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Tradition und Traditionspflege

2019-11-15 15:25
von Redaktion
Band-7

Der Offizier als Träger von Tradition und Traditionspflege

Gebrochene Traditionslinien in der Nationalen Volksarmee (NVA) 

Der frühere Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, Stefan Berg, hat im Der Spiegel vom 03.11. 2018 unter der Überschrift, „Die Kunst der Selbstanpreisung. Was man sich so vom Westen und seinen Bewohnern abgucken kann“ geäußert:

„Um [ein] bruchloses Verhältnis zur eigenen Geschichte beneide ich manche Westdeutsche. Die DDR hatte unsere Wurzeln gekappt.“[1]

 

Die Kommunisten in der untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) kappten die deutschen Traditionslinien in allen Bereichen und schufen sowie oktroyierten ihren Bürgern neue. Im Zuge dieser Entwicklung wurden beispielsweise das Berliner Stadtschloss und die Garnisonskirche in Potsdam gesprengt und vieles Alte demoliert. Unter der Maske einer Uniform, die an die der Wehrmacht angelehnt war, und ihrer Selbstdarstellung durch den Stechschritt früherer deutscher Armeen, Säbeln und Ehrendolchen entstand die Nationale Volksarmee mit ihrem von allem Bisherigen abweichenden „Klassenauftrag“. Er lautete:

 

„Die Nationale Volksarmee ist das militärische Machtinstrument der Arbeiterklasse und aller Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik. An der Seite und in enger Waffenbrüderschaft mit der Sowjetarmee und den Armeen der anderen Staaten des Warschauer Vertrages schützt sie zuverlässig den Frieden und die sozialistischen Errungenschaften.“[2]

 

Politorgane, in der Truppe Politoffiziere, waren für die Erfüllung der Parteibeschlüsse in der Truppe verantwortlich, nahmen Einfluss auf die Durchsetzung der militärischen Bestimmungen, vermittelten die Traditionsinhalte und leiteten ihre Gestaltung.[3] Manipulierte Traditionslinien und -inhalte wurden verordnet, wenn sie für die Ziele der Kommunisten zurechtgebogen werden konnten.

 

Traditionsverständnis und Traditionspflege

in der Bundeswehr und ihre Vermittlung durch die Offiziere

 

Wie haben sich Traditionsverständnis und Traditionspflege in der Bundeswehr und ihre Vermittlung durch die Offiziere entwickelt? Gab es dabei von der Führung angeordnete Brüche und Vorgaben wie in der NVA? Wenn ja, was waren die Konsequenzen und welche Herausforderungen waren dabei von den verantwortlichen Offiziere zu bewältigen? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden.

 

Wie die anderen Armeen des NATO- Bündnisses braucht auch die Bundeswehr ein Traditionsverständnis und Traditionspflege. Der Titel des bisherigen Traditionserlasses der Bundeswehr vom 20. September 1982 lautete Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr.[4] Diese beiden Begriffe sind  Schlüsselbegriffe in den Traditionsdebatten in Deutschland, die seit der Aufstellung der Bundeswehr immer aufbrandeten, wenn sie durch Erlasse der Bundesminister der Verteidigung geregelt werden sollten. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand immer die Frage nach der Traditionswürdigkeit der Wehrmacht für die Bundeswehr als Ganzes  oder einzelner ihrer Soldaten. Diese Debatten werden im Folgenden im Lichte der Traditionserlasse von 1965, 1982 und 2018 behandelt, bevor  im Tradtionserlass vom März 2018 eingeschlagene neue Wege vorgestellt werden. Der Offizier von heute als Gestalter der Traditionspflege muss sie kennen und bewerten können.

 

In Deutschland und in Österreich werden Traditionsverständnis und Traditionspflege der Streitkräfte in Erlassen der VerteidigungsministerInnen verordnet. Deutschlands Verbündete gehen bei der Traditionspflege andere Wege. Sie gründen auf ungebrochenen Traditionslinien, die nicht in Erlassen geregelt werden, und sind auf herausragende Offizierpersönlichkeiten ausgerichtet. Dabei werden dunkle Phasen und Ereignisse der eigenen Militärgeschichte bei Einsätzen in den früheren Kolonien und in den beiden Weltkriegen übergangen, ausgeblendet oder geschönt.

 

Wie die Traditionserlasse in der Truppe durch die Offiziere umgesetzt werden, erschließt sich nur in Gesprächen mit vielen Soldatinnen und Soldaten sowie durch Recherchen in Stäben und Schulen sowie im Bundesministerium der Verteidigung. Das Verständnis von Tradition und die Traditionspflege scheint in der Bundeswehr bisher zwischen ihrer offiziell verordneten und reell praktizierten Form ungenügend miteinander verzahnt gewesen zu sein. Haben hierbei die verantwortlichen Offiziere versagt? Wenn ja, aus welchen Gründen?

 

Im Presseterminhinweis des deutschen Bundesministeriums der Verteidigung vom 14. August 2017 wurde zur Bedeutung von Traditionsverständnis und Traditionspflege in der Bundeswehr  ausgeführt:

 

„Tradition und Traditionspflege sind für die Bundeswehr unverzichtbare Bestandteile ihrer Identität. Tradition ermöglicht die Bewahrung, Pflege und Weitergabe überlieferungswürdiger Werte und soldatischer Vorbilder. Als geistige Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft gibt sie Orientierung für das Führen in der Bundeswehr und ist Teil des Fundaments soldatischen Handelns, das den Wesenskern von Streitkräften ausmacht.“[5]

 

Debatten über das Traditionsverständnis

 

Tradition und Traditionspflege werden also in der Bundeswehr als wichtiger Bestandteil ihrer Identität und ihres Selbstverständnisses bewertet. Im Jahre 1965 erließ der deutsche Verteidigungsminister, Kai-Uwe von Hassel, den ersten Traditionserlass für die Bundeswehr, 1982 der Verteidigungsminister Dr. Hans Apel den Zweiten, 2018 Verteidigungsministerin Dr. Ursula von der Leyen den Dritten.[6] Bei den kontroversen Debatten vor und nach deren Herausgabe ist, wie ausgeführt, immer die Rolle der Deutschen Wehrmacht und die Frage, ob und inwieweit sie oder einzelne ihrer Soldaten traditionswürdig für die Bundeswehr sein können, ein Streitpunkt gewesen. Die Literatur weist aus, dass die Ausklammerung der Deutschen Wehrmacht als tradierwürdig auch aus den österreichischen Traditionserlassen von 2001 und 2010 auf Kritik gestoßen ist,[7] obwohl in den Grundlagen, 2. Zweck der Tradition, des Erlasses von 2001 als Leitlinie formuliert worden ist:

 

„Wohl können aber vorbildhafte und im Einzelfall zu prüfende Verhaltensweisen von Österreichern in der Deutschen Wehrmacht und von Männern und Frauen des pro-österreichischen Widerstands ein Element der Traditionspflege sein.“[8]

 

Im Erlass vom 1. Juli 1965, Bundeswehr und Tradition, wurde angeordnet, dass Traditionen ehemaliger Truppenteile der Wehrmacht an Truppenteile der Bundeswehr nicht verliehen werden dürfen.[9] In den Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr von 1982 wurde verfügt, dass Begegnungen im Rahmen der Traditionspflege nur mit solchen Personen oder Verbänden erfolgen dürfen, die in ihrer politischen Grundeinstellung den Werten und Zielvorstellungen der deutschen verfassungsmäßigen Ordnung verpflichtet sind. In ihm wurde, über den Traditionserlass von 1965 hinausgehend, verboten, Traditionen von Truppenteilen aller ehemaligen deutschen Streitkräfte und nicht nur der Wehrmacht zu verleihen und untersagt, Fahnen und Standarten früherer deutscher Truppenteile in der Bundeswehr mitzuführen oder zu begleiten.[10] Hiernach waren nur die verordneten drei Traditionslinien, die auch Bundesminister der Verteidigung Rudolf Scharping in seiner Rede am 17. Februar 1999 an der Führungsakademie der Bundeswehr aufführte, aus der gesamten deutschen Militärgeschichte für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr traditionswürdig: „[...] Ideen der preußischen Staats- und Heeresreformer von 1806, die verpflichtenden Ideale des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus“ und dass „[d]ie Bundeswehr [...] eine eigene Tradition begründet hat.“[11] In Deutschland sind die Gebote und Verbote des Erlasses von 1982 bis zum Erlass von 2018 nachinterpretiert, eingeengt und erweitert worden, z.B. dass in der Bundeswehr herausragende, einzelne Soldaten der Wehrmacht tradierwürdig sein könnten, aber nur mündlich, z.B. durch den Verteidigungsminister von 1992 bis 1998, Volker Rühe.[12] Dieser Vorgang wird im Folgenden vertieft.

 

Am Erlass von 1982 ist neben der Problematik der Traditionswürdigkeit der Wehrmacht auch Kritik an seinen Beschränkungen auf die preußischen Militärreformen nach 1806, den 20. Juli 1944 und die in der Bundeswehr entstandene Tradition geübt worden. 2017 ist die Diskussion um Tradition und Traditionsverständnis erneut geführt worden.

 

In den Jahren 2005 und 2011 versuchten hochrangige deutsche Politiker auf die genannten Auseinandersetzungen um das Traditionsverständnis Einfluss zu nehmen. Bei der Kommandeurtagung der Bundeswehr am 10. Oktober 2005 in Bonn anlässlich des 50. Geburtstags der Bundeswehr führte der damalige Bundespräsident Horst Köhler zur Tradition in den Streitkräften aus:

 

„Die Bundeswehr hat unserem Land 50 Jahre treu gedient. Sie hat damit ihre eigene, gute Tradition begründet, und sie pflegt die Tradition ihrer Vorgängerarmeen, getreu dem Apostelwort: ‚Prüfet alles! Das Gute behaltet‘.“[13]

 

Bei der Wiedereröffnung des Militärhistorischen Museums in Dresden am 14.10.2011 führte Bundesminister der Verteidigung Thomas de Maizière zur Traditionspflege in der Bundeswehr aus, es könne sich keine ungebrochene, gerade Traditionslinie von der Wehrmacht zur Bundeswehr ziehen lassen. Dem ehrenden Gedenken einzelner unbelasteter Wehrmachtssoldaten oder deren Handlungen stehe jedoch nichts im Wege. Durch die internationalen Einsätze werde die Tradition der Bundeswehr europäischer und internationaler.[14] Die Äußerungen der beiden Politiker regten keine neue Traditionsdebatte in Truppe und Öffentlichkeit an. Sie verhallten ohne Echo.[15]

 

Im Mai 2017 hat der in der deutschen Öffentlichkeit geäußerte Verdacht der Bundesministerin der Verteidigung, Dr. Ursula von der Leyen, in der Bundeswehr gäbe es rechtsradikale, auf die Wehrmacht fixierte Umtriebe, und die Bundeswehr müsse daher eine neue Grundlage ihrer Traditionspflege schaffen, in welcher traditionsbildende Ereignisse aus ihrer Geschichte deutlicher als bisher werden müssten, bei vielen PolitikerInnen und MeinungsträgerInnen einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Nach diesem Verdacht der Ministerin sowie kurz darauf durch militärische Vorgesetzte veranlasste Aktionen wie das Abhängen eines Bildes des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform in einem Raum der Bundeswehruniversität in Hamburg sowie eine rechtlich bedenkliche Durchsuchung von Kasernenstuben und Traditionsräumen auf der Suche nach Erinnerungsstücken an die Wehrmacht wurden als bilderstürmerische Aktionen moniert. Ministerin von der Leyen erntete Kritik und verlor Vertrauen in der Truppe.[16] Der frühere deutsche Verteidigungsminister Volker Rühe, wie die Ministerin Politiker der CDU, hat dazu in der Zeitung Welt am Sonntag festgestellt:

 

„Es ist völlig unangemessen und absurd, die ganze Bundeswehr unter einen Wehrmachtsverdacht zu stellen‘, [...] damit entstehe ‚ein Zerrbild der Bundeswehr‘. Innerhalb der Truppe und für die Bundeswehr insgesamt sei dadurch viel Schaden angerichtet worden.“[17]

 

