task Force- Ebene geübt wird.

An Brigadegeneral Pfrengles Vortrag schlossen sich die Ausführungen von Oberst Artur Schwitalla, dem stellvertretenden Kommandeur des Ausbildungszentrums Munster, an. Schwitalla stellte die konkrete Umsetzung der grundsätzlichen Überlegungen Pfrengles zur Ausbildung und der bisherigen "Lessons Learned" für die Ausbildung der Panzertruppen dar, die sich im Wesentlichen im weiteren Ausbau des Schießübungszentrums Urbane Operationen "Barbaradorf" auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord wiederfinden.

Ausbildung und Übung im Schießübungszentrum Munster

auf Ebene der verstärkten Kompanie der Panzertruppen in urbanen Operationen

Ausführungen zu den konzeptionellen Grundlagen und den Ausbaustufen des Schießübungszentrums Panzertruppen

Oberst Artur Schwitalla erläutert den Ausbau von Barbaradorf
Oberst Artur Schwitalla erläutert den Ausbau von Barbaradorf

Resultierend aus der Erkenntnis, dass das Nehmen und Halten urbaner Infrastruktur in bewaffneten Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen politisch und militärisch immer wichtiger werden, und der Panzertruppensoldat speziell für Aufträge in bebautem Gelände geschult sein muss, galt es, die Ausbildung der Panzertruppen dahingehend anzupassen.

Es war zwingend notwendig, entsprechende Ausbildungsanlagen zu schaffen. Bereits im Jahre 2008 forderte der damalige General der Panzertruppen auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord eine Schießanlage mit modularer Infrastruktur für den scharfen Schuss mit allen Waffensystemen der Panzertruppen bis hin zu 120 mm für die Zug- und Kompanieebene zu schaffen. Die konzeptionelle Forderung umfasste neben dem Einsatz von Panzertruppen auch

  • das Sprengen von Breschen und Räumen von Barrikaden
  • den Einsatz von Joint Fire Support
  • dem Einsatz von Close Combat Attack durch Einsatz von Kampfhubschraubern der Heeresfliegertruppe
  • und den Einsatz von Sanitätern und anderen Einsatzunterstützungskräfte,

so dass Zugführer und Kompaniechefs in Joint und Combined Szenarien ausgebildet und gefordert werden können. Die ursprüngliche Absicht zum Ausbau mit Eigenmitteln konnte zunächst aufgrund des Gesamtvolumens für Infrastruktur und modernen Zielbau nicht weiter verfolgt werden. Die daraufhin erstellte militärische Bedarfsforderung wurde vor wenigen Wochen in drei Bauabschnitten genehmigt und die Umsetzung in konkrete Baumaßnahmen lief im März 2013 an.

Seit Mitte des Jahres 2012 hat sich Ausbaustufe um etwa 20% vergrößert, d.h. an die bereits existierende Übungsanlage Barbaradorf sind weitere 170 handelsübliche Seecontainer angebaut worden. Dadurch wird ein hochflexibeler Ausbau und Struktur gewährleistet, bei dem auch mit geringem Vorlauf auf Forderungen der Übungstruppe eingegangen werden kann. Weiterhin haben Schieß-Erprobungen gezeigt, dass sich die Seecontainer gut eignen, um Schießgassen bis zu einem Kaliber von 120 mm zu schaffen. Der ergänzende Ausbau wird mit sogenannten "3D-Häusern" aus Holz oder Fertigteil-Betonhäusern gestaltet, z.B. für Scharfschützenstellungen. Holzverschläge runden das Gesamtbild ab. Die Holzpalisaden verleihen der abstrakten Containerlandschaft urbanen Charakter und ermöglichen, den abgesessenen Kampf in Hinterhöfen und Compounds auszubilden. Um den abgesessenen Kampf durch die Hinterhöfe zu ermöglichen und gleichzeitig eine realistische Kulisse zu schaffen, wurden mehrere Container mit Fenster- und Türöffnungen versehen. Aufgemalte Fenster und Türen verstärken den urbanen Charakter.

Auch das Einbringen von Umzäunungen, Straßengräben und Übergängen verstärkt ein realitätsnahes Szenario und stellt gleichzeitig die Übungstruppe vor Herausforderungen, da so Bewegungen kanalisiert werden bzw. Hindernisse überwunden werden müssen. Nach Abschluss des Ausbaus sind fünf Ausbildungsbereiche – miteinander kombiniert oder getrennt von einander – nutzbar. In drei Bereichen werden unterschiedliche urbane Strukturen dargestellt: Altstadtabschnitte mit verdichteter Infrastruktur / Objekten, Hinterhöfe / Compounds, langgestreckte, hohe Häuserzeilen mit kanalisierender Wirkung.

Das Schießübungszentrum Panzertruppen wird in folgenden Stufen weiter ausgebaut

Nutzungsmöglichkeiten
Nutzungsmöglichkeiten

Im Norden der bereits bestehenden, ehemaligen Übungsanlage Barbaradorf werden in der Ausbaustufe 1 zu den bereits vorhanden 170 Containern weitere 88 ein- und zweistöckige Container verbaut. Das bereits vorhandene Wegenetz wird so verstärkt, dass der Fahrbahnuntergrund nach vorhergehender Tiefenberäumung befestigt wird und alle relevanten Straßenkreuzungen mit Wendeplatten versehen werden. Parallel dazu erfolgt ebenso der Ausbau des Stromnetzes. Die Kosten für die Ausbaustufe 1 belaufen sich auf ca. 1,6 Millionen Euro.

