Hotline: Mo + Mi 08:00 - 13:00 Uhr +49 (0) 5192 / 98 62 81 freundeskreis@panzertruppe.com
Detailansicht

Verteidigung

2015-06-03 19:32
von Redaktion
Band-6

Rede des Innenminister a.D. und Generalleutnant a.D Jörg Schönbohm

zur Vereidigung der Offizieranwärter am 20.Juli 2010 in Munster

Abordnung des OA-Btl Munster bei der Vereidigung
Abordnung OA-Btl Munster

Soldaten und Soldatinnen, verehrte Angehörige, sehr geehrte Gäste, Sie, Soldaten schwören heute, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Sie kennen unser Land, Sie sind in unserem vereinigten Vaterland groß geworden; die Schrecken des Krieges, der kalte Krieg mit seinen neuen Bedrohungen, die Teilung Deutschlands und die glückliche Wiedervereinigung Deutschlands und das Zusammenwachsen Europas sind für Sie Geschichte. Für die Generation Ihrer Eltern und Großeltern z.T. erlebtes Leben. Sie sind groß geworden in einer Zeit der ständigen Veränderungen; die ehemaligen Bürger der DDR standen vor den größten Herausforderungen, als sie ihr Leben in Freiheit und unter großen Umbrüchen neu gestalten mussten. Die Grenzkontrollen in Europa fielen weg, die russischen Streitkräfte verließen das wiedervereinigte Deutschland. Es entstanden wieder alte Staaten neu in Europa, von der Ostsee bis in den Balkan. Europa wandelte sich und die EU wurde ein Raum der Sicherheit, der Freiheit und des Rechts, die D-Mark wurde durch den € ersetzt und die Arbeitnehmer können sich freizügig in diesem Europa bewegen und niederlassen von Sizilien bis Finnland, von Portugal bis zu den baltischen Staaten. Dieses neu begründete Europa kann nur gemeinsam Erfolg haben in einer sich weiter verändernden Welt. Dieser Raum der gemeinsamen Sicherheit kann seine Stabilität und Sicherheit nur gemeinsam bewahren oder auch verlieren. Deutschland als größtes Land im Herzen unseres Kontinents hat hier eine besondere Verantwortung – wir können keine Sonderrolle mehr spielen. Diese europäische Gemeinsamkeit und das Bündnis mit den USA werden Ihren künftigen Berufsweg entscheidend bestimmen.

Sie kommen aus allen Bundesländern von Norden, Süden, Osten und Westen. Sie haben sich entschieden, unserem Land als Soldaten zu dienen und sie werden diese Entscheidung am heutigen Tag feierlich beeiden. Für Sie wird dieser Tag immer als ein besonderer Tag in Erinnerung bleiben, und das ist es auch. Der 20. Juli 1944 ist für die Bundesrepublik Deutschland ein Tag des nationalen Gedenkens an das Attentat auf Adolf Hitler. Für die Bundeswehr ist dies ein Tag des Gedenkens und des Besinnens.

Lassen Sie mich an die Motive der Widerstandskämpfer erinnern, die Generalmajor Henning von Tresckow wie folgt zusammenfasste:" Das Attentat muss erfolgen, coute que coute. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig." Und nach dem gescheiterten Attentat sagte von Tresckow vor seinem Freitod zu seinem Kameraden von Schlabrendorff: "Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn nur 10 Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott auch Deutschland um unseretwillen nicht verderben wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Werte eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben."

Soldaten, das sind Worte in einer existenziellen Krise – sie weisen aber auf die Dimension und Verantwortung des Offiziers in herausfordernden Lagen hin; spätestens hier wird deutlich vor welchen grundlegenden Entscheidungen ein Offizier gestellt werden kann. Ihr Beruf verlangt daher auch von Ihnen, sich mit den ethischen und Wertefragen auseinanderzusetzen. Der heutige Feldgottesdienst hat uns allen einen Hinweis auf die Bedeutung des Glaubens und der ethischen Fragen gegeben. Ich hoffe, dass auch in Zukunft der lebenskundliche Unterricht Ihnen hilft, sich mit Fragen zu stellen.