Der Historiker und Buchautor Dr. Ulrich Schlie, von 2012 bis 2014 Leiter der Abteilung Politik im Bundesministerium der Verteidigung, hat 2010 in seinem Aufsatz Bundeswehr und Tradition: ein einfaches, aber notwendiges Verhältnis festgestellt:

 

„Es kann […] mit Fug und Recht als eine Erfolgsgeschichte bezeichnet werden, dass die Zahl unzweifelhafter Verstöße gegen den Geist der Streitkräfte in der Demokratie [in der Geschichte der Bundeswehr] sehr überschaubar geblieben ist. Es waren nie mehr als Verirrungen Einzelner, die dann mit großem publizistischen Getöse ein angeblich rückwärtsgerichtetes Selbstverständnis in der Bundeswehr belegen sollten […].“[18]

 

Er verweist auf Beispiele wie die Einladung des höchstdekorierten Offiziers der Wehrmacht und bekennenden Rechtsradikalen, Oberst Ulrich Rudel, 1976 zum Aufklärungsgeschwader Immelmann und die daraufhin folgende Entlassung von zwei Kommandeuren der Luftflotte durch den Verteidigungsminister Georg Leber, die befehlswidrige Teilnahme von Soldaten in Uniform an der Beerdigung von Großadmiral Karl Dönitz, der von Hitler in den letzten Tagen des Großdeutschen Reiches als Staatsoberhaupt eingesetzt wurde, im Jahre 1980 und die Benennung einer Kaserne nach dem Nazianhänger, Generaloberst Eduard Dietl, die erst 1995 umbenannt wurde. Im Oktoberheft 2017 des Magazins des Deutschen BundeswehrVerbands Die Bundeswehr haben der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn, von 1981 bis 2012 Professor an der Bundeswehruniversität in München, und der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Professur für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam, Bastian Matteo Scianna, in ihrem gemeinsamen Aufsatz Die Bundeswehr ist eine Erfolgsgeschichte die Beurteilung von Schlie stützend, festgestellt:

                                                       

„Die Bundeswehr musste und hat sich früh sowie kontinuierlich der Vergangenheit gestellt. Trotz der anfänglichen Grautöne sowie jüngster Rück- und Vorfälle [im Jahre 2017] ist sie eine Erfolgsgeschichte der Vergangenheitsbewältigung und kein terroristisches oder geschichtsrevisionistisches Sammelbecken.“[19]

 

Dieses positive Urteil bekämpfte fanatisch neben anderen der verstorbene, in der Zeit des Nationalsozialismus als Halbjude verfolgte Autor Ralph Giordano in seinem Buch von 2000, Die Traditionslüge: Vom Kriegerkult in der Bundeswehr ebenso wie auch heute noch der langjährige Bundeswehrkritiker Detlev Bald, letztmalig in seinem Buch von 2005, Die Bundeswehr: Eine kritische Geschichte 1955-2005.[20] Beide gehören zur Gruppe von WissenschaftlerInnen und AutorInnen, die Kritik üben, dass sich die Bundeswehr im Rahmen der NATO und mit einem Mandat des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, gebilligt durch das Bundesverfassungsgericht, seit 1994 auch an internationalen Krisenreaktionseinsätzen beteiligen darf und zu einem aktiven Instrument der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik in Friedensmissions- und Kampfeinsätzen geworden ist. Die auf General Ulrich de Maizière, Generalinspekteur von 1966 bis 1972, zurückgehende Formulierung, die in den Jahrzehnten des Kalten Krieges gelten sollte,„[...] man [, die Bundeswehr,] solle kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“[21], hat sein Sohn, Dr. Thomas de Maizière, als Verteidigungsminister bei der Vorstellung der zukünftigen Struktur der Bundeswehr im Jahre 2011 in den Leitsatz umformuliert: „Soldaten müssen kämpfen können, um nicht zu sterben oder um das Leben anderer zu schützen“[22] Sehr spät wurde damit von der Führung der Bundeswehr beschrieben und gefordert, welches Selbstverständnis unsere Soldatinnen und Soldaten in einer einsatzbereiten Bundeswehr haben müssen. Für die Bundeswehr in internationalen Friedensmissionseinsätzen seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Gefallenen und Verwundeten hätte sie viel früher erfolgen müssen.

 

Detlev Bald hält die aus den neuen Verhältnissen von Minister de Maizière abgeleitete Maxime, Gefechtstüchtigkeit in den Mittelpunkt der soldatischen Existenz zu stellen, für falsch. Diesen Paradigmenwechsel zum Kämpfer hält er für Politik gegen die Bildungsreform von 1970/71 und gegen ihr Ziel gerichtet, Militärpolitik als Friedenshandeln zu propagieren, dies durch die politisch-ethischen Bindungen der Bundeswehr stärker zu verdeutlichen und ihr die Aufgabe zu übertragen, vor allem harmonische zivil-militärische Verhältnisse zu sichern.[23]

 

Die Autoren Bald und auch Giordano verdammen in ihren Werken die Wehrmacht und ihre Soldaten, die sie mit der altrömischen Strafe der damnatio memoriae belegen wollen. Wolffsohn und Scianna behandeln in ihrem, die Traditionen verschiedener Streitkräfte analysierenden Aufsatz, auch die Offiziere des französischen Vichy-Regimes und die Problematik der französischen, nach 1945 verfügten ungebrochenen Traditionslinien in ihren Streitkräften trotz vieler Kriegsverbrechen, zuletzt in Algerien bis zu dessen Unabhängigkeit im Jahre 1961. Sie kritisieren den fragwürdigen Mythos der Resistenza in Italien.[24] Sie verweisen auch auf Entwicklungen in Österreich, wo man die Wehrmacht als traditionsbegründend ausgeklammert und im sogenannten Oberstenparagraph des Staatsvertrags den aktiven Dienst von Offizieren, anders als in Deutschland, ausgeschlossen habe, die in der Wehrmacht den Rang eines Obersten hatten.[25] Die Großdeutsche Wehrmacht sei unerwähnt geblieben, obwohl das neue Bundesheer von kriegsgedienten Offizieren aus ihr geprägt worden sei.[26]

 

