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Wenn Du hier bestehen willst...

2015-06-07 09:11
von Redaktion
Band-5

Wenn Du hier bestehen willst, musst Du als Erstes Deinen militärischen Sprachgebrauch über Bord werfen

Eine nicht immer ganz ernst gemeinte kleine Geschichte über die gute alte Zeit, die Sprache und Netzwerke

von Heiko Landahl-Gette
Heiko Landahl-Gette
Heiko Landahl-Gette

Wer hat mich wohl wie oben zitiert begrüßt? Würde es Sie irritieren, wenn es kein "Zivilist" gewesen wäre? Aber der Reihe nach und zur guten alten Zeit, die ja auch ihre Erwähnung finden sollte: Als ich 1988 meinen Berufswunsch Zeitsoldat intensiver verfolgte und beim Kreiswehrersatzamt vorstellig wurde, gab ich als Wunschtruppengattung "Brückenbaupioniere" an. Das lag nahe, waren die doch in meiner Schulstadt Speyer stationiert und ich ein ausgewiesener Wasserfan. Und schon stellt sich die zweite – nicht ganz uninteressante Frage: wie kommt ein Brückenbaupionier zu einem Beitrag im "Schwarzen Barett"?

Dies ist in der Tat schnell erzählt und war im Studienwunsch "Pädagogik" begründet. "Als Pädagoge gehen Sie am Besten in die Kampftruppe", so der schneidige Wehrdienstberatungsfeldwebel 2). Unter den dann gebotenen Alternativen innerhalb der Kampftruppe war die Panzertruppe dann doch das, was mich am meisten reizte.

So trat ich also am 01.06.1989 meinen Dienst als Offizieranwärter im Panzerbataillon 283 in Münsingen auf der Schwäbischen Alb an. Und tatsächlich stellte sich schon sehr schnell der durchaus notwendige und natürlich berechtigte Stolz auf die Truppengattung ein. Dies wurde damals aber in besonderer Art und Weise durch die Ausbilder und Kompaniechefs gefördert. Die Erlaubnis das schwarze Barett zu tragen, wurde uns erst bei einem feierlichen Antreten nach Abschluss der 3-monatigen allgemeinen Grundausbildung im technischen Bereich erteilt. Nicht ohne uns vorher eine kurze Vorführung des Kampfpanzers Leopard 2A4 zu zeigen, bei der als Höhepunkt ein schrottreifes Auto (natürlich gemäß den Umweltschutzbedingungen präpariert) erst mit dem Heck touchiert und anschließend zweimal überfahren wurde. Es gab 1989 noch freilaufende Übungen und wir sollten zu Recht mit den beeindruckenden Fähigkeiten aber auch mit der Verantwortung die uns als Fahrer, Kommandant, Richt- oder Ladeschütze obliegen sollte vertraut gemacht werden. Den abschließenden Blick durch das Wärmebildgerät werde ich bis heute nicht vergessen und spätestens da hatte mich der Leo in seinem Bann. Ach ja – und glauben Sie ja nicht, dass wir schon die rosa Litze trugen, die wurde uns erst nach erfolgreichem Abschluss der ebenfalls 3-monatigen Spezialgrundausbildung und dem Ablegen des entsprechenden Ausbildungs- und Tätigkeitsnachweises verliehen.

Dieses gezielte Hinarbeiten auf den Stolz auf die Truppengattung in Kombination mit den sie begleitenden Symbolen habe ich später das ein oder andere Mal vermisst. Doch weiter im Takt: es folgten die üblichen Lehrgänge, Fahrschule, Fahnenjunkerlehrgang, Offizierschule in München – ja die gab es 1990 noch, Einzelkämpfer- und Fallschirmspringerlehrgang – wobei ich mich vor meinem ersten Sprung dann doch fragte, was ich denn eigentlich in der Transall verloren hatte, wo es in meinem Panzer doch so schön mollig warm war.