Die Ausbaustufe 2 entsteht am nordwestlichen Rand von Barbaradorf. Hier werden weitere 146 Container zweistöckig und dreistöckig verbaut. Darüber hinaus entsteht hier eine Ausbildungsanlage für den abgesessenen Kampf. Die Kosten belaufen sich auf ca. 870.000 Euro. Mit der Ausbaustufe 3 erfolgt die letzte Ausbaustufe mit weiteren 200 Containern in fast ausschließlich zweistöckiger Bauweise. Kostenumfang ca. 1 Mio Euro. Außerdem ist die Beschaffung von 150 Scheibenzuganlagen modernster Art im Gesamtwert von 800.000 Euro eingeleitet. Sie bestehen aus Panzer-, LKW- und Infanteriezielen. Diese funkgesteuerten Anlagen ermöglichen einen schnell verladbaren und flexibel veränderbaren Zielbau. Die Anlagen werden mit einem Personal Digital Assistant (PDA - kleiner tragbarer Computer) durch den Leitenden bedient und das Trefferbild durch ihn sofort ausgewertet.

Ausbildungs- und Übungsmöglichkeiten im zukünftigen Schießübungszentrums Panzertruppen

In der gemeinsamen Vorschrift für Panzer- und Panzergrenadierbataillone, der HDv 220/100, ist in jeder Operationsart (Angriff, Verteidigung, Verzögerung, Stabilisierungsoperationen) der Kampf in bebautem Gebiet extra ausgeworfen. Und im gesonderten Kapitel 16 werden darüber hinaus die Einsatzgrundsätze der Panzertruppen bei Operationen in urbanem Umfeld beschrieben. Als Basis für die Ausbildung hat das Ausbildungszentrum Munster die Ausbildungshilfe "Der verstärkte Zug der Panzertruppen bei Operationen im urbanem Umfeld" entwickelt. Sie ist ein erstes Ergebnis, um die in der Vorschrift genannten Einsatzgrundsätze und –verfahren für den Kampf in bebautem Gelände umzusetzen. Sie muss ständig und unter Berücksichtigung der Erfahrungen aus den Einsätzen fortgeschrieben werden.

Die Schießanlage Urbane Operationen Panzertruppen kann für die Ausbildung in zwei Formen genutzt werden: In der lehrgangsgebundenen Ausbildung des Führernachwuchses. Ab Ende 2013 verlässt kein Kommandant, kein Zugführer und kein Kompaniechef mehr den Verwendungslehrgang, ohne nicht auch im urbanen Umfeld ausgebildet worden zu sein sowie im Rahmen der einsatzvorbereitenden Ausbildung unter Leitung des Schießübungszentrums Panzertruppen.

Die Schießanlage kann bis auf Weiteres NICHT wie eine normale Schießbahn für einen Truppenübungsplatz-Aufenthalt von einem Verband angefordert werden. Derzeit ist nur das Personal des Schießübungszentrums Panzertruppen und der Ausbildungsbereiche I und II in der Lage, derart komplexe Schießen im 360°-Bereich anzulegen und zu leiten. Als Ergebnis mehrerer Erprobungsschießen konnten die Mindestzielentfernungen für das Schießen in der Schießanlage Panzertruppen je nach Munitionssorte erheblich reduziert werden. Dies ermöglicht nun Kampfund Schützenpanzern, den Feuerkampf mit der Bordkanone und Bordmaschinenkanone auch auf kürzeste Entfernung zu führen. Die Mindestzielentfernungen für Handwaffenmunition liegen je nach Waffe und Munitionsart zwischen 10 und 50 m.

Zusammenfassung:

Die weiteren Ausbaustufen des Schießübungszentrums sind genehmigt und finanziell hinterlegt. Nach der Fertigstellung werden ungefähr 600 Container verbaut sein und die Anlage wird eine Ausdehnung von ca. 700 x 800 m haben. Der Ausbau wird durch eine ständige Arbeitsgruppe bestehend aus Vertretern der Truppenübungsplatzkommandantur, des Ausbildungszentrums Panzertruppen, des Schießübungszentrums und des Bundeswehr Dienstleistungszentrums begleitet.

Alleinstellungsmerkmal
Alleinstellungsmerkmal

Schwitalla: "… wir wollen also Ende des Jahres [2013] fertig sein. Wir sind auf einem guten Wege, in diesem Jahr eine Schießanlage zu bauen, die folgende Vorzüge, ja Alleinstellungsmerkmale besitzt: …." siehe Bild unten.

Schwitalla: "Sie [die Schießanlage Urbane Operationen Panzertruppen] ist europaweit einmalig!! Und sie erfreut sich großen nationalen und internationalen Interesses, sei es, um etwas Vergleichbares zu bauen (wie z.B. Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Kasachstan) oder Barbara-Dorf mit nutzen zu wollen wie Großbritannien oder Österreich."

Ausbildung und Übung

im Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Ausbildungsanlage Urbaner Ballungsraum „Schnöggersburg“

Oberstleutnant Peter Markowski
Oberstleutnant Peter Markowski

Die Ausführungen von Oberst Schwitalla zu Ausbildung und Übung gepanzerter Kampftruppen in urbanen Operationen wurden abschließend abgerundet durch den Vortrag des Leiters der Gruppe Grundlagen im Gefechtsübungszentrum des Heeres, Oberstleutnant Peter Markowski, der einen umfassenden Überblick zum derzeitigen Sachstand zum Ausbau der künftigen Übungsanlage Urbaner Ballungsraum "Schöggersburg" bot. Markowski leitete den Vortrag damit ein, dass er das Auditorium über die Herkunft des Namens "Schnöggersburg" aufklärte: Die künftige Ausbildungsanlage wird nach einer bis in die 1930er Jahren bewohnte, dann abgesiedelte Ortsstelle benannt, die als Wüstung heute auf dem Truppenübungsplatz Altmark liegt. Durch die Benennung wird die enge Verbundenheit des Gefechtsübungszentrums mit der Region ausgedrückt.