Debatten um das Traditionsverständnis der Bundeswehr werden wahrscheinlich in Diskursen auch in Zukunft immer wieder wie ein Evergreen aufbranden und sich an Ereignissen entzünden, die vermutete rechtsradikale, wehrmachtsorientierte Vorfälle in der Truppe zum Inhalt haben. Im Zuge eines transparenten und inklusiven Prozesses hat Ministerin von der Leyen daher die längst fällige Überarbeitung des veralteten Traditionserlasses von 1982 angewiesen. In vier Workshops von August bis November 2017 mit breiter Einbindung von Soldatinnen und Soldaten sowie zivilen MitarbeiterInnen der Bundeswehr und internen/ externen Fachleuten ist der Weg zu dem neuen Traditionserlass vom März 2018 beschritten worden. Er sollte stärker im Kontext von europäischer Verteidigungsidentität und transatlantischer Sicherheitspartnerschaft stehen, also die dringend notwendigen Erweiterungen erhalten, die schon lange, besonders von Soldatinnen und Soldaten, vor allem Offizieren, während und nach den internationalen Krisenreaktionseinsätzen der Bundeswehr gefordert wurden.[27]

 

Im Folgenden werden weitere Kritikpunkte an den Regelungen der Traditionserlasse der Bundeswehr von 1965 und 1982, ihren Fallstricken und Anweisungen für die Offiziere, die für ihre Vermittlung sowie die  Traditionspflege in der Truppe verantwortlich waren, behandelt.

 

Der Traditionserlass von 1965

 

Dem ersten Traditionserlass des Bundesministers der Verteidigung Kai- Uwe von Hassel vom 1. Juli 1965 waren heftige Debatten vorausgegangen, die sich vor allem um die Traditionswürdigkeit der Attentäter des 20. Juli 1944 und dem Wollen von hohen Offizieren jener Zeit, eine „saubere Wehrmacht“ für die Bundeswehr darzustellen, rankten.[28] Obwohl der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, 1954 in einer Feierstunde die Frauen und Männer des 20. Juli 1944 als Vorbild herausgestellt hatte, bewerteten eine große Zahl der zu Beginn der 60er Jahre etwa 13.000 früheren Wehrmachtsoffiziere, die in der Bundeswehr dienten, das Attentat gegen Hitler noch immer als Landesverrat. Ein Verdienst des Erlasses war, dass er den Widerstand gegen Hitler am 20. Juli 1944 ausdrücklich positiv gewürdigt hat. Abgesehen von der Ehrenerklärung Konrad Adenauers vom 3. Dezember 1952 vor dem Deutschen Bundestag für die Soldaten der Wehrmacht, tauchte das Wort „Wehrmacht“ im Erlass nicht auf. Eine Traditionslinie zu ihr wurde vermieden. Für viele Felder, z.B. Kasernenbenennungen, vermied er auch  die notwendige Klarheit. Er enthielt Aussagen über: Kasernenbenennungen, welche „[...] nach Persönlichkeiten benannt werden, die in Haltung und Leistung beispielhaft waren“[29] oder „[i]n der Geschichte nehmen alle Menschen teil an Glück und Verdienst wie an Verhängnis und Schuld“[30].

 

General Ulrich de Maizière hat in seinem Buch In der Pflicht von 1989 ausgeführt, der Traditionserlass von 1965 habe zum Ziel gehabt, einen in der Bundeswehr stattgefundenen „Traditionswildwuchs“[31] einzuhegen. Er habe sich auf eine breite, wenn auch nicht einhellige Zustimmung von Politik, Wissenschaft, Öffentlichkeit und Soldaten stützen können.[32] An dem Weiterführen der Kontaktpflege mit Angehörigen früherer deutscher Streitkräfte, vor allem mit früheren Offizieren und Traditionsvereinen der Wehrmacht, änderte der Erlass in der Praxis der Truppe wenig. Sie wurden einfach bei vielen Truppenteilen wie bisher weitergeführt und mit ehemaligen Soldaten der Wehrmacht geknüpfte Traditionsbeziehungen nicht gekappt. Die Offiziere als Träger der Tradition nahmen sich die Freiheit heraus, gegen die diesbezüglichen Regelungen des Erlasses zu handeln. Sanktionen fanden nur statt, wenn das Tabu Wehrmacht grob verletzt wurde. Das alles erschwerte den Offizieren die Unterrichtung der Truppe über Tradition. Der Erlass von 1965 bot ihnen keinen eindeutigen sowie akzeptablen Kompass für das Verständnis von Tradition, ihrer Vermittlung und eine von der Truppe positiv aufgenommene Traditionspflege.

 

Der Traditionserlass von 1982

 

Zwei Wochen vor dem Ende der Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmidt, am 20. September 1982, erließ der Bundesminister der Verteidigung, Hans Apel, den zweiten Traditionserlass der Bundeswehr. Die behandelte demokratische „[...] Wertegebundenheit der Streitkräfte“[33] war seine oberste Orientierung und Leitlinie. Seine Formulierung:

 

„In den Nationalsozialismus waren Streitkräfte teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos missbraucht. Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen“[34], wurde heftig kritisiert.

 

Der neue Bundesminister der Verteidigung nach Hans Apel, Manfred Wörner, sah in diesen Formulierungen eine Beschmutzung des „Ehrenschilds der Wehrmacht“[35] und kündigte im Oktober 1982 bei seiner Amtsübernahme an, er werde den Traditionserlass umgehend aufheben. Wegen der Geschehnisse um die Affäre des unzutreffend der Homosexualität verdächtigten Generals Dr. Günter Kießling, dem Stellvertreter des Supreme Allied Commanders Central Europe, die Wörner beinahe das Amt gekostet hätte, auch dessen zunehmende Erkenntnis, dass auch Soldaten der Wehrmacht Kriegsverbrechen begangen hatten, führten offensichtlich dazu, dass der Minister den Erlass nicht aufhob. Er interpretierte ihn in Bezug auf die Tradierwürdigkeit früherer ehrenhaft gekämpfter Wehrmachtssoldaten lediglich, wie später die Bundesminister Rühe und de Maizière, mündlich nach, ohne dass seine mündlichen Äußerungen in den Traditionserlass aufgenommen wurden.