Aber schon in der Offizierschule und später dann auf dem Zugführerlehrgang begann ich meine Weichen so zu stellen, dass ich heute dort bin wo ich bin. Ich hörte erstmalig von Offizieren, die etwas mit Schülern und Jugendlichen zu tun haben sollten. Ohne genau zu wissen was es damit auf sich hatte, begann ich fortan all meine Lehrgangsleiter und Vorgesetzten mit meiner Idee so etwas später einmal auch tun zu wollen zu löchern 3). Schließlich kam ich aus der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit, was im Rahmen der Offizieraufnahmeprüfung in Köln bereits zu schönen Wortwechseln mit dem Psychologen geführt hatte…

Aber ich will nicht vorgreifen. Mein Heimatbataillon in Münsingen stand vor der Auflösung und ich hatte erste frustrierende Erfahrungen gemacht: wenig Ausbildung, wenig Übung, wenig (Üb-)Munition aber viel viel viel technischer Dienst. Der Hinweis eines späteren Studienkameraden "… bei uns in Munster haben wir die Probleme nicht, da gibt es noch alles im Überfluss und auf Übung sind wir auch ständig" überzeugte mich und im Rahmen der Einplanungsgespräche am Ende des Zugführerlehrgangs gab ich das Panzerlehrbataillon 93 als oberste Verwendungspriorität an. Und so landete ich im Lehrbataillon, der Mutter und Wiege all dessen, was mit Panzerei zu tun hatte. Ich war am (Zwischen)Ziel 4).

Es folgte das Studium der Berufs- und Betriebspädagogik in Hamburg. Auch hier galt es Weichen für die Zukunft zu stellen. Und es waren derer zwei: Nutzung des Praktikums zum erfolgreichen Absolvieren des Jugendoffizier- Grundlehrganges 5) und ausrichten des Studiums auf mögliche Berufsfelder in der Zivilen Wirtschaft. Getreu dem Motto "Einmal Lehrbataillon immer Lehrbataillon" stand im Anschluss an das Studium die Wunschverwendung im Panzerlehrbataillon 334 "CELLE" mit offizieller Ernennung zum nebenamtlichen Jugendoffizier. Und hier fiel bei einem der Treffen mit dem für mich zuständigen hauptamtlichen Jugendoffizier der im Titel genannte Satz, "wenn Du hier bestehen willst, musst Du als Erstes Deinen militärischen Sprachgebrauch über Bord werfen". Dies sollte tatsächlich ein Satz sein, der mich bis heute – allerdings im übertragenen Sinne – begleitet und oftmals auch leitet.

Im konkreten Fall zielte es darauf ab, dass man als (Jugend)Offizier von Jugendlichen einfach nicht verstanden wird, wenn man bei der Vorstellung des Soldatenalltags im Rahmen eines Truppenbesuchs mit GvD, OvWa, S3, S2, TD, FWDL, SaZ und anderen Abkürzungen um sich wirft. Auch galt es, besondere Wortschöpfungen oder im Soldatenalltag gern genutzte Phrasen tunlichst zu vermeiden. Und noch heute muss ich schmunzeln, wenn ich im Rahmen eines Vortrages "Schwerpunkt" oder ähnliche Dinge höre 6). Übertragen auf das zivile Berufsleben ist damit meiner Ansicht nach aber sehr viel mehr verbunden. Die umfassende Ausbildung zum Offizier und die Erfahrungen im Umgang mit Menschen geben dem Soldaten bereits grundsätzlich ein gutes Rüstzeug an die Hand. Es gehört aber zu den wichtigsten Dingen, den speziellen Habitus der Einigen zu Eigen ist, dem zivilen Umfeld anzupassen. Was nicht heißen soll, dass man seine militärischen Tugenden über Bord wirft – beileibe nicht! Vielmehr muss es darum gehen, diese militärischen Tugenden – die in der Wirtschaft zumeist und zu Recht sehr geschätzt werden – zu bewahren, aber ihre Anwendung in das entsprechende Umfeld zu transportieren 7).

