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Umgang mit der Tradition

2015-05-15 08:57
von Marco Pracht
Band-5

Zum Umgang mit der Tradition in der Bundeswehr

von Siegried Storbeck

Die Bundeswehr begeht in den Teilstreitkräften ihr 50 jähriges Bestehen. Breite Anerkennung und Zustimmung erhält sie zu Recht: Für ihre Leistungen im alliierten Verbund der NATO während des Kalten Krieges; für die Schaffung der Armee der Einheit nach der Vereinigung unseres gemeinsamen Vaterlandes ohne Hass und mit Würde für unsere deutschen Brüder bei der NVA und für die aktuellen Einsätze im Rahmen neuer sicherheitspolitischer Aufgaben unter UN Mandat.

Generalleutnant a.D. Siegfried Storbeck
Generalleutnant a.D. Siegfried Storbeck, seit 1956 ( Andernacher) Soldat

Die historische Leistung der Aufbaugeneration unserer Streitkräfte ab 1955 bleibt die Schaffung der ersten Wehrpflichtarmee in einer deutschen Demokratie, ihre Mitarbeit am Soldatengesetz, die Entwicklung der Inneren Führung und die schnell einsetzende Anerkennung durch die ehemaligen Kriegsgegner in der NATO während des kalten Krieges. Generale und Offiziere, deren Erfahrung teilweise zurückreichte bis in den 1. Weltkrieg und in Reichswehr und Wehrmacht, waren maßgeblich an der politischen Entwicklung des Konzepts Bundeswehr beteiligt. Gut ausgebildete Kommandeure setzten mit ihren Unteroffizieren und Offizieren, die auch aus dem Bundesgrenzschutz und der Bereitschaftspolizei übernommen wurden, in den Anfangsjahren dieses Konzept um. Das alles nur 11 Jahre nach dem totalen Zusammenbruch Deutschlands 1945, nach bekannt- und bewusst werden der Nazi- Verbrechen und vor dem Hintergrund einer scharfen innenpolitischen Auseinandersetzung um die Wiederbewaffnung.

Seit 1991 ergibt sich aus der Stabilität dieser Streitkräfte die Kraft für die einschneidenden Strukturänderungen für neue Einsatzszenarien. Ihre Konzeption wurde Vorbild nun auch für Armeen der ehemaligen Ostblockstaaten. Unsere Altvorderen legten den Grundstein für die heutige Parlamentsarmee Bundeswehr, auf die demokratischer Verlass ist.

Doch ein Schatten, trübt dieses Bild: Der Umgang mit der Tradition, mit vorbildlichen Soldaten der Wehrmacht, zu denen die Gründergeneration der Bundeswehr gehört. Sie sollen nun nicht mehr zum Vorbild taugen, weil sie als Soldat den Befehlen der Politik ihrer Zeit, der Politik Hitlers, folgten oder folgen mussten.

I.

Nicht erst mit der Lex Mölders wurde die soldatische Leistung der mehrheitlich aus der Wehrmacht stammende Aufbaugeneration der Streitkräfte trotz vieler gegenseitigen Beteuerungen immer wieder in Frage gestellt und ihr Wertebewusstsein als Soldat verletzt. Schon in den 90er Jahren wurde der Traditionsabstand zur Wehrmacht, und damit auch zur Aufbaugeneration vergrößert. Eine zuerst nachlässig zusammengestellte öffentliche Wehrmachtausstellung, die korrigiert werden musste, und ein überarbeiteter Traditionserlass sind Eckpunkte dieser Entwicklung. Im Heer war eine teilweise rigorose "Renovierung" der bisher gültigen historischen und traditionellen truppengattungsgebundenen Erinnerungsstätten in Verbänden und an Schulen zu beobachten.