 

Kritik entzündete sich auch an anderen Regelungen des zweiten Traditionserlasses der Bundeswehr: Die in ihm erfolgte Verklärung der preußischen Militärreformer, die entgegen der Forderungen des Erlasses  zur Traditionswürdigkeit keine demokratischen politischen Entwicklungen in Deutschland angestrebt haben und Mitschuld an der Entstehung des verhängnisvollen antifranzösischen Affekts tragen, der sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts auf die Beziehungen beider Länder verheerend ausgewirkt hat, wurden kritisiert.

 

Vor allem aber ließ der Erlass Entwicklungen außer Acht, die in früheren deutschen Streitkräften stattfanden, die in der Bundeswehr vielfältig in modernem Gewand weiterwirken und von bedeutenden Soldaten wie, um nur einige Namen zu nennen, neben dem Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke, den Generalen von Schlichting, von Seeckt und von hohen Truppenführern in den beiden Weltkriegen wie den Generalfeldmarschällen von Mackensen, von Hindenburg, von Manstein, Rommel sowie dem Generalobersten Guderian neben vielen anderen entwickelt und erprobt worden sind. Als Kinder ihrer Zeit haben diese Soldaten keine freiheitlichen und demokratischen Traditionen entwickeln wollen oder entwickelt.[36] Sie hatten auch nicht „[...] über die militärische Bewährung hinaus an politischen Erneuerungen teil, die zur Entstehung einer mündigen Bürgerschaft beigetragen und den Weg für ein freiheitliches, republikanisches und demokratisches Deutschland gewiesen haben.“[37], wie der Traditionserlass als Maßstab für tradierwürdige Soldaten der Vergangenheit forderte, denen in der Bundeswehr dieses Prädikat zuerkannt werden darf. Aber sie alle waren hoch talentierte Soldaten sowie herausragende Menschenführer, die von Deutschlands Verbündeten verehrt, deren militärische Leistungen studiert und in der Lehre ihrer hohen militärischen Ausbildungseinrichtungen behandelt werden. Sie haben die heutige preußisch-deutsche Militärkultur geschaffen.[38] Die Beschränkungen des zweiten Traditionserlasses auf die behandelten Traditionslinien: „preußische Militärreformer“, „20. Juli 1944“ und „Geschichte der Bundeswehr“, wurden daher als wirklichkeitsfremd und lückenhaft beurteilt. Die historischen Insellösungen von 1982 lassen Parallelen zu dem angeführten, manipulierten Vorgehen der Führung der DDR bei der Traditionspflege der NVA unter der Maske der Selbstdarstellung und Uniformierung der Wehrmacht erkennen.

 

Die Restriktionen des Traditionserlasses von 1982 wurden in der Bundeswehr immer wieder umgangen und um die beruflichen Felder preußisch-deutsches Generalstabssystem mit seiner Pflicht, dass Vorgesetzte den Rat ihrer Führergehilfen anhören müssen, Verfahren der Stabsarbeit, Entscheidungsfindung, Befehlsgebung und Führen mittels einer immer weiter entwickelten Auftragstaktik erweitert. Die Bearbeiter der Dienstvorschriftenreihe HDv 100 von 2000 haben viele von ihnen in sie aufgenommen, obwohl ihre Schöpfer und Ausgestalter nach dem Erlass nicht traditionswürdig sein sollten.[39] Das ist niemandem aufgefallen und weist auf ein Defizit an historischer Bildung in der damaligen Bundeswehr hin. Unsere Verbündeten haben diese Beschränkungen, Kinder des damaligen utopischen, ideologischen und pädagogischen Zeitalters, nie verstanden, haben sie ignoriert und die mit Tradition befassten Soldaten der Bundeswehr häufig als Sonderlinge bezeichnet. In ihrer Lehre hatten- es sei wiederholt - die angeführten bedeutenden Soldaten der deutschen Militärgeschichte immer einen festen Platz, mehr als damals in der Bundeswehr. Deutsche Teilnehmer an Lehr- und Studiengängen an ausländischen Akademien und Universitäten wurden häufig beauftragt, Referate über Manstein, Rommel, den älteren Moltke und andere bedeutende Soldaten der deutschen Militärgeschichte zu halten. Sie hätten sich lächerlich gemacht, wenn sie darauf verwiesen hätten, dass diese Soldaten nach dem Erlass von 1982 nicht tradierwürdig seien. Das hätte dem Ruf der Bundeswehr bei unseren Verbündeten geschadet. Die deutschen Lehrgangsteilnehmer  haben dies meistens vermieden. Es wäre sicher einer wissenschaftlichen Untersuchung wert, inwieweit die strikten Regelungen des Erlasses von 1982 das Interesse der Offiziere an historischen Vorgängen aus Angst vor Sanktionen reduziert haben könnte.

 

Abschließend sei über den Traditionserlass von 1982 festgestellt: Ein Erlass, der Inhalte befiehlt und Verbote enthält, die in der Praxis der Truppe und im Umgang mit unseren Verbündeten nicht befolgt werden, ist wertlos und schädlich. Er kann keinen Anspruch auf Gehorsam erheben, verführt zur Illoyalität gegenüber der politischen Führung der Bundeswehr und erschwert die Aufgabe der Offiziere beim Vermitteln von Tradition und bei einer die Truppe begeisternden Traditionspflege.

 

Der neue Traditionserlass von 2018

 

Der auf der Grundlage der vier erwähnten Workshops der Ministerin von der Leyen in der Abteilung Führung Streitkräfte des Bundesministeriums der Verteidigung  entwickelte neue Erlass, Die Tradition der Bundeswehr: Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege wurde nach Behandlung im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages am 28. März 2018 erlassen.[40] Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat ihn in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. Februar 2018 unter der Überschrift, Traditionspflege ermöglicht Modernität, wie folgt gewürdigt:

 

„Der Zweck der Traditionspflege ist, Modernität zu ermöglichen. Es geht also nicht um nostalgische Folklore oder eine politisch heikle Erinnerung an vergangene Heldentaten, sondern um das kollektiv-psychologische Gleichgewicht einer Organisation, die sich wie kaum eine andere der Zukunft zu stellen hat. Das jedenfalls ist der politisch-theoretische Blick auf die Arbeit am neuen Traditionserlass der Bundeswehr.“[41]

 