Grundlagen

Im Jahr 2008 hat das Gefechtsübungszentrum des Heeres den Auftrag erhalten, eine infrastrukturelle Bedarfsforderung zu Erstellung einer Ausbildungsanlage "Urbaner Ballungsraum" zu erstellen. Im Jahr 2009 wurde die Bedarfsforderung ministeriell gebilligt. Die konzeptionelle Herleitung ist aus den politischen Vorgaben der Grundlagendokumente abgeleitet. Im Wesentlichen sind das die allgemein bekannten Richtlinien, Weisungen und Konzeptionen zur Ausplanung der Bundeswehr, bzw. des Heeres.

Zweck des Projektes

Der Zweck der Ausbildungsanlage "Urbaner Ballungsraum" gewährleistet die Befähigung des Gefechtsübungszentrums des Heeres zum Beüben von Verbänden / Task Forces in der Führung von Operationen im urbanen Umfeld im gesamten Aufgabenspektrum. Grundlage hierfür ist die "Weisung zur Weiterentwicklung GefÜbZH" (FüH I 3 vom 01.07.2008) Das "System Gefechtsübungszentrums des Heeres" ist derzeit noch nicht befähigt, einen verstärkten Einsatzverband / Task Force bzw. ein Bataillon geschlossen im Rahmen von Operationen im urbanen Umfeld im gesamten Intensitätsspektrum streitkräftegemeinsam und multinational – integriert in die Durchführung des jeweiligen Einsatzauftrages – exemplarisch beüben zu können.

Umsetzung des Projekts: Organisatorisch – infrastrukturell – ausrüstungstechnisch

Ausdehnung, Bebauungsarten und -formen der Ausbildungsanlage "Urbaner Ballungsraum" werden so gestaltet, dass ein verstärkter Einsatzverband geschlossen die Führung einer Operation im urbanen Umfeld beispielhaft üben kann und die daran beteiligten Kräfte ihre Fähigkeiten unter Einsatzbedingungen, lage- und auftragsgerecht, einbringen können. Künftige Übungen werden mit mechanisierten Gefechtsfahrzeugen sowie den Einsatz aller Kräfte und Mittel im Rahmen einer teilstreitkraftübergreifenden Operation verbundener Kräfte in unterschiedliche einsatznahen Szenarien und Lagen ermöglicht werden.

So muss die Ausbildungsanlage eine räumliche Ausdehnung haben, die einen Gefechtsverband / Einsatzverband aufnehmen kann, die Operationen hoher Intensität (z.B. Operationen verbundener Kräfte), mittlerer Intensität (z.B. Zugriffsoperationen) und Operationen niedriger Intensität (z.B. humanitäre Hilfeleistungen) gleichzeitig zulässt. Die zu schaffende Übungs-Infrastruktur soll wie im realen Einsatz in urbanen Ballungsräumen die Verbindung, Sicht, Waffenwirkung und Beweglichkeit durch Größe, Höhe, Ausdehnung und Unübersichtlichkeit der Bebauung einschränken.

Schnöggersburg wird daher im Endausbau über verschiedene Bebauungstypen (z.B. Stadtteilbebauung, Mauern, Hecken / Stadtwald, Zäune) mit einer Gesamtfläche von sechs Quadratkilometern und 520 Gebäuden (504 Steinbauten u. 16 Holzbauten) verfügen. Um den Einsatz in ober- und unterirdischer Bebauung darzustellen, ist auch Infrastruktur unterhalb der Oberfläche (z.B. Tunnel, Kanalisation und Keller mit mehreren Zugängen) sowie oberhalb der Oberfläche auf Gebäuden und Gebäudekomplexen vorgesehen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf ca. 100 Mio Euro, die finanziell hinterlegt sind.

Die Infrastruktur muss wie folgt gekennzeichnet sein:

Struktur einer realistischen Bauweise in Massivbau, eine den realen Gegebenheiten von städtischen Klein- und Mittelzentren entsprechende Anzahl von verschiedenen Gebäudetypen aufweisen, unterschiedliche Bebauungsarten, Bewegungen müssen eingeschränkt und im wesentlichen auf Straßen kanalisiert werden, die Annäherung muss aus verschiedenen Richtungen (360 Grad) möglich sein und zu einem engen Kontakt mit der Bevölkerung zwingt;

Folgende Bebauungstypen sind vorgesehen:

  • Altstadt mit einem historischen Stadtkern (enge Bebauung, für gepanzerte Fahrzeuge nicht befahrbar)
  • Neustadt als modernes Stadtviertel
  • Vorstadt mit Reihenhaussiedlung und Einzelhäusern
  • Neubaugebiet mit Hochhaussiedlung im "Metropolcharakter"
  • Industriegebiet
  • Elendsviertel
  • Flugplatz mit Behelfslandebahn 1750m x 50m (z.B. für Initial-Entryoder Evakuierungsoperationen)
  • Hafen- und Bahnanlagen
  • zerstörte Infrastruktur (Trümmerfeld)

Die Fertigstellung der Ausbildungsanlage soll bis zum Jahr 2020 in vier Bauabschnitten erfolgen: Bauabschnitt 0 – "Verkehrsinfrastruktur" Bauabschnitt I – "Altstadt / Teile Neustadt" (Nutzung ab 2017) Bauabschnitt II – "Industriegebiet" Bauabschnitt III "Neustadt" Bauabschnitt IV – "Vorstadt" Die Behelfslandebahn ermöglicht Evakuierungs- und Initial-Entry- Operations

Um einen Ausbildungsbetrieb effizient zu gestalten, bedarf es einer technischen Ausstattung, die eine entsprechende Simulation reproduzierbar und nachvollziehbar als Grundlage für eine Auswertung verfügbar macht. Beispielsweise muss u.a. auch die Darstellung der Waffenwirkung auf und in Gebäuden, an Fahrzeugen und Personen dargestellt und auswertbar gemacht werden. Diese technische Ausstattung wird ergänzt durch das "Mobile Auswertesystem infanteristischer Einsatz" (MASIE), das ab 2016 / 2017 verfügbar sein wird. Dieses System wird ergänzt durch 50 Auswertesätze für Gebäude, die eine 3-D-Lagedarstellung in der Leitungszentrale genauso ermöglichen wie die Positionserfassung innerhalb und außerhalb von Gebäuden. Zur Simulation erhalten Gebäude ein Verwundbarkeitsmuster, um die Wirkung von direktem und indirektem Feuer zu zeigen. Eher gewöhnlich wirken die dennoch notwendigen Möglichkeiten der Videoaufzeichnungen innerhalb und außerhalb von Gebäuden.