Auf einer internationalen militärgeschichtlichen Tagung in Bonn im Herbst 2005 unter Leitung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Potsdam, wurde durch einen ehemaligen wissenschaftlichen Direktor an der Führungsakademie der Bundeswehr diese Soldaten der ersten Stunde als "karriereorientierte Gewalttechnokraten mit opportunistischer Grundhaltung" diffamiert. Mir ist dazu keine schützende öffentliche Stellungnahme des Bundesministers der Verteidigung oder des Generalinspekteurs bekannt. Die namentliche Erinnerung an vorbildliche, nicht nur deutsche Luftwaffen- Piloten wird in Fürstenfeldbruck entsorgt. Immerhin hat sich dazu der Parlamentarische Staatssekretär im BMVg, Dr.Pflüger, öffentlich kritisch mahnend geäußert.

Die ersten ab 1956 in der Bundeswehr ausgebildeten Offizier- und Unteroffizieranwärter hatten wie der Verfasser, den Krieg zumeist als Jugendliche passiv in Luftschutzkellern, auf der Flucht und in der brutalen Wirklichkeit des "Endkampfes" auf deutschem Boden erlebt. Sie brachten aus den Berichten ihrer Väter und älteren Brüder und schließlich aus eigenem Erleben eine ziemlich genaue Vorstellung mit von dem, was vom Soldaten im Einsatz gefordert wurde. Sie vertrauten ihren Vätern und älteren kriegserfahrenen Vorgesetzten, deren Ausbildung und Führung. Deshalb fühlen sie viele von ihnen durch diese Traditionslinie genauso betroffen und verletzt.

Kriegsverbrechen, die im Bereich der Wehrmacht nachweisbar sind, dürfen nicht verschwiegen werden. Die nationalsozialistische Zielsetzung für den Einsatz der Wehrmacht war eine politische. Dass Reichswehr und Wehrmacht nach bester Qualität in Struktur, Ausrüstung und Ausbildung planten, war und ist Zielsetzung aller Armeen der Welt. Ebenso wie die Tatsache, dass der Soldat der Politik zu folgen hat, gemäß seinem Eid und unter Wahrung der Werte des Kriegsvölkerrechts und seiner soldatischen Tradition.

Die verbrecherische Politik Hitlers unter Beihilfe der obersten Wehrmachtsführung und die Kriegsverbrechen einzelner Verbände wurden zum undifferenzierten Maßstab für die Traditionsunwürdigkeit der gesamten Wehrmacht Diesem Verdikt sind damit alle ihre Soldaten unterworfen. Vorbildliche soldatische Einzelleistungen von Soldaten aller Dienstgrade, gründend auf beispielgebender charakterlicher Haltung und vorbildlich herausragendem Können, sind nicht mehr traditionswürdig. Die zeitlosen soldatischen Tugenden der Tapferkeit, des Muts, der Kameradschaft und des menschlichen Vorbilds im Kampf werden für eine ganze Generation in Frage gestellt, weil sie als Bürger und Soldat den politischen Befehlen ihrer Zeit gehorchten, gehorchen mussten. Ein Vorgang, der in den von langjährigen Traditionen geprägten Armeen unserer westlichen und östlichen Nachbarn kaum denkbar ist.

Die genannten Grundforderungen an den Soldaten werden immer den Wert einer Armee entscheidend mitbestimmen. Der Soldat in einer hochtechnisierten Armee braucht, neben den geistigen Reformern, auch diese Vorbilder, wenn er nicht zum Technokraten werden will. Die wenigen Soldaten, die Hitlers Absichten sofort oder später durchschauten und sein Regime ablösen wollten, verdienen höchste Anerkennung. Sich aus dem Eid und dem Gehorsam, aus der Kameradschaft und der soldatischen Pflicht im Krieg zu lösen, war ein schwerer Entschluss, der seine Kraft nicht nur aus christlichhumaner Überzeugung, sondern auch aus soldatischem Wertebewusstsein schöpfte. Die Geschichte kennt nur wenige Menschen, die unter bewusstem Einsatz ihres Lebens und dem ihrer Familien, ihrem Gewissen folgten. Zu Recht stehen Beck, von Stauffenberg und ihre Kameraden in der ersten Reihe der Vorbilder, nicht nur für uns Soldaten. Doch sind deshalb die Soldaten der Wehrmacht, die nicht zu den Männern und Frauen des 20. Juli gehörten, jedoch im immer brutaler werdenden Krieg die Tugenden der Menschlichkeit, Tapferkeit und der Kameradschaft vorbildlich versuchten zu leben, traditionsunwürdig?