Die nicht Tradierwürdigkeit der Wehrmacht als Ganzes, jedoch die einzelner ihrer Soldaten, wird im neuen Erlass betont, die gesamte deutsche, von Brüchen und Zäsuren geprägte Militärgeschichte nun in den Blick genommen, die Insellösungen des Erlasses von 1982 aufgegeben. Neben historischen Beispielen für zeitlos gültige soldatische Tugenden und Beispiele für militärische Exzellenz, zum Beispiel herausragende Truppenführung, werden in früheren deutschen Streitkräften entwickelte, fortschrittliche und richtungsweisende Verfahren, Strukturen und Prinzipien, die noch heute Bedeutung haben, für tradierwürdig erklärt, etwa die moderne Stabsarbeit, das Führen mit Auftrag, das Führen von vorne oder das Generalstabswesen.[42]

 

Damit sind hauptsächliche als Kritikpunkte im Erlass von 1982 dargestellte Mängel endlich beseitigt worden. Einer der zentralen Bezugspunkte der Tradition der Bundeswehr im Traditionserlass 2018 ist ihre eigene, lange Geschichte. Dazu gehören ihre Leistungen im Kalten Krieg, das Schaffen der Armee der Einheit, die Aussöhnung Deutschlands mit ehemaligen KriegsgegnerInnen, ihre Bewährung in Einsätzen und das Erbe der allgemeinen Wehrpflicht. Der Erlass stellt insgesamt ausgewogene Proportionen zum Traditionsverständnis bzw. der Traditionspflege zwischen Vergangenheit und Gegenwart her. Er bindet keine Truppenteile und Ausbildungseinrichtungen an tradierwürdige Persönlichkeiten der Vergangenheit, Schlachten oder Orte. Diese in der gesamten deutschen Militärgeschichte auszusuchen, wird den Offizieren, die Tradition und Traditionsverständnis in der Truppe vermitteln, nunmehr überlassen. Die Gängelungen, die im utopischen. ideologischen und pädagogischen Zeitalter in Deutschland  auch im Bereich von Tradition und Traditionspflege in den Streitkräften üblich waren, sind im neuen Traditionserlass der Bundeswehr vermieden worden. In den Medien und Bildungseinrichtungen Deutschlands sind sie jedoch bis auf den heutigen Tag wirkungsmächtig geblieben, Stichwort Befindlickeiten der deutschen „postheroischen Gesellschaft“ von heute. Das erschwert die Vermittlung von Wissen über die deutschen Streitkräfte und ihrer Geschichte sowie ihre Traditionspflege in der deutschen Öffentlichkeit. Auf diesem Feld liegt vor den Offizieren eine gigantische Aufgabe. Traditionspflege und historische Bildung sind nach dem Erlass Führungsaufgaben und liegen in der Verantwortung der jeweiligen Vorgesetzten, vor allem der KommandeurInnen und ihrer Offiziere. Die aufgeführten Fallstricke für Offiziere beim Vermitteln von Tradition und Traditionsverständnis in der Truppe, angelegt in den Traditionserlassen von 1965 und 1982, sind endlich beseitigt worden. Das erleichtert den Offizieren als Träger der Tradition ihre loyale Umsetzung erheblich.

 

Herausforderungen beim Umsetzen des neuen Traditionserlasses

 

In Deutschland ist offensichtlich bisher die emotionale und physische Seite des Traditionsverständnisses zu kurz gekommen. Doch die fortwährenden Debatten und der neue Traditionserlass beweisen, dass dieser Aspekt nicht mehr ausgespart werden soll und bei seiner in den Teilstreitkräften und Organisationsbereichen begonnenen Umsetzung Berücksichtigung finden wird. Die deutsche Militärgeschichte wird bei diesem Umsetzungsprozess einen gewichtigen Beitrag leisten. Traditionsverständnis der multinational verflochtenen Armeen im Einsatz darf keine Grenzen kennen. Nur wenn Traditionen von Soldatinnen und Soldaten angenommen und mit Leben erfüllt werden, bleiben die Regelungen des neuen Traditionserlasses keine trockene Theorie. Eine derartig gestaltete Traditionspflege schärft für die Truppe die Kontur der Militärkulturen der Bundeswehr und ihrer verbündeten Armeen in den Wechselfällen der Geschichte, also ihr tradierwürdiges Erbe, von dem sie so vielfältig zehren. Wir wissen zurzeit noch nicht, wie die europäische Perspektive, zum Beispiel die mögliche Aufstellung einer Europa-Armee, die Streitkräfte und deren Traditionsverständnis langfristig beeinflussen wird. Vorschläge hierüber aufgrund ihrer vielfältigen Einsatzerfahrungen einzubringen, ist Aufgabe der Offiziere von heute.

 

                        Offizier und historische Bildung

 

Offiziere können nur wirkungsvolle Trägerinnen und Träger der Tradition und bei ihrer Umsetzung in die Truppe und Öffentlichkeit hinein sein, wenn sie historisch gebildet sind. Historische Bildung sowie die genaue Kenntnis der aufgezeigten negativen Punkte der Traditionserlasse von 1965 und 1982 sind hierfür Voraussetzung. Nur dann sind sie gerüstet, diese in unserer Zeit immer wichtigere Aufgabe zu erfüllen und haben das hierfür nötige persönliche Profil. Im Zweiten Teil, Kapitel 5, seiner Die Wahlverwandtschaften hat Goethe so gerüstete Offiziere wie folgt charakterisiert:

 

„Die größten Vorteile im Leben überhaupt wie in der Gesellschaft hat ein gebildeter Soldat.“[43]

 

Im November 2018 ist die Zentrale Dienstvorschrift A-2620/4, Historische Bildung in der Bundeswehr, erlassen worden. In Anlage 7, 7., Offizierausbildung, wird als Lernziel zum Erwerb historischer Bildung für die Offiziere der Bundeswehr gefordert:

 

„Ausgehend von den bereits erworbenen Vorkenntnissen und Fertigkeiten können Offiziere neue Informationen über Persönlichkeiten, Inhalte, Ereignisse, Strukturen und Prozesse der deutschen und europäischen Geschichte, insbesondere der Militärgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, in ihrer zeitgebundenen Prägung verstehen und strukturierend nutzen (Sachkompetenz). Sie sind befähigt und bereit, eigene Fragen an Vergangenheit und Geschichte zu stellen. Sie verbessern dadurch ihre Fähigkeit, politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und militärische Gegenwarts- und Zukunftsfragen zu beurteilen sowie Folgerungen für ihr militärisches Denken und Handeln abzuleiten (Fachkompetenz). […] Sie kennen das Traditionsverständnis der Bundeswehr und entwickeln daraus Maßstäbe für die zeit- und auftraggemäße Gestaltung der Traditionspflege in ihrem jeweiligen Aufgabenbereich (Orientierungskompetenz).“[44]

 

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

 

 

 

Anmerkungen

  1. Berg, Stefan, in: Der Spiegel Nr. 45/ 3.11.2018, S. 29.
  2. Handbuch Militärisches Grundwissen: NVA Ausgabe, 28. Auflage. Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik: Berlin 1989, S. 28.
  3. ebenda.

