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Wo steht das Heer?

2018-11-19 21:16
von Marco Pracht
Band-7
Generalleutnant Vollmer
Generalleutnant Vollmer

Mit besonderer Spannung sahen die Teilnehmer des Symposiums dem Vortrag des Inspekteurs des Heeres entgegen. Die Kommentierung der jüngsten Negativschlagzeilen zur Materiallage dürften dabei im Schwerpunkt des Interesses gestanden haben. Der Inspekteur ließ wiederum deutlich erkennen, dass er der Einladung in die „Panzertruppenschule“, wie er das Ausbildungszentrum Munster wiederholt bezeichnete, überaus gerne gefolgt sei.

Generalleutnant Vollmer stellte einen Blick auf das sicherheitspolitische Umfeld an den Beginn seiner „Tour d’ Horizon“. Dabei rief er in Erinnerung, dass letztlich die Annektierung der Krim und die Entwicklung in der Ostukraine in Verbindung mit den sich weiter entwickelnden militärischen Potenzialen Russlands dazu geführt hätten, den Schwerpunkt eigener Anstrengungen wieder auf die Landes- und Bündnisverteidigung auszurichten. Dies hätte erhebliche Konsequenzen vornehmlich für Ausrüstungsplanung, Ausbildung und Übungen. Gesteigerte Bedrohungen durch Artilleriesysteme, aber z. B. auch durch marktverfügbare Drohnen, deren Wirkung durch Schwarmtechniken erheblich verstärkt werden könne, erforderten, die Fähigkeiten der Flugabwehr wiederzubeleben, und beispielsweise auch der Auflockerung von Truppen und Gefechtsständen wieder mehr Bedeutung einzuräumen.

Krisenmanagement und Ausbildungsunterstützung

Das Heer leiste unverändert gewichtige Beiträge im Bereich des Krisenmanagements und der Ausbildungsunterstützung. Das personelle Engagement umfasse derzeit insgesamt ca. 11.600 Soldaten, wobei die Ausbildungsunterstützung und einsatzgleiche Verpflichtungen mit Abstand die meisten Kräfte bänden.

In Afghanistan blieben die politisch angekündigten Verstärkungen des deutschen Kontingents abzuwarten. Fakt sei derzeit, dass angesichts der eigenen Kräftedislozierung in nur wenigen Stützpunkten keine eigenen Informationen aus der Fläche mehr gewonnen werden könnten. Im Kosovo werde eine deutliche Reduzierung des eigenen Kräftepotenzials erwartet.

In Mali übernähme Deutschland in der European Union Training Mission (EUTM) ab November dieses Jahres wieder die Führung. Die eigenen Heereshubschrauber würden demnächst zurückgeholt. Die Heeresflieger hätten sich im Übrigen mit beiden Systemen, Tiger und NH 90, unter den schwierigen Rahmenbedingungen sowohl bei Tag als auch bei Nacht hervorragend bewährt. Kritische personelle Ressourcen in den Einsätzen seien allgemein Stabsoffiziere, logistisches und IT – Fachpersonal sowie Fachpersonal für die Kampfmittelabwehr.

Die NATO - Ostflanke

Auch an der NATO – Ostflanke erfülle das Heer seinen Auftrag verlässlich. Im Rahmen der Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) läge die Federführung im Dreijahreszeitraum von 2018 – 2020 bei Deutschland. Die Systematik dieser nach dem Jahr ihrer höchsten Einsatzbereitschaft benannten VJTF 2019 sähe vor, dass die zugeordneten Truppenteile im ersten Jahr (2018) die Marschbereitschaft innerhalb von 45 Tagen, im zweiten Jahr (2019) innerhalb von 2 – 7 Tagen und im dritten Jahr (2020) innerhalb von 30 Tagen hergestellt haben müssten.

Angesichts dieser differenzierten zeitlichen Vorgaben verbarg der Inspekteur seinen Ärger über jüngste Schlagzeilen nicht, in denen die Einsatzbereitschaft der Panzerlehrbrigade 9 für 2019 in grob verfälschender Weise in Frage gestellt worden sei. Alle Maßnahmen und Vorbereitungen seien auf gutem Stand, erforderten allerdings einen hohen Koordinierungsaufwand zur zeitgerechten Bereitstellung des Materials. Jedenfalls werde sichergestellt, dass die Lehrbrigade auch 2019, im Jahr der höchsten Anforderungen an die Einsatzbereitschaft, beispielsweise über die vorgesehenen 44 Kampfpanzer verfügen werde. Bereits im Herbst 2018 werde die VJTF ihre Fähigkeiten im Rahmen einer Großübung unter Beweis zu stellen haben.