Umgang mit Verwundung und Tod

Panzergrenadierbataillon 112

Oberstleutnant Heiko Diehl
Oberstleutnant Heiko Diehl

Dass das Symposium nicht nur die erfreulichen Seiten von Einsatz, Ausbildung, Entwicklungen für die Zukunft und Technik zum Thema hatte, zeigte der Vortrag des Kommandeurs des Panzergrenadierbataillons 112 aus Regen, Oberstleutnant Heiko Diehl, und seines Kompaniechefs, Hauptmann Marcel Gatsche, die die Erfahrungen des Bataillons im Umgang Tod und Verwundung greifbar machten. Das Bataillon verlor am 18. Februar 2011 in Afghanistan drei seiner Soldaten durch einen "Insider Attack". s. Bild unten. Der einerseits sehr emotional-ernste und zum Nachdenken anregende Vortrag, der die Herausforderungen deutlich machte, denen sich die Bataillonsangehörigen ausgesetzt sahen, zeigte andererseits jedoch auch die hoffnungsvollen und effektiven Unterstützungsmöglichkeiten und unglaubliche Hilfsbereitschaft auf, die den betroffenen Soldaten und Familienangehörigen zuteil wurde. Diehl und Gatsche sehen ihren Beitrag für das Symposium als einen Vortrag, der die Erfahrungen der Soldaten des Verbandes weitergeben soll. Es sollte deutlich vor Augen geführt werden, was ein Bataillon im Zuge solcher Ereignisse erfahren und bewältigen muss. Diehl – zum Zeitpunkt des Anschlags zwar in Afghanistan eingesetzt, aber noch nicht Funktion als Bataillonskommandeur, schilderte seine Erfahrungen aus seinem Erleben, Gatsche war zum Zeitpunkt des Anschlags im Standort Regen und kann deshalb aus erster Hand seine Eindrücke aus dem Standort schildern.

Die Ereignisse in Afghanistan

Teile des Panzergrenadierbataillons 112 bildeten ein Ausbildungs- und Schutzbataillon des Regionalkommando Nord im Raum Kunduz / Afghanistan. Ein Zug des Verbandes war von September 2010 bis März 2011 einem Außenposten südlich Kunduz, dem sogenannten "OP North" eingesetzt. Einem Außenposten, der zur Überwachung eines der wichtigsten strategischen Punkte, dem Highway-Triangle im Bereich Baghlan, eingerichtet worden war. Nach monatelangem Kämpfen und offensiv geführten Operationen im Kunduz – Baghlan – Korridor hatten die Aufständischen an Schlagkräftigkeit deutlich verloren und ihre volle Leistungsfähigkeit eingebüßt. Nach zahlreichen Offensivoperationen konnten die ISAF-Kräfte die Handlungsfähigkeit im Regionalkommando Nord wiedergewinnen.

Die Kräfte des Ausbildungs- und Schutzbataillons im OP North hatten gerade die Operation Jadid erfolgreich abgeschlossen. Diese Operation war eine der ersten großen Operationen mit an die 1000 Soldaten, bestehend aus ISAF- und afghanischen Sicherheitskräften. Die komplette Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung wurde gemeinsam bestritten, es war ein permanentes Miteinander. Auch lebten deutsche und afghanische Soldaten Seite an Seite innerhalb des OP North. Die deutschen Soldaten haben erfolgreich mit den Afghanen zusammen gekämpft, so dass der gegenseitige Umgang von Vertrauen geprägt war. Am 18. Februar 2011 war die Operation abgeschlossen. Ein Panzergrenadierzug führte innerhalb des OP North technischen Dienst durch, Panzergrenadiere arbeiteten an der Kette eines Schützenpanzers Marder. Ein afghanischer Soldat, der zuvor mit in die gemeinsame Operation und Ausbildung eingebunden war, war in der Wachablösung und eröffnete völlig unerwartet das Feuer auf die deutschen Soldaten. Ein Soldat wurde sofort getötet und acht weitere Soldaten schwer verletzt. Ein deutscher Soldat tötete den Angreifer mit seiner Pistole. Bilder des Anschlags gingen um die Welt.

Die verwundeten Soldaten wurden mit Hilfe amerikanischer Hubschrauber in Lazarette evakuiert, wo jedoch zwei der Verwundeten ihren schweren Verletzungen erlagen. Tagelang wurde um das Leben der noch verwundeten Soldaten in den Lazaretten gerungen. Es folgten die Trauerfeierlichkeiten im Regionalkommando Nord und Verabschiedung der Einsatzsoldaten von ihren drei gefallenen Kameraden. Die Soldaten des betroffenen Zuges waren stark demoralisiert und verlegten mit Masse in die Heimat zurück. Aufgrund der Tatsache, dass nahezu alle Richtschützen und Kraftfahrer des Zuges ausgefallen waren, war der Zug nicht mehr einsatzbereit.