 

  • Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr, Bonn 1982, in: Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): Zentrale Dienstvorschrift (ZDv) 10/1: Innere Führung. Selbstverständnis und Führungskultur der Bundeswehr, SKN Druck und Verlag: Norden 2008, S. 54-61.
  • Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): Presseterminhinweis vom 14. August 2017: Ursula von der Leyen eröffnet ersten Workshop zur Überarbeitung des Traditionserlasses, Berlin 2017, URL: https://www.bmvg.de/resource/blob/16892/45f47a10e4e95637cdfd1469c4b20828/14-08-17-von-der-leyen-eroeffnet-ersten-workshop-traditionserlass-data.pdf (letzter Zugriff: 02.03.2018), S. 1.
  • Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): Bundeswehr und Tradition. Erlass des Bundesministers der Verteidigung, Beilage zu Heft 9/1965: Information für die Truppe, Kölnische Verlagsdruckerei: Köln 1965.
  • Scianna, Bastian Matteo; Wolffsohn, Michael: Die Bundeswehr ist eine Erfolgsgeschichte, in: Die Bundeswehr. Das Magazin des Deutschen BundeswehrVerbands 10, 2017, S. 26-27.
  • Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport (Hrsg): Verlautbarungsblatt I 53. Folge 2001-Nr. 117, Anordnungen für die Traditionspflege im Bundesheer-Neufassung, Wien 2001, 2.Zweck der Tradition, b) Die traditionsbildenden Elemente im Bundesheer.
  • BMVg: Bundeswehr, 1965, III. Traditionspflege in der Bundeswehr, Ziffer 26, S. 9.
  • BMVg: Richtlinien, 1982, III. Hinweise, Ziffer 22, S. 59.
  • Führungsakademie der Bundeswehr (Hrsg.): Empathie und militärisches Können - zwei Seiten einer Medaille, Rede an der Führungsakademie der Bundeswehr am 17. Februar 1999/ Rudolf Scharping, Führungsakademie der Bundeswehr, Fachinformationsstelle/ Dokumentation: Hamburg 1999 (= Akademie-Information – FüAk-aktuell Nr.4), URL: http://www.dtic.mil/dtic/tr/fulltext/u2/a381380.pdf (letzter Zugriff: 02.03.2018), S. 10, S. 12.
  • Und: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Stenographischer Bericht: 163. Sitzung; Plenarprotokoll 13/163, Rede von Volker Rühe, Bundesminister BMVg, am 13. März 1997 in Bonn, URL: http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/13/13163.pdf (letzter Zugriff: 02.03.2018), S. 14271.
  • Bundespräsidialamt (Hrsg.): Einsatz für Freiheit und Sicherheit: Rede von Bundespräsident Horst Köhler bei der Kommandeurtagung der Bundeswehr am 10. Oktober 2005 in Bonn, URL: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Horst-Koehler/Reden/2005/10/20051010_Rede_Anlage.pdf;jsessionid=E2E8089405EAAE2F7AE1521A6076D49E.1_cid362?__blob=publicationFile&v=2 (letzter Zugriff: 02.03.2018), Ziffer XIII., S. 11.
  • Deutsche Presse-Agentur (dpa): Bundeswehrmuseum in Dresden - viel Lob für Architektur und offenen Diskurs. Dresden. Offensive statt Verteidigung: Die Bundeswehr sucht mit ihrem neuen Militärhistorischen Museum in Dresden den offenen Diskurs über Ursachen von Krieg und Gewalt, in: Dresdner Neueste Nachrichten 14. Oktober 2011, URL: http://www.dnn.de/Nachrichten/Kultur/Regional/Bundeswehrmuseum-in-Dresden-viel-Lob-fuer-Architektur-und-offenen-Diskurs (letzter Zugriff: 02.03.2018).
  • Millotat, Christian: Gedanken zum Buch „Tradition für die Bundeswehr, Neue Aspekte einer alten Debatte“, hrsg. von Eberhard Birk, Winfried Heinemann, Sven Lange, in: Clausewitz-Gesellschaft e.V. 20. März 2013, URL: https://www.clausewitz-gesellschaft.de/gedanken-zum-buch-tradition-fuer-die-bundeswehr-neue-aspekte-einer-alten-debatte-hrsg-von-eberhard-birk-winfried-heinemann-sven-lange/ (letzter Zugriff: 02.03.2018).
  • mli/AFP/dpa: Bundeswehr statt Wehrmacht. Von der Leyen fordert neue Traditionslinien, in: n-tv 16. Mai 2017, URL: https://www.n-tv.de/politik/Von-der-Leyen-fordert-neue-Traditionslinie-article19844972.html (letzter Zugriff: 02.03.2018); Vgl. ebenso Wüstner, André: Respekt - auch und gerade in schwieriger Zeit, in: Die Bundeswehr. Das Magazin des Deutschen BundeswehrVerbands 7, 2017, S. 1; Vgl. ebenso Meyer, Jan: Haltung ist das Stichwort! In: Die Bundeswehr. Das Magazin des Deutschen BundeswehrVerbands 7, 2017, S. 41.
  • Jungholt, Thorsten; Lutz, Martin mit dpa: „Absurd, Bundeswehr unter Wehrmachtsverdacht zu stellen“, in: Welt, Axel Springer SE mit dpa 13. Mai 2017, URL: https://www.welt.de/politik/deutschland/article164531298/Absurd-Bundeswehr-unter-Wehrmachtsverdacht-zu-stellen.html#Comments (letzter Zugriff: 02.03.2018).
  • Schlie, Ulrich: Bundeswehr und Tradition: ein nicht immer einfaches, aber notwendiges Verhältnis, in: Der Panzer-Spähtrupp 10/ 48, 2010, S. 8.
  • Scianna, Wolffsohn: Die Bundeswehr, 2017, S. 27.