II.

Tradition ergibt sich unmittelbar aus den Wertevorstellungen, die wir aus unserer Kultur und Zivilisation als vorbildlich, stabilisierend und weiterführend entwickeln. Sie hat unmittelbare geistige Verbindung zum Patriotismus. Für beide liegen ihre Wurzeln auch im christlichen Glauben.

Die aus der jüngsten Traditionsfindung in der Bundeswehr sichtbar werdende Unsicherheit, hat neben anderen Fakten eine entscheidende Ursache: Wir Deutschen haben seit 1933 ein belastetes Geschichtsbild, das sich immer wieder fokussiert auf die Entwicklung zum Nationalsozialismus und seine Verbrechen. Den Werten, die als "preußisch" verachtet, bestenfalls belächelt werden, verweigert die "Spaßgesellschaft" die Annahme - sie sind dem Vorwurf als "Sekundärtugenden" ausgesetzt, mit denen sich, nach Zitat eines ehemaligen Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, auch Konzentrationslager führen lassen.

Wir stellen uns den Verbrechen des Nationalsozialismus, und wir tun uns schwer mit unserer selbstbewussten nationalen Selbstfindung, weil jeder Schritt in diese für andere Völker selbstverständliche Haltung auch sofort von kritischer Hinterfragung nach unserer jüngsten Vergangenheit begleitet werden kann.

Eine Werte-Debatte wird angestoßen und nicht weiter geführt. Weichen wir ihr aus, weil sie eine bessere Allgemeinbildung voraussetzt, nicht zeitgemäß oder unbequem ist? Eine Wertedebatte ist nie zu Ende, aber sie muss immer wieder zeitlich begrenzt und mit einem Ergebnis geführt werden, um Halt und Richtung besonders in Zeiten mit Umbrüchen geistiger und materieller Art zu geben Auch das Fehlen kritischer geistiger Impulse unseres aussterbenden Bildungsbürgertums dürfte in diesem Zusammenhang eine gewichtige Rolle spielen.

Unser Volk muss sich Europa und zugleich geistigen und materiellen Herausforderungen stellen, die durch Globalisierung, Hochtechnologie, Kapitalismus pur, ungelösten multikulturellen Fragen und der Auseinandersetzung zwischen fundamentalistisch-ethnischen und -religiösen Bewegungen bestimmt werden. Hinzu kommt eine demoskopische Entwicklung mit der Gefahr einer Verhärtung des Denk- und Meinungsaustausches zwischen den Generationen. Wir spüren, dass es schwierig wird, von einem labilen historischen und geistigen Fundament aus überzeugend nach vorn zu handeln. Auch deshalb immer wieder der politische Ruf nach patriotischer Haltung. Doch woher soll die kommen? Wir haben die Vergangenheit immer noch nicht bewältigt und haben deshalb Schwierigkeiten mit Gegenwart und Zukunft. Unsere Politik ist zu meinungsorientiert, es wird zu wenig nach logischen strategischen Zielsetzungen, positiven geschichtlichen Erfahrungen und letztlich sachlichen Überzeugungen entschieden und geführt. Dabei müssen wir nicht, wie immer wieder befürchtet, die beschämenden Teile unserer Geschichte mit dem Holocaust verdrängen.

Die Vorbilder in Politik, Wirtschaft und Kultur sind rar, alle versuchen ihr Bestes, leider zu oft nur für sich oder um des parteipolitischen Machterhalts willen. In einer Demokratie ist auch das nur in den Grenzen erlaubt, die das Staatswohl setzt.

III.