Der Anschlag vom 18. Februar
Der Anschlag vom 18. Februar

Die Ereignisse in Regen

Hauptmann Gatsche berichtete im Anschluss an den Vortrag von Oberstleutnant Diehl über die Ereignisse im Standort Regen. Die Informationen über den Anschlag trafen am Freitag, den 18. Februar kurz vor Mittag im Panzergrenadierbataillon 112 in Regen ein. Der damalige Kommandeur – ebenfalls im Einsatz in Afghanistan und unmittelbar betroffen von diesem Anschlag – informierte den Verband. Bereits ab Mittag berichteten sämtliche Medien über die Ereignisse und die Gefallenen bzw. Verwundeten aus Regen. Anrufe von besorgten Angehörigen und Medienvertretern waren die Folge. Zeitgleich machten sich drei Teams mit Bataillonsangehörigen auf den Weg zu den Angehörigen, um die schlimmen Nachrichten vom Tod oder der Schwerstverwundung zu überbringen.

Am frühen Nachmittag wurde das Bataillon alarmiert und für den Folgetag, Samstag, den 19. Februar, zum Dienst befohlen. Am frühen Abend regelte ein Krisenstab des Bataillons die weitere Betreuung der Hinterbliebenen. Teilweise wurden die Familien pressefachlich abgeschirmt, da das Medieninteresse überhand nahm. Der Pressestabsoffizier der Division traf zur Unterstützung des Bataillons in Regen ein und übernahm die Informationsarbeit. Am Samstag, den 19. Februar fand in der Kaserne in Regen ein Bataillonsappell statt, um die Soldaten über die Ereignisse zu informieren und den Gefallenen zu Gedenken. An diesem Tag erhielt das Bataillon auch Unterstützung aus dem Brigadestab durch Psychologen.

Vier Tage nach dem Anschlag wurden die Gefallenen nach Deutschland überführt. Die Familien der gefallenen Soldaten reisten in Begleitung ihrer Betreuer an den Flughafen nach Nürnberg an und im Laufe des Tages wurden das militärische Zeremoniell, eine Andacht in der Flughafenkapelle und eine Familienzusammenführung im Kongreßzentrum des Flughafens durchgeführt. Die Familienzusammenführung, bei der sich alle hinterbliebenen Familien trafen und miteinander austauschen konnten, war der Anfang einer tiefgreifenden Verbundenheit der Angehörigen untereinander sowie der Beginn eines bemerkenswerten Engagements für alle Hinterbliebenen von Soldaten, die mittlerweile bis in das Bundesministerium der Verteidigung hineinreicht. Am Freitag, den 25. Februar 2011, fand unter großem Medieninteresse die zentrale Gedenkfeier in der Kirche des Standortes Regen statt.

Unmittelbar vor der Gedenkfeier sprachen die Bundeskanzlerin und der Verteidigungsminister mit den Angehörigen der gefallenen Soldaten. Die Stadtkirche von Regen war über Nacht für die Bedürfnisse der offiziellen Trauerfeier vorbereitet worden. Die Angehörigen des Bataillons, Abordnungen weiterer Verbände und die breite Öffentlichkeit konnte die zentrale Gedenkfeier auf dem Stadtplatz von Regen über große Videoleinwände verfolgen, da es in der die Kirche keinen Platz mehr gab. Der Stadtplatz in Regen war überfüllt mit Soldaten und zivilen Trauergästen An den folgenden Tagen nach der offiziellen Gedenkfeier fanden in den Heimatorten der Gefallenen die Beerdigungen mit militärischen Ehren statt. Auch hierbei war die Anteilnahme der Bevölkerung sehr groß. Mit der Beisetzung am Heimatort endete offiziell die Betreuung der Familie durch das Bataillon und durch die Betreuungsoffiziere.

Gatsche: "Für das Bataillon und seine Soldaten sind die Ereignisse des 18. Februar 2011 natürlich sehr prägend und werden es auch bleiben. Aber man muss feststellen, jetzt auch vielleicht im Rückblick, es sind nicht nur negative Erfahrung gemacht worden, sondern wir haben auch sehr viele positive Dinge auf den Weg gebracht."

Der derzeitige Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 112 setzte die Ausführungen weiter fort: "Mit der Beisetzung am Heimatort endete unsere Verantwortung für die Angehörigen der Gefallenen nicht, wir fanden eine neue Aufgabe; auch die Begleitoffiziere verließen nicht gleich an diesem Tag die Familien, sondern waren noch mehrere Tage dort. Die Begleitoffiziere waren immer auf 'Stand-By', um sofort dann unterstützen zu können, wo es notwendig wurde."

Das Engagement des Panzergrenadierbataillons 112

Die Fürsorge für die Hinterbliebenen und die Genesung der Verwundeten war im Bataillon nun der absolute Schwerpunkt. Es wurde versucht, einen gewissen Alltag zurückzugewinnen. Oberstleutnant Diehl hat nach Übernahme des Bataillons auch die Verantwortung für das "Kümmern" um die Hinterbliebenen und Verwundeten übernommen. Diese Aufgabe war und ist bis heute nicht abgeschlossen, da auch die Betreuung und Fürsorge für die Verwundeten, die sich teilweise noch im Verband befinden, weitergehen, koordiniert und weiter voran getrieben werden muss.

Wie konnten die Hinterbliebenen unterstützt werden, was kann für eine gegenseitige Bewältigung der Trauer gemacht werden? Dafür gibt es keine Vorschrift oder eine Ausbildung, nicht für die Kompaniechefs, die Bataillonskommandeure und auch nicht für die Kompaniefeldwebel, die es unmittelbar mit den Angehörigen der Gefallenen oder Verwundeten zu tun hatten. Dennoch hat das Panzergrenadierbataillon 112 einen Weg gefunden, die Angehörigen zu einer Gemeinschaft zusammenzubringen. Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der Trauer waren die Angehörigen offen für alle Bemühungen.

