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Vorwort zu "bewegten Zeiten"

11.06.2017 18:00
von Marco Pracht
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Band-7
Der Vorsitzende des Freundeskreises Offiziere der Panzertruppe, Generalleutnant Carsten Jacobson
Der Vorsitzende des Freundeskreises Offiziere der Panzertruppe, Generalleutnant Carsten Jacobson

Wir leben in bewegten Zeiten. Die großen Veränderungen in der Weltpolitik haben erhebliche Auswirkungen auf die Sicherheitspolitik, und damit natürlich auch militärische Konsequenzen. Dinge, die über Jahre selbstverständlich waren, stehen auf dem Prüfstand. Alte Fundamente, wie der Zusammenhalt der NATO und der Europäischen Union, stehen unter Druck. Und das Besorgniserregende ist die Geschwindigkeit, mit der diese Veränderungen eintreten. In zunehmendem Maße wird die Fähigkeit gefordert, auf rasche Entwicklungen reagieren zu können – verzugslos, und mit hohem Qualitätsanspruch.

Die Streitkräfte, das Heer und gerade auch unsere Truppengattung haben Jahre der Verschlankung, Verringerung und auch des Fähigkeitsverlustes hinter sich. Eine junge Generation von Soldaten ist geprägt von den Herausforderungen realer Stabilisierungseinsätze, hat Einsatzerfahrung, auch Erfahrung im Gefecht.

Aber so hochintensiv das Gefecht für den Patroullienführer in Kunduz auch gewesen sein mag – es entspricht nicht dem, was hochintensives Gefecht im Systemverbund erfordert. Genau diese Fähigkeit gewinnt aber im neuen sicherheitspolitischen Umfeld rasch an Bedeutung. Wir müssen darauf reagieren. Unser wichtigstes Gut, unser Personal, haben wir über Jahre konsequent reduziert. Viele Soldaten und mit ihnen viel Erfahrung haben das Heer verlassen. Und wie immer war das Heer gut – auch im Erreichen der Vorgaben der Umfangsreduzierungen. Vielleicht waren wir zu gut.

Die Bundesministerin der Verteidigung hat dies richtungsweisend beendet, die Trendwende Personal ist eingeleitet. In vielen Bereichen ist sie allerdings nicht lediglich eine Richtungsänderung, sondern eher eine Kehrtwende. Das ist gut und richtig, aber es stellt hohe Forderungen – zunächst für uns vor allem im Umfang der Ausbildungsorganisation, aber auch in der Personalführung. Im Befüllen der in den vergangenen Jahren entstandenen Lücken muss klar priorisiert werden, denn es wird dauern, bis ausgebildetes Personal in Führungs- und Funktionspositionen nachrückt.

Bei all dem leisten unsere Männer und Frauen Hervorragendes, zeigen hohes Engagement und großen Professionalismus. Die Auftragsbücher der Verbände sind prall gefüllt, kaum ein Verband hat weniger als 3 Aufgaben parallel zu lösen. Wir bilden mongolische Soldaten in der Mongolei aus, georgische in Deutschland, kurdische im Irak, malische in Mali und afghanische in Afghanistan. Wir stehen weiter im Kosovo, und wir zeigen mit unseren Alliierten, vor allem den Amerikanern, Präsenz in Übungen bei unseren Bündnispartnern in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Auch hier bilden wir Soldaten unserer Partner aus, unterstützen sie mit Ausrüstung und weisen sie darauf ein.

In diesen Tagen bauen wir eine dauerhafte Präsenz auf der Ebene Gefechtsverband in Litauen auf, die mechanisierten Verbände werden sich hier auf lange Zeit im halbjährigen Rhythmus ablösen. Sie stehen dort mit ihren Hauptwaffensystemen, ausgebildet und befähigt zum hochintensiven Gefecht. Bei aller Belastung wird uns gerade dieser Einsatz in der Ausbildung deutlich voranbringen. Bilder von Shilo werden wach.