Enhanced Forward Presence Battlegroup Litauen (eFP BG LTU)

Nach Entscheidung der NATO Mitte 2016 hätte das PzGrenBtl 122 nur sechs Monate später ab Januar 2017 als erstes NATO – Bataillon noch vor den BG der USA, von UK und CAN die Einsatzbereitschaft in Litauen hergestellt. Ihm folgte das PzGrenBtl 371 im zweiten Halbjahr 2017 und seit Februar dieses Jahres sei das JgBtl 292 vor Ort. Im Gegensatz zu anderen Auslandseinsätzen nähme die Truppe ihr Gerät aus der Heimat mit und führe in Litauen in der Praxis eine Ablösung in der Stellung durch

Da der Auftrag kein mandatierter Einsatz sei und damit auch keine personellen Höchstgrenzen berücksichtigt werden müssten, sei diese Form der Ablösung unkritisch. Die multinationale BG stehe natürlich unter besonderer Beobachtung und sei auch Ziel hybrider Kriegführung, wie den Medien zu entnehmen gewesen sei. Trotz damit verbundener Risiken solle die Truppe in der Fläche Präsenz zeigen. „Wir müssen solidarisch sein mit unseren Verbündeten an der NATO – Ostflanke so, wie es die Alliierten zu Zeiten des Kalten Krieges bei uns glaubhaft praktiziert haben“, brachte der Inspekteur die Lage auf den Punkt. Schließlich hob er hervor, dass die BG trotz aller mit ihrem Einsatz verbundenen Herausforderungen in der Ausbildung enorm von dem Auftrag profitieren würde.

Ohnehin werde auf breiter Front angestrebt, die Befähigung zur Landesund Bündnisverteidigung wieder konsequent zu stärken, auch wenn es sich als sehr langwierig erweise, beispielsweise bei der jährlichen Informationsund Lehrübung (ILÜ) von Stabilisierung auf das „Gefecht der verbundenen Waffen“ umzuschalten. Weitere Konsequenzen für Einsatz, Ausbildung und Übungen riss der Inspekteur nur kurz an. So müsse Bedrohungen an der NATO – Ostflanke nach dem Muster früherer GDP – Planungen begegnet werden. In diesem Rahmen seien beispielsweise auch wieder großräumige Verlegungen vorzubereiten und zu üben.

Trendwende Material

Generalleutnant Vollmer beschönigte die Materiallage keineswegs, wies auf erste Erfolge mit wichtigen Beschaffungsentscheidungen im Jahr 2017 hin und zeigte auf, dass in den nächsten Jahren allmählich grundlegende Verbesserungen erreicht werden sollen. Die Botschaft dazu lautete: „Es geht bei den Beschaffungen auf dem angestrebten Wege zur materiellen Vollausstattung voran, jedoch nur in kleinen Schritten“. Neben Beschaffungslücken gäbe die Einsatzbereitschaft vorhandenen Geräts Anlass zur Sorge. Die in die Schlagzeilen geratene Einsatzlage des Kampfpanzers Leopard sei in der Tat schwierig. Am Stichtag 04. März 2018 hätte das strukturelle Soll 325 Systeme betragen, die bisherige Ausstattungsplanung dagegen nur 225. Das verfügbare Ist betrage 186 Kampfpanzer und davon seien lediglich 91 einsatzbereit gewesen. Die unbefriedigende Einsatzlage führe allgemein dazu, dass die noch verfügbaren Waffensysteme stärker belastet würden und der Koordinierungsaufwand für ihre Nutzung erheblich ansteige. Ursache dieser Lageentwicklung sei der Abbau von Ersatzteillagern in der Vergangenheit. Der Inspekteur hätte zwar die Verantwortung für die Einsatzlage, verfüge aber kaum noch über die Instrumente, um gegenzusteuern. Mittlerweile seien jedoch auch im Bereich der Ersatzteilversorgung Verbesserungen eingeleitet.