Sie leisten heute Ihren Eid auf unseren demokratischen Rechtsstaat und nicht auf eine Person. In Kenntnis unserer Geschichte können Sie diesen Eid aus voller Überzeugung sprechen, denn wir haben aus unserer Vergangenheit gelernt. Deutschland hat sich über 60 Jahre als Demokratie bewährt, die deutsche Einheit verantwortungsvoll gestaltet und die Integration in Europa vorangebracht. Wir sind ein geachteter und verläßlicher Partner der demokratischen Rechtsstaaten.

Eine der Lehren aus der Geschichte ist, dass sie ihren Eid für unsere Bundesrepublik Deutschland – unserem Verfassungsstaat – und unser Volk leisten, das sind ihre Bezugspunkte: Der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Sie werden zu einem Zeitpunkt Soldat, in dem Deutschland von Freunden und Bündnispartnern umgeben und keiner unmittelbaren Bedrohung durch benachbarte Staaten ausgesetzt ist. Dies ist ein glücklicher Augenblick unserer Geschichte.

Beim Abschreiten der Front. rechts: Innenminister a.D. und Generalleutnant a.D. Jörg Schönbohm, mitte: BG Klaus Feldmann, Kdr AusbZentrum Munster, links: stellvertretender Bürgermeister Munster, Dr. Rogosch
Beim Abschreiten der Front. rechts: Innenminister a.D. und Generalleutnant a.D. Jörg Schönbohm, mitte: BG Klaus Feldmann, Kdr AusbZentrum Munster, links: stellvertretender Bürgermeister Munster, Dr. Rogosch

Wir haben als größtes Land im Herzen Europas, mit den längsten Grenzen und den meisten Nachbarn keine Sorge vor einer Bedrohung aus Europa so wenig wie sich unsere Nachbarn von uns bedroht fühlen – und dennoch benötigen wir Soldaten? Als ich am 1.4.57 als Wehrpflichtiger Soldat wurde, kannten wir die Bedrohung, erlebten die Kubakrise, den Mauerbau und später den Aufstand in der tschechischen Republik mit der nachfolgenden Invasion der Warschauer- Pakt-Staaten .Wir mussten kämpfen können, um durch die abschreckende Wirkung nicht kämpfen zu müssen. Die Strategie der flexible Response verlangte diese Leistungen für die Abschreckung, um den Krieg zu verhindern. Der Zusammenbruch der Sowjet Union, die friedliche Revolution in der DDR, die deutsche Einheit und das zusammenwachsende Europa sind das Ergebnis unserer gemeinsamen Anstrengungen.

Sie werden in einer anderen Weltlage Offiziere. Sie werden ausgebildet für den Einsatz, um auch einen solchen zu führen und sich im Einsatz zu bewähren – der kalte Krieg ist dem heißen Frieden gewichen.

Feldgottesdienst, auch das gehört dazu
Feldgottesdienst, auch das gehört dazu

Sie werden ausgebildet für den Einsatz um einen solchen zu führen und sich im Einsatz zu bewähren Selbstmörder und Terrororganisationen können wir – anders als Staaten – nicht abschrecken; darum müssen Sie zum Schutz unseres Landes dort eingesetzt werden, wo die Bedrohung für unser Gemeinwesen erwächst. Wir werden zur Zeit nicht von Staaten sondern von nichtstaatlichen Terrorgenerationen bedroht, die z.B. wie in Afghanistan ihre Basen und Ausbildungslager haben. Diese Bedrohung richtet sich gegen unseren Lebensstil, unsere Kultur und unsere Freiheit – diese Bedrohung zielt auf Gesamteuropa und die USA wie die Anschläge der vergangenen Jahre zeigen. Deutsche Soldaten sind heute schon von Afghanistan bis hin zum Horn von Afrika, vom Kongo bis zum Balkan und Kaukasus gemeinsam mit ihren Kameraden aus allen Teilen der Welt im Einsatz gegen Terroristen oder zur Stabilität im benachbarten Balkan.