Diehl: "Sie haben unsere Hilfe, unsere Hand angenommen und das ist bis zum heutigen Tage so, die Gemeinschaft der Angehörigen wird größer und nicht kleiner. Das zeigt uns dass wir die richtigen Schritte gemacht haben. Wir haben uns in regelmäßigen Abständen getroffen, gemeinsam getrauert. Die Trauer wechselt mehr und mehr zum Gedenken, wobei der Schmerz unverändert geblieben ist." In Abstimmung mit dem Einsatzführungskommando wurde eine Reise an den Anschlagsort in Afghanistan organisiert, da einzelne Angehörige schon sehr früh diesen Wunsch äußerten. Eine zweite Reise wird in Kürze folgen.

Das Bataillon hat zusammen mit der Panzerbrigade 12 aus Amberg ein Netzwerk der Hilfe gegründet.

Dabei wurden alle Fürsorgeelemente der Bundeswehr zu einem Netzwerk zusammen gebracht. Die Mittlerfunktion des Bataillons wechselte vom betreffenden Kompaniefeldwebel zu einer nun dauerhaft eingerichteten Familienbetreuungsstelle in Regen, um die Verbindungen zu halten und den Hinterbliebenen einen nachhaltigen Rückhalt und weiterführende Hilfe bieten zu können. Auf jeden Fall muss auch Erwähnung finden, dass viele "informelle" Bemühungen des Bataillons zusätzlich zu den Maßnahmen kamen, die die Bundeswehr bzw. die Bundesrepublik Deutschland für die Hinterbliebenen leistet. Verwaltungstechnische Angelegenheiten wurden relativ schnell erledigt, für die Verwundeten hat sich diesbezüglich Vieles zum Guten gewendet. Dennoch stellte Oberstleutnant Diehl fest, dass er

"…. noch nicht genau sagen [kann] wie viele Verwundete wir tatsächlich nach dem Einsatz haben, da ich hier nicht nur von den Verwundeten am Körper erwähne, sondern wir auch die Verwundeten am Geist berücksichtigen müssen."

Diese Verwundungen treten zum Teil erst später auf, weil unterschiedliche Erfahrungen noch nicht verarbeitet worden sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Kameraden dauerhaft ausfallen. Diese Verwundung müssen genauso ernst genommen werden wie die körperlichen Verletzungen. Aufgrund der Komplexität kann die Verantwortung, auf solche Umstände acht zu geben, nicht auf den Schultern eines Einzelnen ruhen. Das Bataillon hat sogenannte "Lotsen" ausgebildet, die dem Kompaniechef, dem Kompaniefeldwebel und den Bataillonskommandeur helfen, diese Verantwortung wahrzunehmen: "….Alleine schaffen Sie dies alles nicht, da allein die rechtlichen Grundlagen, die es zu beachten gilt, aber auch die eigenen Handlungsoptionen, so umfangreich sind, dass es ohne Unterstützung nicht möglich ist, diese Aufgaben wirklich richtig wahrzunehmen", so Diehl.

Sechs Verwundeten des 18. Februar 2011 wurde auf Grundlage des Einsatzweiterverwendungsgesetzes der Bundeswehr die Möglichkeit geboten, sich wieder relativ schnell in den soldatischen Alltag und das zivile Umfeld hineinzubringen. Ein schwer verwundeter Soldat ist wieder bedingt dienstfähig. Sein größter Wunsch war es, der Bundeswehr erhalten zu bleiben und Berufsoldat zu werden. Dieser Soldat wird nun Berufssoldat und das Bataillon konnte ihm eine langfristige Perspektive am Standort bieten, ein weiterer Soldat hat sich nach Genesung von seiner Verwundung durch Sport nach vorne gebracht. Er wurde in die Feldwebellaufbahn eingesteuert und ist mittlerweile einer der Spitzensportler in einer Sportfördergruppe der Bundeswehr, ein anderer Soldat, der am 18. Februar 2011 Verwundungen erlitten hat, war auf eigenen Wunsch schon wieder im Einsatz.

Dieser Einsatz hat ihm geholfen, seine nicht sichtbaren Verwundung besser verarbeiten können. Es war für ihn der richtige Weg damit abzuschließen. Drei weitere Soldaten planen ihren Einstieg in das zivile Leben und werden dabei vom Bataillon unterstützt, zwei werden eine Lehre beginnen – so wie sie es sich gewünscht hatten –, einer hat sich beruflich selbstständig gemacht und steht auf eigenen Beinen. Dennoch - bei allen positiven Entwicklungen hielt Diehl fest: "Es ist nicht alles gut, seelisch geht es nicht allen gut, der eine oder andere hat immer noch sehr unter seinen körperlichen Beeinträchtigungen zu leiden."

Koordination der Hilfe ist notwendig!

Wie hat der 18. Februar das Bataillon verändert?
Wie hat der 18. Februar das Bataillon verändert?

Diehl verwies in seinem weiteren Vortrag darauf, dass es dringend geboten war, die unterschiedlichen Hilfsangebote zu koordinieren. Als außerordentlich wichtig und hilfreich erachtet der Kommandeur die tiefe Verwurzelung des Bataillons in der Region, dem Bayerischen Wald, die auch bereits schon vor den Ereignissen des 18. Februar 2011 sehr ausgeprägt war. Es war unwahrscheinlich schwierig, die Hilfsangebote und die anteilige Solidarität in richtige Bahnen zu lenken. Viele Helfer wollten mehr oder weniger direkt an die Angehörigen der gefallenen oder verwundeten Soldaten herantreten und ihnen im wahrsten Sinne des Wortes Geld in die Hand drücken, Spendenschecks waren keine Seltenheit.