Meine Weichenstellung führte mich – um im Bild zu bleiben – auf das richtige Gleis und ich hatte das Glück und die Ehre die letzten dreieinhalb Jahre meiner 12jährigen Dienstzeit als hauptamtlicher Jugendoffizier in Hamburg verwendet zu werden. Das Ablegen der militärischen Sprache war in der Tat eine der Grundvoraussetzungen um bei der Zielgruppe nicht nur verstanden sondern auch akzeptiert zu werden. Aber es gab auch Situationen im Umgang mit (pubertierenden) Jugendlichen, bei denen der spezielle militärische Habitus durchaus gefragt und gefordert war. Die Jugendoffizierverwendung stellte für mich eine weitere Weiche, nämlich die des nahtlosen Übergangs in das zivile Berufsleben. Es gehört natürlich auch eine gewisse Portion Glück dazu. In meinem Falle war dies der Berichterstatter für Jugendoffiziere im Verteidigungsausschuss. Der Abgeordnete Johannes Kahrs hatte u.a. diese Berichterstattung (eine zugegebenermaßen kleine Berichterstattung neben vielen anderen, aber immerhin) inne und vertrat (und vertritt noch immer) zudem den Wahlkreis Hamburg-Mitte. Der damalige Kosovo-Konflikt bedingte eine Vielzahl von öffentlichen und nicht-öffentlichen Podiumsdiskussionen und es gab noch weitere Veranstaltungsformate bei denen man sich begegnete und austauschte. Von ihm wurde ich gefragt, ob ich mir im Anschluss an meine Dienstzeit bei der Bundeswehr nicht vorstellen könne, sein Bundestagsbüro in Berlin zu leiten. Und da es nichts gibt, was ein deutscher Offizier nicht kann (da sind wir wieder bei den geschätzten Fähigkeiten und Tugenden), bedurfte es nur einer sehr kleinen Bedenkzeit.

So bezog ich also im Sommer 2001 ein Büro in Berlin, machte sogleich den Umzug in die neu errichteten Gebäude mit und war fortan mittendrin im politischen Geschehen. Und auch hier kommen einem die soldatischen Tugenden und Fähigkeiten sehr zu gute. Seien es der verbindliche Umgang mit Abgeordneten, Ministerien und nicht zu vergessen den Bürgern, die hohe Stressresistenz, die Fähigkeit zu planen, organisieren (und wo möglich auch zu delegieren und dabei die notwendige Kontrolle nicht zu vernachlässigen), die Fähigkeit zur Führung von Mitarbeitern um nur einige Aspekte zu nennen. Das die gute Ausbildung die ein Jugendoffizier im Umfeld der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit erhält in der Funktion des Büroleiters (oder persönlichen Referenten – oder wie auch immer man die Tätigkeit bei einem Abgeordneten bezeichnen möchte) ein besonderer Benefit waren, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

Zurückkommend auf die besondere Bedeutung von Sprache war das Eingangszitat auch in dieser – jetzt zivilen – Funktion von zentraler Bedeutung. Ein wesentliches Ziel von Politik sollte es meiner Ansicht nach sein, sich dem Bürger gegenüber verständlich auszudrücken. Das gelingt oftmals nicht, aber in der kleinen Welt eines Abgeordnetenbüros, in der direkten Kommunikation mit dem Bürger – bei der Beantwortung von entsprechenden Anfragen – ist dies meiner Ansicht nach von zentraler Bedeutung und kann an dieser Stelle auch umgesetzt werden. Wozu ein Ministeriumsapparat aufgrund seines Mitzeichnungsganges und anderer Besonderheiten nicht in der Lage ist, kann in dem kleinen und sehr persönlichen Umfeld des Abgeordneten sehr wohl geleistet werden. Ziel war und ist es, dass der Werftarbeiter aus dem Wahlkreis auch die Antwort zu seiner Frage nach der Rentenreform versteht. Ein Sinnbild, das ich mir auch heute noch vor Augen halte.

Und während meiner Zeit im Bundestag wurde mir auch sehr schnell die Bedeutung von Netzwerken deutlich. Sehr viel mehr als im militärischen Alltag ist man hier auf Hintergrundinformationen, frühzeitige Hinweise und ähnliches angewiesen. In der Regel braucht man immer die Dinge, die man von den offiziellen Stellen gar nicht oder zu spät erhält. Einzige Abhilfe: ein funktionierendes Netzwerk in die verschiedensten Bereiche und über Parteigrenzen hinweg. Solche Netzwerke stellten dann auch die weiteren Weichen für meinen weiteren Werdegang.