Sie dienen dem Frieden und wollen für andere Menschen die Vorraussetzungen schaffen, dass diese in Frieden und Freiheit leben können und dass von ihren Ländern keine Bedrohung mehr für Europa ausgeht. Mit ihrem Eid erklären Sie feierlich vor der Öffentlichkeit Ihre Bereitschaft, gemeinsam mit unseren Verbündeten und Freunden die Sicherheit unseres Landes und damit Europas auch außerhalb unseres Landes tapfer zu verteidigen. Wir haben erfahren, dass die Sicherheit Europas gegen Bedrohungen – vor allem terroristischer Art – nur gemeinsam durch Europa und die USA zu erreichen ist.

Sie haben sich einen spannenden und herausfordernden Beruf erwählt; sie werden darin auch Ihre Erfüllung finden, weil Sie erleben werden, was es heißt, gemeinsam und in Kameradschaft, im gegenseitigen aufeinander Verlassen auch unter Gefahren militärische Aufträge auszuführen. Als künftige Offiziere sind Sie besonders gefordert. Sie übernehmen früh ungleich mehr Verantwortung für andere Menschen, deren Leben und Gesundheit, als in anderen Berufen. Wer diese Verantwortung übernimmt, muss selber etwas leisten und Vorbild sein. Und hier gilt, dass neben fachlichem Können, Charakterstärke, Belastbarkeit, menschliche Zuverlässigkeit und Kameradschaft die Grundvoraussetzungen für einen militärischen Führer sind – in ihrem Beruf ist das wichtiger als in manchen anderen, denn sie haben eine weiterreichende Verantwortung für andere Menschen –bei Ihnen gelten Befehl und Gehorsam; mit jedem Befehl übernehmen Sie Verantwortung für die Ihnen anvertrauten Soldaten.

Sie werden auf Ihren künftigen Beruf während Ihrer Ausbildung vorzüglich vorbereitet. Unsere Ausbildung braucht keinen Vergleich im internationalen Maßstab zu scheuen – wir sind gut und können etwas leisten. Unser Leitbild vom Staatsbürger in Uniform und unser Prinzip der Auftragstaktik sind die Grundlage unserer bisherigen Erfolge. Sie haben sich in der Geschichte der Bundeswehr in allen Lagen vom Hochwassereinsatz bis hin zu den Gefechten in Afghanistan oder bei der Übernahme und Auflösung der NVA bewährt. Wir brauchen Führer – vom Zugführer bis zum KG – die diese Prinzipien auch anwenden und vorleben.

Ihre Verantwortung kann Ihnen niemand abnehmen

Als Offizier haben Sie eine dienende Aufgabe gegenüber Ihrem Land und den Ihnen anvertrauten Soldaten. Ihre Verantwortung kann Ihnen niemand abnehmen, Sie müssen frühzeitig lernen, damit umzugehen – auf all das werden Sie vorbereitet. Vergessen Sie bei all dem nicht, dass Sie ein Teil unserer Gesellschaft sind und als Staatsbürger Anteil am geistigen und politischen Geschehen unseres Landes haben.