Daher war es der richtige Schritt, Fördervereine zu gründen. Die Fördervereine "18. Februar" und "Brücke 112" wurden ins Leben gerufen, um die Hilfsangebote koordinieren und auch in rechtlich richtige Bahnen lenken zu können. Diese Vereine gewährleisten aber auch, dass die Solidarität von außen mit dem Bataillon und den Angehörigen der betroffenen Soldaten bis heute anhält und die noch immer anhaltende Unterstützung schnell, gezielt und unbürokratisch an die Angehörigen weitergegeben werden kann, z.B. für Geschenke, Einladungen an die Hinterbliebenen zu Gedenkveranstaltungen, die regelmäßig durchgeführt werden. Natürlich wird die Hilfe auch dafür verwandt, das Gedenken an die drei gefallenen Soldaten aufrecht zu erhalten.

Einige Angehörige engagieren sich aus Dank für die vielfältige Unterstützung auch in den Fördervereinen und möchten sich vor allem den Soldaten des Bataillons gegenüber erkenntlich zeigen. Sie handeln nach dem Motto "…die Soldaten haben für mich soviel getan, jetzt möchte ich einiges für die Soldaten tun und – wenn jemand Hilfe braucht – möchten wir unsere Erfahrungen bei der Familienbetreuung weitergeben." Der zweite Verein unterstützt nicht direkt die Hinterbliebenen, sondern kümmert sich allgemein um die Soldaten im Einsatz. Weitere Einsätze des Bataillons werden folgen und dieser Verein unterstützt bei Familienbetreuungsveranstaltungen, um den Zusammenhalt zwischen den Familien und dem Bataillon zu stärken.

Das Panzergrenadierbataillon 112 hat die Familienbetreuung aus unterschiedlichen Initiativen auf völlig neue Beine gestellt. Zwar gibt es die offiziellen Familienbetreuungszentren an verschiedenen Orten in Deutschland, doch die Angehörigen Verbandes haben die Vorteile erkannt, die Familienbetreuung auszuweiten, da die Initiativen mit einem langen Vorlauf vorbereitet werden müssen. Die Familienangehörigen müssen von Anfang an Vertrauen in diese Organisationen haben. Wenn Familien und die Soldaten direkt aus der heimatlichen Region unterstützt werden und die Betreuungsstellen und ihr Personal kennen, kann Vertrauen leichter aufgebaut werden. Gerade in Regen hat die Familienbetreuungsorganisation auch die Hinterbliebenen- und Verwundetenbetreuung übernommen. Dies hat sich bewährt.

Gedenken an die gefallenen Kameraden

Wie schaffen es die Soldaten des Panzergrenadierbataillons 112 nach der Trauerphase das Gedenken an ihre gefallenen Kameraden aufrecht zu erhalten? Das Bataillon hat entschieden, dafür zwei Gedenktage zu nutzen: Der Volkstrauertag. Bataillonsangehörige nehmen während des gängigen Volkstrauertags an den Veranstaltungen der Ortschaften teil, wo die gefallenen Soldaten beerdigt worden sind. Natürlich findet auch im Standort Regen eine entsprechende Gedenkfeier statt. Die Gemeinden haben Gedenktafeln für die drei Gefallenen aufgestellt.

Der zweite Gedenktag ist der 18. Februar. An diesem Tag treffen sich die Angehörigen und die Soldaten des Bataillons in der Bayerwaldkaserne in Regen. Am letzten 18. Februar waren nicht nur 40 Angehörige zu Besuch im Bataillon, sondern auch der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages. Ohne Medienpräsenz und ohne die Tore für die Öffentlichkeit zu öffnen wurde intern den Gefallenen gedacht und an die Ereignisse des 18. Februar 2011 erinnert. Durch diese Gedenkveranstaltung soll vermieden werden, dass aufgrund des Personalwechsels innerhalb des Bataillons die Erfahrungen in Vergessenheit geraten: "In zehn Jahren sind nur noch wenige da, die diese Tage miterlebt haben. Aber es darf nicht vergessen werden. Deshalb überlegen wir jetzt auch eine kleine Gedenkstätte in unserem Bataillon einzurichten," so Diehl. Eine zentrale Fragestellung ist, was mit dem Gedenkstein an den Anschlag geschieht, der in Afghanistan im OP Nord aufgestellt worden ist.

Diehl: "Diese Frage ist noch nicht endgültig geklärt. Wir haben da natürlich eine ganz klare Meinung. Wir hätten den Gedenkstein natürlich gern in Regen, weil er sich auf uns, auf unser Bataillon und auf unsere drei Gefallenen bezieht."

Medienpräsenz

Eine weitere extreme Erfahrung im Zusammenhang mit den Ereignissen der 18. Februar 2011 war der Umgang mit den Medien. Die ersten Erfahrungen waren recht negativ und von unberechenbarer Wucht. Zunächst mussten die Familien vor den Medien regelrecht geschützt werden. Mittlerweile haben die Angehörigen der Gefallenen aber auch die Erfahrung gemacht, dass die mediale Präsenz zur Verarbeitung der Ereignisse im einem positiven Sinne beiträgt. Eine Familie ist mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gegangen und das Bataillon hat die Familie auch durch Beratung unterstützt.

Mittlerweile gibt es sehr viele Artikel, Radio- und Fernsehinterviews, z.B. auch bei Günther Jauch. In der Sendung hat die Mutter eines Gefallenen die Anwesenden überrascht: Sie trat nicht als zerbrochene Familienangehörige mit einer unbändigen Wut auf die Bundeswehr auf, sondern als Mittlerin im Sinne der Bundeswehr. Sie bestätigte im Interview, dass sie eine intensive und gute Bindung zur Bundeswehr hat, dass sie sich dort aufgehoben und gut behütet fühlt.