Unter diesen Prämissen haben die Wertevorstellungen der älteren Generation wenig Gewicht, auch wenn mit ihnen ab 1945 unser Land wieder aufgebaut wurde und sich nach dem Nationalsozialismus international politische Achtung zurück erwarb. Die Erklärungen zu den abwertenden Entscheidungen über vorbildliche Soldaten der Wehrmacht leiten sich politisch, in einzelnen öffentlichen Diskussionsbeiträgen polemischideologisch ab und sind militärgeschichtlich nicht immer nachvollziehbar. Einzelne jüngere Stabsoffiziere und Militärhistoriker bewiesen in dieser Debatte öffentlich Mangel an Stil, ohne dass die politische oder militärische Führung sichtbar korrigierte.

Dieser Disput darf nicht zum Abriss zwischen den Generationen in unserer Armee und damit in unserer Militärgeschichte führen. Hier liegt hohe Verantwortung für den Geist, den Stil und letztlich für die Innere Führung der Armee bei den politisch und militärisch Verantwortlichen.

Der Umbau der Streitkräfte auf die zukünftigen Einsatzszenarien ist ein von den Führungsstäben lösbarer organisatorisch-materieller politischer Auftrag. Die wichtigere und größere Aufgabe ist es, die geistige Haltung und damit auch das erprobte soldatische Wertebewusstsein des Offizier- und Unteroffizierkorps nicht einem kurzatmigen Zeitgeist zu überlassen. Schon Scharnhorst hat es so beurteilt und danach gehandelt.

Generalleutnant Siegfried Fritz Storbeck

wurde am 25.11.1932 in BERLIN geboren. Nach dem Schulabschluß der mittleren Reife durchlief er von 1950-1955 eine bergmännische Ausbildung im Ruhrbergbau für die Steigerlaufbahn, mit Aufbauklasse und Bergvorschule. Verheiratet seit 1961 mit Frau Wiebke, geb. Diederich, 3 Kinder.

Militärische Laufbahn
  • 2.Januar 1956 Eintritt in die Bundeswehr als Panzerschütze ( Andernacher)
  • 1957 Zugführer Panzerbataillon 13, Flensburg, FmOffz, S2/ S1 Offz PzBtl 183, Boostedt Kompaniechef PzBtl 183, Boostedt
  • 1964 Generalstabsausbildung FüAkBw
  • 1966 Attachégehilfe Botschaft London
  • 1968 G1 6.PzGrenDiv. Neumünster
  • 1969 G3 6.PzGrenDiv. Neumünster 1970 Kommandeur PzBtl 183, Boostedt
  • 1972 Hilfsreferent Führungsstab des Heeres, FüH IV Organisation. 1973 Adjutant Stellv. Generalinspekteur
  • 1975 Heeresattaché Botschaft Washington, Beförderung zum Oberst
  • 1978 Kommandeur PzBrigade 36
  • 1980 Stabsabteilungsleiter IV (Org) im FüH, Beförderung zum Brigadegeneral
  • 1983 General der Kampftruppen und Abteilungsleiter V (Kampftruppen) im Heeresamt. Beförderung zum Generalmajor
  • 1984 Kommandeur 12.Panzerdivision in Veitshöchheim
  • 1986 Chef des Stabes des Führungsstabes der Streitkräfte im BMVg
  • 1987 Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr und truppendienstlicher Vorgesetzter für den Zentralen Militärischen Bereich. Beförderung zum Generalleutnant
  • 1991 Versetzung in den einstweiligen Ruhestand
Orden und Ehrenzeichen
  • 1962 Sturmflutmedaille Schleswig-Holstein
  • 1979 Legion of Mérit USA 1980 Ehrenkreuz der Bundeswehr Gold
  • 1984 Bundesverdienstkreuz am Bande
  • 1987 Legion of Mérit, USA, Second Award
  • 1988 L'Ordre National du Mérite, Frankreich
  • 1989 Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
  • 1990 Großoffizierkreuz der Republik Tunesien
  • 1991 Commandeur dans l'Ordre National de la Légion d'Honneur, Frankreich Das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

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Generalleutnant Jacobson
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