Diese „Enhanced Forward Presence“, die dauerhafte Präsenz „vorne“, zeigt aber auch, dass wir andere Fragen beantworten müssen. Wir sind nicht in einem neuen Kalten Krieg, und eine grenznahe Vorneverteidigung vom finnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer ist unrealistisch. Wir müssen damit auf etwas vorbereitet sein, das im Kalten Krieg nur eingeschränkt gefordert war – die freie Operation. Dies ist im Heer nur mit mechanisierten, durchsetzungsfähigen und gepanzerten Kräften zu lösen - hier haben wir Nachholbedarf.

Das Heer muss seine Rolle und seine Forderungen definieren und formulieren, denn nichts kann auf dem modernen Gefechtsfeld alleine gelöst werden – im Übrigen keine neue Erkenntnis. Die Herausforderung, sich auf Operationen weit entfernt von der Heimat einzustellen, fordert die Streitkräfte als Ganzes.

Viele Begriffe des „Kalten Krieges“ rücken dabei wieder in den Blickpunkt. Alarmierungsfähigkeit, Aufmarschplanung, Transfer of Authority, Host Nation Support, Rear Area Security, Combat Zone, Communication Zone – die Liste ist lang. Und national stellen sich auch wieder die Fragen nach personeller Mob Ergänzung, Personalersatz und Aufwuchsfähigkeit – die Rolle der Reserve, aber auch des aktiven Ergänzungspersonals ist zu überdenken.

Bei all dem wundert es nicht, dass auch in unsere Truppengattung Bewegung gekommen ist, auch hier als Richtungsänderung. Nach Jahren der Reduzierung, der Auflösung von Verbänden und Großverbänden muss genau hier nachgesteuert werden. Die Divisionen müssen die Fähigkeit, operativ führen zu können und dazu auch Gefechtsstände zu betreiben, erst wiedererlangen. Hier fehlen gerade den jungen Führern Bilder und Vorstellungen – wer hat denn schon einmal den Gewässerübergang eines Großverbandes oder den Zeitansatz und den Materialbedarf der Infanterie zum Herstellen der Verteidigungsbereitschaft geplant?

Auf der Brigadeebene müssen die Gefechtsstände und Verfahren so angepasst und beübt werden, dass wir in der Taktik wieder alle mit einer Sprache sprechen – und zwar in Englisch. Wir müssen den Koordinationsaufwand beherrschen, wir müssen wieder zeigen, dass Friktionen Normalität sind, und das in aller Regel nur das Einfache Erfolg hat. Wir müssen verstehen und beibringen, dass taktische Führung und Planung der Folgeoperation gerade auch unter Zeitdruck zusammengehören, aber getrennte Aufmerksamkeit der Führer verlangen.

Dabei ist die materielle Ausstattung eine Herausforderung für sich. Die Panzerbataillone haben in der Ausplanung der Struktur Heer 2011 ihre Gefechtsstände verloren, hier muss rasch wieder aufgebaut werden, denn gerade in der Gefechtsstandarbeit auf der Verbandsebene schulen wir unseren Führernachwuchs.

Das “dynamische Verfügbarkeitsmanagement“ hat unsere Hoflage belastet, die Einsatzrealität hat die Modernisierung der Hauptwaffensysteme in den Hintergrund gestellt. Unsere Verbände fahren auf Leopard 2 A5, A6, A6M und A7 – die zusätzlich von KMW zurückzukaufenden Systeme sind im Rüstzustand A4. Es wird lange dauern und viel kosten, bis wir wieder einen einheitlichen, bedrohungsgerechten Rüstzustand erreichen – aber wir müssen es angehen.

Die Aufstellung des Panzerbataillons 414 im März 2016 zeigt, endlich wieder, in die richtige Richtung. Die enge Kooperation mit unseren niederländischen Kameraden ist ein Gewinn für beide Seiten. Nun gilt es für uns in der Truppengattung die personelle und materielle Befüllung voranzutreiben, Vorschriften zu überarbeiten, Konzeptionen für die Zukunft zu erarbeiten, auszubilden und immer wieder zu üben, üben und üben.

Wir sind auf dem richtigen Weg und können stolz sein und bleiben, Panzersoldaten zu sein.

Ob‘s stürmt oder schneit.

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