Der Plan Heer

Das Heer bewege sich Schritt für Schritt hin zur Vollausstattung. Die operative Kernidee im Plan Heer sähe dazu vor, der NATO künftig drei einsatzbereite Divisionen anzuzeigen. Davon solle eine Division bis 2027 voll gerüstet sein, zwei weitere bis zum Jahr 2032 modernisiert auf dem gleichen Stand. In diesem Rahmen gelte es auch, verloren gegangene Fähigkeiten wiederzugewinnen. Hohe Priorität für die Landstreitkräfte hätte hierbei die bodengebundene Abwehr gegen alte und neue Bedrohungen, z. B. durch Drohnen, aus der Luft. Als Szenar für die Bestimmung der erforderlichen Fähigkeiten sei ein Gewässerübergang herangezogen worden. Dieser neue Fähigkeitsaufwuchs solle pragmatisch auf Grundlage marktverfügbaren Gerätes realisiert werden. So sei es denkbar, dass der BOXER als Basisfahrzeug mit einer Kanone des MANTIS – Systems verbunden werde. Aber auch die Fähigkeit, Minen zu verlegen, befände sich bereits wieder im Aufbau.

Bei allen positiven Entwicklungen wies der Inspekteur dennoch auf das alte Dilemma hin, dass angesichts immer schnellerer Innovationszyklen besonders im IT – Bereich die eigenen Beschaffungsverfahren mit Abstand zu langwierig seien. Das passe unverändert nicht aufeinander. Aktuelle Folge vorhandener Defizite sei u. a., dass eigene Kräfte nur eingeschränkt mit unseren Alliierten kommunizieren könnten. Hier fehle zwingend ein überzeugender Gesamtansatz.

In seiner Zusammenfassung unterstrich der Inspekteur nochmals, dass sich das Heer trotz aufgezeigter Defizite in den verschiedenen Einsätzen als verlässlicher Truppensteller bewährt habe, jedoch nun auch die Grenzen des Machbaren erreicht seien. Voraussetzung für die weitere Auftragserfüllung sei insbesondere eine solide und belastbare personelle und materielle Basis. Insbesondere müssten die Materialzuläufe unbedingt erhöht werden.

In der nachfolgenden Aussprache widerlegte er wiederholt zu vernehmende Stimmen, unsere Mannschaftsdienstgrade entstammten überwiegend prekären Verhältnissen. Die folgenden Zahlen widerlegten dies eindeutig. Die durchschnittliche Verpflichtungszeit in dieser Laufbahngruppe sei 10 Jahre, das Durchschnittsalter 27 Jahre. Es gäbe Truppenteile, die über nahezu 100 % an Mannschaften verfügten. Über 50 % der Mannschaften hätten Mittlere Reife, der Rest einen Hauptschulabschluss oder sogar das Abitur, viele hätten einen Berufsabschluss. 30 % des Feldwebelnachwuchses könne aus den Mannschaften gewonnen werden.

Zum Schluss blieb im Plenum der Eindruck zurück, eine weitgehend ungeschminkte Darstellung der angespannten Lage des Heeres erhalten zu haben. Gleichwohl stand die Frage im Raum, wie das Heer vor allem materiell überhaupt in diese unbefriedigende Lage kommen konnte.

Dem einzelnen Teilnehmer blieb es überlassen, darauf eine Antwort zu finden. Andererseits stehen auf der Habenseite, dass das Heer trotz aller Einschränkungen seine vielfältigen Aufträge im In- und Ausland verlässlich erfüllt. Hinzu kommen positive Entwicklungen beim Personal und auch in der Wiedergewinnung von Fähigkeiten zur Landes- und Bündnisverteidigung. Bedauerlich, dass offen eingestandene Mängel in der Verfügbarkeit und Einsatzbereitschaft des Materials über die Medien noch in verfälschender Weise verstärkt werden. Dies kostet allseits Vertrauen. Die durch Generalleutnant Vollmer dargestellten Zukunftsperspektiven fanden durchgehend Anerkennung. Nicht befriedigen konnten die vorgestellten zeitlichen Perspektiven. Das Gefühl, alles dauere viel zu lange, konnte letztlich nicht ausgeräumt werden.

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