Diese Aussagen in der Öffentlichkeit zeigten den Bataillonsangehörigen, dass sie mit ihren Initiativen auf dem richtigen Weg sind. Nach und nach öffneten sich auch die anderen Familien und möchten über ihre Erlebnisse berichten. Dies stellt vor allem für den Bataillonskommandeur ein großes Spagat dar: Auf der einen Seite wollen die Familien zunehmend an die Öffentlichkeit gehen und ihre Erfahrungen verarbeiten. Dabei findet das Panzergrenadierbataillon 112 durchweg eine positive Erwähnung. Auf der anderen Seite können diese schlimmen Erfahrungen des 18. Februar auch Auswirkungen auf die Nachwuchswerbung haben – vor allem in der hiesigen Region.

Wenn die ständige Verbindung "Einsatz und Gefallene", "Einsatz und Verwundete" permanent in der Region besteht, wird es zukünftig schwierig sein, Nachwuchs zu gewinnen.

Zusammenfassung und lessons learned

Zusammenfassung und lessons learned
Zusammenfassung und lessons learned

"Man kann sagen, dass der Einsatz 2010/2011 nicht endet. Er wird auch nicht enden: Die Fürsorge für unsere Verwundeten und Hinterbliebenen wird ein permanenter Auftrag und eine ständige Verpflichtung sein, die wir erhalten müssen und wollen." Die Familienbetreuung wurde als ein zentraler, ständig und permanenter Kernpunkt der Erfahrungen identifiziert. Familienbetreuung muss frühzeitig vorbereitet werden. Fördervereine können in Extremfällen unbürokratisch und unkompliziert helfen und unterstützen und das nicht nur in finanzieller Hinsicht.

Generalmajor Spindler dankte OTL Diehl für seinen beeindruckenden Vortrag
Generalmajor Spindler dankte OTL Diehl für seinen beeindruckenden Vortrag

Überzeugend versicherte Diehl: "Wir werden unsere drei Kameraden, den Hauptfeldwebel Georg Missulia, den Stabsgefreiten Konstantin Menz und den Hauptgefreiten Georg Kurat nie vergessen. Sie bleiben in unseren Herzen und die Familien und die Angehörigen sind jetzt Teil unseres Bataillons geworden. Wir haben es geschafft! Das Bataillon ist wieder in den Alltag zurückgekehrt, doch nicht nur das: Ich glaube, wir sind auch professioneller geworden als noch vor einigen Jahren. Wir werden uns um die Verwundeten kümmern und haben die Fürsorge auf ein neues Niveau gehoben. Ich kann feststellen, dass wir mit dem Bataillon in Regen ganz, ganz tief am Boden waren, aber wir sind wieder aufgestanden. Und das ist das Wichtige, dass ist die Kernbotschaft: Wir sind jetzt wieder bereit, wir gehen wieder mit über 300 Soldaten in den Einsatz, mit dem ganzen Bataillon wieder nach Kunduz."

Vita:

Oberstleutnant Hagen Messer

geb. 23.08.1968 in Heilbronn verheiratet, eine Tochter 1988 Offizieranwärter 58. OAJ bei Panzerbataillon 124 Kümmersbruck / Amberg 1991 – 1994 Studium Geschichtswissenschaften UniBw Hamburg 1994 – 1997 ZgFhrOffzS2Offz Panzerbataillon 304, Heidenheim / 1997 – 2000 Kompaniechef 4. Kompanie Panzerbataillon 214, 2000 – 2001 Hörsaalleiter OA-Ausbildung an Panzertruppenschule, Munster 2001 – 2004 S3Offz FüUstgBrig 2 des II. (GE/US) Korps, Ulm 2004 – 2006 S3StOffz / OpInfoStOffz Bataillon für Operative Information 950, Koblenz 2006 – 2008 Hörsaalleiter Offizierschule des Heeres, Dresden 2008 – 2011 Leiter der Informationsarbeit / PresseStOffz 10. PzDiv, seit November 2011Deutscher Pressesprecher / Chief Media Operations Eurokorps, Straßburg Auslandseinsätze ISAF: 2003, 2006, 2008 und 2012/13 Auslandseinsatz KFOR: 2012

Schlussbemerkungen und Ausblick

Mit den Erfahrungen des Panzergrenadierbataillons 112 endete das diesjährige Symposium der Panzertruppen in Munster. Ein Symposium mit abwechslungsreichen Themen, informativ, beeindruckend und abgerundet durch die hervorragende Unterstützung durch die ausstellenden Vertreter der Industrie und den Gesellschaftsabend. Das Interesse an den Vorträgen und der lebhafte Austausch zwischen den Teilnehmern unterstrichen, dass das diesjährige Symposium mit seinen weit gespannten Themenfeldern auf reges Interesse stieß und ein voller Erfolg war.  Turnusgemäß wird das nächste Symposium durch den Freundeskreis der Offiziere Panzertruppe ausgerichtet am 6. und 7. März 2014. Siehe nächste Seite.

Waren mit dem Symposium sichtlich zufrieden: V.l.n.r. Brigadegeneral Bernd Schütt, Generalleutnant a.D. Wolfang Korte, Generalmajor Walter Spindler
Waren mit dem Symposium sichtlich zufrieden: V.l.n.r. Brigadegeneral Bernd Schütt, Generalleutnant a.D. Wolfang Korte, Generalmajor Walter Spindler

Zurück

© Freundeskreis Offiziere der Panzertruppe e.V. | Webdesign von webdesign24.biz
Generalleutnant Jacobson
Generalleutnant Jacobson

Carsten Jacobson

Generalleutnant
Vorsitzender

General a.D. Wolfgang Brüschke
General a.D. Wolfgang Brüschke

Wolfgang Brüschke

Brigadegeneral a.D.
Stellvertretender Vorsitzender

Oberst a.D. Schneider
Oberst a.D. Schneider

Wolfgang Schneider

Oberst a.D.
Stellvertretender Vorsitzender