Seit April 2005 vertrete ich nunmehr den Geschäftsbereich "Verteidigung und Sicherheit" der IABG in Berlin. Hier arbeite ich an der Schnittstelle zwischen Politik, Ministerien, Verbänden, Vereinen, Unternehmen, Special Interest Groups und dem eigenen Unternehmen. Auch hier spielen Sprache und Netzwerke eine entscheidende Rolle. Sprache, weil ich meine Themen so transportieren muss, dass sie mein Gegenüber auch versteht. Netzwerke, weil auch ein Unternehmen auf Informationen und Partner angewiesen ist. Für mich spielen Netzwerke eine immer größere Rolle und auch Netzwerke ehemaliger und aktiver Soldaten werden immer häufiger akzeptiert und gelebt. Einer der Gründe für die hohe Akzeptanz: meiner Erfahrung nach kann ich mit "gedienten" Kollegen – sei es aus dem eigenen Unternehmen, oder fremden – meist verbindlicher umgehen. Es stellt sich sehr schnell ein Gefühl ein, dass man auf das Wort des anderen vertrauen kann. Dies mag ein sehr subjektiver Eindruck sein, aber ich bin von seiner Richtigkeit überzeugt.

Allen Netzwerken ist gemein, dass ihnen eine gemeinsame Erfahrung zugrunde liegt, die im Herzen verbindet und Barrieren abbaut. Und natürlich werden alte Geschichten erzählt, aber genauso erfolgt ein Austausch zwischen den Generationen und oftmals kann man auch von den Erfahrungen und Kontakten profitieren – nicht im monetären Sinne, dies steht zumeist und zu Recht außen vor. Ein abschließender Absatz und Wunsch? Die Jungen ermutigen konsequent ihre Ziele zu verfolgen, frühzeitig Weichen zu stellen und ein feines Gespür für das jeweilige Umfeld zu haben. Die Älteren Vorbild zu sein und sich wo notwendig den Jüngeren anzunehmen und ihnen zur Seite zu stehen. Beiden: Aufeinander zugehen.

Dipl.-Päd. Heiko Landahl-Gette (geb. Kuntz)

  • 1970 geboren, verh., drei Kinder
  • 1989 Abitur in Speyer
  • 1989 Eintritt als SaZ 12 in 3./PzBtl 293
  • 1991 ZgFhr 3./PzLBtl 93 1992 Studium der Berufs- und Betriebspädagogik
  • 1996 ZgFhr/KpOffz 5./PzLBtl 334 "Celle"
  • 1998 - 2001 JugendOffz WBK I Küste, Betreuungsbereich VBK 10 Hambg.

Email: landahl-gette@arcor.de

Fußnoten

  1. Wer den Wahrheitsgehalt der ein oder anderen Geschichte überprüfen möchte oder sich fragt, ob er mich denn nicht kennen müsse, den verweise ich auf meinen Geburtsnamen Kuntz, den ich noch bis 1993 geführt habe
  2. Zur Ehrenrettung des Wehrdienstberaters sei aber der Ehrlichkeit halber angemerkt, dass er mit seiner Einschätzung gar nicht so falsch lag – aber das wäre wieder eine andere Geschichte, für die heute hier nun wirklich kein Platz mehr ist
  3. All denjenigen, die mich schon früh darin bestärkt und unterstützt hatten gebührt an dieser Stelle mein besonderer und aufrichtiger Dank
  4. ..ach ja, und Munition, Panzer und Übungen hatte wir tatsächlich zu Genüge
  5. ..wohlwissend, dass dies nicht unbedingt so vorgesehen aber mit genügend Engagement und entsprechender Begründung sehr wohl möglich war (ohne Gewähr, ob es heute noch so möglich wäre)
  6. Ich schmunzle aber genauso bei dem Wort "nachhaltig"
  7. … um bei Ihnen Schmunzeln zu erzielen, hätte vielleicht auch "transformieren" Verwendung finden können

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