Ein amerikanischer Infanterieoffizier, Absolvent von West Point, schildert in seinem Buch "The Unforgiving Minute – A Soldiers Education" seine Ausbildung in West Point, seine ersten Kampferfahrungen in Afghanistan und sein späteres Studium als Rhodes Scholar. Er beschäftigt sich mit der Frage: Bin ich vorbereitet und fähig, meine Soldaten in den Kampf gegen einen schweren Gegner zu führen? Diese Frage wird Sie in Zukunft auch begleiten und Ihre Ausbilder werden alles tun, um Ihnen zu helfen, diese Frage positiv zu beantworten. Auf diese "unforgiving minute", der ersten Entscheidung als Führer im Gefecht müssen Sie sich vorbereiten. Sie werden dann entscheiden müssen und können nicht warten bis Ihnen ein anderer sagt was zu tun ist. Sie werden wahrscheinlich kämpfen und führen müssen, auch gegen einen schwierigen Feind. Sie werden kämpfen, um helfen zu könne; häufig gibt es Hilfe erst nach Kampf oder auch unter Kampf. Sie werden das tun, auch wenn Deutschland scheinbar im tiefsten Frieden lebt und viele Mitbürger von Ihrem Einsatz für unser Gemeinwesen nur am Rande etwas erfahren.

Sie dienen einem Staat, auf den Verlass ist. Unsere Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer Rechtsstaat. Der Einsatz der Bundeswehr im Ausland erfolgt erst nach Zustimmung des Bundestages – unsere Armee ist ein Parlamentsheer; diese Rechtslage ist einmalig in der Welt, aber sie ist unserer Geschichte geschuldet und zeigt Ihnen wie sorgfältig der Einsatz der Bundeswehr abgewogen wird. Dennoch besteht auch nach der Entscheidung für einen Einsatz in einem weit entfernten Land, in einem anderen Kulturkreis und anderen geographischen und klimatischen Bedingungen die Verpflichtung, die Soldaten für ihren Einsatz realitätsnah auszubilden und auftragsbezogen auszurüsten – hier wird gerade an Verbesserungen gearbeitet, nachdem Defizite bekannt wurden. Die Bundeswehr bleibt eine lernende Organisation – dazu müssen weiterhin alle beitragen.

Lassen Sie mich zu Ihren Angehörigen sagen: Ihre Brüder und Schwestern ,Söhne und Töchter haben sich für den Dienst an unserem Land verpflichtet. Sie können darauf vertrauen , dass Sie gut ausgebildet und verantwortlich geführt werden. Sie werden selbst lernen, frühzeitig Verantwortung zu übernehmen. Sie dienen einer guten Sache, unser Land braucht sie.

Gratulation, links hinten der Amtschef des Heeresamtes GM Clauß
Gratulation

Die Berufssoldaten von Ihnen werden 35-40 Jahre im Deutschen Heer dienen. Keiner weiß welche Veränderungen sich in diesen Jahrzehnten ergeben, aber in einem können Sie gewiss sein: Sie dienen einem demokratischen Rechtsstaat, der auch aus der Geschichte um seine Verantwortung für den Einsatz der Soldaten weiß, aufmerksam begleitet von unserem Parlament, seinem Wehrbeauftragen – und den Medien.

Sie dienen unserer Bundesrepublik Deutschland, in deren Grundgesetz es auch als Erbe des 20. Juli im Art. 1 heißt : Die Würde des Menschen ist unantastbar. Seien Sie sicher, dass dieser Grundrechtsartikel die Richtschnur für das Handeln Ihrer Vorgesetzten ist und auch die Ihrige wird. Es lohnt sich, unserem Land zu dienen, wir haben eine glückliche Phase unserer Geschichte erreicht und Sie werden dazu beitragen, dass wir auf diesem Weg in einem sich weiter vereinigenden Europa vorangehen und unseren Beitrag leisten, dass die sich immer mehr vernetzende Welt sicherer wird – Gott schütze Sie und unser Deutschland!

Zurück

© Freundeskreis Offiziere der Panzertruppe e.V. | Webdesign von webdesign24.biz
Generalleutnant Jacobson
Generalleutnant Jacobson

Carsten Jacobson

Generalleutnant
Vorsitzender

General a.D. Wolfgang Brüschke
General a.D. Wolfgang Brüschke

Wolfgang Brüschke

Brigadegeneral a.D.
Stellvertretender Vorsitzender

Oberst a.D. Schneider
Oberst a.D. Schneider

Wolfgang Schneider

Oberst a.D.
Stellvertretender Vorsitzender