  • Giordano, Ralph: Die Traditionslüge. Vom Kriegerkult in der Bundeswehr, Kiepenheuer/ Witsch: Köln 2000; Bald, Detlev: Die Bundeswehr. Eine kritische Geschichte 1955-2005, C. H. Beck: München 2005 (= Beck’sche Reihe 1622).
  • Maizière, Ulrich de: Führen – im Frieden. 20 Jahre Dienst für Bundeswehr und Staat, Bernard u. Graefe, München 1974, S. 18.
  • Maizière, Thomas de: zitiert nach Schwarze, Till: „Es kann ums Sterben und Töten gehen“. De Maizière zwingt die Truppe zur Reform, in: n-tv 18. Mai 2011, URL: https://www.n-tv.de/politik/De-Maiziere-zwingt-die-Truppe-zur-Reform-article3367526.html (letzter Zugriff: 02.03.2018).
  • Bald: Die Bundeswehr, 2005, S. 189f.
  • Scianna, Wolffsohn: Die Bundeswehr, 2017, S. 26-27.
  • Ebenda, S. 27.
  • Ebenda, S. 27.
  • Millotat, Christian: Wo steht die Bundeswehr? Plädoyer für ihre gerechte Behandlung und die Würdigung ihrer Leistungen, in: Europäische Sicherheit 47/ 4, 1998, S. 10-15; Vgl. ebenso Binder, Dieter Anton: Nachdenken über Tradition und Militär, in: Binder, Dieter Anton; Uhl, Heidemarie (i. A. der Militärhistorischen Denkmalkommission des BMLVS): 20 Jahre Militärhistorische Denkmalkommission 1994 – 2014. Eine Bilanz, BMLVS/ Heeresdruckzentrum: Wien 2014, S. 7-17.
  • Bald: Die Bundeswehr, 2005, S. 97f.
  • BMVg: Bundeswehr, 1965, III. Traditionspflege in der Bundeswehr, Ziffer 23, S. 9.
  • BMVg: Bundeswehr, 1965, I. Grundsätze, Ziffer 6, S. 4.
  • Maizière, Ulrich de: In der Pflicht. Lebensbericht eines deutschen Soldaten im 20. Jahrhundert, E.S. Mittler u. Sohn: Herford/ Bonn 1989, S. 268.
  • ebenda, S. 267-269.
  • BMVg: Richtlinien, 1982, I. Grundsätze, Ziffer 2, S. 54.
  • BMVg: Richtlinien, 1982 zitiert nach Bald: Die Bundeswehr, 2005, S. 97f., zu Kritik vgl. ebenda.
  • Manfred Wörner zitiert nach Bald: Die Bundeswehr, 2005, S. 97.
  • Millotat, Christian: Eliten der Bundeswehr im Einsatz. Offiziere im Generalstabs- und Admiralsstabsdienst – Wurzeln, Erbe, persönliche Erfahrungen –, Druffel u. Vowinckel: Stegen/ Ammersee 2009, S. 253.
  • BMVg: Richtlinien, 1982, II. Zielsetzungen, Ziffer 16, S. 57.
  • Unter „preußisch-deutsche Militärkultur“ wird verstanden: In der heutigen Bundeswehr in neuem Gewand fortwirkende, in früheren deutschen Armeen entstandene Besonderheiten des deutschen Militärs, das sie von anderen Armeen unterscheidet. Hierzu gehören z.B. die Auftragstaktik, das preußisch-deutsche General-stabssystem, das Miteinander in Stäben sowie Verfahren zur Entscheidungsfindung und Befehlsgebung, aber auch Formen der Selbstdarstellung der Truppe, ihre Militärmusik und Felder ihres Selbstverständnisses. Siehe Millotat, Christian: Die Erkenntnisse des Generalmajors Carl von Clausewitz als Hilfen für Planung, Führung und Auswertung internationaler Krisenreaktionseinsätze mit deutscher Beteiligung, in: Clausewitz-Gesellschaft e.V. (Hrsg.): Clausewitz-Gesellschaft. Jahrbuch 2013, Bd. 9, Clausewitz-Gesellschaft e.V.: Hamburg 2014, S. 144.
  • Beispiele über die Aufnahme von Helmuth von Moltkes Gedanken zur Truppenführung in die Heeresdienstvorschrift (HDv) 100/100: Truppenführung 2000, in: Millotat, Christian: Das preußisch-deutsche Generalstabssystem. Wurzeln – Entwicklung – Fortwirken, Vdf Hochschulverlag ETH: Zürich 2000, (= Strategie und Konfliktforschung), S. 148-153.
  • Kommentare zur Präsentation des neuen Traditionserlasses: Lohse, Eckart: Gefallen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. März 2018, Nr. 75, S.1; Vgl ebenso Bingener, Reinhard: Leyen: Bundeswehr kann auf ihre Geschichte stolz sein, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. März 2018, Nr. 75, S.1f.; Zur Entwicklung des neuen Traditionserlasses im BMVg: Fleischer, Jörg: Der Weg zum neuen Traditionserlass, in: BMVg 22. Februar 2018, URL: https://www.bmvg.de/de/aktuelles/der-weg-zum-neuen-traditionserlass-22358 (letzter Zugriff: 02.03.2018).
  • Münkler, Herfried: Traditionspflege ermöglicht Modernität, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Februar 2018, Nr. 44, S. 8.
  • Bundesministerium der Verteidigung: Die Tradition der Bundeswehr. Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege, URL: https://www.bmvg.de/de/aktuelles/der-neue-traditionserlass-23232 (letzter Zugriff: 02.03.2018).
  • Goethe, Johann Wolfgang von: Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman. In: Goethes Werke, Band VI, Romane und Novellen, Beck`sche Verlagsbuchhandlung: München 101981, S. 379.
  • Bundesministerium der Verteidigung: A- 2620/4. Zentrale Dienstvorschrift Historische Bildung in der Bundeswehr, Stand November 2018, 7. Anlage, S. 10.

 

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